EFR und Euromaster kaufen jetzt gemeinsam ein – Joint Venture Advantico gegründet

Der Wettbewerb auf dem deutschen Reifenmarkt hat sich 2014 weiter deutlich verschärft; große Überbestände und schwache bis negative Margen bestimmen das Bild auf allen Ebenen. Da scheint es wichtiger denn je zu sein, starke Partner an seiner Seite zu haben und die Zusammenarbeit – wo möglich – weiter voranzutreiben. Die Einkaufsgesellschaft Freier Reifenfachhändler (EFR) vollzieht vor diesem Hintergrund derzeit eine relative Neuausrichtung und bündelt den Einkauf und die Konditionsverhandlungen unter dem Dach einer neugegründeten Gesellschaft, an der Joint-Venture-Partner Euromaster die Mehrheitsanteile hält. Zusätzlich zu dieser Kernaufgabe rückt die Kooperation mit Sitz in Kassel auch beim Flottengeschäft künftig näher an Euromaster heran. Im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG erläutert EFR-Geschäftsführer Jochen Gehrke die Hintergründe dieser Allianz und wie man auch in Zukunft die eigene Unabhängigkeit wahren und im Wettbewerb – auch mit der Michelin-Tochter Euromaster – bestehen will.

Die EFR ist seit ihrer Gründung 1995 in ihrem Kern – wie in ihrem Namen vorgegeben – immer ein „Zusammenschluss Gleichgesinnter“ geblieben, der „soviel Kooperation wie nötig“ und nicht „soviel Kooperation wie möglich“ als Philosophie lebt. „Wir liefern heute ein auf die Bedürfnisse unserer Klientel ausgerichtetes konzentriertes Angebot“, so Jochen Gehrke, der am 1. Januar 2004 Ernst Lammel als Geschäftsführer der Kooperation mit Sitz in Kassel abgelöst hat. Zu diesem „konzentrierten Angebot“ gehört damals wie heute im Kern eben der gemeinsame Einkauf über die Bündelung von Volumina, Gehrke zufolge „die Kernfunktion unsere Kooperation“.

Seit der Gründung der Kooperation vor 20 Jahren habe man sich allerdings durchaus auch weiterentwickelt und sei heute alles andere als ein reiner „Konditionsoptimierungsverein“. Allein der Auf- und der Ausbau von „kontinuierlichen und verlässlichen Beziehungen zu Herstellern“, woran man bei der EFR in Kassel sehr interessiert ist, zeige, dass es nicht nur immer um die beste Kondition geht. So wie die EFR von ihren Partnern in der Reifenindustrie ein entsprechendes Entgegenkommen erwartet, so dürfen die Hersteller auch von der EFR und ihren Gesellschaftern auf eine auf lange Sicht angelegte vertrauensvolle Zusammenarbeit hoffen. Man könne zwar keinem EFR-Gesellschafter vorschreiben, was er wo kauft. Allerdings habe die „geleistete Überzeugungsarbeit“ in den vergangenen Jahren zumeist gefruchtet, so dass die mit den Lieferanten vereinbarten Ziele in der Regel erreicht wurden und außerdem auch jeweils ein auszuschüttender Überschuss auf Seiten der Zentrale am Jahresende übrig blieb.

Im Laufe der vergangenen Jahre hat es darüber hinaus sehr wohl auch Weiterentwicklungen an dem Angebot der Kooperation gegenüber ihren Gesellschaftern gegeben, an denen diese nicht zuletzt auch über den Beirat aktiv mitgewirkt haben und auch mitwirken. Auch wenn sich an der Firmierung der Kooperation – Einkaufsgesellschaft Freier Reifenfachhändler mbH & Co. KG – seit der Gründung 1995 nichts geändert hat, so habe man doch an einigen nicht unerheblichen Stellen das Angebot erweitert.

Die letzte große Veränderung war die Einführung von EFR+ vor sechs Jahren, in deren Kern ein gewisser einheitlicher Auftritt in der Außendarstellung steht. Man wolle zwar EFR nicht als Marke etablieren. Man müsse aber gerade in städtischen Regionen bei hohem Wettbewerbsdruck „gewisse Veränderungen im Markt“ zur Kenntnis nehmen, die gerade bekannten Organisationen des Reifenhandels in die Hände spielen. Nämlich, dass Endverbraucher dort in der Regel eine lockerere Verbindung zu Unternehmen der Kfz-Branche haben als etwa auf dem flachen Land, wo „man sich kennt“. Folglich sei eine CI-Komponente über einen gewissen einheitlichen Auftritt wichtig, wichtiger sei aber die individuelle Internetseite im EFR+-Look als nutzbarer Baustein wie auch umfangreich nutzbares POS-Material. All diese EFR+-Konzeptbestandteile müsse man als Gütesiegel im Wettbewerb mit anderen Anbietern verstehen.

