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Britische Automobilproduktion könnte durch Brexit einbrechen oder auch nicht

„Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist“ – so lautet eine Redensart, die besagen soll, dass auf Wetterprognosen nicht unbedingt Verlass ist. Von mehr oder weniger der gleichen Güte sind die jüngsten Aussagen von PricewaterhouseCoopers (PwC) zu den möglichen Folgen des Brexit für die britische Automobilindustrie. Denn die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft hat verschiedene mögliche Szenarien analysiert mit dem Ergebnis, dass im schlimmsten Fall die Autoproduktion auf der Insel bis 2022 unter eine Million Fahrzeuge sinken könnte, es aber durchaus auch möglich wäre, dass dann im Vereinigten Königreich erstmals überhaupt mehr als zwei Millionen Fahrzeuge vom Band laufen. Die Entscheidung in die eine oder die andere Richtung dürfte demnach in den Jahren dürften 2018 und 2019 fallen, weil dann die Brexit-Verhandlungen in ihre finale Phase gehen, argumentiert PwC, warum die Prognosen so weit auseinanderliegen.

Zwar seien von den Automobilherstellern bislang keine Ankündigungen zu vernehmen, britische Standorte wegen des Brexits aufgeben zu wollen. Allerdings habe die Unsicherheit der vergangenen Monate sehr wohl dazu geführt, dass einzelne Investitionsvorhaben zurückgestellt wurden. „Autobauer können große Investitionsentscheidungen, nachdem diese erst einmal getroffen sind, jahrelang nicht revidieren. Dies führt wiederum dazu, dass sich das Management im Zweifel für den Standort entscheidet, der die geringsten Risiken birgt – selbst wenn damit zunächst Verlagerungen und höherer Aufwand verbunden sind“, erklärt PwC-Autofacts-Global-Lead-Analyst Christoph Stürmer. Was die Lage letztlich also unsicher mache, seien die sehr rigiden Investitionszyklen, denen die Automobilbranche folge. Demzufolge richten die großen Hersteller ihre Kapazitäten normalerweise nach der Produktionsdauer ihrer Fahrzeuge aus, die in der Regel mit sieben Jahren veranschlagt werde.

Derzeit ist dem Beratungsunternehmen zufolge im britischen Automarkt zwar noch nicht viel von dem Brexit zu spüren und wird im Gegenteil für das noch laufende Jahr gar ein Rekordhoch von gut 1,8 Millionen auf der Insel produzierten Fahrzeugen erwartetet. Doch der Ausblick beginne sich zu verdüstern, heißt es weiter. „Falls die britische Automobilwirtschaft den ungehinderten Zugang zum EU-Binnenmarkt verlieren sollte, wären die Folgen gravierend. Dann droht ein Szenario wie in den 1980er- und 1990er-Jahren, als die Autoindustrie in UK schon einmal durch eine tiefe Krise ging“, erklärt Stürmer, warum der Ausgang der Austrittsverhandlungen eine so wichtige Rolle spielt. Aktuellen PwC-Prognosen zufolge werden 2016 wohl rund 2,7 Millionen neue Pkw in Großbritannien verkauft, was 2,2 Prozent über dem 2015er Vergleichswert läge. Und selbst für 2017 rechnet man noch mit einem Zugewinn von 0,5 Prozent.

„Die Binnennachfrage ist bisher intakt, was unter anderem an den guten Finanzierungsbedingungen liegt“, so Stürmer. Zudem verweist er darauf, dass den Herstellern im Export darüber hinaus der durch das Brexit-Votum verursachte Wertverlust des Pfunds zugutekommt. Kehrseite von Letzterem sei jedoch, dass der Bezug von Zulieferteilen aus dem Euroraum teurer für sie werde. Sollten die britischen Hersteller nach 2018/2019 jedoch einen ungehinderten Zugang zum europäischen Binnenmarkt behalten, erwartet man seitens PwC, dass ursprünglich geplante und bisher aufgeschobene Investitionen bald freigegeben werden – und die Produktion nach „zwei auch konjunkturbedingt etwas schwächeren Jahren 2020 wieder richtig anzieht“. In diesem Szenario hält es Stürmer dann für möglich, dass 2022 in Großbritannien erstmals mehr als zwei Millionen Fahrzeuge hergestellt werden, wenn ein günstiger Wechselkurs, günstigere Arbeitskräfte und möglicherweise geringere regulatorische Auflagen die Wettbewerbsfähigkeit weiter verbessern.

Demgegenüber geht das sogenannte Basisszenario von PwC davon aus, dass die britische Wirtschaft ihre Produkte zwar nicht mehr ungehindert in die EU exportieren darf – aber die Automobilindustrie eine Art Sonderstatus erhält. In diesem Fall soll die Autoindustrie der Insel zunächst in eine leichte Rezession rutschen, bevor sich ihre Produktion Anfang des 2020er bei etwa 1,7 Millionen Fahrzeugen allmählich stabilisiert. Heute werde mit einem knapp 80-prozentigen Anteil ein Großteil der britischen Automobilproduktion exportiert, davon wiederum drei Viertel in EU-Länder. „Andererseits wird ein Großteil der Zulieferteile für die britische Automobilproduktion aus der EU importiert, sodass entsprechende Kostensteigerungen empfindlich auf die Hersteller durchschlagen würden. Ein eventueller Rückgang der Exporte würde in diesem Szenario durch eine Steigerung des Anteils der in Großbritannien selbst verkauften Fahrzeuge kompensiert werden“, so das Unternehmen, nach dessen Basisprognose im Jahr 2019 dann immerhin knapp 2,5 Millionen neue Pkw im britischen Markt abgesetzt würden.

Im Downside-Szenario hingegen würde die EU den Briten nur noch den Meistbegünstigungsstatus nach den Regeln der Welthandelsorganisation zugestehen. „Unter diesen Umständen würden die Autohersteller einige britische Standorte wahrscheinlich aufgeben, um Zöllen und anderen Handelsbarrieren zu entgehen“, glaubt Stürmer. Für diesen Fall rechnet PwC Autofacts mit einem strukturellen Rückgang, der schließlich dazu führen könnte, dass die Zahl der auf der Insel hergestellten Fahrzeuge 2022 unter die Eine-Million-Grenze rutscht. Gegenüber 2016 entspräche dies einen Rückgang um fast die Hälfte auf ein Niveau noch unterhalb dem des Krisenjahres 2009. Dieser schnelle Rückgang wäre insbesondere dadurch bedingt, dass auf Markenebene für 75 Prozent der in Großbritannien produzierten Fahrzeuge korrespondierende Kapazitäten in der EU bzw. Türkei installiert sind, heißt es. „Die Integration der britischen Automobilindustrie in die europäischen Produktionsnetzwerke würde eine Verlagerung der Produktion in andere EU-Länder sogar erleichtern“, konstatiert Stürmer. cm

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