Kabat Group will mit Runderneuerung weiter wachsen

Als Marktführer zusätzliches Wachstum zu generieren, ist nie besonders einfach. Verwandte Geschäftsfelder hingegen, in denen man außerdem bereits einiges an Expertise vorweisen kann, bieten immer Potenzial. Zu dieser Überzeugung gelangten kürzlich auch die Brüder Andrzej und Tadeusz Kabat. Nachdem sie mit ihrer Kabat Group seit über einem Vierteljahrhundert zu einer festen Größe des europäischen Schlauchmarktes zählen und auch in der Herstellung von Gummimischungen und technischen Gummiartikeln einen Namen haben, begannen sie im vergangenen Jahr etwas völlig Neues: Sie starteten zunächst mit der Produktion von Landwirtschaftsreifen und wollen spätestens im kommenden Jahr auch Industriereifen einführen. Außerdem zählen die Kabat-Brüder seit der Übernahme einer ehemaligen Stomil-Produktion seit 2012 auch zu den größten Runderneuerern Polens – und wollen weiter wachsen.

button_retreading-special-schriftzug-jpg Dieser Artikel ist in der September-Ausgabe unserer Runderneuerungsbeilage „Retreading Special“ erschienen, die Abonnenten hier als E-Paper lesen können.

Die polnische Kabat Group kann mittlerweile auf eine mehr als 25-jährige Geschichte zurückblicken. Die Brüder Andrzej und Tadeusz Kabat gründeten bereits 1983 das nach ihnen benannte Unternehmen und bauten es in den folgenden Jahren zum größten Hersteller von Schläuchen in Europa aus. 1995 wurde in Budzyń 40 Kilometer nördlich von Poznan das neue Werk eingeweiht; 2007 dann konnte man den kompletten Maschinenpark des Goodyear-Debica-Schlauchwerks übernehmen, was dem Unternehmen einen erneuten Wachstumsschub versetzte. Heute fertigt Kabat sieben Millionen Schläuche, 15.000 Tonnen Gummimischungen und -artikel – das sind neben den Mischungen im Wesentlichen Fußmatten für Autos, Bodenbeläge aus Gummi und Gummiprofile – und setzt damit 42 Millionen Euro um (2013), 80 Prozent davon auf Exportmärkten. Man sieht sich zurecht als „größter Schlauchhersteller Europas“ mit Marktanteilen von bis zu 40 Prozent, erklärt Andrzej Kabat im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG.

Herzstück der polnischen Kabat Group ist die Herstellung von Schläuchen, Gummimischungen und technischen Gummiartikeln in der 1995 in Budzyń bei Poznan errichteten Fabrik

Herzstück der polnischen Kabat Group ist die Herstellung von Schläuchen, Gummimischungen und technischen Gummiartikeln in der 1995 in Budzyń bei Poznan errichteten Fabrik

Im vergangenen Jahr dann hat die Kabat Group noch einmal kräftig in seine Expansion investiert. Mit den Gesamtinvestitionen in Höhe von 5,5 Millionen Euro hat Kabat am Stammsitz in Budzyń eine Landwirtschaftsreifenproduktion aufgebaut. Das Sortiment ist freilich noch klein und der Output entsprechend. Dennoch kann das polnische Unternehmen bereits acht verschiedene Profile anbieten; ab dem kommenden Jahr folgen etwa auch radiale Schlepperreifen in 38 Zoll. Im kommenden Jahr möchte man aber bereits rund zwei Millionen Landwirtschaftsreifen verkaufen, die allesamt unter dem Markennamen „Kabat“ auf den Markt kommen.

Damit nicht genug: Andrzej Kabat zufolge wolle man noch im Laufe dieses Jahres ein weiteres Großprojekt in Angriff nehmen: die Herstellung von Industriereifen. Während die anfängliche Produktion ab dem kommenden Jahr rund 50.000 Vollgummireifen umfassen soll, sind auch pneumatische Industriereifen bereits in Planung, so der Firmeninhaber gegenüber dieser Zeitschrift. Die Details dieses Projektes würden aktuell ausgearbeitet.

Im Gegensatz zu diesen Entscheidungen, die unternehmerischen Aktivitäten ganz bewusst auf neue Geschäftsfelder auszudehnen, nimmt sich eine weitere Entscheidung schon eher zufällig aus, auch wenn sie Andrzej Kabat zufolge ebenfalls dabei helfen kann, das Unternehmen noch breiter aufzustellen und weiteres Wachstum in verwandten Geschäftsfeldern möglich zu machen. 2012 wollte der Inhaber der ehemaligen Stomil-Runderneuerung mit Sitz in Owińska, ebenfalls nördlich von Poznan und 1995 privatisiert, seinen Betrieb verkaufen. Die Kabat-Brüder – seit Jahren gute Lieferanten der Stomil-Runderneuerung – sahen eine günstige Gelegenheit für weiteres Wachstum, und nutzten diese. Sie kauften die Anlage und firmierten sie um in ATK-Retreads Polska, wobei das Akronym ATK den Initialen der Kabat-Brüder Andrzej und Tadeusz entspricht.

