Mehr als Reifen und Räder: Tuningmarkt befördert Spezialistentum

Tiefer, breiter, schneller. Einmal im Jahr trifft sich die Tuningbranche in Essen auf Europas größter Messe und bedeutendsten Leistungsshow für Tuning, Motorsport, sportliche Serienfahrzeuge und Classic Cars. Internationales Publikum und eine steigende Zahl von Ausstellern feiern eine Branche, der rückläufige Konjunkturerwartungen und deutlich sinkende Erstzulassungen im Pkw-Bereich bislang wenig anhaben konnten. Im Gegenteil: Nach nur moderaten Einbußen im Krisenjahr 2009 und einem stabilen Folgejahr knüpften die im Verband der Automobil Tuner (VDAT) zusammengeschlossenen Unternehmen 2011 mit einem Umsatz in Höhe von 4,6 Milliarden Euro nahtlos an die Bestmarken aus den Jahren 2006 bis 2008 an. Seitdem sind die Zahlen weitgehend stabil. Ausschlaggebend dafür sind zwei auffällige Trends, von denen insbesondere jene Unternehmen profitieren, die sich mit ihren Produkten und Dienstleistungen im Premiumbereich bewegen.

Erstens steigt die Zahl derer, die bereit sind, für ihre Leidenschaft tief in die Tasche zu greifen. Und zweitens spielt Qualität bei der Fahrzeugveredelung für Käufer eine immer größere Rolle. Nahezu jeder Fünfte Tuningbegeisterte investiert mittlerweile mehr als 10.000 Euro in sein Fahrzeug. Und nahezu jeder Zweite setzt dabei ausschließlich auf hochwertige Produkte.

Dabei verzeichnet die Branche wie der normale Fahrzeugmarkt eine zunehmende Internationalisierung. Zwar ist Deutschland neben Amerika nach wie vor einer der umsatzstärksten Tuningmärkte überhaupt, dennoch sind VDAT-Angaben zufolge nur noch fünf Prozent der Mitgliedsunternehmen ausschließlich auf dem Heimatmarkt tätig. Deutlich über 80 Prozent generieren ihre Umsätze mittlerweile europaweit. Und bereits 15 Prozent sind überwiegend außerhalb Europas erfolgreich. Im Mittelpunkt des Interesses für die Global Player stehen dabei die aufstrebenden Märkte China, Russland, Indien und Südamerika.

Nichts geändert hat sich über die Jahre am zentralen Kaufgrund für Tuningfahrzeuge und -teile. Haupttriebfeder ist der Ausdruck der eigenen Persönlichkeit durch Individualisierung. Dicht gefolgt vom Wunsch nach technischer Verbesserung und einem Plus an Sicherheit. Der Bedarf an gesteigerten Höchstgeschwindigkeiten wird von den Fahrzeugherstellern zunehmend bereits ab Werk gedeckt.

Nach wie vor beginnt Tuning bei Breitreifen samt der dazugehörenden Räder. Nicht ohne Grund, denn mit ihren größeren Bodenaufstandsflächen stehen sie unter anderem für bessere Fahreigenschaften, kürzere Bremswege und besseren Nassgriff. Mit zunehmender Reifenbreite steigen Kurvenstabilität, Lenkpräzision, die Fähigkeit zum Fahrspur- und Lastwechsel sowie die Sportlichkeit. Da ist es nicht verwunderlich, dass mehr als ein Viertel aller Branchenumsätze auf Rad-Reifen-Kombinationen entfällt. Von der herausgehobenen Bedeutung profitieren angesichts des Trends zu Qualität und Sicherheit in der Reifenindustrie insbesondere die Hersteller hochwertiger Premiumprodukte.

