Bremsspuren im Reifenmarkt 2015 etwas kürzer als zuletzt befürchtet

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Waren die letzten Hochrechnungen zur Entwicklung des deutschen Reifenersatzgeschäftes im vergangenen Jahr vor allem mit Blick auf den Sell-out (Handel an Verbraucher) recht deprimierend, so sieht die Lage nach Vorlage der offiziellen Zahlen des Bundesverbandes Reifenhandel und Vulkaniseurhandwerk e.V. (BRV) nun jedoch schon nicht mehr gar so schlimm aus. Nichtsdestotrotz sind die Absatzzahlen in nahezu allen Produktsegmenten – einzige Ausnahmen sind 4×4-/SUV-/Offroadreifen sowie EM-Bereifungen – samt und sonders hinter denen des Jahres 2014 zurückgeblieben: also auch und gerade in der mengenmäßig wichtigsten Kategorie Pkw-Reifen. „Qualitativ ist das Jahr 2015 für den Reifenhandel allerdings besser gelaufen als quantitativ“, weiß BRV-Geschäftsführer Hans-Jürgen Drechsler dem zurückliegenden Jahr dennoch Positives abzugewinnen. Denn basierend auf einer vorläufigen Auswertung des sogenannten BRV-Betriebsvergleichs soll der Handel vor allem im Dienstleistungsbereich bzw. mit dem Autoservice teils recht ordentliche Zuwächse von bis zu zehn Prozent erzielt haben. Und aufseiten des Sell-in (Absatz Industrie an Handel) war die Lage ohnehin besser als im Sell-in, gleichwohl aber trotzdem „nicht sorgenfrei“ für die deutsche Kautschukindustrie.

Ungeachtet all dessen könne zumindest der deutsche Reifenfachhandel mit dem Verlauf des Geschäftsjahres 2015 „nicht wirklich zufrieden sein“, meint der geschäftsführende BRV-Vorsitzende Peter Hülzer. „Dennoch hat es sich insgesamt etwas besser entwickelt, als wir im Jahresverlauf zeitweise befürchtet hatten“, sagt auch er mit Blick auf die aktuell von dem Fachverband vorgelegten Absatzzahlen für das vergangene Jahr. Insgesamt hat der Handel demnach knapp 47,8 Millionen Fahrzeugreifen aus dem Segmenten Consumer (für Pkw, Offroadfahrzeuge und Llkw) absetzen können und damit ein Prozent weniger als 2014. Im Segment Lkw-Reifen ist das Minus mit 1,5 Prozent auf fast 2,7 Millionen Einheiten noch ein wenig größer, genauso wie bei den Motorradbereifungen, wo mit eben über 1,4 Millionen Stück ein 1,4-prozentiger Rückgang zu verzeichnen gewesen ist. In der gleichen Größenordnung bewegt sich mit 1,3 Prozent das Minus bei den Farm- bzw. Landwirtschaftsreifen, von denen der Handel rund 235.000 Stück in Richtung Endverbraucher vermarkten konnte. Demgegenüber wurde bei EM-Reifen ein Plus von 4,1 Prozent auf knapp 39.000 beobachtet – „Aufgrund einer guten Baukonjunktur“, wie es vonseiten des Verbands heißt.

Den einprozentigen Absatzrückgang im Consumer-Bereich wertet der BRV dabei zwar als nicht dramatisch. „Aber leider hat sich unsere Einschätzung vom letzten Frühjahr, dass 2015 das vierte Jahr in Folge für die Branche schwierig werden dürfte, damit bestätigt“, so Hülzer dennoch weiter. Diese Entwicklung dürfte umso schwerer wiegen, als dass im stückzahlmäßig größten Segment Pkw-Reifen, das einen Anteil von gut vier Fünfteln am gesamten Reifenersatzgeschäft ausmacht, der Absatzrückgang mit durchschnittlich zwei Prozent am höchsten war. Dabei sank der Absatz an Sommer- und Ganzjahresreifen um ein Prozent, Pkw-Winterreifen wurden – nach Meinung des BRV nicht zuletzt eine Folge des erneut sehr milden Winters – 3,3 Prozent weniger verkauft als im Vorjahr. Im Segment Llkw-Reifen erfuhr der Stückverkauf den mit 1,9 Prozent zweithöchsten Rückgang auf gut 3,1 Millionen neue sowie runderneuerte Sommer- und Winterreifen. Dafür aber habe sich der Verkauf von Offroadreifen „deutlich positiver als erwartet“ entwickelt mit einem Plus von 12,7 Prozent auf gut 3,8 Millionen Stück.

