Hankook weiht heute neues Europe Technical Center in Hannover ein

Hankook investiert nicht nur in seine Produktionskapazitäten in Europa. Der koreanische Reifenhersteller baut auch seine F&E-Fähigkeiten kontinuierlich weiter aus. Heute nun weiht das Unternehmen sein neues „Europe Technical Center“, in kurz: ETC, in Hannover ein und bekennt sich damit ganz klar zu seinen Zielen auf dem europäischen Markt, insbesondere was die Pläne in der hiesigen Erstausrüstung betrifft. Im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG erläuterte der Technische Direktor und Leiter des ETC Stefan Fischer, was Hankook in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren aufgebaut hat und was die weiteren Zielsetzungen für Hankooks neues europäisches Entwicklungszentrum sind.

Mitte der 1990er Jahre ‚entdeckte’ Hankook den europäischen Reifenmarkt. Direkt ein Jahr nach Gründung der Europazentrale richtete Hankook auch den Vorgänger des heutigen Europe Technical Center ein. Die fünf Mitarbeiter, mit denen man sich damals beschied, hatten hauptsächlich die Aufgabe, den europäischen Markt zu beobachten, Informationen zu sammeln und diese nach Korea in die Konzernzentrale, insbesondere in die F&E-Zentrale, zu kommunizieren, Benchmarking eben. Zwei Jahre später dann stand der Umzug von Hannover-Lahe nach Hannover-Langenhagen in die Nähe des Flughafens der Landeshauptstadt an.

Warum aber überhaupt Hannover? Diplom-Ingenieur Stefan Fischer, der erst vor fünf Jahren zum koreanischen Reifenhersteller wechselte, weiß von durchaus praktischen Gründen zu berichten, die damals wichtig waren. Einerseits ist Hannover Sitz des größten deutschen Reifenherstellers und dessen F&E-Zentrale; die Region um Hannover habe einen Ruf für gut ausgebildete Reifenentwickler – ein wichtiger Grund für die Standortentscheidung, schließlich steht und fällt das Können einer F&E-Einrichtung immer mit dessen Personal. Bevor der Leiter des ETC zu Hankook kam, war auch er beim deutschen Marktführer beschäftigt.

Ein weiterer Grund sei wohl auch die geografische Nähe zum größten europäischen Automobilhersteller Volkswagen gewesen, den man gerne mit Reifen für die Erstausrüstung beliefern wollte. Mittlerweile liefert Hankook gleich an mehrere OE-Kunden auch in Europa; siehe mehr dazu unten. Gerade für die Entwicklung von Reifen für die Erstausrüstung ist die geografische Nähe zu den Kunden ein wichtiger Wettbewerbsfaktor, da eine enge Abstimmung stattfinde und oftmals gemeinsam getestet werde. Deutsche Hankook-Mitarbeiter sprechen dieselbe Sprache wie ihre oftmals deutschen Kunden in der Automobilindustrie, auch kulturell, betont Fischer; eine enge Zusammenarbeit werde auf diese Art und Weise nicht durch etwaige Kommunikationsprobleme behindert.

Dass sich nun – 15 Jahre nach Gründung des Europe Technical Center – ein Umzug an einen anderen Standort, etwa ins Rhein-Main-Gebiet, nicht mehr aufdrängt, sieht auch Stefan Fischer so. Man habe mittlerweile ein fest eingespieltes Team von immerhin 45 Mitarbeitern in Hannover beschäftigt, von denen die Hälfte Ingenieur und ein weiteres Drittel Techniker ist. Mancher Entwickler hat schon Jahrzehnte Beruferfahrung. Der Leiter des ETC legt zwar großen Wert darauf, einen guten Mix aus erfahrenen Reifenentwicklern und jungen Universitätsabgängern bzw. Neulingen in der Reifenentwicklung zu beschäftigen: junge Nachwuchsingenieure haben „einen 360-Grad-Blick“, so Fischer. Sie brächten viele neue Ideen und eine sehr nützliche Unvoreingenommenheit mit, während erfahrenere ETC-Mitarbeiter zwar eine gewisse „Prägung“ hätten, wie langgediente Mitarbeiter in allen Unternehmen. Diese Prägung lasse sich aber ohne Weiteres auch mit „Erfahrung“ übersetzen. Letztendlich sei aber nicht nur das ETC in Hannover etabliert, auch viele seiner Mitarbeiter seien dort mittlerweile verwurzelt. Außerdem übe Hankook mit seiner Einrichtung in Hannover mittlerweile auch so eine Anziehungskraft auf potenzielle Arbeitnehmer aus.