Das Konzept EFR+ habe sich seit seiner Einführung vor sechs Jahren bereits gut etabliert, bescheinigt Geschäftsführer Jochen Gehrke. Aktuell gibt es in Deutschland 241 EFR-Gesellschafter (mit 292 Verkaufsstellen), von denen über 70 als EFR+-Partner gelten, also rund 30 Prozent. In Österreich sind dies noch einmal 30 EFR-Gesellschafter (mit 38 Verkaufsstellen), von denen bisher allerdings nur zwei EFR+-Partner werden wollten. Gehrke zufolge könnten demnächst allerdings noch weitere Gesellschafter hinzukommen.

Weitere Veränderungen an dem Angebot der Kooperation habe es etwa noch in Bezug auf den Einkauf über eine gemeinsame B2B-Plattform gegeben: den sogenannten „EFR-Marktplatz“. Dabei arbeite man mit der Allportal GmbH zusammen, ihrerseits Betreiber von Reifenbörse.de. War die EFR ursprünglich eher industrieorientiert, so Gehrke, so arbeite man heute ebenfalls mit den etablierten Reifengroßhändlern zusammen, von denen einige eben auch ihre Ware über den EFR-Marktplatz anbieten; ebenfalls kann die Plattform von EFR-Gesellschaftern für den Handel untereinander genutzt werden. „Der EFR-Marktplatz bietet den Gesellschaftern die Möglichkeit, Waren über Drittanbieter zu beziehen und selbst unabhängig Ware zum Verkauf anzubieten.“

Man konzentriere sich bei etwaigen Veränderungen im Angebot „auf Bereiche, die mehrheitlich von den Gesellschaftern gefordert werden“, unterstreicht Jochen Gehrke das grundsätzliche Prinzip der Zusammenarbeit unter den unabhängigen Unternehmern in der EFR-Kooperation. An diesem Ansatz habe man zurecht seit der Gründung der Einkaufsgesellschaft Freier Reifenfachhändler nichts geändert; so sei es möglich gewesen, „eine schlanke Kooperation zu bleiben“. Dies gelte auch für die Kooperationszentrale in Kassel. Dort sind derzeit vier Mitarbeiter – inklusive Gehrke – tätig; ein weiterer Mitarbeiter kümmert sich im Außendienst um das Flottengeschäft der Gesellschaft.

Dieses Geschäft wird – aus traditionellen Gründen – immer noch über eine 2002 gegründete EFR-Tochtergesellschaft namens IFS International Fleet Service GmbH mit Sitz in Bad Hersfeld abgewickelt. An der waren ursprünglich auch Pneuhage und point S beteiligt; 2008 hatte EFR dann aber die Anteile seiner IFS-Mitgesellschafter übernommen. Seither hat die EFR in Bezug auf ihr Flottengeschäft die Nähe zu Euromaster gesucht. Mehr noch: „Unsere Zusammenarbeit wird noch ein stückweit ausgeweitet“, gibt Jochen Gehrke zu Protokoll. Was dies genau bedeuten werde, gerade für die IFS, deren Zukunft, sowie die EFR und deren jeweilige Aufgaben dabei, mochte der EFR-Geschäftsführer noch nicht mitteilen. Man beschäftige sich mit verschiedenen „Gedankenmodellen“.

Sehr konkret hingegen ist die EFR bereits in Bezug auf ihre Zusammenarbeit in Sachen Einkauf mit Euromaster geworden. Wie Jochen Gehrke betont, habe es in den vergangenen Jahren „Marktveränderungen mit einer gewissen Dynamik“ gegeben, deren Auswirkungen auf das Geschäftsmodell sich ein Kooperationsgeschäftsführer eben ganz genau anschauen müsse. Entsprechende „Konzentrationsprozesse“ am Markt seien schließlich schwer zu übersehen, so Gehrke. War die Kernaufgabe der EFR seit ihrer Gründung 1995 stets die Bündelung von Einkaufsvolumina zur Erlangung besserer Konditionen, so hat die EFR mit Vertrag vom 1. August sogar ein Gemeinschaftsunternehmen mit Euromaster gegründet: die Advantico GmbH. Der Sitz der per Ende September eingetragenen Gesellschaft ist Kaiserslautern. Während die dort ebenfalls ansässige Euromaster GmbH 60 Prozent der Anteile hält, ist die Einkaufsgesellschaft Freier Reifenfachhändler mbH & Co. KG Minderheitseigentümer. Dieses Anteilsverhältnis spiegelt sich auch in der Geschäftsleitung wider, wenn auch nur zufällig, wie Gehrke betont. Zu Geschäftsführern der neuen Advantico GmbH ernannt wurden Thomas Mecky (Einkauf Euromaster), Peter Keuth (Justiziar Euromaster) und eben Jochen Gehrke.