Der polnische wie auch der europäische Runderneuerungsmarkt schienen groß genug für das Unternehmen und ausreichend Potenzial für weiteres Wachstum zu bieten. Dabei schließt sich mit der Übernahme auch gewissermaßen ein alter Kreis. Bevor die Kabat-Brüder in den 1980er Jahren in großem Umfang in die Herstellung von Schläuchen und Gummimischungen und -artikeln eingestiegen waren, hatten sie Schläuche und Reifen repariert und auch Pkw-Reifen in kleinem Umfang runderneuert, wie sich Andrzej Kabat an die Anfänge seines Unternehmens erinnert. 1992 stoppte man allerdings die Runderneuerung wieder und konzentrierte sich auf das eigentliche Kerngeschäft der Kabat Group.

Seit der Übernahme der ehemaligen Stomil-Runderneuerung haben die neuen Eigentümer die Entwicklung am Standort indes weiter vorangetrieben. Wie Piotr Myszkowski, Präsident von ATK-Retreads Polska, gegenüber der NEUE REIFENZEITUNG erläutert, runderneuert das Unternehmen ausschließlich Lkw-Reifen, und zwar rund 40.000 Stück jährlich, hergestellt von 110 Mitarbeitern. Während in der Produktion am Standort, wo bereits seit 1948 runderneuert wird, lange Jahre ausschließlich heißrunderneuert wurde, kam später auch die Kaltrunderneuerung hinzu. Heute, so Myszkowski weiter, bestehe ein Viertel der Produktion aus Kaltrunderneuerten. Da Kabat über ein Vierteljahrhundert Expertise in der Herstellung von Gummimischungen verfügt, stellt ATK-Retreads Polska selbst alle Laufstreifen für die eigene Produktion her. Dabei müsse man sich in Sachen Qualität auch nicht vor externen Anbietern verstecken, ergänzt Andrzej Kabat.

Auch für die Heißrunderneuerung bezieht ATK-Retreads Polska die Gummimischungen natürlich ausschließlich vom Mutterunternehmen Kabat und ist folglich auch dort weitestgehend autark in seiner Versorgung. Auch wenn Polen und viele andere Länder Osteuropas weiterhin stark durch die Kaltrunderneuerung geprägt sind, will Kabat mit seinem hohen (westeuropäischen) Exportanteil von 85 Prozent und der zunehmenden heimischen Nachfrage künftig mehr die Heißrunderneuerung forcieren und hier investieren. In Polen entstehen heute immerhin schon 30 Prozent der rund 250.000 jährlich runderneuerten Lkw-Reifen im Heißverfahren.

Aktuell sind bereits 30 Pressen in Owińska in Betrieb. Noch diesen Herbst sollen vier weitere moderne Pressen aus italienischer Fertigung hinzukommen, so Piotr Myszkowski weiter. Auch in diesen Pressen werde man dann von Wulst zu Wulst runderneuern können, was immer öfter von Kunden nachgefragt werde.

ATK-Retreads Polska hängt augenscheinlich, wie eben beschrieben, stark vom Export ab. Die Neujustierung der Absatzverhältnisse soll idealerweise aber über die Vergrößerung des Anteils an in Polen verkauften runderneuerten Reifen geschehen und nicht über die Verringerung des Exportanteils.

Wachstum auf dem polnischen Reifenmarkt scheint allerdings auch den Kabat-Brüdern nicht leicht zu erreichen, wissen sie doch um die Besonderheiten ihres Heimatmarktes. Während es in Westeuropa Märkte gibt, auf denen der Anteil runderneuerter Lkw-Reifen am gesamten Ersatzmarkt nahe 50 Prozent liegt, hängt Polen mit rund 25 Prozent dieser Entwicklung noch deutlich hinterher. Auch wenn die Karkasssituation folglich zumindest rein rechnerisch besser sein müsste als in anderen Ländern, ist es auch für ATK-Retreads Polska nicht immer einfach, gute runderneuerungsfähige Karkassen zu bekommen.

In dieser Situation kommt Andrzej Kabat zufolge auch ein in Polen immer noch vorherrschendes Fehlverhalten vieler Endverbraucher zum Tragen: Ein umfassendes Verständnis der Vorteile einer guten Runderneuerung ist immer noch nur selten zu finden, Neureifen werden bis auf die Kordlagen durchgefahren oder – wenn sie noch nicht kompletter Schrott sind – als Gebrauchtreifen weiter verkauft. Außerdem, so gibt auch der Firmeninhaber zu, glänzten immer noch nicht alle der rund 30 polnischen Runderneuerer mit Qualität. Während unter den polnischen Runderneuerern vielleicht ein Viertel eine gewisse Größe und ein international anerkanntes Geschäft vorweisen können, produzieren drei Viertel davon lediglich für ihren kleinen lokalen Markt. Immer noch tragen einige Runderneuerer in Polen dazu bei, dass der Ruf der Branche sich nur langsam verbessert und dass folglich die Nachfrage nach Runderneuerten gerade bei kleinen Fuhrunternehmern nur zaghaft wächst. In diesem Zusammenhang sieht sich natürlich auch ATK-Retreads Polska in der Pflicht, wie deren Präsident zu berichten weiß. Man müsse stetig daran mitarbeiten – ob über den Kontakt der Außendienstmitarbeiter oder bei Messen –, das Image der Runderneuerung auch in Polen ganz allgemein zu verbessern. In der eigenen Produktion jedenfalls komme man dieser Pflicht durchaus nach; ATK-Retreads Polska betreibt nicht nur eine moderne Shearografieanlage und nutzt am liebsten 1A-Karkassen, sondern arbeitet selbstverständlich auch nach ECE-R 108/109. arno.borchers@reifenpresse.de

 

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