Weil die High-Speed-Grenze von den Fahrzeugherstellern immer weiter hinausgeschoben wird, verschiebt sich auch die Nachfrage nach einzelnen Dimensionen des Ultra-High-Performence-Segments (UHP). Verzeichneten die 17-Zoll-Größen 2010 europaweit noch ein beachtliches Wachstum von fast 13 Prozent, stagnierten sie 2011 mit einem Plus von knapp oberhalb einem Prozent und müssen seit 2012 Rückgänge hinnehmen. Auch im 18-Zoll-Bereich reduzierte sich die Dynamik deutlich. Einer Nachfragesteigerung um mehr als 15 Prozent in 2010, folgten Wachstumsraten von zehn Prozent in 2011 und seitdem nur noch minimales Wachstum. Dem stehen Steigerungen vor allem bei Größen ab 20 Zoll aufwärts entgegen. Dieser Bereich verzeichnete 2009 noch ein Miniplus von unter zwei Prozent, wuchs aber in 2011 um rund 27 und 2012 um rund 29 Prozent.

Marktexperten gehen davon aus, dass die Mengenverschiebungen zugunsten der größeren Dimensionen auf absehbare Zeit anhalten wird. Schließlich rollen Fahrzeuge wie der R8 von Audi und der Porsche 911 Turbo S mit ihren in der Spitze über 300 km/h mindestens auf 19-Zoll-Reifen. Ganz zu schweigen von Boliden unter anderem von Ferrari, Bugatti und Jaguar, die noch höhere Endgeschwindigkeiten erreichen. Angesichts dieser serienmäßigen Geschwindigkeiten ist es übrigens wenig überraschend, dass Tuningbegeisterung von Fahrzeugkäufern heute nicht mehr vordergründig durch ein Plus an Geschwindigkeit zum Ausdruck gebracht wird.

So kommt es, dass zum Einen sportliche Lösungen aus der Großserienproduktion bis hinein in den gehobenen Tuningbereich sinnvoll eingesetzt werden können, heißt es dazu etwa vonseiten der Continental. Zum Anderen aber vergleichsweise herkömmliche Reifen angesichts der zunehmend sportlicheren Boliden dem Anspruch der Tuningbranche im Highend-Bereich immer weniger gerecht werden. Entsprechend ist die Entwicklung von Ultra-High-Performance-Reifen in den zurückliegenden Jahren mehr und mehr zu einem höchst anspruchsvollen Aufgabenfeld für Spezialisten geworden.

Supersportler, die schon ab Werk über 300 km/h schnell sind, erfordern für die Leistungssteigerung und Individualisierung immer speziellere Lösungen. „Diesen Trend hat Continental frühzeitig erkannt. Die Techniker des führenden europäischen Reifenherstellers stehen schon seit Jahren im direkten Kontakt mit den Top-Veredlern der Branche. Aufwendige Weiterentwicklungen wie der Blueco – auf Basis des ContiSportContact 5 P – für AC Schnitzer und innovative Lösungen wie der ContiSportContact Vmax und der ContiForceContact werden aus dem konkreten Bedarf dieser Edeltuner abgeleitet und entstehen im Rahmen von aufwändigen Technologiepartnerschaften.“

Unübersehbar geworden ist zuletzt der Trend zum sportlichen Wintereinsatz. Seit der Einführung des ersten Winter-V-Reifens im Jahr 2000 durch Continental, der an allen Pkw Geschwindigkeiten bis 240 km/h ermöglichte, ist eine rasche technische Weiterentwicklung zu verzeichnen. Schon 2003 wurden Geschwindigkeiten bis 270 km/h möglich. Mit der weiter steigenden Wintertauglichkeit der UHP-Kältespezialisten stieg auch die Akzeptanz höherer Geschwindigkeitsindizes beim sportlich orientierten Endverbraucher.

Dass die Fahrzeughersteller mit immer stärkeren Motorvarianten aufwarten und gleichzeitig mit einer zunehmenden Ausweitung des Originalzubehörprogramms dem Individualisierungswunsch bereits ab Werk deutlich entgegenkommen, geht an der Tuningbranche nicht spurlos vorbei. Mehr und mehr entwickelt sich Tuning zu einem Geschäftsfeld, in dem nur noch reine Spezialisten dauerhaft erfolgreich am Start sind. Diese konzentrieren sich – zumindest im Premiumbereich – zunehmend auf die Veredelung von Fahrzeugen bestimmter Hersteller und sind mit diesem besonderen Know-how auch international gefragt. Immer speziellere High-End-Lösungen treiben Aufwand und Kosten. ab

 

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