„Diese Entwicklung resultiert aus den Veränderungen im Fahrzeugbestand. Der Anteil an SUVs und vierradgetriebenen Fahrzeugen nimmt stetig zu, also steigt prozentual auch der Ersatzbedarf an Reifen für diese Fahrzeugklasse“, erklärt Hans-Jürgen Drechsler. Für das laufende Jahr rechnet der Fachverband denn auch mit einem erneuten Absatzplus an Offroadreifen, selbst wenn es 2016 weniger stark ausfallen soll als 2015. Damit ist dieses Produktsegment gleichzeitig das einzige, für das ein nennenswertes Plus erwartet wird: Denn für alle anderen Bereiche geht man mehr oder weniger von Stagnation aus. Bei der Prognose für die Absatzentwicklung für Lkw-Reifen ist mit Blick auf 2016 zwar ebenso ein Minus zu sehen, doch resultiert das allein auf dem erwarteten Negativtrend bei runderneuerten Lkw-Reifen in Fortschreibung der Entwicklung des vergangenen Jahres. Denn während mit rund 1,8 Millionen Neureifen die Vermarkter hierzulande 2,3 Prozent mehr Nutzfahrzeugreifen absetzen konnten als 2014, sind gleichzeitig die Verkaufszahlen runderneuerter Lkw-Reifen um 8,4 Prozent und nicht einmal mehr 0,9 Millionen Stück zurückgegangen.

„Hier zeigt sich sehr deutlich, unter welchem Druck speziell die Lkw-Reifenrunderneuerer durch die boomenden Importe billiger Neureifen aus China stehen“, sagt Hans-Jürgen Drechsler. „Runderneuerte Reifen machen im Lkw-Segment nur noch knapp ein Drittel aus, Neureifen gut zwei Drittel“, ergänzt er. Vor diesem Hintergrund rechnet der Verband sogar damit, dass der Stückzahlverlust Runderneuerter im laufenden Jahr mit gut zehn Prozent noch deutlicher ausfallen wird. Zumal nicht nur China-Importe der Produktgruppe weiter zu schaffen machen würden, sondern zudem ein großer (Negativ-)Einfluss darüber hinaus mit dem Inkrafttreten der De-minimis-Förderrichtlinie 2016 verbunden wird, weil anders als bisher runderneuerte Lkw-Reifen im Gegensatz zu Neureifen seit Januar nämlich nicht mehr förderfähig sind. Der BRV, der auch die Runderneuerer vertritt, kämpft zwar seit Wochen um eine Richtlinienänderung, aber der Ausgang ist noch ungewiss.

„Diese Situation ist für viele Runderneuerer existenzbedrohend. Selbst wenn wir im Endeffekt Erfolg haben sollten: Die Uhr tickt, und je mehr Zeit vergeht, desto mehr Betriebe werden schon allein bis zur Entscheidung ums nackte Überleben kämpfen müssen“, macht Drechsler auf die prekäre Lage der Runderneuerer aufmerksam, die sich in der diesbezüglichen Negativerwartung in Bezug auf die Absatzentwicklung für runderneuerte Lkw-Reifen widerspiegelt. Demgegenüber resultiert die (tendenziell leicht positive) Einschätzung für die mit Abstand größte Produktgruppe Pkw-Reifen nach den Worten des BRV im Wesentlichen daraus, dass das Reifenersatzgeschäft von drei Hauptfaktoren beeinflusst wird: dem Fahrzeugbestand, der durchschnittlichen Pkw-Fahrleistung und der Laufleistung der Reifen. „Aus keinem dieser drei Faktoren sind nennenswerte Impulse für den Reifenabsatz zu erwarten: Der Fahrzeugbestand verändert sich nur punktuell um einen halben bis einen Prozentpunkt, die Fahrleistung ist trotz gesunkener Kraftstoffpreise rückläufig und die Lebenserwartung von Reifen steigt infolge des technischen Fortschritts. Lediglich der jetzt langsam zu erwartende Ersatzbedarf für Fahrzeuge, die im Zuge der Abwrackprämie neu angeschafft wurden, lässt uns ein leichtes Plus erwarten“, erklärt Drechsler.

