„Die neue Rigdon“ will verändern und bewahren

Es ist verständlich, dass die Mitarbeiter der neugegründeten Rigdon GmbH in Günzburg mit einer besonders guten Stimmung und viel Motivation ins neue Jahr gestartet sind, hatten sie doch zuvor ein Dreivierteljahr um die Zukunft der Reifen-Ihle-Runderneuerung gebangt und bildlich gesprochen in den Abgrund geblickt. Mit der Übernahme durch die Prolimity Capital Partners mit Sitz in Frankfurt am Main kurz vor Weihnachten erhielten 110 Mitarbeiter in Produktion und Vertrieb den Anstoß, gemeinsam etwas Neues in Angriff zu nehmen und sich wieder als das am deutschen Runderneuerungsmarkt zu etablieren, als das das Unternehmen aus Günzburg lange Jahre galt: als einer der Marktführer mit Benchmark-Charakter. Im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG erläuterten Geschäftsführer Christoph Fluhr und Vertriebsleiter Adolf Mayer nun, welche Pläne sie für „die neue Rigdon“ haben.

button_nrz-schriftzug_12px-jpg Dieser Beitrag ist in der März-Ausgabe der NEUE REIFENZEITUNG erschienen, die Sie hier auch als E-Paper lesen können.

In Günzburg bei Reifen Ihle bzw. neuerdings Rigdon möchte keiner gerne zurückblicken; verständlich, war die Erfahrung der gescheiterten Finanzierungsgespräche als Auslöser der Krise Anfang 2014 für ein Unternehmen, das seit 60 Jahren einen Namen und einen Ruf mit Referenzcharakter in der Branche hatte, etwas vollkommen Neues und Schmerzhaftes. Ein Neuanfang wird allerdings nicht funktionieren, wenn man sich der in der Vergangenheit gemachten Fehler nicht bewusst ist und daraus versucht, Konsequenzen zu ziehen. Insofern lässt sich vieles von dem, was sich derzeit bei „der neuen Rigdon“, wie Christoph Fluhr, Managing Partner und Mitbegründer der Beteiligungsgesellschaft Prolimity Capital Partners und seit dem 12. Dezember eben neuer Inhaber und Geschäftsführer der Reifen-Ihle-Runderneuerung, abspielt, als Kontrapunkt zu dem verstehen, was früher anders war.

Auch wenn es ein hochtrabendes Wort ist, so scheint sich in Günzburg doch zuallererst ein Wandel der Unternehmens- und vor allem der Gesprächs- und Diskussionskultur zu vollziehen. In Gesprächen mit den Verantwortlichen vor Ort wie auch mit Marktbegleitern zeigte und zeigt sich immer wieder, dass Familienunternehmen zwar den Vorteil klarer Strukturen und Verantwortlichkeiten bieten. Dass daraus aber automatisch kluge Entscheidungen für das Unternehmen entstehen, ist eben nicht immer garantiert. Gerade dann nicht, wenn unternehmerischer Erfolg über Jahrzehnte für die Persönlichkeiten an der Spitze zur Normalität geworden ist.

Bei Rigdon setzt man ganz klar auf Qualität, bei der als „komplementär“ betrachteten Kaltrunderneuerung genauso wie bei der wichtigen Rigdon-Heißrunderneuerung

Bei Rigdon setzt man ganz klar auf Qualität, bei der als „komplementär“ betrachteten Kaltrunderneuerung genauso wie bei der wichtigen Rigdon-Heißrunderneuerung

Mittlerweile wird „die neue Rigdon“ von einem Geschäftsführer geführt, der das Führen eigenen Aussagen zufolge als kooperativen Prozess mit starker Einbindung der Mannschaft versteht und kein Problem damit hat, in Vertriebsmeetings oder Meisterrunden um Vorschläge für unternehmerische Entscheidungen zu bitten, da er es auch nicht besser oder schlechter wisse als seine Mitarbeiter. Dies führt freilich dazu, dass sich das Rigdon-Team in Günzburg neuerdings nicht nur einbringen kann – man darf somit etliche komplett neue Ideen erwarten –, sondern dass es sich eben auch einbringen muss. Es gebe jetzt „eine ganz andere Stimmung im Betrieb“, heißt es dazu, was sich durchaus positiv auf die anstehenden Veränderungen unter den neuen Eigentümern auswirken sollte. Diese jedenfalls nehmen es bereits zur Kenntnis, dass die Mitarbeiter ihre neuerliche Teilhabe an Richtungsentscheidungen gerne wahrnehmen.

