Das fortwährende Karkassenproblem: Wie Runderneuerer und Hersteller sich behelfen

,

Während wir alle genügend Geschichten über die Finanzkrise gehört haben, hat sich die Knappheit von runderneuerungsfähigen Karkassen zu einer eigenen Krise in der Krise entwickelt. Natürlich gibt es Beziehungen zwischen der allgemeinen wirtschaftlichen Lage und dem Mangel an Karkassen; dies ist aber längst nicht alles. Wie es scheint, haben mehrere Strömungen einen starken Sturm verursacht, der die Versorgung von Runderneuerern mit Karkassen unterminiert. Und während die Beschaffung der wichtigsten Grundlage der Runderneuerung derzeit schwierig für jeden scheint, ist sie insbesondere zu einem Problem für unabhängige Runderneuerer geworden.

Bereits im März haben wir in der Beilage „Retreading Special“ darüber berichtet, wie sich die allgemeine wirtschaftliche Situation auf das Marktvolumen bei Neureifen auswirkt und somit auch den möglichen Pool an runderneuerungsfähigen Karkassen beeinflusst. Darüber hinaus wurde der Markt durch die Zunahme von Reifenimporten aus Fernost negativ beeinflusst. Auch die hohe Nachfrage nach runderneuerten Reifen, die bei einigen Fuhrparks bis zu 100 Prozent des Bedarfs deckt bzw. decken soll, zieht weitere (Kunden-)Karkassen aus dem System ab. Vor diesem Hintergrund scheint es wenig verwunderlich, dass einige der professionellsten Runderneuerer Europas nunmehr die Annäherung an chinesische Neureifenhersteller suchen, die natürlich zu den besten ihrer Provenienz gehören. Dies geschieht getreu dem Motto: Kann man sie nicht besiegen, muss man sich mit ihnen eben arrangieren. Dieses Verhalten eröffnet neue Möglichkeiten für den Runderneuerer und reduziert außerdem den Berg nicht genutzter Altreifen.

Trotzdem, das Problem bleibt auch am Ende des zweiten Quartals 2013 ungelöst; merkliche Verbesserungen jedenfalls – weitestgehend Fehlanzeige. Es bleibt eine Tatsache, dass der Neureifenmarkt unter Druck steht, dass der Fahrzeugmarkt immer noch nur schleppend voran kommt und dass die gefahrenen Kilometer in einigen der wichtigsten Märkten Europas immer noch unter dem Durchschnitt liegen.

Auch zu erwähnen ist dabei die Rolle des Fahrzeugleasings und die der Neureifenhersteller. Einer Studie von KMPG aus dem Jahr 2012 zufolge werden in Deutschland etwa 45 Prozent aller Lkws geleast und nicht gekauft. In den entsprechenden Verträgen geht es in der Regel immer auch um das Reifenmanagement, das somit ebenfalls mehr und mehr aus dem ‚freien’ Markt herausgelöst wird; der freie Zugriff auf die Karkassen wird dadurch weiter eingeschränkt. Gleichzeitig kümmern sich insbesondere große Neureifenhersteller, die sich in der Runderneuerung engagieren (wollen), um die Ausdehnung der Kontrolle über ihre Neureifen. Auch dies sorgt dafür, dass das Potenzial an runderneuerungsfähigen Karkassen für unabhängige Runderneuerer tendenziell weiter abnimmt. Es geht dabei nicht um eine Verurteilung oder Beurteilung, ob dies nun gut oder schlecht ist. Aber es ist wichtig dafür, wenn man die allgemeine Situation auf dem europäischen Karkassenmarkt richtig beurteilen will.

Bridgestones eigener Standpunkt

Ohne Frage, so ist es eben auf einem freien Markt. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist es an den Lieferanten, Runderneuerern und Herstellern, zu kooperieren oder zu konkurrieren, wie sie und ihre Partner es für nötig erachten, um Bedürfnisse und Nachfrage zu stillen. Und die Situation bei Karkassen beeinflusst dabei jeden Marktteilnehmer, große wie kleine. Bei Bridgestone etwa – mit Bandag Betreiber eines der am weitesten verbreiteten Netzwerke in Europa – ist man sich ebenfalls im Klaren darüber, dass der Erfolg der eigenen Runderneuerungsaktivitäten zentral von der Karkassensituation abhängt.

