Die Digitalisierung des Reifenmanagements

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„Weder die Hersteller noch die Händler von Reifen verdienen daran, dass Reifen lange halten.“ Dieser Satz erinnert fatal an den Reifenhändler, der vor Jahren unter seiner Signatur unter Briefen an die NEUE REIFENZEITUNG gerne den wohl als witzig empfundenen Zusatz „Peng! Es lebe der Verschleiß“ folgen ließ. Wer so denkt, der wird schwerlich nachhaltige Kundenbindung aufbauen. In einer immer transparenter werdenden Welt wird auf Dauer auch in Geschäftsbeziehungen nur von Wahrhaftigkeit geleitetes Handeln Bestand haben. Wer Fahrzeugflotten die für ihren jeweiligen Bedarf adäquaten Reifen und Reifenservices zu den richtigen Kosten anbietet, der wird sich im Markt durchsetzen. Er ist durch die fortschreitende Technik auch gezwungen, bei seinen Empfehlungen die Brille seines Kunden aufzusetzen. Weil die – jedenfalls wenn sie nicht bewusst manipuliert wurde – digitale Welt nicht lügt, sorgt sie für Glaubwürdigkeit bei Anbieter „A“ und entlarvt Anbieter „B“, wenn er seine Eigeninteressen verfolgt.

Schöne neue Welt

Die Begrifflichkeit Telematik ist etwa dreieinhalb Jahrzehnte alt und ein zusammengesetztes Wort aus Telekommunikation und Informatik. Daher wird sie auch als eine „Querschnittstechnologie“ bezeichnet, in der verschiedene Wissensbereiche miteinander kombiniert werden, um daraus Synergien generieren zu können. Längst ist Telematik daher auch zu einem Studienfach geworden. Und zwar eines, das durch den enormen Fortschritt der digitalen Welt von Jahr zu Jahr neu erfunden werden muss, weil Systeme wie das Internet oder Mobilfunk auf gemeinsamen Plattformen zusammengeführt werden. Miteinander verknüpfte Bereiche sind beispielsweise Verkehrstelematik, Flottenmanagement und E-Commerce. All dieser technologische Fortschritt weckt natürlich auch Ängste hinsichtlich geradezu einer Vollüberwachung von Menschen, hier des Pkw- oder Lkw-Fahrers, dessen Sozius „Big Brother“ hieße. Willkommen in der schönen neuen Welt einer optimierten Mobilität in Fahrzeugflotten, die heute bereits sehr weitgehend Realität ist und uns zeigt, dass jedenfalls die technischen Voraussetzungen bestehen, diese Welt auch in unsere Privatsphäre eindringen zu lassen.

Die Ausstattung der Servicefahrzeuge wird anspruchsvoller werden

Die Ausstattung der Servicefahrzeuge wird anspruchsvoller werden

Was hat all das nun mit dem Thema einer Fachzeitschrift für „Reifen“ zu tun? Der Begriff Telematik hat in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten Einzug gehalten im Schienenverkehr, der Schiff- sowie Luftfahrt, vor allem aber hinsichtlich des größten Verkehrsträgers: der Straße. Um den Transport von Menschen und Gütern möglichst reibungslos und in einem definierten Zeitrahmen von einem Ort zum anderen zu gewährleisten und dabei die Kosten möglichst gering zu halten, bedient man sich der Telematik, für Personen gibt es telematische Betriebsleitsysteme, für Güter telematische Logistiksysteme. Und die haben mit Flottenmanagement zu tun, um das sich die Reifenbranche im Prinzip seit Jahrzehnten kümmert. Denn nichts anderes ist es, wenn größere Reifenhändler Großunternehmen oder kommunale Betriebe in ihrer Kundenkartei haben. Die Reifenhersteller haben sich erst etwa vor einem Vierteljahrhundert aufgemacht, dieses Geschäftsfeld unter entweder dem Stichwort Flotten- oder Reifenmanagement für Flotten zu erschließen. Wobei gesagt werden muss: Da wurde viel schwadroniert in der Vergangenheit, weil keiner so ganz genau wusste, was damit gemeint ist, aber auch weil es einfach keine exakte Definition für Flottenmanagement gibt. Genauso ein schwer fassbarer Begriff ist im Übrigen „Mobilität“. Die Telematik entlarvt die immer komplexer werdenden Anforderungen an das Flottenmanagement, dient aber auch der Optimierung der Mobilität.