Wie es aber abgesehen von der reinen Stückzahlbetrachtung mit der Wertebene aussieht, darauf geht Peter Hülzer basierend auf der vorläufigen Auswertung des BRV-Jahresbetriebsvergleichs 2015 aus. Diese habe gezeigt, dass sich – so der geschäftsführende Verbandsvorsitzende – „Umsatz und Ertrag im Reifenfachhandel besser entwickelt haben als der Stückabsatz“. Berichtet wird in diesem Zusammenhang von einem im Vergleich zu 2014 im Durchschnitt um 1,7 Prozent gestiegenen Umsatz, während der durchschnittliche Rohertrag demzufolge um 4,4 Prozentpunkte auf 37,7 Prozent vom Umsatz ausgebaut werden konnte. Dabei ist der Umsatz mit Reifenverkäufen zwar um 0,2 Prozent zurückgegangen, was aber offenbar durch ein Umsatzplus von durchschnittlich 3,5 Prozent mit Reifenservicedienstleistungen (über-)kompensiert werden konnte. Erkennbar sei jedenfalls eine Konzentration vieler Händler auf das Geschäftsfeld Autoservice, so der BRV weiter. Hier wurde der Umsatz (Lohn und Ersatzteile) mit einem Plus von knapp zehn Prozent weiter stark ausgebaut.

„Über diese Durchschnittswerte hinaus lassen die Detailauswertungen des Jahresbetriebsvergleichs ein paar interessante Rückschlüsse zu“, erläutert Peter Hülzer. „Zum einen: Es gibt Sieger und Verlierer, das heißt, Wachstum ist in dem weitgehend gesättigten Markt nur über Verdrängung möglich. Fakt zwei ist, dass der aus Reifenverkäufen resultierende Umsatz geringer gesunken ist als die Stückzahlen, was auf einen verbesserten Produktmix schließen lässt. Und last, but not least ist die zunehmende Diversifizierung der Werkstattleistungen in Richtung Autoservice ein deutlicher Indikator für einen tief greifenden Strukturwandel in der Branche“, sagt er. Da das Kerngeschäft zunehmend unter Druck gerate, müssten die Reifenspezialisten sich nach neuen Geschäftsfeldern umsehen, um langfristig ihre Existenz zu sichern. Daran – so kritisiert Hülzer – sei auch die Reifenindustrie nicht ganz unschuldig, die durch Überproduktion und „mangelnde Markthygiene“ ein Hightech-Produkt mehr und mehr zur Massenware verkommen lasse. Und das mache es zunehmend auch schwer, dazu hochwertige Hightech-Dienstleistungen zu verkaufen.

Der Einstieg in den Autoservice sei für viele Reifenfachhändler deshalb ein naheliegender Versuch, ihr Geschäft auf festere Basis zu stellen. Der Fachverband will seine Mitglieder auf diesem Weg mit neuen Angeboten unterstützen. So wird zum Beispiel im zweiten Halbjahr ein Pilotlehrgang zum neuen Weiterbildungsangebot „Kfz-Serviceberater“ stattfinden. Doch da auch das Kfz-Servicegeschäft wettbewerbsintensiv und eigentlich mit Anbietern schon überbesetzt ist, wird auf die Ergebnisse der vom BRV bei der Unternehmensberatung Roland Berger Strategy Consultants in Auftrag gegebenen Studie „Geschäftsmodell Zukunft für den Reifenfachhandel“ verwiesen: Mit den darin aufgezeigten Ansatzpunkten sollten die Reifenfachhandelsunternehmen nach Ansicht der Branchenvertretung jetzt an die standortindividuelle Umsetzung der von Roland Berger empfohlenen Maßnahmen gehen, die unter anderem solche Dinge wie beispielsweise ein Engagement rund um die Fahrzeugaufbereitung, das Carsharing oder Pop-up-Stores beinhalten. Auch dabei bietet der BRV seinen Mitgliedern auf Wunsch Unterstützung in Form seiner „Task Force“ in Zusammenarbeit mit der branchenaffinen Kölner Beratungsgesellschaft BBE Automotive.

Und die Industrie?

Aufseiten der Reifenhersteller fällt die Absatzbilanz für das Geschäftsjahr 2015 ungleich besser aus, selbst wenn die im Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie (WdK) organisierten Unternehmen insgesamt zwar eine Umsatzsteigerung berichten, aber eigenen Worten zufolge trotzdem „nicht sorgenfrei“ sind. Mit Blick auf das Reifengeschäft wird jedenfalls ein um 3,1 Prozent auf ein Volumen von gut 4,2 Milliarden Euro gestiegener Inlandsumsatz berichtet. „Die deutlich über dem Vorjahr liegende Produktion der deutschen Fahrzeugbauer setzte die wesentlichen Impulse. Wenig Erholung zeigten dagegen die Reifenmärkte in Europa“, haben zu der Positiventwicklung demnach offenbar vor allem die Erstausrüstungslieferungen an die deutsche Fahrzeugindustrie beigetragen. Demgegenüber hat sich das durch konzerninterne Lieferungen geprägte Exportgeschäft der deutschen Reifenproduzenten augenscheinlich rückläufig entwickelt. Hierfür weist die WdK-Bilanz ein 1,6-prozentiges Minus auf 990 Millionen Euro aus, womit der Umsatz erstmals seit fünf Jahren wieder unter die Marke von einer Milliarde Euro gerutscht ist.

