Einstellung der Europäer zum Automobil verändert sich

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Wurde es bisher vielfach als Statussymbol angesehen und gerade mit Blick auf die Deutschen als deren liebstes Kind bezeichnet, so scheint sich bei den Europäern dennoch ein langsamer Wandel ihrer Einstellung zum Automobil abzuzeichnen. Dies geht aus einer repräsentativen Studie der Commerz Finanz GmbH in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut Bipe hervor, für die 4.830 Verbraucher in acht europäischen Ländern über das Internet zu ihren Erwartungen und ihrem Nutzungsverhalten hinsichtlich des Pkws befragt wurden. Die Untersuchung unter dem Titel „Europa-Automobilbarometer 2014“ kommt zu dem Schluss, dass die Zukunft des Pkws wohl am besten mit dem Begriff „Shareconomy“ umschrieben werden kann: Dahinter verbirgt sich eine offenbar steigende Akzeptanz von Carsharing, Fahrgemeinschaften oder anderen Mobilitätskonzepten.

„Das Prinzip der ‚Shareconomy’ übertragen die Verbraucher schon heute auf das Auto. Die Hemmschwelle, Ersatzteile oder Zubehör im Internet zu erwerben, überwinden sie zunehmend. Dabei greifen sie auf kostengünstige Do-it-yourself-Angebote für Wartung oder Reparatur zurück“, erklärt Christian Geißler, Bereichsleiter Caravan, Auto und Motorrad der Commerz Finanz GmbH. „Nicht zuletzt sind es Carsharing-Angebote, die dem Verbraucher ein Plus an Flexibilität und Kosteneinsparung versprechen. Für Autohandel und Servicemarkt bedeutet dies tief greifende Veränderungen, aber auch neue Möglichkeiten. Über Selbsthilfewerkstätten, Wartungsverträge, digitale Services im Carsharing-Bereich oder innovative Finanzierungslösungen kann das eigene Geschäftsmodell neu profiliert werden“, sagt er.

Sei der Pkw gestern noch Inbegriff von gesellschaftlichem Status gewesen, würden die europäischen Verbraucher damit heute vorrangig Freiheit und Autonomie (52 Prozent) verbinden. Dies trifft besonders auf Frauen zu, wie die Studie zutage gefördert hat: Sie legen im Vergleich zu den Männern demnach noch mehr Gewicht auf den Aspekt mobiler Unabhängigkeit (56 Prozent zu 48 Prozent). In zehn Jahren hingegen werde der Pkw aber nur noch ein Fortbewegungsmittel unter vielen sein, sollen immerhin 37 Prozent der Europäer bei der Befragung gesagt haben. Als weitere Assoziationen nennen sie Innovation, Kostenaspekt und Umweltverschmutzung. Dementsprechend klare Forderungen stellen die Verbraucher an die Automobilindustrie: Sie wünschen sich „praktische“ Innovationen für mehr Effizienz und Kosteneinsparungen.

Hightech-Innovationen sind demgegenüber offenbar weniger gefragt: Nur 52 Prozent würden ihren Pkw verstärkt nutzen, wenn dieser technologisch besser ausgestattet wäre, heißt es. Bei alldem behalten die Verbraucher zudem die Tankanzeige im Blick: 93 Prozent wollen beim Kauf ihres nächsten Pkw auf dessen Kraftstoffverbrauch achten. Einen geringen Schadstoffausstoß wollen 73 Prozent der Europäer bei der Wahl des nächsten Pkw berücksichtigen. Dieses Kosten- und Umweltbewusstsein wird auch mit als ein Grund für die neue Rolle des Pkw in der Mobilitätslandschaft gesehen, selbst wenn sein Stellenwert sich der Studie zufolge nicht grundlegend ändern soll. Denn immerhin drei Viertel (74 Prozent) der Befragten messen ihm in Zukunft eine ebenso hohe Bedeutung bei wie heute.

 

 

 

Doch nur noch für jeden zweiten Verbraucher ist das Auto künftig ein Produkt, das er alleine besitzt. Allerdings sind Frauen – so ein weiteres Ergebnis der Untersuchung – besonders gerne selbst Besitzer eines eigenen Pkw und stehen daher einer „geteilten Mobilität“ in Form von Carsharing oder Fahrgemeinschaften etwas skeptischer gegenüber: Eine gemeinsame Pkw-Nutzung befürworten 47 Prozent der Männer, aber nur 38 Prozent der Frauen. Das Konzept der Fahrgemeinschaften hat sich dennoch europaweit bereits durchgesetzt. Schon heute greift jeder fünfte Europäer darauf zurück.

Auch in Zukunft erwarten die Europäer eine positive Entwicklung dieser Alternativen und schätzen dabei besonders Fahrgemeinschaften (73 Prozent) sowie Carsharing (73 Prozent) als vielversprechend ein. Mobilen Pauschalangeboten, die vom langfristigen Autoverleih bis zum Leihfahrrad reichen, rechnen sie etwas niedrigere Chancen zu (67 Prozent). „Der Trend ist klar: Auch in der Gesellschaft von morgen bleibt das Auto fixer Bestandteil der Mobilitätslandschaft“, so die Autoren der Studie – dies jedoch mit von Grund auf geänderter Bedeutung und einem anderen Nutzungsverhalten.

Steigende Pkw-Preise und die hohen Nutzungskosten zählen laut der Befragung heute zu den Hauptsorgen der europäischen Verbraucher: Und 63 Prozent (Deutschland: 80 Prozent) sind demnach überzeugt davon, dass dieser Preistrend in den kommenden zehn Jahren anhalten wird. „Steigende Automobilhalterkosten bei rückläufigen Realeinkommen stellen eine große Herausforderung für die Pkw-Hersteller, aber auch für den Automobilhandel dar. Es sind neue Angebotsformen nötig, um die individuelle Mobilität langfristig sicherzustellen. Dazu zählen Finanzierungsalternativen genauso wie neue Mobilitätskonzepte“, meint Prof. Dr. Stefan Reindl, stellvertretender Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA), angesichts dessen.

Vor diesem Hintergrund erfreuen sich Finanzierungsmodelle anhaltender Beliebtheit: 68 Prozent der Europäer setzen auf Leasing, Teil- oder Vollfinanzierung, während die Deutschen die Barzahlung (42 Prozent) bevorzugen. Und auch der Bereich Service und Reparaturen bleibt von den finanziellen Einschränkungen der Verbraucher nicht unberührt, weshalb sie bezüglich der Wartung zunehmend selbst Hand am eigenen Pkw anlegen wollen bzw. dies bereits tun (49 Prozent). Selbsthilfewerkstätten kommen demnach für 42 Prozent der Befragten infrage, „All-inclusive-Wartungspakete“ wollen zwei Drittel (68 Prozent) der Europäer in zehn Jahren beim Pkw-Kauf abschließen. Des Weiteren erhoffen sich viele Pkw-Besitzer (59 Prozent) Einsparpotenzial durch den Onlinekauf von Kfz-Ersatzteilen und Zubehör, wenngleich 55 Prozent zumindest auch mittelfristig ihren Pkw nicht direkt im Netz kaufen wollen. cm

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