Die Telematik erfasst, verarbeitet und erstellt alle erdenklichen Daten zu Fahrzeugen selbst einschließlich ihrer Reifen und bringt sie zusammen mit dem Prozess des Transportierens. Darüber hinaus plant und steuert Telematik und bedient sich dabei digital zur Verfügung stehenden Materials. Reifen können ein Element sein, um Transporte effizienter, ökologischer und sicherer abzuwickeln oder genau das Gegenteil bewirken. Flottenbetreiber wissen das und suchen darum die Zusammenarbeit mit Reifenfachleuten. Diese sollen ihnen mit ihrem speziellen Know-how helfen, Kosten zu senken. Flottenbetreiber sorgen sich um die optimale Wartung und Instandhaltung ihrer Fahrzeuge, nicht nur, aber auch von deren Bereifungen. Das können Reifen für Pkw genauso sein wie für Lkw bzw. auch für spezialisierte Fahrzeuge wie Taxis oder Müllautos.

Telematik hat systemischen Charakter. Es reicht nicht aus, lediglich einen Status quo eines bestimmten Reifens zu dokumentieren wie Profiltiefe oder Reifendruck. Der Reifen ist auch eingebettet in Transportprozesse und deren Planung, mithin in einen dynamischen Ablauf. Ein Reifenhersteller ist frühzeitig daran gegangen, ein eigenes Navigationssystem zu kreieren (ViaMichelin), was genau dieser Erkenntnis geschuldet war. Die optimale Wegstrecke spart Zeit, Kosten und vermindert – so sie denn auch die kürzeste ist – den Reifenverschleiß.

Der so vorausschauende Reifenhersteller Michelin hat 2012 einen eigenen Geschäftsbereich „Michelin solutions“ gegründet und 2013 in Europa eingeführt, der sich als „Mobilitätsanbieter“ versteht. „Michelin solutions“ hatte vor Jahresfrist bereits eine halbe Million Fahrzeuge unter Vertrag, für die nach innovativen und wertschöpfenden Lösungen gefahndet wird. Dabei geht es um weit mehr als „nur“ um Reifen. Das Unternehmen fühle sich keineswegs dem Produkt verpflichtet, sondern der Mobilität, so ein führender Reifenentwickler Michelins gegenüber dieser Zeitschrift. Zukunftsweisende Mobilität ist viel mehr als eine optimale Reifenwahl für ein ganz bestimmtes Fahrzeug und

Es geht auch um Pkw-Flotten

Es geht auch um Pkw-Flotten

optimaler Reifenservice. Zukunftsweisende Mobilität beinhaltet vielmehr Themen wie Fahreraus- und -weiterbildung, auf dass diese sich ihrer Verantwortung (auch, aber nicht nur für die Bereifung) bewusst werden. Zukunftsweisende Mobilität bedarf der Telematik einschließlich ganz viel Elektronik, um auf diesem Wege zu einem ganzheitlichen Angebot für Fuhrparkbetreiber zu gelangen. Aus solch einem Grunde gibt Michelin die phantastisch anmutende Summe von 520 Millionen Euro aus, um mit einem brasilianischen Anbieter von Dienstleistungen und Equipment rund um das Flottenmanagement sein globales Telematikgeschäft weiter auszubauen, denn das sei ein „wichtiges Wachstumsgeschäft“ an der Nahtstelle zwischen Flotten und Reifenherstellern.

