Ni hao statt ciao – Pirelli wird chinesisch / Update

In der über 140-jährigen Geschichte hat Pirelli mehrfach versucht, andere Reifenhersteller zu übernehmen; zuletzt hatte sich Leopoldo Pirelli – Enkel des Firmengründer Giovanni Battista Pirelli und vormals Schwiegervater von Marco Tronchetti Provera – an der Continental versucht. Nun wird der italienische Traditionshersteller Pirelli selber übernommen, und zwar auf die ‚freundliche’ Arte und Weise, und wird in naher Zukunft chinesisch. Während erst gestern Abend eine offizielle Bestätigung der Übernahmepläne aus China kam, stehen noch zahllose Fragen zur Übernahme an sich und zur zukünftigen Ausrichtung des italienischen Herstellers im Raum. Was kann man dazu im Moment mit Sicherheit sagen?

Fest steht: Die China National Chemical Corporation (kurz: ChemChina) übernimmt durch ihre 100-Prozent-Tochter China National Tire & Rubber Co. Ltd. (CNRC) – ging 2013 aus der China National Tire & Rubber Corp. hervor – die 26,2 Prozent der Pirelli-Aktien, die derzeit vom Investor Camfin gehalten werden. Camfin gehört seit einem Jahr zu 50 Prozent dem russischen Ölkonzern Rosneft und zu 50 Prozent einer Beteiligungsgesellschaft namens Newco, an der wiederum Marco Tronchetti Provera 80 Prozent (über die Beteiligungsgesellschaft Nuove Partecipazioni) und die beiden italienischen Banken Intesa Sanpaolo und Unicredit je zehn Prozent halten.

Gerade in den vergangenen Monaten hat sich der Pirelli-Aktienkurs stark entwickelt, beflügelt durch Spekulationen um einen möglichen Verkauf

Gerade in den vergangenen Monaten hat sich der Pirelli-Aktienkurs stark entwickelt, beflügelt durch Spekulationen um einen möglichen Verkauf

Fest steht auch, dass ChemChina für das Aktienpaket rund 1,9 Milliarden Euro bezahlt, was einem Preis pro Aktie von 15 Euro entspricht. Der aktuelle Kurs der Pirelli-Aktie liegt sogar über 15 Euro, angefeuert durch die Spekulationen um einen möglichen Verkauf des italienischen Reifenherstellers in den vergangenen Wochen. Bei dem Preis von 15 Euro hätte Pirelli derzeit einen Börsenwert von 7,1 Milliarden Euro, während das Unternehmen vor einem Jahr beim Beginn der Partnerschaft mit Rosneft noch 5,6 Milliarden Euro wert war.

Fest steht außerdem: ChemChina will gemeinsam „mit Camfin und anderen Investoren“ ein öffentliches Übernahmeangebot abgeben – etwas, das was verpflichtend ist und nach dem vollzogenen Kauf der Camfin-Anteile stattfinden soll. Folglich sollen Tronchetti Provera (über Nuove Partecipazioni) sowie die Banken Intesa Sanpaolo und Unicredit auch zukünftig am Reifenhersteller beteiligt sein, wie ChemChina dazu selber bestätigt. Dies soll dann über die gemeinsame Newco geschehen, wie die italienische Tageszeitung Corriere della Sera heute berichtet.

In dieser Konstruktion spielt auch Rosneft weiterhin eine Rolle. Offenbar – so wird in Italien unter Berufung auf die gestern Abend unterzeichneten Verträge berichtet – könnte ChemChina dann 65 Prozent an der noch zu gründende Gesellschaft halten, während Rosneft 12,4 Prozent und Nuove Partecipazioni samt der beiden besagten Banken unter dem Dach der Newco zusammen die verbleibende 22,6 Prozent halten. Diese zukünftige Aktionärsstruktur ist bisher allerdings nicht offiziell bestätigt worden. Es gilt unterdessen wohl als ausgemacht, dass Pirelli bei einer solchen Konstruktion von der Mailänder Börse genommen werden würde, damit man „in Ruhe einen industriellen Umbau“ vollziehen kann.

Ebenfalls steht fest, dass auch die neuen chinesischen Eigentümer des Reifenherstellers „das operative und das Managementteam von Pirelli stabil halten“ werden, so schreiben sie es zumindest. Mit anderen Worten: Der heute 67-jährige Marco Tronchetti Provera – in Mailand derzeit Chairman und CEO – wird seine Rolle an der Spitze des Konzerns halten können, wohl bis 2020, wie es dazu in einigen Medien heißt. Ob dazu auch der Posten des Chairman gehört, wird in einigen Medien indes bezweifelt; Reuters zum Beispiel will wissen, dass ChemChina in jedem Fall einen neuen Chairman ernennen will, während Tronchetti Provera aber weiterhin auch die Geschäfte als CEO leiten würde.

