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Das Beste aus beiden Welten – ATG bleibt unabhängig, profitiert aber von Yokohamas F&E-Kapazitäten

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Ist etwas nicht kaputt, muss es nicht repariert werden! – Daran hat sich die Yokohama Rubber Company im Nachgang zur Übernahme der Alliance Tire Group (ATG) diesen Juli ganz augenscheinlich ein Beispiel genommen, und zwar offensichtlich aus gutem Grund. Anlässlich des ersten Presseevents nach der Übernahme, auf dem ATG-Marketingleiter für Europa Ole Baek im Oktober Stellung zu aktuellen Fragen bezog, wurde deutlich: Der japanische Reifenkonzern Yokohama plant zumindest für den Moment keine nennenswerten Veränderungen. „Wir wurden am 1. Juli dieses Jahres übernommen. Yokohama sagte zu uns: ‚Da ihr umsatzseitig drei Mal schneller wachst als wir und doppelt so viel vom Umsatz verdient wollen wir euch als unabhängige Geschäftseinheit behalten.’ Warum sollten sie also etwas verändern? Wir sind der am schnellsten wachsende Off-Highway-Reifenhersteller der Welt und war dies auch während der vergangenen drei bis fünf Jahre.“

Anfang dieses Jahres hat Yokohama Rubber ATG für 1,179 Milliarden US-Dollar von Kohlberg Kravis Roberts und drei anderen Parteien, darunter auch Firmenmitbegründer Yogesh Mahansaria, gekauft. Auch wenn der erste Alliance-Reifen 1952 in Israel gefertigt wurde, ist das Unternehmen ATG, wie wir es heute kennen, erst durch die Übernahme des Unternehmens 2007 durch Mahansaria, der zuvor CEO beim indischen OTR-Reifenhersteller BKT war, und der weltweit operierenden Private-Equity-Gesellschaft Warburg Pincus entstanden. Die beiden Käufer – Mahansaria und Warburg Pincus – bezahlten damals 150 Millionen Dollar und beschlossen, das Unternehmen zu transformieren. So endete die Produktion von Pkw- und Lkw-Reifen kurz nach der Übernahme und die Bauarbeiten zur neuen Reifenfabrik in Indien begannen. 2009 hat ATG dann noch einige Assets des insolventen Herstellers GPX International Tire Corporation für rund 50 Millionen Dollar erworben und dabei den Mitbewerber Titan International aus dem Rennen geworfen. Durch die Übernahme erhielt ATG außerdem die Rechte an den Marken Galaxy und Primex sowie die dazu gehörenden Vertriebskanäle in Nordamerika. 2013 dann zog sich Warburg Pincus aus dem Unternehmen zurück und veräußerte seinen Anteil an Kohlberg Kravis Roberts.

Europaweit hat ATG 15 Techniker im Einsatz, die Endverbraucher besuchen um von ihnen zu erfahren, was gut funktioniert und was vielleicht nicht; sie seien dabei „eine der wichtigsten Quellen für unsere Produktentwicklung“

Europaweit hat ATG 15 Techniker im Einsatz, die Endverbraucher besuchen um von ihnen zu erfahren, was gut funktioniert und was vielleicht nicht; sie seien dabei „eine der wichtigsten Quellen für unsere Produktentwicklung“

Im vergangenen Jahr erreichte ATG bereits einen Umsatz von 550 Millionen Dollar. Anfang dieses Jahres dann etablierte der Off-Highway-Reifenhersteller eine neue „Business-Unit“-Struktur mit separaten regionalen Einheiten für Marketing und Vertrieb in Europa, Nordamerika und den Schwellenländern. Unter diesen drei Regionen ist Europa die größte und trägt gut über 50 Prozent zum Gesamtumsatz bei, während Nordamerika um einiges darunter liegt und die Schwellenländern noch für rund fünf bis zehn Prozent stehen; ATG vertreibt seine Reifen in immerhin 120 Ländern.

Ole Baek zufolge, der ursprünglich aus Dänemark stammt und als Leiter Marketing Europa im November 2015 zu ATG kam, hat sich der Umsatz des Unternehmens in der Zeit von 2010 bis 2016 immerhin verdreifacht. Baek nennt zwar keine genauen Marktanteile, sagt aber, ATG habe sich dabei „von einstellig auf zweistellig entwickelt“ – eine beeindruckende Leistung.

