Reifen Ihle, Bandvulc und Continental gehen getrennte Wege

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Spätestens als vor rund einem Jahr bekannt wurde, dass die Continental AG am Standort in Hannover-Stöcken eine eigene Heißrunderneuerung aufbauen will, war allen Beobachtern im Markt klar: Die Zusammenarbeit mit unabhängigen Runderneuerern zur Herstellung von ContiRe-Reifen gehört damit bald der Vergangenheit an. Nun haben Reifen Ihle sowie der Hannoveraner Reifenhersteller das Ende ihrer entsprechenden Zusammenarbeit zum 31. Dezember dieses Jahres besiegelt. Ähnliches trifft auch auf die Zusammenarbeit der Continental mit Bandvulc in Großbritannien zu. Was bleibt, sind Fragen zur möglichen Auslastung der neuen Continental-Runderneuerung am Konzernsitz und damit zu deren wirtschaftlicher Tragfähigkeit sowie auch Fragen zur Nachnutzung der auf eigene Rechnung eingerichteten Produktionsstraße bei Reifen Ihle in Günzburg mit ihren 18 Pressen.

Als Ende 2007 die ersten Berichte geschrieben wurden, dass die Continental zukünftig mit einigen wenigen Runderneuerern in Deutschland und in Großbritannien zusammenarbeiten würde, um dort ContiRe-Heißrunderneuerte im Rahmen von Offtakes fertigen zu lassen, wirkte dies wie ein Glücksgriff für die auserwählten Unternehmen, darunter auch Reifen Ihle. Der Runderneuerer aus dem bayerischen Günzburg war und ist guter Continental-Neureifenkunde, Ihle betreibt zwölf Niederlassungen zwischen Ulm und Augsburg und ist point-S-Partner und gilt im Nutzfahrzeugreifenmarkt als etabliertes und renommiertes Unternehmen mit ebenfalls guten Referenzen in der Heißrunderneuerung durch die Reifen der eigenen Marke „Rigdon“. Darüber hinaus gilt Reifen Ihle als größter unabhängiger Runderneuerer Deutschlands und ist damit für entsprechende Industriekontrakte eine erstklassige Adresse mit Potenzial.

Damals wie heute mochten die Verantwortlichen zwar nichts über die genaue Investitionshöhe sagen, außer dass sie sich „im Millionenbereich“ befand, wie bereits bei früherer Gelegenheit berichtet. Offenbar muss sich die damit geschaffene Kapazität im Laufe des vergangenen Jahres aber zunehmend zu einem Problem für die Partner entwickelt haben, so jedenfalls ist im Markt zu hören. Auf Nachfrage der NEUE REIFENZEITUNG mochte man dazu bei Reifen Ihle offiziell keine Stellung beziehen und verweist auf die mit der Continental vereinbarte Vertraulichkeit. Doch wie aus dem Umfeld der beteiligten Unternehmen zu vernehmen ist, habe man im vergangenen Jahr doch eine deutliche Fehlquote zur vereinbarten Menge gehabt. Die Rede ist von „bis zu 30.000“ produzierter ContiRe-Reifen, wobei die Continental sich ursprünglich für das vergangene Jahr wohl knapp das Dreifache dessen vorgenommen habe. Dass eine entsprechend geringe Auslastung auch bei Reifen Ihle durchschlagen würde, stellt keine Überraschung dar, litten in der jüngsten Vergangenheit doch auch andere, gerade industrielle Runderneuerer, unter entsprechenden Problemen.

Ob und gegebenenfalls warum der Auftraggeber Continental im vergangenen Jahr nicht mehr Heißrunderneuerte beim Produktionspartner Reifen Ihle ‚abrief’ als kolportiert, darüber lässt sich an dieser Stelle nur spekulieren. Festgehalten werden muss unterdessen, dass in Offtake-Partnerschaften der eine Auftraggeber und der andere Auftragnehmer ist. Mit anderen Worten: Unter dieser Annahme und im Zweifel lägen die Gründe dafür aufseiten der Continental, die – so mag man annehmen – für die ursprünglich avisierten ContiRe-Reifen keinen ausreichend großen Markt finden konnte und/oder die für die Produktion notwendigen Karkassen nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stellen konnte; ausschließlich der Hersteller aus Hannover sei für die Bereitstellung von Karkassen verantwortlich gewesen, ist dazu zu erfahren.

