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45 Jahre Contidrom: Seit 1967 fast zwei Millionen Reifen getestet

Das Contidrom ist das Hauptversuchszentrum von Continental. Eröffnet 1967, bestand zunächst das Hochgeschwindigkeitsoval mit zwei Messgeraden. Nach und nach sind immer mehr Strecken dazu gekommen, um die wachsenden Anforderungen an die Reifen im Versuch zu prüfen. Gleichzeitig haben sich weitere Testzentren etabliert: von Arvidsjaur in Nordschweden über Idiada in Spanien bis nach Wanaka in Neuseeland. Auch in den USA, in Japan und auf anderen Strecken rund um den Globus testen die Versuchsingenieure von Continental, um die Reifen aus der Entwicklungsabteilung in Hannover den Anforderungen von Endverbrauchern und Fahrzeugherstellern anzupassen. Bei den Fahrversuchen werden subjektive und objektive Versuche unterschieden: Subjektiv sind alle Versuche, die nicht mit Messtechnik begleitet werden, objektiv sind alle Versuche, bei denen Messgeräte die Ergebnisse liefern oder die Ergebnisfindung deutlich unterstützen. Inzwischen arbeiten im Contidrom rund 90 Mitarbeiter – vom Testingenieur bis zum Reifenmonteur.

Die Eröffnung des Contidroms war 1967 eine kleine Sensation: In der ruhigen Lüneburger Heide baute der Reifenhersteller Continental eine eigene Versuchsstrecke. Der Grund: Die bisher im öffentlichen Verkehr, auf Flughäfen sowie abgesperrten Passstrecken gemachten Brems- und Ausweichversuche sollten konzentriert werden, die Straßenbeläge einem Versuchsstandard entsprechen und die steigenden Geschwindigkeiten auch im Fahrversuch abgebildet werden. Zwar war das meist verbreitete Fahrzeug der 60er Jahre der VW Käfer, doch die Zahl gerade PS-starker Pkw stieg: Opel Kapitän, Ford 20m, Mercedes-Benz W 108/109 mit bis zu 3 Liter Hubraum machten Reifen nötig, die nicht nur die höheren Fahrzeuggewichte, sondern auch Geschwindigkeiten von bis zu 200 km/h ermöglichten – und damit neue Anforderungen auch an das Fahrverhalten stellten.

Spektakulär: das Hochgeschwindigkeitsoval

Den Anfang des Neubaus machte das bis heute eindrucksvolle Oval: Gut 2,8 Kilometer lang, mit einer Kurvenneigung von 58 Grad, ist es bis zu 180 km/h ohne Seitenkräfte befahrbar. Zum Staunen der Besucher kann der Fahrer in den Steilkurven, die je 900 Meter lang sind, selbst bei diesem Tempo die Hand vom Lenker nehmen. Wirklich wichtig für den Reifenversuch sind jedoch die Messstrecken auf den beiden Geraden: Hier können auf Asphalt, Beton, Kopfsteinpflaster sowie auf einer bewässerten Geraden Fahrversuche zum Bremsen und zum Handling mit hohen Geschwindigkeiten durchgeführt werden. Die Höchstgeschwindigkeit im Oval liegt bei über 250 km/h – damit können selbst heutige Hightechreifen für Sportwagen problemlos unter die Lupe genommen werden. Soll es noch schneller gehen, müssen allerdings andere Teststrecken wie die im italienischen Nardò angefahren werden: Dort sind sogar 400 km/h möglich. Für die heutigen Reifentests gilt jedoch unverändert, dass das Oval in der Heide ein guter und bewährter Teststandort ist.

