Sailun Tyres investiert kräftig und zeigt, was man kann in China

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Zehn Jahre sind eine lange Zeit, gerade in der Reifenbranche. Vor einem Jahrzehnt kannte noch niemand den Namen „Sailun“, was auch nicht bemerkenswert ist, musste das Unternehmen seinen ersten Reifen doch erst noch bauen. Sailun Tyres wurde im November 2002 gegründet und konnte im Jahr darauf den ersten Reifen aus der Form heben: einen Lkw-Reifen vom Typ „S816“ in der Größe 10.00 R20. In den Folgejahren hat das Unternehmen ein phänomenales Wachstum hingelegt. Neben Lkw-Reifen fertigt Sailun Tyres heute auch Pkw- und OTR-Reifen und ist außerdem in der Runderneuerung aktiv. Im vergangenen Jahr dann ging das Unternehmen an die Börse und nahm dort rund eine Milliarde Yuan (120 Millionen Euro) frisches Eigenkapital ein, das für die weitere Expansion genutzt werden soll, wie die NEUE REIFENZEITUNG bei einem Besuch vor Ort in der Reifenfabrik und Unternehmenszentrale im chinesischen Qingdao Mitte September erfuhr.

Dabei hat Sailun Tyres natürlich auch bereits konkrete Projekte für die Verwendung des neuen Eigenkapitals vor Augen. Wie General Manager Wang Jianye im Gespräch mit dieser Zeitschrift sagt, habe man im Laufe dieses Jahres etwa den Wettbewerber Shenyang Peace Radial Tyre Manufacturing Co. Ltd. für rund 120 Millionen Yuan übernommen; die Verhandlungen waren erst Ende August erfolgreich beendet worden. Darüber hinaus verhandelt Sailun Tyres aktuell noch über eine 49-prozentige Beteiligung an Shandong Jinyu Industrial Co. Ltd. für rund 200 Millionen Yuan; der Abschluss stehe kurz bevor. Beide Unternehmen seien „logische Akquisitionen“, so Wang weiter. „Bis heute hat unser ‚State Tire Technology Center’ (STTC) 16 schlüsselfertige Fabrikprojekte für Kunden umgesetzt. Shenyang Peace Radial und Jinyu Industrial gehörten beide dazu. Wir haben beiden Unternehmen mit Technologie und mit Managementsystemen weitergeholfen. Folglich hatten wir mit beiden bereits enge Beziehungen“, so Wang weiter.

Auch weitere Gründe hätten für die Akquisitionen gesprochen. „Wenn wir über eine neue Fabrik nachdenken, dann sind zwei Dinge wichtig. Zu allererst ist der Return wichtig; ist es günstiger zu bauen oder zu kaufen? Und wenn wir eine Fabrik kaufen, schauen wir uns deren Kultur an – passt sie zu uns? Bei Jinyu und Shenyang haben wir technologisch und kommunikationsseitig eine sehr gute Basis. Außerdem schätzen beiden Fabriken die Sailun-Kultur; wir arbeiten also sehr gut miteinander.“

Bereits kurz nach der Akquisition, so der General Manager weiter, habe Sailun Tyres die „größere Einkaufsmacht“ bei Rohstoffen zu spüren bekommen, was sich positiv auf die Kostensituationen der Sailun-Fabriken auswirken werde. Wie Samuel Zhou, Assistent des General Managers und außerdem Direktor für internationales Marketing, ergänzt, wolle man sich zunächst vorwiegend auf die produktionstechnischen Vorteile der Akquisitionen konzentrieren. „Jinyu ist ein unabhängiger Reifenhersteller“, so Zhou weiter. „Was das Marketing und den Vertrieb betrifft, hat Jinyu sein eigenes Netzwerk. Und dies wird voraussichtlich auch so bleiben, zumindest in den kommenden drei bis fünf Jahren. Aber wenn wir die Notwendigkeit sehen, die Vertriebsnetzwerke von Sailun Tyres und Jinyu zusammenzufügen, dann werden wir dies tun.“

Vietnam Tire: Fabrik im Ausland

Zusätzlich zu Übernahmen wächst Sailun Tyres aber auch durch die Errichtung einer Greenfield-Fabrik in Vietnam und ist damit der erste chinesische Reifenhersteller, der außerhalb Chinas eine neue Fabrik errichtet. „Einer der wesentlichen Gründe für den Bau in Vietnam ist, dass es unser Globalisierungsprojekt vervollständigt, eine Fabrik im Ausland zu haben. Außerdem haben wir einige schlüsselfertige Fabrikprojekte auch in Vietnam umgesetzt. Wir haben also eine sehr gutes Verständnis der nationalen Gesetzgebung und Kultur; und wir haben vor Ort Kontakte. Dies war für uns ein absoluter Vorteil.“

Der erste Bauabschnitt der neuen Fabrik in Vietnam kann im April oder Mai des kommenden Jahres in Betrieb genommen werden, erläutert Wang. Rund ein Jahr später soll dieser Abschnitt bereits unter Volllast laufen und entsprechend drei Millionen Pkw-Reifen und 6.000 Tonnen OTR-Reifen pro Jahr fertigen. Die Investitionskosten dafür beziffert der General Manager mit rund 75 Millionen Euro. In Zukunft soll die Anlage dann auf eine Jahreskapazität von zehn Millionen Pkw-Reifen, drei Millionen Lkw-Reifen und 12.000 Tonnen OTR-Reifen ausgebaut werden.