Unter der Karkassenproblematik litten im Übrigen im vergangenen Jahr bekanntermaßen zahlreiche Runderneuerer europaweit. Neben dem schwachen Neureifenmarkt ändern sich die verfügbaren Dimensionen immer mehr, so dass es insbesondere immer schwerer fällt, runderneuerungsfähige Karkassen in 80er Querschnitten für das wichtige Baustellensegment zu bekommen.

Auch bei der Continental ist zum vorliegenden Thema nur wenig Offizielles zu erfahren. Wie Christian Sass auf Nachfrage der NEUE REIFENZEITUNG betont, habe man die Partner Reifen Ihle und Bandvulc bereits frühzeitig in die Pläne zur Einrichtung einer eigenen Runderneuerungsfabrik für den Standort Hannover-Stöcken eingebunden und sie darüber auf dem Laufenden gehalten. Und dass die Offtakes mit Reifen Ihle und Bandvulc auch nach der Eröffnung der neuen zentralen und mit hohen eigenen Kapazitäten ausgestatteten Produktionsstätte fortgesetzt werden würden, davon konnte niemand ausgehen, so der Director Retread Business bei der Continental weiter. Entsprechende Offtakes seien nie auf Lebenszeit angelegt. Da die Continental aber mit dem Bau einer eigenen Heißrunderneuerung am Konzernsitz bald über eigene Kapazitäten verfügen wird, machten Offtakes darüber hinaus natürlich wenig Sinn, wie der Director Retread Business der Continental weiter betont. Folglich habe man sich mit den Offtake-Partnern in Deutschland und Großbritannien auf die Beendigung der Werkverträge „zum Ende des Jahres auf Grundlage des Vertrages“ geeinigt.

Eine Frage, die sich stellt: Warum sollte die Continental in Hannover eine Fabrik mit einer finalen Zielkapazität von 180.000 Runderneuerten errichten und dafür mehr als zehn Millionen Euro (für das komplette Recycling- und Runderneuerungswerk) investieren, wenn man aktuell gerade ein Sechstel dessen – bei Reifen Ihle – auslastet? Man muss hinzufügen, die neue Runderneuerungsstätte in Hannover-Stöcken soll ganz Europa bedienen, demnach auch Großbritannien. Die aktuelle ContiRe-Produktion bei Bandvulc muss folglich noch hinzugerechnet werden, um sich ein Bild über die mögliche Auslastung in der neuen Fabrik machen zu können. Außerdem sind die besagten 180.000 Runderneuerten (darunter 150.000 Heiß- und 30.000 Kalterneuerte) Zahlen für die zweite Ausbaustufe, deren Einrichtung noch nicht genau terminiert ist. In der aktuellen ersten Ausbaustufe, die jetzt im dritten Quartal dieses Jahres Schritt für Schritt in Betrieb genommen wird, komme man auf jeweils rund zwei Drittel der avisierten Zielkapazität.

So oder so, auch diese Zahlen lägen noch weit von dem entfernt, was im Markt zur Auslastung bei Reifen Ihle kolportiert wird. Zu Produktionsmengen, Auslastungsgraden und wie auch immer gearteten Überkapazitäten beim Partner will und darf Christian Sass offiziell nichts sagen. Man dürfe allerdings davon ausgehen, dass ein entsprechendes Offtake-Agreement mit der Continental immer auch formale Regelungen beinhalte, die etwaige Variablen bedingt durch einen rückläufigen – oder wachsenden – Markt sowie die Bedingungen zur Beendigung von Lieferverträgen berücksichtigen, so der Director Retread Business weiter. Sass unterstreicht, dass es „zu keinem Zeitpunkt eine Vertragsverletzung“ mit einem der Partner gegeben habe, „insbesondere, was die Abnahmemengen betrifft“. Sass abschließend: „Wir stehen voll hinter unserer Investition in Stöcken und sind im Zeitplan.“