Das „Reifen-Know-how“ wird zum selbstverständlichen Baustein

Sich um Mobilität zu kümmern ist also wesentlich mehr, als sich um die Bereifungen von Flottenfahrzeugen zu kümmern. Das Zubehörteil Reifen ist gewissermaßen ein „Rädchen im großen Mobilitätsgetriebe“, wenn auch ein nicht unwichtiges, weil im Zweifelsfalle teures Systemelement. Vor allem für einen Transportunternehmer, wenn beispielsweise der tatsächliche Luftdruck eines Reifens sehr stark vom Idealdruck abweicht. Wobei die Fortschritte der Telematik es erlauben werden, vom „Solldruck“, den ein Reifenproduzent für sein Produkt definiert hat, unter Berücksichtigung beispielsweise des Ladezustandes abzuweichen. Das ist ein Service, den selbst Reifentechniker nicht leisten können, die sich an Wochenenden auf den Höfen von Speditionen und Fuhrparks um den Zustand der schwarzen runden Dinger kümmern.

Womit ein weiterer Aspekt gestreift wäre: Die Telematikdienste, die Flottenlösungen und auch die Reifenservices kommen nicht zu einem Dienstleister wie dem Reifenhändler auf den Hof, sondern „Hofgeschäft“ heißt künftig direkt beim Kunden bzw. – auch das wird ja bereits praktiziert – an „neuralgischen“ Punkten, an denen das Fahrzeug steht und mit dem darum zu diesem Moment kein Geld verdient werden kann: Das können Fähranleger sein, Maut- oder Tankstellen, Grenzübergänge usw.

Das kann ein Fuhrpark in Eigenregie niemals wirklich optimal leisten, sein noch so gut gemeintes Engagement wird Stückwerk bleiben. Es bedarf des externen Dienstleisters, des professionellen Mobilitätsspezialisten mit einem personell gut gespannten Netzwerk. Der mag aus eigenen Mitarbeitern bestehen oder aus Partnern, beispielsweise im Reifenfachhandel. Auch die Einführung eigener Flottenmanagementsysteme im Reifenfachhandel zielt ja in diese Richtung. Bezweifelt werden darf aber, ob diese durch die Handelsseite implementierten Systeme in der Lage sein werden, die künftigen Herausforderungen der Telematik zu stemmen, weil dazu enormes Know-how aus ganz fremden Bereichen wie beispielsweise der Verkehrsführung notwendig ist und vor allem sehr viel Geld investiert werden muss.

Reifen-Know-how wird bei den Anforderungen der Zukunft nicht reichen: Systemkompetenz ist gefragt

Reifen-Know-how wird bei den Anforderungen der Zukunft nicht reichen: Systemkompetenz ist gefragt

Dass eine Spedition, ein Bus-, Transportunternehmen usw. um jeden einzelnen Reifen genauestens zu jeder Zeit Bescheid weiß, wird dank Telematik zu einer Selbstverständlichkeit. Reifenmonitoring dokumentiert den Luftdruck, die Profiltiefe, den allgemeinen Zustand wie zum Beispiel Seitenwandschäden und sorgt dafür, dass alle diese Daten elektronisch erfasst sind und dem Fahrzeug zuordnet, auf dem sie montiert sind. Reifendimension, Reifenalter/Produktionsdatum, Reifentyp, Reifenmarke, DOT-Nummer, Kurz-, Langstrecken-, gemischter Einsatz, On- und Offroadanteile, bereits absolvierte Kilometer, Datum der Montage, Name des Monteurs. – Alles was sich zusammentragen lässt, alle reifenrelevanten Informationen, derer man habhaft werden kann, werden zusammengetragen. Reifenmanagement sorgt dafür, rechtzeitig für eine Neubestellung zu sorgen und schon mal den Montagetermin zu buchen, beugt vermeintlich unvorhersehbaren Reifenschäden und damit verbundenen teuren Ausfallzeiten vor, dient der Runderneuerungsfähigkeit der Karkasse, schützt auch vor Straf- und Bußgeldern beispielsweise wegen zu geringer Profiltiefe, ist aber nicht nur ein ökonomischer, sondern auch ein ökologischer Faktor. Womit nicht nur die mögliche zweite oder dritte Runderneuerung bei korrekt gewarteten Reifen gemeint ist, sondern auch Treibstoffeinsparungen und daraus resultierend ein klimaschonender verringerter Kohlendioxidausstoß und Ressourcenschonung. Ein pfleglich behandelter Reifen hält länger. Womit uns der Umweg über die Telematik zum Eingangssatz zurückgeführt hätte. detlef.vogt@reifenpresse.de

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