„Das Europe Technical Center ist spezialisiert auf die Entwicklung maßgeschneiderter Reifenlösungen für die europäischen Märkte“, heißt es dazu vonseiten des Herstellers. Wie Stefan Fischer erläutert, verbergen sich hinter dieser Umschreibung zu allererst Erstausrüstungs-Pkw-Reifen für die europäische Automobilindustrie. Zu den renommiertesten Kunden gehören heute Volkswagen mit etlichen Modellen bis hin zum aktuellen T5 sowie Audi, ebenso Ford und seit Neuestem auch die BMW Group. Seit Ende 2010 liefert Hankook auch Reifen in die Erstausrüstung verschiedener Modelle von BMW, etwa dem 1er, 3er und dem Mini. „Wir spielen dort in einer besonderen Liga mit“, sagt Stefan Fischer nicht ohne Stolz über die Verbindung mit dem Automobilhersteller aus Bayern. Man hoffe auf einen weiteren Ausbau der Verbindungen zu diesen und anderen Erstausrüstungskunden. Heute schon liefert Hankook geschätzte rund fünf Millionen Reifen in die europäische Erstausrüstung, von denen mehr und mehr auch aus der Fabrik in Ungarn stammen, in der aktuell insgesamt zwölf Millionen Reifen pro Jahr produziert werden; das Werk arbeitet damit an der Kapazitätsgrenze. Insgesamt, so Fischer, vermarkte Hankook pro Jahr rund 16 Millionen Reifen in Europa.

Den erste Reifen für einen europäischen Erstausrüstungskunden lieferte Hankook aus seiner 2007 eröffneten Europafabrik vor zwei Jahren aus. „Der Ausbau der Entwicklungskapazitäten spiegelt die wachsende Bedeutung des Unternehmens als Erstausrüster in Europa wider und wird die Marktpräsenz von Hankook weiter stärken.“ Wie das Unternehmen anlässlich der heutigen Einweihung des neuen ETC in Hannover schreibt, „verdeutliche die steigende Zahl an OE-Verträgen mit führenden europäischen Marken das Ansehen, das Hankook-Reifen unter Premiumherstellern in Europa und weltweit genießen.“

Reifenentwicklung für Kunden in der Automobilindustrie bringt für jeden Hersteller immer auch ein umfangreiches Testprogramm mit sich. Während das Gros der Arbeit für die europäischen Ersatzmarktreifen im Entwicklungszentrum in Korea geleistet wird, können sich Stefan Fischer und seine Mitarbeiter beinahe ganz auf die Betreuung der Erstausrüstungskunden konzentrieren. Wie Thomas Kamilli, im ETC Leiter des Testteams, im Gespräch mit dieser Zeitschrift erläutert, fänden die meisten objektiven und subjektiven Fahrzeugversuche und Tests entweder beim Automotive Testing Papenburg (ATP) oder dem spanischen Idiada statt. Gerade zur Einführung des EU-Reifenlabels habe man ein großes Testaufkommen zu bewältigen gehabt, so Kamilli weiter. Darüber hinaus werde auch auf dem Nürburgring getestet, während neue Winterreifen in der Regel in Schweden und Finnland auf Herz und Nieren geprüft werden.

Das 1997 gegründete ETC wurde in den vergangenen fünfzehn Jahren kontinuierlich ausgebaut und erweitert. Es ist insbesondere diese Kontinuität der Weiterentwicklungen, die Stefan Fischer auch für die Zukunft als Taktvorgabe sieht. Auch durch den jetzigen Umzug an den neuen Standort in Hannover wolle und werde man nicht „sprunghaft“ wachsen. Schritt für Schritt, das ist das Tempo, mit dem Hankook zielstrebig vorangeht und nicht voranhetzt. Dabei könnte Hankook im neuen ETC durchaus eine größere Belegschaft als die derzeit 45 Mitarbeiter unterbringen.

Hankook verfügt in der gemieteten Immobilie, die in den vergangenen zehn Monaten in Abstimmung mit den Bedürfnissen des Reifenherstellers gebaut wurde, über 1.750 m² Bürofläche und 1.400 m² Lager sowie modern eingerichtete Werkstätten, in denen neben einer Shearographie-Anlage von SDS Systemtechnik, (demnächst) einem Achsprüfstand auch ein „TriScan“-Laserprofilmesssystem von Noll zu finden ist. Während sich die Nutzflächen jeweils um 40 Prozent erhöht hätten, habe man durch geschickte Einteilungen der Räumlichkeiten in Hannover sogar 70 Prozent mehr Arbeitsplätze für Mitarbeiter im neuen ETC vorgesehen – Voraussetzung für weiteres Wachstum. Zum November etwa stelle Hankook einen weiteren Ingenieur für die Produktentwicklung ein.

„Die stetig steigende Zahl an Entwicklungsprojekten sowohl für die europäische Erstausrüstung als auch das Reifenersatzgeschäft verlangen nach einem entsprechenden Ausbau der Entwicklungskapazitäten. Die Entscheidung zur Erweiterung unserer Kapazitäten ist ein entscheidender Meilenstein unserer Wachstumsstrategie für Europa. Die neuen Räumlichkeiten sind ideal auf die Bedürfnisse unserer Entwicklungsspezialisten abgestimmt. Dies eröffnet neue Möglichkeiten und signalisiert unser Langzeitengagement“, unterstreicht Fischer im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG. arno.borchers@reifenpresse.de

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