Dass aktuell keiner der Beteiligten ein Interesse hat, über den anderen anstatt mit dem anderen zu reden, leuchtet ein. Was derzeit eh mehr im Vordergrund aller Erwägungen aufseiten des Runderneuerers Ihle stehen dürfte, ist die Frage nach der Auslastung der offenbar bestehenden bzw. nach dem Rückzug der Continental drohenden Überkapazitäten. Positiv gewendet: Die 18 neuen Pressen wie auch weiteres neues Equipment, das zum Jahreswechsel 2007/2008 bei Reifen Ihle in Günzburg installiert wurde, gehört dem Runderneuerer, die Heißformen hingegen dem Auftraggeber aus Hannover. Man hätte unter anderen Voraussetzungen sicher nicht entsprechend aufwendig in einem Rutsch alles neu gemacht. Ein Investitionsstau, wie man ihn bei manch anderem Mitbewerber in der Branche konstatieren könnte, liegt anlagenseitig bei Reifen Ihle nun definitiv nicht mehr vor. Diese Produktionskapazitäten befinden sich auf höchstem technischen Niveau, wie bereits bei früheren Gelegenheiten und Werksführungen eindrücklich vorgeführt wurde, und man wird sie in Zukunft entsprechend zu nutzen wissen und zu nutzen wissen müssen.

Ebenfalls positiv bewerten könnte man den Effekt, den die Zusammenarbeit mit Continental auf die öffentliche Wahrnehmung des Runderneuerers aus Günzburg sowie auf die internen Abläufe und den Know-how-Gewinn innerhalb der Produktion hatte. Die Continental ist eine Referenz im Markt – nicht nur bei Neureifen, sondern auch, was die Runderneuerung betrifft – und eine entsprechende Zusammenarbeit findet mit Sicherheit Beachtung in der Branche. Am Ende haben sicher beide Partner voneinander und von den jeweiligen Erfahrungen und Kenntnissen des anderen profitiert.

Bei Reifen Ihle muss man sich nun eben Gedanken darüber machen, wie man in Zukunft die jüngst geschaffenen hochmodernen Produktionskapazitäten gut auslasten will und wie man untermauern will, dass sich die Investition in die Anlagentechnik weiterhin rechnet. Gerade in der Anfangsphase der Partnerschaft habe die Zusammenarbeit mit Continental einen Großteil der Ressourcen gebunden, wie bereits bei früherer Gelegenheit konstatiert wurde. Nun wird der Runderneuerer aus Günzburg sich sicherlich wieder auf bekannte Stärken konzentrieren und sein Produktangebot entsprechend in der Breite ausdehnen. Dass zu der breiteren Ausrichtung vor allem Neuentwicklungen für die Heißrunderneuerung zählen werden, die im Markt unter dem Markennamen Rigdon (das Akronym steht für Reifen Ihle in Günzburg an der Donau) bekannt sind, ist klar. Und dass dazu ebenfalls neue Segmente erschlossen werden, ist ebenfalls klar. Bereits zur Reifen-Messe 2012 hatte Reifen Ihle entsprechende Entwicklungen angekündigt, etwa in Bezug auf das EM-Reifensegment.

So wie Reifen Ihle bereits heute Reifen für point S heißrunderneuert („Truck Star“), könnte es weitere Organisationen und Händlerzusammenschlüsse geben, die Potenzial bieten. Auch im Wettbewerb um Flotten gilt Reifen Ihle als durchaus gut aufgestellt. Das Unternehmen kann von einer starken Präsenz in der Region mit eigenen Fahrzeugen sowie qualifiziertem Personal profitieren. Und wer weiß, vielleicht könnte auch eine Zusammenarbeit mit anderen Neureifenherstellern denkbar sein.

Ob eine entsprechende Neuausrichtung bereits kurzfristig ausreicht, um die bestehenden Kapazitäten von immerhin 110.000 Lkw-Reifen im Jahr (bei Ein-Schicht-Betrieb an fünf Werktagen) gut auszulasten, das muss erst die Zukunft zeigen. arno.borchers@reifenpresse.de

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