Der „Kleine Handlingkurs“ – eigentlich ein ganz Großer

Der 1.800 Meter lange heutige „Kleine Handlingkurs“ – eigentlich der Nasshandlingkurs – war der erste Streckenabschnitt, der ausschließlich auf das Bewegen des Wagens im Grenzbereich zugeschnitten war. Im Jahre1972 fertiggestellt, enthält er mehrere 90-Grad-Kurven, darunter eine berühmt-berüchtigte „Hundeschwanzkurve“, in der die Geschwindigkeit erheblich gedrosselt werden muss. Die gesamte Strecke kann mittels Beregnung gleichmäßig bewässert werden. Heute wird der Kurs vor allem von den Mitarbeitern des Subjektivfahrversuchs genutzt, denen es um die Lenkansprache und Fahrstabilität auf nasser Fahrbahn geht, doch auch die Versuche der Motorradreifenentwicklung finden hier regelmäßig statt.

Der „Große Handlingkurs“ – mit gut 160 km/h in die Kurve

Im Sommer 1995 begannen die ersten Fahrversuche auf dem großen Trockenhandlingkurs. Auf 3,8 Kilometer Länge sind hier Geschwindigkeiten deutlich über 160 km/h möglich, die Streckenbreite liegt zwischen sieben und zehn Metern. Fahrzeuge mit deutlich stärkeren Motoren, die mit modernen Fahrwerken im Grenzbereich bewegt werden sollen, brauchten den neuen Kurs. Eine Anbindung erlaubt den Wechsel vom Oval zum Großen Handlingkurs. Zusätzlich gibt es eine Querverbindung zwischen den größten Kurven, um weitere fahrdynamische Möglichkeiten zu bieten. Wegen seines hohen Geschwindigkeitspotenzials ist der Kurs nicht nur bei den Versuchsingenieuren beliebt – auch Fachredaktionen, die Reifen- und Fahrzeugtests durchführen, sind häufige Gäste. Filmteams interessieren sich besonders für die spektakulären Kurvenmanöver, die gute TV-Sequenzen liefern.

Die Geländestrecke – über Stock und Stein

Seit dem Jahr 2003 gibt es auf dem Contidrom auch eine Geländestrecke. Ausgestattet mit verschiedenen Steigungen, einer Verschränkungs- und Steilbahn sowie einem Wasserbecken, ist sie für Versuche mit SUVs, SAVs und MPVs bestens geeignet. Trotz ihrer relativen Kürze von 600 Metern bietet sie ausreichend Möglichkeiten, Reifen mit Geländeeignung zu fahren. Weiterführende Tests werden allerdings auf dem Continental-Testgelände im texanischen Uvalde durchgeführt – hier stehen noch mehr Möglichkeiten und weiträumigere Strecken zur Beurteilung von 4×4-Reifen zur Verfügung.

Die Kreise – rundherum bis zum Haftungsabriss

Zwei Kreisbahnen unterschiedlicher Größe dienen vor allem dem Reifenversuch auf nasser Straße. Während der eine Kreis mit einem Durchmesser von 200 Metern vor allem die Situation des Aquaplanings bei Kurvenfahrt simuliert, ist der andere mit unterschiedlichen Fahrbahnbelägen ausgestattet, die bewässert werden können. Beide Situationen sind im realen Verkehr kritisch für jeden Autofahrer und müssen daher bei der Reifenentwicklung besonders beachtet werden.

Der Abwerfkreis – hier fliegt der Gummi von der Felge

Was passiert, wenn ein voll beladenes Fahrzeug mit Minderluftdruck einem Hindernis ausweichen muss? Ganz einfach: Die Belastung des Reifens an der Kurvenaußenseite nimmt deutlich zu. Um die möglichen Beanspruchungen zu erkennen, fährt ein Pkw oder Lkw mit exakt 55 km/h in die Kreisbahn. Bei jeder Runde wird der Reifendruck um 1/10 bar verringert – bis der Pneu buchstäblich von der Felge springt. Das Ergebnis erlaubt Rückschlüsse auf die Sicherheitsreserven des Reifens bei schleichendem Luftdruckverlust.