Auch wenn die Absätze von Fahrzeugen, die im Bau Verwendung finden, während der vergangenen vier bis fünf Jahren weitestgehend stabil geblieben sind, fielen die Absätze von landwirtschaftlich genutztem Gerät in derselben Zeit in Europa – hier insbesondere in Österreich, Belgien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Spanien, Großbritannien und auch Deutschland – um bis zu 40 Prozent. Reifenherstellern war es dementsprechend nicht möglich, diese Entwicklungen zu kompensieren. „Wenn keinen Maschinen verkauft werden, werden auch keine Reifen verkauft. Folglich wurde die Reifenindustrie schon hart getroffen“, so Baek. Gemeinsam gerechnet lagen die Absätze von Landwirtschafts- und EM-Reifen der ETRMA- und Nicht-ETRMA-Mitglieder im vergangenen Jahr bei nur 90 Prozent dessen, was 2012 abgesetzt wurde. Baek weiter: „Im Gegensatz dazu stieg unsere Absatzmenge in Tonnen zwischen 2012 und 2015 um 70 Prozent. Wie haben wir das geleistet? Meines Erachtens nach steht unser Erfolg dabei auf drei wichtigen Säulen.“

Die erste dieser Säulen ist die Produktion. Während die Fabrik im israelischen Hadera Hightech-Reifen produziert und 40 Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung beschäftigt, sind die beiden Fabriken in Indien (Tirunelveli, in Betrieb seit 2009, und Dahej, 2015 eröffnet) verantwortlich für die Herstellung von Reifen, sobald die Nachfrage danach eine gewisse Größenordnung erreicht; die Fabriken in Indien können zu deutlich geringeren Kosten betrieben werden als die in Israel. „Diese Organisation ermöglicht es uns die richtigen Produkte zum richtigen Preis zu fertigen“, so Baek weiter und ergänzt: „Wollte man unsere Produkte mit denen eines anderen Unternehmen vergleichen, dann wären wir Skoda – ein großartiges Auto, großartige Qualität, für einen guten Preis.“

Die zweite Säule ist das ausgedehnte Vertriebsnetzwerk innerhalb Europas. ATG kooperiert dabei mit über 90 Vertriebspartnern an über 150 Standorten (inklusive zweier Lager in Italien und den Niederlanden, von wo aus Erstausrüstungskunden bedient werden) in 40 Ländern der Region, wozu in Deutschland – dem stärksten Markt Europas – etwa Bohnenkamp für die Marke Alliance und Koch & Sohn für die Marke Galaxy gehören. Die letzte Säule dabei, unterstreicht der Marketingleiter Europa weiter, ist die lokale Marktpräsenz. „Man kann an einem Niedriglohnstandort fertigen und mit Distributoren kooperieren. Aber wird nicht verstehen was der Markt wirklich braucht, solange man selber nicht vor Ort ist.“ Zusätzlich zu den 20 Mitarbeiter in der ATG-Europazentrale in Amsterdam beschäftigt das Unternehmen noch 30 Mitarbeiter in den verschiedenen europäischen Märkten, darunter 15 Techniker, die Endverbraucher besuchen um von ihnen zu erfahren, was gut funktioniert und was vielleicht nicht. „Sie sind dabei eine der wichtigsten Quellen für unsere Produktentwicklung.“

Eine Verdreifachung der Umsätze innerhalb eines halben Jahrzehnts ist dabei keine Kleinigkeit, so Ole Baek weiter. Dies noch einmal zu wiederholen wäre eine wirkliche Herausforderung. Trotzdem könne man es schließlich versuchen. „Jedes Unternehmen weltweit, mit dem man spricht, will und muss wachsen. Wenn man aber von einstelligen zu zweistelligen Wachstumsraten kommt, wird die Sache überaus schwierig. Trotzdem wollen wie von heute bis einschließlich 2020 unsere Umsätze noch einmal verdoppeln.“

Dabei soll dieses Wachstum nicht nur aus den Schwellenländern kommen, in denen ATG vielleicht noch keine allzu große Präsenz aufweisen kann. Die neue Yokohama-Business-Unit will auch in Europa weiter deutlich wachsen und plant auch hier eine Verdoppelung des Geschäfts, und zwar zum Nutzen aller Produktsegmente. Aber auch die Märkte in den GUS-Staaten und in Osteuropa hielten ein überaus großes Potenzial bereits, so der Marketingleiter Europa weiter.

