Das Geschäftsmodell von Ihle Baden-Baden kommt unter die Räder – Will Michelin auch den Großhandel kontrollieren?

Donnerstag, 18. September 2014 | 1 Kommentar
 

Dass unter Reifengroßhändlern in Deutschland eine Restrukturierungsrunde ansteht, ist mit den Händen greifbar. Dass aber Ihle Baden-Baden den Anfang macht und mit Michelin gleich einen Käufer präsentieren kann, ist überraschend.

In den letzten Monaten gingen bei der Redaktion bezüglich Ihle wiederholt Gerüchte ein, die jedoch samt und sonders keiner gründlichen Überprüfung standhielten. Es besteht stets die Gefahr, dass anonym platzierte Gerüchte von (ehemaligen) Mitarbeitern und/oder Wettbewerbern stammen und nicht zu verifizieren sind. Im Gegenteil, aus den im Bundesanzeiger bis 2012 veröffentlichten Bilanzen (das Jahr 2013 liegt noch nicht vor) zeichnet sich keine Notlage ab, Ihle Baden-Baden erscheint als gesundes und erfolgreiches Unternehmen.

Allerdings ist Ihle – wie der gesamte Markt – von Umsatz- und Absatzrückgängen betroffen, eine Entwicklung, die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in Baden-Baden im Jahr 2013 fortgesetzt haben wird und auch in den kommenden Jahren vermutlich nicht umkehren wird schon allein wegen des immer stärker in Erscheinung tretenden Online-Geschäfts; hier besteht eine Ihle-Partnerschaft mit der französischen, der Michelin nahestehenden Tyredating (Popgom). Die vom Handel insgesamt beklagte zu hohe Preistransparenz drückt auf die Margen und verheißt für die Zukunft wenig Gutes. So könnte der Eindruck gewonnen werden, der Reifengroßhandel habe seine Höhepunkte hinter sich und die Zukunftsaussichten blieben wolkenverhangen. Und wenn das so ist, verkauft man sein Geschäft, solange es noch geht und der Preis halbwegs vernünftig verhandelt werden kann.

Das Ihle-Geschäftsmodell beruht darauf, relativ kleine Reifenmengen an viele Tausend Kunden schnell, zuverlässig und kostengünstig liefern zu können. Ihle verfügt über eine perfekt funktionierende Logistik für die Kleinverteilung. Daraus erklärt sich auch das besondere Interesse der Firma Michelin, die sich von diesen Kleinlieferungen aus Kostengründen mehr und mehr verabschiedet und dies Großhändlern übertragen hat. Dieses bis vor wenigen Jahren als äußerst stabil geltende Geschäftsmodell muss mehr und mehr allein durch die zunehmende Bedeutung des Online-Geschäftes mit Endverbrauchern hinterfragt werden.

Der Vorstandsvorsitzende der Ihle Baden-Baden AG, Dr. Fabian Bohne, ist ein im Metier absolut anerkannter Könner. Aber er gilt auch als Mensch mit mehr als nur ein paar Ecken und Kanten. Mit für ihn nennenswerten Lieferanten kommt er gut klar, allerdings halten ihn einige Reifenhersteller auch auf Distanz, weil – so munkelt man – Dr. Bohne alles besser wisse und eine Spur zu arrogant entsprechende Unterwerfung dieser Lieferanten fordere. Äußerst kritisch wird Bohnes Menschenführung beurteilt. Manager kommen und gehen wie in einem Taubenschlag. Dabei können doch kaum alle schnell wieder geschassten Manager Versager oder Idioten gewesen sein.

Gelegentlich war aus Kreisen von Michelin-Managern zu hören, wie interessiert man an einer Beteiligung bei Ihle Baden-Baden sei. Dass es eine solche Beteiligung in Höhe von rund 20 Prozent bereits gab, war aber bis dahin nur ein paar wenigen Insidern bekannt. Nun will Michelin also die Beteiligung auf hundert Prozent aufstocken. Sollte dies so kommen, bekäme Michelin mit Ihle einen Reifengroßhändler mit einem Umsatz von rund 175 Millionen Euro, wobei nur 65 Millionen Euro auf dem deutschen Markt generiert werden. Und wie hoch ist der Anteil von Michelin-Reifen?

Wo also könnte der Sinn der Ihle-Übernahme durch Michelin liegen? Wie werden andere Reifengroßhändler reagieren? Bisher hat Ihle mit vielen Fabrikaten gearbeitet. Aber liegt es im Interesse von Goodyear, Pirelli oder Continental, Ihle Baden-Baden (und damit Michelin) wie bisher zu beliefern mit der Folge, dass der große Wettbewerber Michelin bestens informiert sei. Somit könnten die Motive völlig andere sein. Michelin könnte Ihle die gesamte „Klein-Klein-Belieferung“ an eine Vielzahl von Kunden übertragen mit der Folge, dass das Geschäftsmodell zu einem reinen Logistikmodell wird.

Nachfragen bei Michelin und Ihle haben wir uns hierzu erspart. Was sollte man uns derzeit dazu auch sagen. Und vor allen Dingen: Wer sollte dazu Stellung nehmen momentan? klaus.haddenbrock@reifenpresse.de

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Kategorie: EDV & Online, Markt

Kommentare (1)

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  1. Omega sagt:

    Schade um dieses Traditionshaus. Von der Familie über Jahrzehnte sauber und korrekt geführt. Und nun kommt ein Himmelsstürmer und holt die Sterne herab. Auch eine Promotion ersetzt Erfahrung nicht. Ohne Demut bleibt nIemand erfolgreicher Unternehmer. Ich bin grenzenlos enttäuscht. Herr und Frau Ihle haben es doch kommen sehen. Und nichts unternommen. Wie stets, wir kleinen Mäuse sind die Verlierer und müssen schweigen. Oder können uns in die Arbeitslosigkeit verabschieden. Ich befürchte, dies interessiert manchen Herrn nicht die Bohne.

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