Feindbild Autohaus? Etwas differenzierter sollte es schon sein

In den 90er Jahren des vergangenen Jahrtausends war das Autohaus der natürliche Feind des Reifenfachhandels. Gelegentlich wird immer noch geschimpft, aber das Autohaus ist als böser Wettbewerber des klassischen Reifenfachhandels aus dem Fokus der Kritik verschwunden, als neues Feindbild fungiert heute der Online-Vertrieb von Reifen. Vielleicht ist es ja aus psychologischen Gründen ganz gut, überhaupt ein Feindbild zu haben. Dann weiß man wenigstens, wogegen man zu kämpfen hat. Das kann motivieren, anstacheln, schützt vor Lethargie.

Dabei zeigt der differenziertere Blick: Das markengebundene Autohaus hat über die Jahre eigentlich nie einen entscheidenden Angriff aufs Pkw-Reifenersatzgeschäft starten können, obwohl den Automobilherstellern allseits attestiert wird, hervorragende und sehr professionelle Programme zur Reifenvermarktung aufzulegen. Wer hingegen signifikant Marktanteile in den vergangenen Jahren gewinnen konnte, ist das freie Autohaus, sind Kfz-Werkstätten und die damit einherkommenden Werkstattkonzepte.

Schon in den 90er Jahren hieß es, die Autohäuser würden massiv aufrüsten, hätten jetzt das Reifengeschäft für sich entdeckt oder wollten es gar dahin zurückbringen, wo es hingehöre. Trotzdem hat sich bei den Marktanteilen der Distributionskanäle in den Nullerjahren nach der Jahrtausendwende erst einmal gar nicht so viel verschoben. „Die können’s nicht“, hat denn auch schon mal manch ein Reifenfachhändler mit einem Anflug von Arroganz kommentiert, wenn der Kunde vom örtlichen Autohaus zum Reifenhändler geschickt wurde, weil beim Equipment der Autowerkstatt bei 19 Zoll eine Grenze erreicht, der Reifenspezialist aber bereits besser ausgerüstet war.

Jetzt – so steht zu erwarten – kommt eine zweite Offensive der fabrikatsgebundenen Autohäuser. Deren Renditen sind derart gesunken, dass sie zum Handeln gezwungen sind. Und die Automobilhersteller unterstützen ihre Händler, allen voran Mercedes-Benz, BMW und der Volkswagen-Konzern. Sie veranstalten immer mehr Schulungen in Sachen Reifen und Räder, sorgen dafür, dass Wucht- und Montagemaschinen für die größtmöglich dimensionierten Räder ihrer Automodelle taugen und auch fachkundig bedient werden können. Dinge wie Reifendruckkontrollsysteme, die zur Pflicht bei Neufahrzeugen geworden sind, spielen den Autohäusern in die Hände. Sieht der Konsument bei diesem Baustein mehr Kompetenz bei dem Autohaus, bei dem er sein Fahrzeug gekauft hat, oder beim Reifenhändler?

Es steht zu befürchten, dass so mancher Autofahrer dabei eher zum Autohaus neigt. Und je mehr neue Autos mit den pflichtgemäß ausgestatteten RDKS auf den Markt kommen, desto mehr verschiebt sich das Alter der Autos, die traditionell eher beim Reifenhandel den Reifenwechsel vornehmen lassen, nach hinten. Irgendwann heißt es, zum Reifenhandel fahren nicht mehr die Autos, die vier Jahre alt sind und älter, sondern die fünf Jahre alt sind und älter und dann sechs …

Aber dann gibt es ihn doch, den Aspekt, der eher dem Reifenfachhandel in die Hände spielt. Wobei an dieser Stelle nicht der bewegliche, stets dazulernende und dem Neuen gegenüber aufgeschlossene Reifenhändler gemeint ist, dem es gelingt, in seinem lokalen Markt als Technologieführer in Sachen Reifentechnik zu gelten. Nein, es sind die wahren Gewinner der letzten Jahre, bei denen getrost bezweifelt werden kann, ob sie den technologischen Herausforderungen der Zukunft gewachsen sein werden. Der Fortschritt wird den Hinterhof- und Feierabendbetrieben, bei denen zumindest die Silbe „fach“ in Reifenfachhandel purer Etikettenschwindel ist, den rechnungsfreien Garagen und den Kfz-Werkstätten, deren äußeres Erscheinungsbild das Wort „Klitsche“ förmlich aufzwingt, den Garaus machen.

In den vergangenen Jahren haben nicht die feinen markengebundenen Autohäuser Marktanteile gewonnen, jedenfalls nicht signifikant, sondern die freien Kfz-Werkstätten. Die Distributionsanalyse des Bundesverbandes Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV) verrät, dass Mercedes, BMW, VW und Co. mit ihren Autohäusern beim Produkt Pkw-Reifen über die Jahre hinweg bei zwanzig Prozent plus X (was maximal drei Prozent sein dürften) verharren. Es steht zu befürchten, siehe oben, dass das nicht so bleibt. Die freien Kfz-Werkstätten sind häufig Betriebe, die von den Automobilmarken im Rahmen der Effizienztrimmung ihrer Verkaufsnetze ausgemustert worden sind. Sie mussten sich früher regen, wollten sie im Markt weiter bestehen können. Sie haben den Reifenservice als weiteres Standbein entdeckt. Sie nähern sich den feinen Autohäusern, aus deren Kreis sie herausgeschmissen worden sind, bei den Marktanteilen an.

Und sie haben dabei Hilfe bekommen: von den in den letzten Jahren förmlich aus dem Boden geschossenen Anbietern von Werkstattsystemen. Carat, Auto-Teile-Ring, die Hess-Gruppe usw. Wer heute bei „Wessels + Müller“ um 10 Uhr vier Reifen bestellt, der hat sie zum Glockenschlag 12 auf dem Hof. Da können Reifengroßhändler nur staunen, mögen sie auch noch so stolz auf ihre in den letzten Jahren erworbenen logistischen Kompetenzen sein. In den Systemzentralen dieser neuen Mitbewerber im Pkw-Reifengeschäft sind auch durchaus schlaue Köpfe, sie versorgen ihre Werkstattpartner auch mit ausgereiften Modulen und Bausteinen und können das nicht schlechter als die Systemzentralen von Reifenkooperationen oder Franchisegebern im Reifenhandel.

Die Detailwerkstattkonzepte (Ate, Bosch, Luk, ZF usw.) stoßen, nach hier vertretener Auffassung, sehr schnell an eine Grenze. Die Fullservice-Systemanbieter (ad-Auto Dienst, AutoCrew, Autofit, Automeister usw.) werden auch an ihre Grenzen stoßen, zumal es davon mit gut zwanzig deutlich zu viele gibt und unter ihnen ein Ausleseprozess überfällig ist. Schon manch ein Reifenfachhandelstraditionsbetrieb kann bei der Entwicklung nicht mehr mithalten und wird – man mag es bedauern – ausscheiden. Wie soll es dann die Kfz-Werkstatt packen, wenn es nicht einmal der Reifenspezialist hinkriegt? detlef.vogt@reifenpresse.de

 

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