Reifen Lindinger und die Zukunftsfähigkeit der Runderneuerung

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Das Bild des deutschen und des europäischen Runderneuerungsmarktes wird – trotz etlicher Runderneuerungsfabriken – nach wie vor stark von kleinen und mittelständischen Handwerksbetrieben bestimmt. Diese in der Regel inhabergeführten Betriebe können dabei insbesondere auf lange Kundenbeziehungen, eine regionale Verwurzelung und ein Höchstmaß an Serviceorientierung setzen, von der Produktqualität ganz zu schweigen. Dabei kommt es für den Geschäftserfolg auch in schwierigen Zeiten hauptsächlich darauf an, sich um den bestehenden Kunden zu kümmern und immer wieder Neukunden zu werben und an sich zu binden. Ein Blick hinter die Fassaden des Traditionsbetriebes Reifen Lindinger im saarländischen St. Ingbert zeigt dabei, dass sich Zukunftsfähigkeit erwerben lässt, dafür aber auch in vielerlei Hinsicht investiert werden muss.

button_retreading-special-schriftzug-jpg Dieser Beitrag ist mit der März-Ausgabe der NEUE REIFENZEITUNG in unserer Runderneuerungsbeilage Retreading Special erschienen, die Abonnenten hier auch als E-Paper lesen können. Sie sind noch kein NRZ-Abonnent? Das könne Sie hier ändern.

Mit entsprechenden Investitionen meint Inhaber und Geschäftsführer Ulrich Ernst nicht nur Investitionen in Anlagen, den Fuhrpark oder die Ausbildung von Mitarbeitern. Dabei geht es auch um Vertrauen. Bereits 1921 wurde Reifen Lindinger gegründet, und zwar als „Gummi Lindinger“. Auf Firmengründer Adolf Lindinger folgte 1961 dessen Sohn und 1980 dann wiederum dessen deutlich jüngerer Bruder Karl-Heinz Lindinger. 1997 dann kommt Ulrich Ernst ins Unternehmen – er heiratet Marion Lindinger und wird somit Schwiegersohn von Karl-Heinz Lindinger. 2000 wird Ulrich Ernst in die Geschäftsführung berufen und übernimmt diese komplett 2006. Jeder Inhaber eines Unternehmens – gerade eines mit einer fast 100-jährigen Geschichte – sollte sich möglichst frühzeitig auf die Zukunft vorbereiten und darauf, wie eine etwaige Nachfolgeregelung aussehen könnte. Ulrich Ernst, der im Laufe dieses Jahres seinen 60. Geburtstag feiert, sieht darin eine der wichtigsten Aufgaben, die sich dem Unternehmen und dem Unternehmer in den vergangenen Jahren gestellt haben. Wie er im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG anlässlich eines Besuchs der Redaktion vor Ort erläutert, habe er Mut und Vertrauen aufbringen müssen, um auf die Zukunftsfrage eine Antwort geben zu können. Denn: Eine familieninterne Lösung gibt es nicht.

Reifen Lindinger im saarländischen St. Ingbert sitzt seit mehreren Jahrzehnten im historischen Waschhaus einer ehemaligen Braunkohlezeche und hebt sich damit auch architektonisch von anderen Reifenhandels- und Runderneuerungsbetrieben ab

Reifen Lindinger im saarländischen St. Ingbert sitzt seit mehreren Jahrzehnten im historischen Waschhaus einer ehemaligen Braunkohlezeche und hebt sich damit auch architektonisch von anderen Reifenhandels- und Runderneuerungsbetrieben ab

So haben Ulrich Ernst und seine Frau – bisher die einzigen Gesellschafter von Reifen Lindinger – vor etlichen Monaten eine weitreichende Entscheidung getroffen. Anstatt ihren Traditionsbetrieb schlichtweg zu veräußern, haben sie Gerold Leiner, der seit 20 Jahren im Unternehmen tätig ist, und Eric Scholler, der als Außendienstmitarbeiter für Bridgestone-Lkw-Reifen 15 Jahre lang den Reifenhändler und Runderneuerer in St. Ingbert betreute, Anteile ihres Unternehmens übertragen und beide zum 1. Juli 2016 auch in die Geschäftsführung berufen. Die Entscheidung dazu sei „eine Frage des Vertrauens“ gewesen, betont Ulrich Ernst, eine Entscheidung auch, die Verantwortung für die insgesamt 18 Mitarbeiter zeigt.

