Lebensverlängernde Maßnahmen: Michelins „Long Lasting Performance“

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Jürgen John, seit 33 Jahren in Diensten von Michelin und seit jetzt fast anderthalb Jahren in der Funktion als Michelin-Direktor mit Verantwortung für die DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz), sieht das von dem französischen Konzern vor Kurzem vorgestellte Konzept „Long Lasting Performance“ als beinahe so revolutionär an wie die Erfindung des Luftreifens, dessen Weiterentwicklung zum Radialreifen oder die Verwendung von Silica in Laufflächenmischungen. Dabei plädiert das Unternehmen nämlich dafür, dass Reifen nach Möglichkeit bis zur gesetzlich vorgeschriebenen Mindestprofiltiefe von 1,6 Millimetern verwendet werden und nicht schon – wie andere empfehlen – bei drei Millimetern (Sommerreifen) oder vier Millimetern (Winterreifen) ausgetauscht werden. Davon soll die Umwelt genauso profitieren wie der Verbraucher. Was genau hat es damit auf sich?

Argumentiert wird in diesem Zusammenhang einerseits mit dadurch möglichen Kraftstoffeinsparungen und der Reduzierung von Kohlendioxidemissionen. Denn bekanntlich gibt es einen Zusammenhang zwischen der Profiltiefe eines Reifens uns seinem Rollwiderstand. Mit abnehmendem Restprofil verringert sich die Beweglichkeit der Profilblöcke, was wiederum den Rollwiderstand sinken lässt. Allein durch diesen Effekt ließen sich nach Michelin-Berechnungen jährlich rund 900 Millionen Liter Kraftstoff und drei Millionen Tonnen an Kohlendioxidausstoß sparen, wenn Reifen durchweg bis hin zu dem 1,6-Millimeter-Limit genutzt und nicht so wie jetzt meist üblich schon bei drei bis vier Millimetern Restprofil erneuert würden. Weitere sechs Millionen Tonnen an Kohlendioxidemissionen lassen sich John zufolge außerdem dadurch sparen, dass dann auch entsprechend weniger neue Reifen frisch produziert werden müssten.

„Das ‚Klimabremsverhalten’ von Reifen ist heute mittlerweile genauso wichtig wie deren Nass- und Trockenbremseigenschaften“, findet der für die DACH-Region verantwortliche Michelin-Direktor. Dabei betont er freilich, dass entsprechend lang genutzte Reifen mit fortschreitender Abnutzung selbstredend natürlich nach wie vor noch sicher sein müssen. Insofern kann man in der „Long Lasting Performance“ nicht zuletzt so etwas wie ein Plädoyer für Premiumreifen sehen. Wobei Jürgen John prinzipiell auch anderen Herstellern, die man beim Benutzen dieses Begriffes meist vor dem geistigen Auge hat, im Allgemeinen schon zutraut, ihre Produkte ebenfalls entsprechend in diese Richtung zu trimmen, und – wie sich von selbst verstehen dürfte – Michelin im Besonderen natürlich sowieso.

Unabhängige Tests, die objektiv nachvollziehbar belegen, dass mit einer längeren Nutzung von (Michelin-)Reifen keine Abstriche in Sachen Sicherheit verbunden sind, könnten schon 2017 veröffentlicht werden, ist Gerd Lindemann überzeugt, der sich im Berliner Hauptstadtbüro des Reifenherstellers um die Themen Normung und Regulierungen kümmert

Unabhängige Tests, die objektiv nachvollziehbar belegen, dass mit einer längeren Nutzung von (Michelin-)Reifen keine Abstriche in Sachen Sicherheit verbunden sind, könnten schon 2017 veröffentlicht werden, ist Gerd Lindemann überzeugt, der sich im Berliner Hauptstadtbüro des Reifenherstellers um die Themen Normung und Regulierungen kümmert

Dabei verweist er auf eigene Tests im Vergleich zu Wettbewerbsprodukten sowohl auf winterlichen Fahrbahnen als auch in Bezug auf die Nassbremseigenschaften. Wie John sagt, habe man im ersten Fall den Einfluss der Profiltiefe am Col de la Bonette – eine der höchsten Passstraßen Europas – untersucht und dabei mit einem entsprechend stark abgefahrenen Michelin-Winterreifen deutlich bessere Ergebnisse erzielt als mit zwei mitgetesteten Produkten des Wettbewerbs. Und bei Nassbremsversuchen habe sich bei einem abgefahrenen Michelin-Reifen zwar dessen Labelingeinstufung um eine Stufe verschlechtert, doch sei er damit immer besser eingestuft als manch anderes Produkt (aus Fernost) im Neuzustand. Aber er und Gerd Lindemann, der ebenfalls schon über 30 Jahre für den Reifenhersteller arbeitet und sich in dessen Berliner Hauptstadtbüro um den Bereich Normung und Regulierungen kümmert, wissen jedoch, dass solche in Eigenregie durchgeführten Tests immer argwöhnisch beäugt werden.