Auch wenn es die Situation nach der Gründung der Rigdon GmbH als Nachfolgegesellschaft der insolventen Reifen-Ihle-Gruppe bedingt, dass die neuen Verantwortlichen „grundsätzlich alles auf den Prüfstand“ stellen, was die Zukunft des Unternehmens beeinflussen könnte, so zeigt sich darin eventuell aber auch das Fehlen eines solchen Infragestellens vor der Übernahme Ende letzten Jahres. Hatte man sich früher etwa an „strategische Großkunden“ wie die Continental gebunden – weil man es wollte und weil man es außerdem konnte –, so verlor man vor lauter Hinwendung zum großen Partner aus Hannover den Markt dahinter und daneben stark aus dem Blick und ging, wie man mittlerweile weiß, ein wohl zu großes Risiko ein. Anstatt finanzielle und personelle Kapazitäten auf einen Kunden zu konzentrieren, hätte man…  Auch wenn solche Entwicklungen natürlich niemals monokausal sind, wie auch Christoph Fluhr aus langjähriger beruflicher Erfahrung mit Unternehmen „in Restrukturierungssituationen“ weiß, so muss man sich doch gerade die wichtigsten Ursachen für das Scheitern eines Unternehmens ansehen – und eben „aus der Vergangenheit lernen“. Es gilt die Redewendung: Im Nachhinein ist man immer schlauer.

Einer der zentralen Punkte der „Wachstumsstrategie 2020“ ist nun die Erweiterung des Vertriebsgebietes auf ganz Deutschland, und zwar nicht nur punktuell. Außerdem die Erweiterung des Produktangebotes, das eben zu den Kunden und der Situation der „neuen Rigdon“ passt. In der Vergangenheit habe man sich zu sehr auf besagten „strategischen Großkunden“ und darüber hinaus vorwiegend auf den Vertrieb in Süddeutschland, Österreich, der Schweiz und im nahen Frankreich konzentriert. „Dies soll sich jetzt ändern“, wie Vertriebsleiter Adolf Mayer erläutert; man wolle sich nicht mehr auf das angestammte Vertriebsgebiet beschränken. Das Außendienstteam soll dementsprechend mehr als verdoppelt werden – es sind sechs Neueinstellungen geplant –, wofür Rigdon derzeit Gebietsverkaufsleiter und Key-Account-Manager auch für den Nordwesten und den Nordosten Deutschlands sucht.

Rigdon betreibt im Werk in Günzburg rund 40 Heizpressen für die Heißrunderneuerung, darunter auch die zwölf TRM-Pressen, die für die Partnerschaft mit Continental ab 2008 installiert wurden

Rigdon betreibt im Werk in Günzburg rund 40 Heizpressen für die Heißrunderneuerung, darunter auch die zwölf TRM-Pressen, die für die Partnerschaft mit Continental ab 2008 installiert wurden

Diese Ausweitung des Vertriebsgebietes wird den Runderneuerer unweigerlich vor einige große Herausforderungen stellen, wie man auch in Günzburg anerkennt. Marktanteile will man sich dabei „mit Leistung und Qualität erarbeiten“ und hat dementsprechend die Rigdon-Wachstumsstrategie auch mittelfristig angelegt, ohne dass dabei ein Exit-Druck eine nennenswerte Rolle spielen soll. Eine zweite Option außer dem Erarbeiten ist in der Regel das Erkaufen von Marktanteilen. Auch in Günzburg versteht man freilich die Mechanik von Märkten, betont aber, dass man trotz des großen Wettbewerbs mit chinesischen Neureifen und anderen Runderneuerungen profitabel operieren wolle. Von „preisaggressivem Verhalten“ jedenfalls will man bei Rigdon nichts wissen, man sehe Rigdon hingegen als „Marke mit gutem Preisniveau“.

Eine weitere Herausforderung, die sich durch die Erweiterung des Vertriebsgebietes ergibt, ist die Logistik. Gegenwärtig wird ein Drittel der Lkw-Runderneuerungen bei Rigdon auf Kundenkarkassen gefertigt, der Rest hingegen wird auf zugekauften Karkassen ausgeliefert. Ziel sei es, den Anteil der Kundenkarkassen in der Produktion zu erhöhen, heißt es in Günzburg. Allerdings müssen die einzelnen Karkassen dabei zweimal transportiert werden: vom Kunden zu Rigdon und von Rigdon zum Kunden. Im regionalen Umfeld ist dieses Geschäft noch mit eigenen Fahrern zu bewerkstelligen; darüber hinaus wird es komplex und kostenintensiv. Man wolle zwar in Zukunft in Günzburg mehr Kundenkarkassen runderneuern und dazu auch die Durchlaufzeiten verringern, nur wolle man gleichfalls versuchen, mehr „Bestandsware“ im Markt zu verkaufen. Rigdon genieße als Runderneuerer großes Ansehen im Markt, was die Qualität der Produkte betrifft, folglich sieht Vertriebsleiter Adolf Mayer darin keine übergroße Herausforderung, den Anteil sogenannter „Customer own casings“ (COC) an der Produktion zu erhöhen.