Trotz aller Tradition, die es zu bewahren gilt, stehen durch diese Entscheidung natürlich auch und ganz automatisch Veränderungen ins Haus. So will das stark auf das Nutzfahrzeugreifengeschäft ausgerichtete Unternehmen etwa das Thema Autoservice forcieren. Seit Anfang dieses Jahres ist Reifen Lindinger – wechselte 2009 von Point S zu First Stop – auch Bosch-Service-Dienstleister und hat in entsprechende Diagnosegeräte investiert; auch Achsvermessungen gehören zum Angebot. Eine Stellschraube, mit der der Autoservice und ein dazu gehörendes Zusatzgeschäft voranbringen soll, sind Einlagerungen. Bereits heute lagern unter dem Dach von Reifen Lindinger rund 1.300 Komplettradsätze von Kunden – Tendenz steigend. Auch will das Unternehmen aus St. Ingbert noch im Laufe dieses Jahres ein eigenes Pannenfahrzeug in Betrieb nehmen und damit seine Aktivitäten ebenfalls erweitern, also diversifizieren. „Wir sind in einer Zeit des Umbruchs“, befindet Ulrich Ernst.

Das trifft auch auf das angebotene Reifensortiment zu. Erst im vergangenen Jahr wurde Reifen Lindinger Stützpunkthändler des thailändischen Lkw-Reifenherstellers Otani und vertreibt nun dessen Sortiment mit regionaler Exklusivität für das Saarland und Rheinland-Pfalz. Otani-Reifen, so Eric Scholler, seien im eigenen Handel wie auch für Wiederverkäufer überaus interessant, eben wegen der Exklusivität. Otani- und Zeetex-Reifen, wozu mittlerweile auch Pkw- und LLkw-Reifen gehören, werden in Europa durch Zafco Trading (Dubai) nach europäischen Produktionsvorgaben hergestellt und vertrieben. Ebenfalls im Zafco-Sortiment und über Reifen Lindinger erhältlich: Consumer-Reifen von Zeetex.

Dies sind Veränderungen im Angebot, die für die Zukunftssicherung eines Unternehmens in seinem sich ändernden Markt von zentraler Bedeutung sind. Aber wie steht es um Veränderungen in der Runderneuerung, die das Unternehmen als Bandag-Partner bereits seit 1971 betreibt? An oberster Stelle für Reifen Lindinger steht „der Dienst am Kunden“. Service, der die ‚Probleme’ des Kunden löst, so betont Ulrich Ernst im Gespräch mit dieser Zeitschrift, sei im Grunde genommen überlebenswichtig für jeden Reifenhändler und Runderneuerer. Die Bedürfnisse des Kunden in Bezug auf Reifen gelte es zu erkennen und zu befriedigen. Dafür benötigt ein Unternehmen im Prinzip zwei Dinge: das richtige Personal und das richtige Produkt.

Der Kontakt zum Kunden ist auch für Reifen Lindinger und dessen Geschäftsführer wichtig. So sei man im Prinzip ständig mit drei oder vier Fahrzeugen im Umkreis von 100 Kilometern um St. Ingbert unterwegs, auch ins nahe Frankreich hinein reichen die Geschäfte, liefert neue und runderneuerte Reifen aus, sammle Karkassen ein und halte damit einen engen Kontakt zum Kunden und erfahre dabei hautnah, was dessen Bedürfnisse sind und wie sie sich gegebenenfalls ändern. Gerade die beiden Neu-Geschäftsführer Eric Scholler und Gerold Leiner, aber auch Ulrich Ernst selbst, sind dabei regelmäßig im Außendienst unterwegs. Jeder Fuhrpark – ob mit einem oder mit 100 Fahrzeugen – sei dabei ein potenzieller Kunde, egal, ob die Fahrzeuge im Baustellen-, im Regional- oder im Fernverkehr eingesetzt werden oder als Busse ihren Dienst tun. „Jeden Tag akquirieren wir neue Kunden“, sagt Eric Scholler und illustriert damit die Bedeutung, einen engen und lückenlosen Kontakt zum Bestandskunden zu halten, neue Kontakte aufzubauen und diese als Neukunden langfristig an sich zu binden.