„Einige der Pkw-Reifen aus Vietnam sollen auch nach Nordamerika und in Europa exportiert werden. Die meisten aber bleiben in Südostasien, da sie dort ohne Zölle vertrieben werden können“, ergänzt Zhou. „OTR-Reifen sind für Sailun Tyres immer noch ein relativ neues Produkt; diese wollen wir nach allen Märkten exportieren.“ Der Direktor für internationales Marketing weiter: „Wir sehen mehr und mehr Handelshemmnisse für Reifen aus China. Dies ist natürlich auch ein Grund für die Fabrik in Vietnam. Und Globalisierung ist uns wichtig. Außerdem haben die Kosten in den vergangenen Jahren in China angezogen und steigen immer noch. Vietnam ist dichter an den Kautschukplantagen und bietet bessere Arbeitskosten. Wir werden in jedem Fall eine Kostenverringerung in Vietnam im Vergleich zu China erleben.“

Wachstum auf dem Weltmarkt

Nach den beiden Akquisitionen und dem Bau der neuen Reifenfabrik in Vietnam wird Sailun Tyres weltweit über eine Produktionskapazität in Höhe von 30 Millionen Pkw-Reifen, sieben Millionen Lkw-Reifen und 20.000 Tonnen OTR-Reifen verfügen. Ein Großteil dieser Reifen wird in Nordamerika verkauft, aktuell der wichtigste Markt für Sailun Tyres: 40 bis 50 Prozent der Lkw-Reifen und 35 bis 40 Prozent der Pkw-/LLkw-Reifen werden dort vermarktet. Aber auch Europa spielt für Sailun Tyres eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die hiesige Tochtergesellschaft Sailun Tyres Europe hatte erst kürzlich mitgeteilt, im Laufe dieses Jahres rund 1,5 Millionen Reifen verkaufen zu wollen. Laut Zhou werden rund 15 Prozent der Lkw-Reifen und 20 bis 25 Prozent der Pkw-Reifen hierzulande verkauft; als nächst wichtigster Markt nennt Zhou Lateinamerika.

„Wir sind auf dem europäischen Markt noch nicht seit allzu langer Zeit präsent. Daher steht Westeuropa für uns aktuell im Mittelpunkt“, so Zhou. „Wir kümmern uns aber auch um Osteuropa und blicken sogar nach Russland und in die Ukraine. Außerdem interessieren uns einige andere Märkte weltweit, etwa in Südostasien oder in Afrika. In Europa wollen wir unser Geschäft mit Pkw- wie auch Lkw-Reifen entwickeln.“

Die Stammfabrik in Qingdao

Die NEUE REIFENZEITUNG konnte einen Blick hinter die Kulissen der Sailun-Tyres-Fabriken am Standort im chinesischen Qingdao, genauer gesagt: in der speziellen wirtschaftlichen und technischen Entwicklungszone der ostchinesischen Stadt, werfen und fand einen hochgradig technologisierten Lkw-Reifenspezialisten. In der Lkw-Reifenfabrik – der Keimzelle des Unternehmens – fertigt Sailun Tyres aktuell rund 3,3 bis 3,5 Millionen Radialreifen, von denen rund drei Viertel auch unter dem Markennamen „Sailun“ aus der Form gehoben werden; der Rest sind Eigenmarken. Die Technologie für die Reifenproduktion stammt dabei beinahe ausschließlich von der Mesnac Co. Ltd., dem Unternehmen hinter Sailun Tyres, das zu den führenden Anbietern von Anlagen für die gummiverarbeitende und Reifenindustrie gehört und auch international einen guten Ruf genieße.

Direkt neben der Lkw-Reifenfabrik befindet sich die Sailun-Tyres-Mischerei sowie das Zentrallager. Neben dem bestehenden Lager baut das Unternehmen aktuell eine neue Halle, die eine Dreiviertel Million Pkw-Reifen fassen wird; außerdem seien für kommendes Jahr Bauarbeiten für noch ein neues Lager geplant.

Daneben wiederum befindet sich die Pkw-Reifenfabrik, die einige Jahre nach der Lkw-Reifenfabrik gebaut worden war. Dort können jährlich rund neun Millionen Reifen gefertigt werden. Auch hier arbeitet der Hersteller beinahe ausschließlich mit Mesnac-Anlagen, die einen hohen Grad an Automatisierung im Produktionsprozess zulassen. Da Sailun Tyres erst kürzlich überhaupt damit begonnen hat, seine Pkw-Reifen im Heimatland zu vermarkten, werden aktuell rund 8,5 der neun Millionen Reifen auf Exportmärkten vertrieben; die Nachfrage sei außerdem größer als die Produktion, die Fabrik arbeitet demnach unter Vollauslastung.

Zu guter Letzt befindet sich auch die Off-the-Road-Reifenfabrik – Sailun Tyres plant aktuell sogar die Errichtung einer weiteren OTR-Reifenfabrik am Standort – sowie eine Runderneuerungsfabrik samt Laufstreifenfertigung auf dem Fabrikgeländer in Qingdao.

Neben den Produktionsstätten betreibt das Unternehmen noch das „Sailun Technology Center“ in Qingdao, wo rund 300 Ingenieure und Techniker mit der Reifenentwicklung betraut sind. Insgesamt arbeiten am Standort rund 4.500 Mitarbeiter. Die Unternehmenszentrale selbst liegt im rund 40 Kilometer entfernt gelegenen sogenannten „Rubber Valley“ von Qingdao, wo auch die Mesnac-Zentrale ansässig ist. In Shenyang betreibt Sailun Tyres – siehe oben – noch eine weitere Lkw-Reifenfabrik. stephen.goodchild@tyrepress.com/ab


Am Sailun-Standort in Qingdao befinden sich Fabriken zur Herstellung von Lkw-, Pkw- und OTR-Reifen sowie eine Runderneuerungsfabrik, mehrere Lager und das „Sailun Technology Centre“

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