Der neue Galaxy Beefy Baby SDS ist der erste Vollgummireifen der Serie, der mit und ohne Löcher in der Seitenwand – den sogenannten „Apertures“ – erhältlich ist, wobei das Modell inklusive der Löcher einen höheren Fahrkomfort bieten soll, während das Modell ohne entsprechende Löcher bis zu 15 Prozent mehr Last tragen kann

Der neue Galaxy Beefy Baby SDS ist der erste Vollgummireifen der Serie, der mit und ohne Löcher in der Seitenwand – den sogenannten „Apertures“ – erhältlich ist, wobei das Modell inklusive der Löcher einen höheren Fahrkomfort bieten soll, während das Modell ohne entsprechende Löcher bis zu 15 Prozent mehr Last tragen kann

Groß, aber dennoch beweglich

Wenn Ole Baek jetzt über die Wachstumspläne bei ATG spricht und darüber, mit welchen Produkte entsprechende Ziele erreicht warden sollen, dann spiegelt sich darin auch das Vertrauen auf die Kapazitäten des neuen Mutterkonzerns wider, der jährlich rund 100 Millionen Dollar allein in Forschung und Entwicklung investiert, Kapazitäten, von denen man bisher bei ATG „nur träumen konnte“, und ein herausragendes Know-how gerade bei Materialien und im Compounding. „Was ist das Ziel von ATG? Wir wollen Weltmarktführer bei Landwirtschaft-, Forst- sowie bei EM- und Industriereifen sein und das Ziel scheint näher als jemals zuvor“, so Baek weiter. „Nach der Akquisition hat Yokohama uns eingeladen von deren Stärken – gerade in Bezug auf die Produktentwicklung – zu profitieren wann immer wir wollen. Wir sind definitiv der Ansicht, dass wird durch die Übernahme das Beste aus beiden Welten gewonnen haben.“

Baek sieht in ATG „ein agiles und flexibles“ Unternehmen, das schnell auf Kundenwünsche reagieren und kurzfristig neue Produkte entwickeln kann, wenn dies notwendig ist. Diese Agilität ist dabei gepaart mit der Größe des Unternehmens – das ATG-Portfolio umfasst über 2.600 sogenannte SKUs, also einzelne Artikel, dem Vernehmen nach das größte Produktsortiment im Off-Highway-Bereich. Diese über 2.600 Artikel teilen sich dabei auf drei Marken auf: Alliance, Galaxy und Primex. Dabei soll das Drei-Marken-Angebot auch vorläufig so bleiben, sagt der Marketingleiter Europa: „Gegenwärtig und in naher Zukunft werden wir keinen Gebrauch von der Marke Yokohama unter dem Dach von ATG machen. Auch wenn wir Teil der Yokohama-Gruppe sind, bleibt ATG eine unabhängige Geschäftseinheit.“

Innerhalb Europa bietet ATG die Marke Alliance vornehmlich in den Segmenten Land- und Forstwirtschaft sowie für einige EM-Anwendungen an, während die Marke Galaxy vorwiegend als EM-Reifen im Markt ist, ergänzt nur um einige Landwirtschaftsreifen. Primex wiederum ist besonders stark bei Forstwirtschaftsreifen, die Marke beinhaltet aber auch Minen-, EM- und Industriereifen.

„Beefy Baby“ und All-Steel-OTR-Radialreifen

Im Laufe dieses Jahres hat ATG zwei neue Produkte eingeführt: den Galaxy Beefy Baby SDS und den Galaxy Yardmaster SDS, wobei die Abkürzung SDS für „severe duty solids“ steht, also for Vollgummireifen für schwierigsten Anforderungen. Der erstgenannte Reifen könne dabei vier Mal so viel Gewicht tragen wie ein gleichdimensionierter Luftreifen, während der zweitgenannte der passende Reifen für Gabelstapler zwischen einer und 5,5 Tonnen ist und in drei Größen erhältlich ist. ATG zufolge erreichten die beiden Reifen jeweils drei bis vier Mal so viele Betriebsstunden im Vergleich zu gleichgroßen Luftreifen – und dazu nur zum doppelten Preis. Für das kommende Jahr sind sieben weitere Größen geplant. Außerdem treibt ATG die Entwicklung von All-Steel-OTR-Radialreifen voran. „Wir sind der Ansicht, dass dieses Segment beträchtlich zu unserem zukünftigen Wachstum beitragen kann“, so Baek weiter. „Phase eins unseres OTR-Entwicklungsprogramms soll im zweiten Quartal des neuen Jahres beginnen. Dann werden wir vier neue Profile und zwölf Dimensionen für Grader, Dozer, knickgelenkte Muldenkipper und Gabelstapler auf den Markt bringen; wir sehen darin wirklich großes Potenzial. Ein großer Anteil unseres OTR-Reifenwachstums wird von diesen Produkten kommen.“ Baek weiter: „Es unser Betreben, den Nutzern unserer Produkte ein herausragendes Angebot durch die niedrigsten Gesamtkosten zu unterbreiten. Letztendlich werden wir dies erreichen, in dem wir uns auf Innovationen, Technologie und kosteneffiziente Produktions- und Vertriebsmethoden konzentrieren. Dies wird uns zur Marktführerschaft treiben – was wir uns vornehmen, ist mehr als nur Gerede.“ stephen.goodchild@tyrepress.com/ab

 

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