Als Bandag-Partner seit Anfang der 1970er Jahre nutzt Reifen Lindinger ausschließlich das von der Bridgestone-Tochter bereitgestellte Material und die entsprechenden Produktionsanlagen; in St. Ingbert ist man allerdings der Ansicht, „Bandag muss sich mehr auf den Markt einstellen, was Qualität und Preise betrifft“

Als Bandag-Partner seit Anfang der 1970er Jahre nutzt Reifen Lindinger ausschließlich das von der Bridgestone-Tochter bereitgestellte Material und die entsprechenden Produktionsanlagen; in St. Ingbert ist man allerdings der Ansicht, „Bandag muss sich mehr auf den Markt einstellen, was Qualität und Preise betrifft“

Kontakte werden aber nur zu Kunden, wenn man ihnen auch das richtige Produkt bieten kann. Reifen Lindinger gehört dabei zu den führenden Lkw-Reifenhändlern im Saarland; ein Drittel der Umsätze in Höhe von jährlich insgesamt 3,5 Millionen Euro stammen dabei aus dem Handel mit Neureifen, ein weiteres Drittel aus der Runderneuerung. Es ist gerade diese Runderneuerung, die das Reifen-Lindinger-Angebot komplettiert, und zwar seit Anfang der 1970er Jahre in Partnerschaft mit dem Lizenzgeber Bandag, der seit 2007 bekanntlich zum Bridgestone-Konzern gehört. Als zufriedener First-Stop-Partner macht Reifen Lindinger – dies sei der Vollständigkeit halber auch erwähnt – auch einen hohen Anteil mit Produkten aus dem Bridgestone-Konzern, ob bei Lkw- wie auch bei Pkw-Neureifen. Augenscheinlich passt die Kombination gut, liegt doch der Anteil der Kundenkarkassen in der Runderneuerung bei Reifen Lindinger auf einem hohen Niveau von 70 bis 75 Prozent. Auch dies zeigt Vertrauen in das Produktangebot des Runderneuerers und Reifenhändlers. Demnach werden lediglich 25 bis 30 Prozent der jährlich 5.500 runderneuerten Lkw-Reifen sozusagen auf Vorrat produziert. Immerhin, bedeutet ein Lagerbestand von durchschnittlich rund 500 neuen und 500 runderneuerten Lkw-Reifen doch auch, dass Reifen Lindinger auch den kurzfristigen Abschluss mit einem Kunden machen kann. Würde Reifen Lindinger die vorhandenen Produktionskapazitäten vollauf ausnutzen, käme man indes auf eine Jahresproduktion von rund 8.000 Reifen.

Ein besonderes Augenmerk haben die Verantwortlichen bei Reifen Lindinger seit Längerem indes auf das Produkt selbst, das sie seit über 40 Jahren in Bandag-Linzenz fertigen. Während die Bedeutung der Bridgestone-Tochter (seit 2007) in früheren Jahren auf dem Runderneuerungsmarkt als unangefochten galt, habe sich die Wettbewerbssituation in den vergangenen Jahren schon deutlich verändert, konstatieren Ernst und Scholler im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG: „Der Druck wird deutlich größer.“ Im Rahmen des Franchisevertrags hat sich Reifen Lindinger auch dazu verpflichtet, ausschließlich Bandag-Laufstreifen und vom Lizenzgeber gefertigte oder bereitgestellte Anlagen in der Produktion zu verwenden. Gerade in Bezug auf die Anlagen, die in St. Ingbert zum Einsatz kommen – von der Shearografie, durch die jede Karkasse geht, über die vollautomatische Rauanlage bis zum Belegen und dem Kessel –, zählt die Reifen-Lindinger-Produktion mit Sicherheit mit zu den modernsten im Land. Dennoch: „Bandag muss sich mehr auf den Markt einstellen, was Qualität und Preise betrifft“, moniert Ulrich Ernst und betont, eine entsprechende Kritik müsse einem langjährigen Bandag- und Bridgestone-Partner wie Reifen Lindinger „auch erlaubt sein“. Für die Verantwortlichen in St. Ingbert steht dabei eben vor allem die Zufriedenheit des Kunden im Vordergrund. „Wir wollen dem Kunden nichts verkaufen, was nicht passt“, ergänzt Scholler und sieht das Unternehmen derzeit „in einer Findungsphase“. Man wolle „die Kunden fair bedienen“ und die Zufriedenheit des Kunden mit Reifen Lindinger sei dabei „wichtiger als die Beziehung zum Lieferanten“, stellt Ernst außerdem fest und meint damit, die Kunden würden schließlich nicht beim Hersteller, sondern eben bei ihrem Händler und Runderneuerer vor Ort kaufen, bei Reifen Lindinger. Erst mit einem „tragfähigen Konzept für uns und unsere Kunden“ sei auch die Zukunftsfähigkeit von Reifen Lindinger garantiert. arno.borchers@reifenpresse.de

 

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