Die Schienenbahnen – präzise in der Spur

Auf den Schienenbahnen des Contidroms, die 1985 in Betrieb gingen, lassen sich Brems- und Aquaplaningtests durchführen. Dazu werden die Testfahrzeuge an einer Schiene geführt, um bei den Messfahrten den Einfluss der Reibwertunterschiede der Fahrbahnoberfläche zu reduzieren. Je eine Bremsbahn mit Beton- und Asphaltbelag sowie ein Aquaplaningbecken werden für die Versuche genutzt. Bei den Bremsversuchen werden die Ergebnisse direkt von einer Messeinheit im Wagen erfasst und ausgedruckt. Dabei werden die Werte auf den verschiedenen Untergründen gemessen. Beim Aquaplaningversuch wird festgestellt, wann der Wagen bei einer vorher bestimmten Wassertiefe und Geschwindigkeit nicht mehr ausreichend Wasser aus der Aufstandsfläche ableiten kann und daher aufschwimmt.

Die Geräuschmessstrecken – auf leisen Sohlen unterwegs

Um Mobilität möglichst umweltfreundlich zu gestalten, müssen Reifen nicht nur niedrigen Rollwiderstand haben, sondern auch leise abrollen. Diese Eigenschaft wird auf zwei Messstrecken untersucht, die etwas abseits von den übrigen Versuchsstrecken angeordnet sind und auf denen das Reifen- und Fahrbahngeräusch ermittelt wird. Auf genormten Fahrbahnen werden hier Außen- und Innenmessungen durchgeführt. Dazu sind Motoren, Getriebe und Antriebe der Fahrzeuge so gekapselt, dass nur das Abrollgeräusch gemessen wird. Auf den Bahnen können sowohl Reifen für Pkw wie auch für Lkw und Busse in ihrem Geräuschverhalten beurteilt werden.

Seit 1967: Fast zwei Millionen Reifen getestet

Das Contidrom ist seit seiner Gründung unverzichtbarer Teil der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Continental. Seit 1967 wurden hier fast zwei Millionen Pkw-, Lkw-und Motorradreifen getestet. Dabei sind die Anforderungen und das Testaufkommen immer umfangreicher geworden. Grund genug, um eine Ausweichlösung für die kalte Jahreszeit zu haben: Im texanischen Uvalde, dem Testgelände der seit 1989 zum Konzern gehörigen Marke General Tire, wurden dazu der Kleine Handlingkurs, der große und der kleine Kreis sowie die Schienenbahnen exakt nachgebaut, um die Testergebnisse übertragbar zu machen und für die Testingenieure gleiche Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Natürlich werden nicht alle Tests für Reifen ausschließlich auf dem Contidrom durchgeführt – schon aus klimatischen Gründen sind wirkliche Winterreifentests unter typischen Bedingungen hier nicht möglich. Doch für die Tests zwischen Frühjahr und Spätherbst sind die Testingenieure in Wietze-Jeversen unterwegs, um neue Reifen und immer öfter auch neue Fahrwerkskomponenten der Division Continental Automotive Systems kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Mit der neuen Bremstest-Anlage AIBA werden die Testmöglichkeiten nun noch weiter ausgebaut. Damit drehen sich die Reifen auf dem Contidrom im ruhigen Jeversen auch in Zukunft auf Hightech-Anlagen weiter.

Beliebt für Veranstaltungen

Durch seine vielfältigen Möglichkeiten war und ist das Contidrom als Veranstaltungsort beliebt. Zwar gehören die Motorradtreffen seit Mitte der 80er Jahre der Vergangenheit an, doch Sicherheitsforen und Tage der offenen Tür stehen öfters auf dem Kalender. So wurde beispielsweise das aufsehenerregende 30-Meter-Auto im Dezember 2000 in einem 600 Meter langen Zelt vorgestellt: Aus 100 km/h kam der Versuchswagen bei einer Vollbremsung nach knapp unter 30 Metern zum Stehen und sparte durch seine aufwändigen Reifen und seine angepasste Fahrwerkelektronik rund 25 Prozent Bremsweg ein. Das Contidrom ist mit seinen vielfältigen Möglichkeiten so weit mehr als eine bloße Versuchsstrecke, sondern eines der technologischen Aushängeschilder des Continental-Konzerns. dv

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