Dass parallel dazu natürlich der Karkasseneinkauf gut funktionieren muss, versteht sich. Dies sei „ein Kümmerer-Thema“, meint Geschäftsführer Christoph Fluhr. Während man europaweit genügend runderneuerungsfähige Karkassen auf dem Markt weiß, müssen diese eben von einem Rigdon-Experten auch eingekauft werden. Der Karkasseneinkauf wurde bereits Mitte 2014 neu organisiert und vor allem „aktiver“ mit die Lieferanten besuchenden Einkäufern gestaltet.

Die Marke Rigdon zählt erwiesenermaßen zu den bekanntesten Runderneuerungsmarken im Land. Es gibt genügend Händler, die Runderneuerte aus Günzburg in ihrem Sortiment führen. Will man nun das Vertriebsgebiet auf ganz Deutschland ausweiten, muss man freilich versuchen, nicht in den Wettbewerb mit den eigenen Kunden zu treten. „Wir wollen nicht gegen den Handel arbeiten“, verspricht der neue Geschäftsführer Christoph Fluhr und sieht sein Unternehmen, insbesondere wenn Key Accounts angesprochen werden, zukünftig mehr als Unterstützung des Handels durch zusätzliche Rigdon-Vertriebsressourcen mit dem Ziel, gemeinsam den Umsatz mit Rigdon-Produkten zu steigern.

Neben der Erweiterung des Vertriebsgebietes will „die neue Rigdon“ auch ihr Produktangebot erweitern und dieses insbesondere der Nachfrage aus dem Markt anpassen. Während Vertriebsleiter Mayer und Geschäftsführer Fluhr für das eine oder andere Produkt und vielleicht sogar für ganze Produktgruppen kaum eine Zukunft sehen, so versprechen sie sich doch wiederum viel von anderen Produkten und Produktgruppen. Dazu zählen etwa auch Lkw-Reifen in 17,5 Zoll (215/75 R17.5) oder solche im anspruchsvollen 60er Querschnitt (295/60 R22.5) – jeweils als Heißrunderneuerte unter der Marke Rigdon. „Solche Produkte wollen wir pushen“, sagt Adolf Mayer. Rigdon habe die Erfahrung und das Know-how, die Prozesse in der Produktion entsprechend sicher zu kontrollieren, um auch technische Herausforderungen zu bewältigen, so Technikleiter Günter Ihle bei einem Produktionsrundgang. Gleiches gelte auch für Niederquerschnitts-Lkw-Reifen in 19,5 Zoll, die spätestens im kommenden Jahr marktreif sein sollen. Geplant sei etwa die Einführung von Trailerreifen in 435/50 R19.5 oder in 445/45 R19.5 – ebenfalls stets als Heißrunderneuerte. Auch arbeite man derzeit an einem neuen Produkt für Stadtbusse mit speziellen Eigenschaften; geplante Größe: 275/70 R22.5. Darüber hinaus wolle Rigdon zukünftig das Sortiment der heißrunderneuerten EM-Reifen in 25 Zoll ausbauen und sich ebenfalls stärker um das Segment der Kranreifen kümmern. Insgesamt wollen sich die neuen Eigentümer mehr noch als früher auf die Heißrunderneuerung konzentrieren, während sie die Kaltrunderneuerung als „komplementär“ dazu sehen.

Dass im Zuge der Übernahme durch Prolimity Capital Partners auch die bisherige Unternehmenszentrale in der Günzburger Schreberstraße überflüssig wurde, zeigt, dass zur „Wachstumsstrategie 2020“ auch eine Konzentration gehört. Dort nahe der Innenstadt waren das ehemalige „Werk 1“ sowie einer der Reifen-Ihle-Handelsbetriebe ansässig, der jetzt zu Reifen Müller, Hammelburg, gehört. Der bisherige Zentralenstandort gehört nicht der Rigdon GmbH, dafür aber das Runderneuerungswerk samt Grundstück; beides am Rande des Stadtgebietes gelegen. Den neuen Eigentümern sind einfache und direkte Strukturen auch in diesem Zusammenhang wichtig.

Wie Christoph Fluhr gegenüber der NEUE REIFENZEITUNG betont, sei die „Wachstumsstrategie 2020“ auch entsprechend durch Prolimity Capital Partners und externe Investoren von außerhalb der Reifenbranche sowie durch „verlässlich lokale Bankpartner“ finanziert; die Kapitalausstattung mit einem Eigenkapitalanteil von 60 Prozent sei „auf ein erhebliches Wachstum ausgerichtet“. arno.borchers@reifenpresse.de

 

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