Deshalb rühren sie aktuell kräftig die Werbetrommel dafür, dass als unabhängig geltende Automobilmagazine in Zukunft nach Möglichkeit doch genau solche Tests machen sollten, bei denen Reifen nicht nur im Neuzustand „aufs Profil gefühlt“ wird, sondern zusätzlich auch im (teil-)abgefahrenen Zustand. „Unser Ziel ist, auch andere Hersteller auf diesem Weg mitzunehmen“, erklärt John und hofft er, dass weitere (Premium-)Anbieter auf diesen Zug aufspringen mögen. Gleichwohl ist man sich bei alldem sehr wohl bewusst, dass – wie er es formuliert – „Laufleistung immer schon zu unserem genetischen Code gehörte“. Soll heißen: Im Markt werden die Produkte der Franzosen meist ohnehin bereits als eher langlebig angesehen, sodass es augenscheinlich nun darum geht, dies um die Botschaft zu erweitern, dass sie dabei außerdem noch länger auf einem hohen Leistungsniveau verharren als manch anderes Konkurrenzprodukt.

Bei Michelin ist jedenfalls festen Willens, den Beweis dafür antreten zu wollen. Schließlich hält so mancher Verbraucher die Produkte der Franzosen ja auch für (zu) teuer. Doch gemessen an dem, was sie letztlich leisten, relativiere sich eine derartige, rein auf den Anschaffungspreis fokussierte Betrachtungsweise sehr schnell, so John. Insofern gilt gegenüber der Allgemeinheit in erster Linie wohl zu vermitteln, dass ein Hersteller wie Michelin einen vergleichsweise hohen Aufwand betreibt, um seine Produkte einerseits leistungsfähig zu machen und andererseits diese Leistungsfähigkeit möglichst lange auf einem entsprechend hohen Niveau zu halten. Vor diesem Hintergrund wird auf die Summen verwiesen, die der Konzern Jahr für Jahr in Forschung und Entwicklung investiert. Allein 2015 sollen es fast 690 Millionen Euro und damit mehr als drei Prozent des Nettoumsatzes des Unternehmens in Höhe von 21,2 Milliarden Euro im betreffenden Jahr gewesen sein.

Die Michelin-Gruppe beschäftigt demnach alles in allem 5.500 Forschungs- und Entwicklungsingenieure (ebenfalls Stand 2015), von denen rund 3.500 ihren Dienst in Europa verrichten. Dabei gibt es John zufolgte selbstredend einen Technologietransfer zwischen den einzelnen Bereichen so wie beispielsweise mit Blick auf Lkw- und Pkw-Reifen. Was durchaus nicht schaden kann, wenn nun auch für den privaten Pkw-Fahrer die in der Transportbranche schon lange wichtigen Themen Laufleistung und Rollwiderstand von bzw. Kraftstoffeinsparung mittels Reifen noch ein wenig mehr in den Vordergrund gerückt werden sollen. Nicht zuletzt hat Michelin schon vor Jahren im Nutzfahrzeugreifensegment seine „Durable Technologies“ propagiert, dank der bei zunehmender Abnutzung „neue“ bzw. zunächst tiefer im Profilgrund verborgene Rillen zutage treten, um die Leistungsfähigkeit der Produkte bei höherer Laufleistung auf einem vernünftigen Niveau zu halten.

Mehr oder weniger das gleiche Prinzip findet sich heute mit Blick auf die Lamellierung etwa von Winter- oder Ganzjahresreifen aus dem Hause Michelin wieder. „Dabei bietet der 3D-Druck in Bezug auf die Lamellen ganz neue Möglichkeiten“, sieht John zudem noch Luft nach oben für zukünftig vielleicht noch ausgefeiltere Entwicklungen. Und vor allem einen Ansatzpunkt dafür, warum die eigenen Produkte eben länger ihre gute Eigenschaften behalten können sollten als die der Konkurrenz. Natürlich werde dadurch so etwas die Produktion komplexer und damit teurer. Seinen Worten zufolge ist eine Vulkanisationsform mit ausgefeilten 3D-Lamellen rund zehnmal teurer als eine für einfachere gerade Lamellenschnitte und würden Erstere auch nur etwa 50.000 statt 100.000 Kochungen halten.

Doch letztlich lohne der höhere Aufwand, sind Jürgen John und Gerd Lindemann überzeugt von der seitens des Konzerns ausgerufenen „Long-Lasting-Performance“-Strategie und dem dahinter stehenden Denkansatz. Schließlich würden nicht nur die Kohlendioxidemissionen reduziert, sondern bekomme der Autofahrer zudem alle paar Jahre gewissermaßen einen Reifen geschenkt, wenn er die an seinem Fahrzeug genutzten Gummis nicht „verfrüht“ aufs Altenteil schickt. Erste unabhängige Tests, die für den Verbraucher objektiv nachvollziehbar belegen, dass mit einer längeren Nutzung von (Michelin-)Reifen keine Abstriche in Sachen Sicherheit verbunden sind, könnten schon 2017 veröffentlicht werden, ist Lindemann überzeugt, dass die Botschaft des Konzerns alsbald in der Öffentlichkeit ankommt. Gleichwohl müsse der dahinter stehende Umdenkprozess reifen, gibt John zu bedenken. „Das ist kein Prozess, der in zwei bis drei Monaten erledigt sein wird“, glaubt er, ohne selbst Zweifel an der Richtigkeit des von Michelin eingeschlagenen Weges zu haben. christian.marx@reifenpresse.de

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