Die Zusammensetzung der Advantico-Geschäftsführung wurde entsprechend gewählt, da bei Euromaster wie auch im Michelin-Konzern ganz allgemein das sogenannte Vier-Augen-Prinzip gelte. „Auch die EFR hätte zwei Geschäftsführer entsenden können, hat aber aus Vereinfachungsgründen darauf verzichtet“, so der EFR-Geschäftsführer. Der Gesellschaftsvertrag „wahrt die Interessen auch in der Minderheitskonstellation, ansonsten hätte der Beirat diesem Vorhaben kaum zugestimmt“, will Gehrke festgestellt wissen.

Dieser betont gegenüber der NEUE REIFENZEITUNG weiter, einziger Gegenstand der Gesellschaft ist „das Poolen unserer Einkaufsvolumina“. Das bedeutet konkret: Während bisher die EFR bzw. Euromaster jeweils für sich Konditionen mit den verschiedenen Lieferanten – natürlich auch mit der Euromaster-Muttergesellschaft Michelin – verhandelt hat, geschieht dies in Zukunft unter dem Dach der Advantico. Auf diese Weise werde man durchaus attraktiver für Lieferanten, weil noch größer, und könne außerdem die eigene Wettbewerbsfähigkeit sowie die der Gesellschafter stärken. Dies treffe insbesondere in Bezug auf Fabrikate zu, die nicht aus dem Hause Michelin stammten, wo man traditionellerweise seit eh und je ein gutes Standing habe.

Advantico selber werde keine Reifen vermarkten; Gegenstand des Unternehmens sei „der Betrieb einer gemeinsamen Servicegesellschaft zur Förderung einer Einkaufskooperation auf dem Gebiet des Reifenfachhandels. Die Gesellschaft wird nicht als Handelsunternehmen tätig und wird Produkte des Reifenfachhandels zum Zwecke der Gewinnerzielung weder erwerben noch veräußern“, lässt sich dazu in den Neueintragungen des Handelsregisters Kaiserslautern nachlesen.

Auf Nachfrage, was diese relative Neuausrichtung – gerade in Bezug auf die Kernaufgabe der bisherigen EFR – nun für die Einkaufsgesellschaft und deren Mitglieder selber konkret bedeute, will Jochen Gehrke festgestellt wissen: „Dies ist keine Fusion und keine Übernahme“, auch stehe eine solche Fusion oder Übernahme in überschaubarer Zukunft „nicht im Entferntesten“ an. Selbst der Begriff „Integration“ schieße bereits übers Ziel hinaus; richtiger sei es, hier von einer „Allianz“ zu sprechen. Denn: „Euromaster und EFR bleiben Wettbewerber am Markt“ und die EFR werde auch „kein Euromaster-Franchisenehmer“. Nicht zuletzt seien die beiden Joint-Venture-Partner aus kartellrechtlichen Gründen dazu verpflichtet, „am Markt als Wettbewerber aufzutreten“. Ein gemeinsamer Einkauf müsse auch nicht automatisch zu einer gemeinsamen Vermarktung in irgendeiner Form kommen, so Gehrke weiter, und erinnert in diesem Zusammenhang an ähnliche Konstellationen in der Automobilbranche.

Dennoch werden sich unterdessen aber vermutlich nicht Wenige am Markt fragen, wie ein entsprechender Wettbewerb aussehen soll, wenn die EFR beim zentralen Einkauf mit Euromaster sehr wohl die Kräfte bündelt, mit anderen Worten: fusioniert. Und wenn die EFR außerdem in Bezug auf das Flottengeschäft bereits mit Euromaster kooperiert und diese Kooperation sogar noch ausweiten will. Es scheint jedenfalls, als ob sich die EFR an den von ihrem Geschäftsführer beschriebenen Konzentrationsprozessen durchaus beteiligt. Auch wenn es vielleicht keine formelle Fusion auf gesellschaftsrechtlicher Ebene gibt, so kommt die derzeit stattfindende Neuausrichtung einer Quasi-Angliederung der EFR an Euromaster doch schon sehr nahe – eine „Allianz“. Die Philosophie der EFR ist eben „soviel Kooperation wie nötig“ und nicht „soviel Kooperation wie möglich“.

So oder so, zum Wohle der EFR-Gesellschafter wird eine entsprechende Entwicklung mit größter Sicherheit sein; gerade was die Einkaufskonditionen betrifft, so darf man durchaus einige Verbesserungen – bei Michelin wie auch bei anderen Lieferanten – erwarten. Dies sollte den 280 EFR-Gesellschaftern gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu Gute kommen. arno.borchers@reifenpresse.de

 

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