„Dramatische Entwicklung“ – glorreiche Zeiten im Reifenhandel vorbei

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Nachdem unlängst schon die jüngsten Zahlen des Wirtschaftsverbandes der deutschen Kautschukindustrie (WdK) zur Absatzentwicklung im deutschen Reifenersatzmarkt ein recht düsteres Bild des Handelsgeschäftes in Richtung Verbraucher (Sell-out) zeichnete, fällt auch das vorläufige Fazit des Bundesverbandes Reifenhandel und Vulkaniseurhandwerk e.V. (BRV) zum Geschäftsjahr 2014 im Reifenfachhandel nicht viel besser aus. Vielmehr spricht der Vorstand der Branchenvertretung von einer „zweifelsohne dramatische[n] Entwicklung, die unsere Branche erheblich negativ tangiert“. Gleichzeitig ist man dort überzeugt davon, dass die „glorreichen Zeiten“ im Reifenhandel nicht mehr zurückkommen werden. Insofern sei es nun endlich an der Zeit, eingetretene Pfade zu verlassen und sich fit zu machen für die nicht einfache Situation der Branche, die sich wohl auch 2015 nicht durchgreifend verbessern wird.

Der BRV sieht unterm Strich derzeit ein Absatzplus von drei Prozent bei Pkw-Sommerreifen sowie ein Minus von 14,5 Prozent bei Pkw-Winterreifen, sodass die Verkaufszahlen aller Pkw-Reifen damit bis dato um sieben Prozent hinter 2013 zurückbleiben. Bei Lkw-Reifen geht man von einem einprozentigen Plus aus, wobei für den deutschen Reifenfachhandel insgesamt bei alldem von einer „leicht bis deutlich“ hinter dem Vorjahr zurückbleibenden Entwicklung sowohl in Bezug auf den Umsatz als auch den Ertrag die Rede ist. Sollten diese Einschätzungen mit Ablauf des Jahres letztlich tatsächlich so Bestand haben, entspräche dies mit dem Jahr 2011 als Basis einem Rückgang der jährlichen Absatzvolumina an Pkw-Sommer- bzw. -Winterreifen um nicht weniger als 2,7 Millionen respektive 5,4 Millionen Einheiten, rechnet der BRV vor, dem nicht nur allein die Absatzentwicklung Sorge bereitet.

Denn schon im noch laufenden Jahr hätten die Vertragswerkstätten der Automobilindustrie ihre Vermarktungsanstrengungen rund um das Reifen-/Rädersegment „massiv verstärkt“ und insbesondere über das Geschäft mit Winterreifen weiter Marktanteile hinzugewinnen können. Nach Eindruck des BRV-Vorstandes hat der Reifenfachhandel dem konkurrierenden Distributionskanal Autohaus die Sache auch dadurch noch besonders leicht gemacht, dass die eigenen Marketingmaßnahmen „erneut massiv zurückgefahren“ wurden. Mit Leisetreterei könne man beim Verbraucher allerdings kein Profil als Unternehmer und Branche aufbauen, schreibt der BRV dem Reifenfachhandel ins Gebetbuch. Aber dies sei natürlich nicht die eine Ursache für den unbefriedigenden Geschäftsverlauf im Reifenhandel, sondern nur ein Einzelaspekt.

„Eine umfassende Ursachenforschung muss seitens des Reifenfachhandels und des BRV noch folgen – und dies zeitnah, um bezüglich des vor uns liegenden Geschäftsjahres rechtzeitig gegenzusteuern“, sagt der BRV-Vorstand unter Verweis darauf, dass der Branche nicht nur die Stückzahlentwicklung, sondern vor allem auch die Umsatz- und Ertragsentwicklung Sorge bereite. Preiserosionen im Produktbereich hätten zwar teilweise durch ein Mehr an Dienstleistungen nicht zuletzt vor dem Hintergrund der RDKS-Thematik aufgefangen werden können, doch würden die Umsatz- und Ertragssteigerungen im Servicesegment wohl „nicht ausreichen, um in der Breite der Branche negative betriebswirtschaftliche Ergebnisse im Reifenfachhandel zu verhindern“.

Dabei ist man beim BRV davon überzeugt, dass sich die Reifenfachhandelsbranche sehr wohl ihrer aktuell wohl nur als schwierig zu bezeichnenden Lage bewusst ist. Zumal angesichts leicht eingetrübter konjunktureller Aussichten für 2015 und in Erwartung eines weiterhin eher schwierigen Nutzfahrzeugreifengeschäftes im kommenden Jahr von zunehmenden Zweifeln so manchen Reifenhändlers berichtet wird, noch das richtige unternehmerische Geschäftsmodell zu praktizieren. Für den Verband nur ein Grund mehr, dem sich verändernden geschäftlichen Umfeld mit Flexibilität und Ideenreichtum entgegenzutreten, anstatt auf eingetretenen Pfaden weiterzugehen. Denn für 2015 werden einmal mehr keine dramatischen Absatzzuwächse vom BRV prognostiziert.

Wird derzeit noch gehofft, 2014 werde bei Pkw-Winterreifen mit einem Minus von knapp zehn Prozent abschließen und mit einem dreiprozentigen Plus bei Pkw-Sommerreifen, rechnet der BRV kommendes Jahr in beiden Segmenten mit einem Wachstum von jeweils 2,5 Prozent auf in Summe dann 42,6 Millionen Einheiten – davon 22,6 Millionen Sommer- und gut 20,0 Millionen Winterreifen. Bei 4×4-/Offroad- bzw. SUV-Reifen wird für 2015 weiteres Wachstum um 2,7 Prozent auf knapp 3,5 Millionen Stück vorhergesagt, während es dieses Jahr nicht ganz 3,4 Millionen Einheiten respektive ein Plus von drei Prozent sein sollen. Den für 2014 erwarteten knapp 3,3 Millionen Llkw-Reifen, die einem leichten Zuwachs um 0,6 Prozent entsprächen, werden nach BRV-Erwartungen 2015 nicht ganz 3,4 Millionen Stück entsprechend einem 2,4-prozentigen Plus folgen.

