Tronchetti Provera sagt Pirelli Adieu

Anlässlich seines bevorstehenden Geburtstages hat Marco Tronchetti Provera der bedeutenden Tageszeitung FAZ ein langes Interview gewährt. Der nun 65-Jährige will sich in den nächsten zwei Jahren als Konzernchef zurückziehen und danach auch den seiner Familie gehörenden 25,1-prozentigen Anteil am Pirelli-Konzern verkaufen. Seine drei Kinder gingen eigene Wege und es sei schwer, die Rolle eines Unternehmers zu vererben. Bis ins Vorjahr musste sich Tronchetti mit der Genueser Industriellenfamilie Malacalza auseinandersetzen. Von ihm, Tronchetti, erst als Investoren eingeladen, haben die Genueser dann nach Tronchettis Empfinden dessen Ausbootung versucht. Im Verlauf dieses Kampfes verlor auch der für das Reifengeschäft verantwortliche Francesco Gori den Job. Gori fungiert u. a. inzwischen offiziell als Berater der Malacalza Investimenti, dem zweitgrößten Pirelli-Aktionär, der ganz offenbar an einer Ausweitung seiner Beteiligung interessiert bleibt.

Tronchetti Provera übernahm 1992 im Alter von 43 Jahren die Führung des Pirelli-Konzerns, als dieser nach dem gescheiterten Übernahmeangriff auf Continental am Rand des Abgrunds stand. Ihm gelang mit harter Hand die Wende, indem alles verkauft wurde, was nicht für das Kerngeschäft Reifen erforderlich war. Eine geradezu fantastische Sternstunde erlebte er im Jahr 2000. Es gelang ihm, zwei kleine Tochtergesellschaften mit wenigen hundert Millionen Euro Umsatz für annähernd fünf Milliarden Euro zu verkaufen. Doch damit begann zugleich eine elendige Phase. Tronchetti stieg mit diesem Geld in die Telecom Italia ein und verbrannte sich an diesem Investment ganz gehörig die Finger. Kaum war der Einstieg vollzogen, ließ der Anschlag auf die Türme in New York die Börsen zusammenbrechen. Später kamen Streitereien mit der italienischen Regierung um die Telecom hinzu, die Tronchetti zum Rückzug mit Abschreibungen im Milliardenbereich zwangen. Zwischenzeitlich war die Finanzlage ohnehin so angespannt, dass über einen Verkauf des Bereichs Lkw-Reifen diskutiert wurde. Ob es überhaupt jemals einen Kaufinteressenten gab und was dieser geboten haben könnte, blieb bis heute im Geheimen.

Im FAZ-Interview verweist Tronchetti auf die großartige Entwicklung der Pirelli Tyre und stillschweigend verbindet er diesen Erfolg mit seiner Person. Andererseits kann nicht unerwähnt bleiben, dass die von Tronchetti außerhalb des Reifenbereichs verfolgten Aktivitäten – Telecom bzw. später das Immobiliengeschäft – nicht den erhofften Erfolg hatten und den Konzern belastet haben. Man muss einfach daran erinnern, dass die einzige Konstante im Pirelli-Reich das Reifengeschäft war und geblieben ist. Auf diesem Feld glänzten die Italiener stets und sie haben auch immer mehr als nur adäquate Erträge erwirtschaften können.

Während des Machtkampfes im Aktionärskreis im letzten Jahr musste Tronchetti erkennen, dass eine ganze Reihe von Führungskräften Sympathien mit dem Kontrahenten Malacalza hegte, weil dieser – so jedenfalls die Erwartung – sich mehr auf das gut laufende Reifengeschäft konzentriert hätte als über neue Investitionen außerhalb des Kerngeschäfts nachzudenken. Mit der – einstweiligen – Beilegung des Streits der beiden Industriellenfamilien verloren nicht wenige Spitzenmanager ihre Jobs bzw. verließen von sich aus den Konzern.

Die Stimmung im Pirelli-Konzern ist derzeit nicht durchgehend gut und positiv. Man spürt den großen Druck, der auf den Verantwortlichen lastet. Die Vorgaben, ob Umsatz oder Ertrag, sind äußerst anspruchsvoll. Das wird sich auch nicht ändern, denn in den nächsten 24 Monaten geht es vor allen Dingen darum, den ohnehin bereits nach oben geschnellten Aktienkurs nochmals massiv zu steigern, schließlich feiert Marco Tronchetti Provera mit dem Abschied von Pirelli dann sein letztes größeres Geschäft. klaus.haddenbrock@reifenpresse.de

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