Ebenfalls herrscht allgemein Einigkeit über die vordergründige industrielle Logik hinter der Beteiligung. Es ist bekannt, dass China in den kommenden zehn Jahren nach Aussagen des Staatspräsidenten Xi Jingping insgesamt 1,25 Billiarden Dollar in Unternehmensbeteiligungen investieren will und auch, dass dabei europäische und italienische Unternehmen ganz oben auf der Einkaufsliste stehen, nicht zuletzt auch wegen des günstigen Euros. Und für den Staatskonzern ChemChina passt Pirelli offenbar gut ins strategische Wachstumskonzept. Denn: Die Chinesen wollen weltweit wachsen, Pirelli sieht in der Region Asien-Pazifik große Wachstumspotenziale – gerade mit Pkw-Premiumreifen – und gleichzeitig bestehen kaum Überschneidungen in den Sortimenten der beteiligten Unternehmen. Man würde von einer Win-Win-Situation reden. Die Übernahme werde „Pirellis Entwicklungsplan stärken“ und die „Abdeckung strategischer geografischer Gebiete“ verstärken, heißt es dazu vonseiten ChemChinas. Mit anderen Worten: ChemChina will Pirelli auf dem asiatischen und insbesondere natürlich auf dem chinesischen Reifenmarkt noch stärker etablieren. Aktuell generiert Pirelli rund neun Prozent seiner Umsätze in der Region Asien-Pazifik und im übrigen nur sechs Prozent in Italien.

„Die Partnerschaft mit einem Global Player wie ChemChina – durch dessen Tochtergesellschaften – stellt für Pirelli eine große Chance dar“, kommentierte Marco Tronchetti Provera gestern Abend die Übernahme

„Die Partnerschaft mit einem Global Player wie ChemChina – durch dessen Tochtergesellschaften – stellt für Pirelli eine große Chance dar“, kommentierte Marco Tronchetti Provera gestern Abend die Übernahme

Außerdem – und das ist eine durchaus weitreichende Veränderung – sei „durch Integration“ geplant, die dann offenbar vereinigten Absätze aus dem „Industriereifengeschäft“ zu verdoppeln, womit bei Pirelli Lkw-Reifen gemeint sind. Mit anderen Worten: Pirellis margenschwache Lkw-Reifensparte würde wohl einer ChemChina-Tochter angegliedert werden. Einem Camfin-Statement von gestern Abend zufolge komme dafür die in Europa überaus bekannte Aeolus Tyre Company infrage. Während also ChemChina konkret die Integration des Lkw-Reifengeschäftes plant, soll das Pkw-Reifengeschäft offenbar als separater Geschäftszweig der neuen Pirelli fortgeführt werden.

Der Konzern ChemChina gehört zu den 500 größten Industriekonglomeraten weltweit und hat über 100 Tochtergesellschaften. Allein der ChemChina-Tochterholding China National Tire & Rubber Co. Ltd. (CNRC) wiederum gehören jetzt schon vier namhafte chinesische Reifenhersteller mit einem Jahresoutput von 20 Millionen Reifen, vornehmlich im Nutzfahrzeugreifensegment: das sind Qingdao Yellow Sea Rubber, ChemChina Rubber Guilin, Double Happiness Tyre Industrial und Aeolus Tyre.

Neben dem Marktzugriff und dem Einstieg in das Pkw-Reifengeschäft bringt die Pirelli-Übernahme den Chinesen auch immenses zusätzliches Know-how und zusätzliche Technologie; Pirelli ist eigenen Angaben zufolge führender Erstausrüstungslieferant für Autos der Premium- und Prestigeklasse und – natürlich – Ausrüster der Formel 1. Genauso, wie mit einer Fortführung der neuen (Pkw-)Pirelli als separate Einheit unter dem Dach der China National Tire & Rubber Co. Ltd. zu rechnen ist, so erwarten etliche Beobachter auch eine Fortführung der F&E-Aktivitäten des Unternehmens mit den etablierten Einrichtungen in Italien und andernorts in Europa. Auch solle der Sitz des Reifenherstellers Garantieklauseln aus dem gestern Abend unterschriebenen Vertrag entsprechend weiterhin in Italien sein.

„Die Partnerschaft mit einem Global Player wie ChemChina – durch dessen Tochtergesellschaften – stellt für Pirelli eine große Chance dar. Die Art und Weise, wie ChemChina über das Geschäft und strategische Visionen denkt, garantieren Pirellis Entwicklung und Stabilität“, kommentierte Marco Tronchetti Provera die Übernahme kurz und knapp. arno.borchers@reifenpresse.de

 

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