 

Im Geschäft mit Lkw-Reifen wird der Handel im kommenden Jahr demnach ziemlich genau zwischen 2,7 und 2,8 Millionen Einheiten und damit 1,9 Prozent mehr im Sell-out absetzen können als im noch laufenden Jahr, für das letztlich von 2,7 Millionen Stück bzw. einem 1,1-prozentigen Plus ausgegangen wird. Zum Wachstum trägt hierbei im Wesentlichen der Verkauf neuer und weniger der runderneuerter Nutzfahrzeugreifen bei: Jeweils einer knappen Million Runderneuerter stehen gemäß des aktuellen BRV-Szenarios gut 1,7 Millionen (2014) bzw. knapp 1,8 Millionen (2015) gegenüber. Der Erwartungswert für dieses Jahr scheint dabei nicht unrealistisch, sind es laut dem Sell-out-Panel des WdK mit Stand nach elf Monaten doch schon beinahe 1,6 Millionen Stück.

Schwieriger dürfte da schon werden, die Zielmarke bei den Llkw-Reifen zu erreichen, von denen der Handel bis dato gut 2,9 Millionen Stück entsprechend einem gut dreiprozentigen Minus an die Frau oder den Mann bringen konnte. Ob sich der nach laut WdK-Zahlen nach elf Monaten mit 18,2 Prozent besonders große Rückgang auf 16,2 Millionen Pkw-Winterreifen noch auf die jetzt vom BRV für 2014 vorhergesagten minus zehn Prozent bzw. knapp 19,6 Millionen Stück wird zurückführen lassen, muss man abwarten. Bezüglich Pkw-Sommerreifen und den 4×4-/Offroadreifen liegen die jüngsten Prognosen des Verbandes für 2014 mit jeweils drei Prozent Wachstum nicht allzu weit von der in beiden Fällen leicht über zwei Prozent liegenden tatsächlichen Entwicklung, die sich im WdK-Panel zum Stand Ende November diesbezüglich widerspiegelt.

Weitgehend von roten Zahlen verschont bleiben bei alldem die Reifenhersteller, wenngleich auch der Absatz der Industrie in Richtung Handel (Sell-in) sich nicht völlig unbeeindruckt von den während der zurückliegenden Monate immer länger gewordenen Bremsspuren im Sell-out zeigt. Die laut Statistik der European Rubber Manufacturers’ Conference (ERMC) im Zeitraum Januar bis November an die Handelpartner hierzulande ausgelieferten rund 40,3 Millionen Pkw-Reifen entsprechen immerhin einem 5,5-prozentigen Wachstum, das mit 6,2 Prozent auf 21,4 Millionen Stück bei solchen für den Wintereinsatz leicht höher ausfällt als die 4,6 Prozent auf 18,9 Millionen Reifen für die wärmeren Monate des Jahres. An Llkw- und Lkw-Reifen konnten mit knapp 3,2 Millionen respektive gut 1,3 Millionen Stück sogar 8,9 Prozent bzw. 5,8 Prozent mehr ausgeliefert werden. Einzig bei 4×4-/SUV-/Offroadreifen war der Trend knapp zwei Prozent rückläufig auf 2,7 Millionen Reifen. Wenn das doch nur die einzig schlechte Nachricht wäre. christian.marx@reifenpresse.de

3 Kommentare
  1. Hammer says:

    Der Schwanengesang für den Reifenfachhandel. Glorreich sind die Zeiten doch bereits seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts nicht mehr. Die situative Winterreifen-Pflicht 2006/2010 und die Abwrackprämie externe Hilfestellungen. Ich weiß nicht, wen der BRV mit seinen Mahnungen noch erreichen will. Flexibilität und Ideenreichtum hat der Handel nicht bewiesen, als die BRV-Studie Reifenmarkt 2020 erschien und die klare Abwärtstendenz darstellte. Seither hat sich in den Führungsetagen des Handels nichts getan. Also, woher sollen die erforderlichen Eigenschaften jetzt kommen? Ohnehin droht dem Fachhandel (nicht nur in der Reifen-Branche !!)binnen weniger Jahre weiteres Ungemach durch intelligente Shop-Assistenten auf den Handys. Fachberatung wird in wenigen Jahren obsolet sein. Wer davor die Augen verschließt, ist so intelligent wie jene, die vor einigen Jahren glaubten Reifen werden nicht online verkauft. Die Schwäche / Trantütigkeit des Fachhandels hat die Industrie doch dazu bewogen, forciert in eigene Ketten und ins Autohaus zu investieren. Davon ab stehen die Zeichen in unserer Gesellschaft ja schon seit geraumer zeit nicht mehr auf “Auto über alles”. Und: Die Reifen werden immer besser und auch haltbarer. Diese Erkenntnisse sind aber auch nicht neu.

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  1. […] die Entwicklung der Margen: Und die ist zumindest aufseiten des Handels ganz offensichtlich weit mehr als unbefriedigend, wie sich entsprechenden Rückmeldungen gegenüber dieser Fachzeitschrift entnehmen lässt. Nicht […]

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