Bei einem Anteil von über 50 Prozent runderneuerter Reifen am gesamten Nutzfahrzeugreifenabsatz stellt sich die Frage: Woher stammen all die Karkassen dafür? Laut Terry Salter ist die Antwort alles andere als direkt heraus. „Wenn es um Karkassen geht, hört der Wettkampf nie auf“, so der Retread Development Manager bei Bridgestone UK. „Bei Bridgestone sind wir unseren Wettbewerbern aber insofern voraus, da wir mehrere Quellen haben, die eine gute und kontinuierliche Versorgung mit Karkassen sicherstellen.“ In der Bulldog-Fabrik im englischen Bourne, die Bridgestone 2005 übernommen hat und wo der Neureifenhersteller jährlich rund 130.000 Karkassen zu heißrunderneuerten Reifen verarbeitet, könne man dabei auf vier Erfolgsfaktoren vertrauen: die Haltbarkeit der Neureifen, die Pflege derselben, das Bandag-Franchise-Netzwerk und das europäische Händlernetzwerk insgesamt.

Bridgestones Neureifen erfüllen dabei eine wichtige Voraussetzung für eine gute Runderneuerung: Die Karkasse ist von vornherein auf weitere Leben ausgelegt; Stichwort: „Total Tyre Life“. Auf diese Weise gebe es im weiteren Runderneuerungsprozess keinerlei Probleme mit den Karkassen. Um das entsprechende Potenzial der Karkassen voll ausschöpfen zu können, versucht man beim Hersteller den Fluss an runderneuerungsfähigen Karkassen ganz gezielt in den Bahnen des eigenen Systems zu halten. Es sollen dabei so viele Bridgestone-Karkassen wie möglich in die eigene Runderneuerungsfabrik gelangen.

Bridgestone zufolge ist die richtige Pflege der Reifen durch die Anwender, sprich: die Fahrer und die Flotten, ebenfalls überaus wichtig. Die Stärke des „Total-Tyre-Care“-Programms – verwaltet durch Bridgestones Truck-Point-Netzwerk – ergibt sich daraus, weil es die Haltbarkeit der Neureifen durch regelmäßige Überprüfungen des Reifenzustands inkl. eines umfangreichen Reportings zu maximieren hilft. Bridgestones Tyre Pressure Monitoring System (TPMS) ist dabei zusätzlich hilfreich.

Darüber hinaus hilft auch das Bandag-Netzwerk (Bridgestone hat Bandag 2007 übernommen) dabei, Zugriff auf zusätzliche Karkassen zu erhalten. In Großbritannien liefert Bridgestone demnach runderneuerte Reifen durch seine eigene Bulldog-Heißrunderneuerung sowie durch die unabhängigen Bandag-Partner. Dieser Ansatz habe nicht nur dazu geführt, dass der Absatz runderneuerter Reifen zunimmt, sondern hat auch die Verfügbarkeit runderneuerungsfähiger Karkassen erhöht. Und zu guter Letzt steht all dies in Verbindung mit dem europaweiten Netzwerk an Handels- und Runderneuerungspartnern. Folglich versucht man bei Bridgestone auch, die Erfahrung aus Großbritannien und anderen Ländern in Sachen Karkassenmanagement auf weitere Märkte auszudehnen.

Terry Salter von Bridgestone ergänzt: „Seitdem die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 in Europa ausbrach, hat sich die Nachfrage nach Runderneuerten auf beispiellose Weise erhöht, während der Neureifenmarkt immer mehr in die Klemme geriet, insbesondere durch geringere Neuzulassungen bei den Fahrzeugen. Dies hat die übliche Balance zwischen Runderneuerten und Neureifen geändert und dazu geführt, dass die Versorgung mit Karkassen gerade dann immer schlechter wurde, als der Markt sie am meisten brauchte. Bei Bridgestone versuchen wir, diese Herausforderung durch neue und innovative Ansätze zu meistern.“

Während aber die Nachfrage nach runderneuerten Reifen „auf beispiellose Weise“ in den vergangenen Jahren zugenommen hat, wie Salter sich ausdrückt, stellt sich für die Zukunft umso mehr die Frage, wie gerade unabhängige Runderneuerer das fortwährende Karkassenproblem lösen können. chris.anthony@tyrepress.com/ab

0 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

An Diskussionen teilnehmen
Hinterlassen Sie uns einen Kommentar!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.