Trotzdem übertrifft der mit Reifen erzielte Umsatz der WdK-Mitglieder in der Gesamtbilanz mit in Summe also gut 5,2 Milliarden den 2014er-Refenenzwert dennoch um 2,1 Prozent. Und mit 770.000 Tonnen Reifen legte zugleich außerdem noch die Produktion zu, wenngleich „nur“ um 0,7 Prozent. Dabei vermelden die deutschen Reifenhersteller mit Blick auf das Reifenersatzgeschäft für das zurückliegende Jahr gestiegene Lieferungen an Sommerreifen. Damit und zusammen mit den Lieferungen von Erstausrüstungsreifen an die Fahrzeugindustrie hätten die Absatzschwächen in anderen Produktgruppen kompensiert werden können, heißt es. „Gleichwohl stellte das gestiegene Absatzvolumen eines der niedrigsten der letzten zehn Jahre dar. Bei Winterreifen verhinderten Lagerbestände im Handel, die sich durch die milde Witterung in der letzten Saison aufgebaut hatten, eine Absatzausweitung. Bei Lkw-Reifen verloren die deutschen Hersteller Marktanteile an asiatische Anbieter. Insbesondere die qualitative Runderneuerung von Lkw-Reifen verzeichnete herbe Absatzrückgänge“, leiden offenbar auch die Werksrunderneuerer unter der steigenden Zahl von billigen Nutzfahrzeugreifenimporten vor allem aus dem Reich der Mitte.

Allerdings macht der Kautschukindustrie anders als dem Runderneuerer oder dem Handel ganz allgemein ein im langjährigen Vergleich eher als schwach zu bezeichnendes Reifenjahr 2015 wohl deutlich weniger zu schaffen. Zumal sie Defizite auf der einen Seite halt durch Zuwächse in anderen Bereichen kompensieren kann. Insofern berichten die WdK-Mitglieder als Ganzes für das abgelaufene Jahr letztlich ein 2,2-prozentiges Umsatzplus auf knapp 11,6 Milliarden Euro. Das bedeutet, dass zusätzlich zu den in Summe gut 5,2 Milliarden Euro aus dem Reifengeschäft noch einmal über 6,3 Milliarden Euro (plus 2,2 Prozent) mit technischen Elastomererzeugnissen erlöst werden konnten. Letztlich wird aus Sicht der deutschen Kautschukindustrie insgesamt von einer über das ganze Jahr 2015 hinweg stabilen Geschäftslage gesprochen, wobei jedoch die ausländischen Standorte der WdK-Mitgliedsunternehmen zunehmend an Bedeutung gewonnen hätten. Damit bzw. mit einer „Verschlechterung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit“ der Standorte hierzulande wird insofern der leichte Stellenabbau auf 75.300 Beschäftigte – 24.350 (minus ein Prozent) im Reifenbereich, 50.950 (minus 2,1 Prozent) bei den technischen Elastomererzeugnissen – im vergangenen Jahr erklärt.

Zudem wird der Branche eine gewisse Investitionszurückhaltung attestiert, die einerseits den Globalisierungsforderungen wichtiger Kunden zugeschrieben wird. „Dass aber trotz hoher Kapazitätsauslastung (86,3 Prozent) und historisch niedriger Zinsen keine Investitionsbelebung einsetzt, hat mit dem Verlust an internationaler Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland zu tun. Staatlich regulierte Energie- und wieder ansteigende Lohnkosten sowie die Zunahme von Prüf- und Dokumentationspflichten und bürokratische Prozesse gefährden den Industriestandort Deutschland zunehmend“, kritisiert der WdK andererseits. Dem Verband zufolge deuten die Frühindikatoren der Branche wie das Geschäftsklima und die Zahl der Auftragseingänge zum Jahresstart 2016 auf eine „wirtschaftliche Seitwärtsbewegung“ hin. „Die Rohstoffpreise dürften den unteren Rand erreicht haben. Die Wachstumsprognosen der deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute für die Gesamtkonjunktur liegen zwar zwischen 1,5 und zwei Prozent Bruttoinlandsproduktzuwachs, die Produktionsprognosen der wichtigsten Abnehmerbranchen besagen aber Stagnation im Maschinenbau sowie leichten Rückgang in der inländischen Fahrzeugfertigung. So ist für die deutsche Kautschukindustrie 2016 ein Umsatzplus von nur etwa ein Prozent und damit eine Halbierung des Wachstums des Jahres 2015 zu erwarten“, heißt es. christian.marx@reifenpresse.de

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