Technologietransfer aus der WRC – Michelin treibt Regeländerungen voran

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Blick zurück in Jahr 1973, die Geburtsstunde der Rallye-Weltmeisterschaft. Noch kämpfen nur Hersteller um einen Titel, und die herrlichen flachen Alpine A110 sind an der vordersten Front mit dabei. Sechs mal gewinnen die blauen Flundern in den Händen von Jean-Claude Andruet, Jean-Luc Thérier, Bernard Darniche und Jean-Pierre Nicolas. Das genügt: Die Franzosen sind erster Markenweltmeister der Rallye-Geschichte – und mit ihnen auch Michelin als Reifenpartner. Fast 40 Jahre und nunmehr 500 WM-Rallyes sind seither vergangen, aber Michelin stellt sich immer noch dem Wettbewerb in der Rallye-Königsklasse WRC, auch wenn aktuell ausschließlich Michelin Reifen für die WRC-Teams liefert. Ein Besuch der Deutschland-Rallye Ende August entlang der Mosel zeigte, dass das Engagement der Franzosen in all den Jahren nicht abgenommen hat, im Gegenteil.

Nach einer kurzen Unterbrechung kehrte Michelin erst im vergangenen Jahr wieder in die Rallye-Weltmeisterschaft zurück. Der französische Reifenhersteller – das wird immer wieder betont – engagiert sich im Motorsport, um dort im Wettbewerb zu bestehen. Exklusivverträge sind nicht die Sache der Franzosen, würde dadurch doch der Wettbewerbsdruck auf die Reifenentwicklung entfallen. Diesen aber betrachtet man bei Michelin als wesentliche Antriebsfeder für das Tun im Motorsport; von etwaigen Umsätzen und Gewinnen über den Verkauf dieser Reifen an die Teams einmal abgesehen. Auch wenn aktuell in der WRC Wettbewerb grundsätzlich erlaubt ist, ist Michelin der einzige Reifenlieferant der Topteams. Lediglich an die Teams der unteren Klassen S-WRC und P-WRC liefert auch Mitbewerber Dmack aus Großbritannien Reifen (gefertigt in China bei Shandong Yongtai), obwohl grundsätzlich in allen Klassen Wettbewerb möglich ist.

Dass Michelin sein WRC-Engagement in der Tat zu kontinuierlichen Weiterentwicklungen nutzt, zeigte sich nicht zuletzt auch auf der Deutschland-Rallye entlang der Mosel. Dort stellte der Reifenhersteller seinen Partnerteams gleich zwei komplett neu entwickelte Reifentypen zur Verfügung. „Rauer Asphalt, hartkantige Betonpisten, versandete Weinbergwege und rasant schnelle Saarland-Straßen, über die sich in restfeuchten Waldpassagen blitzschnell ein heimtückisch glatter Schmierfilm legt: Die Rallye Deutschland hält für die weltweite Drift-Elite auch im zehnten Jahr als WM-Lauf wieder einige Spannung fördernde Elemente bereit“, hieß es dazu in einer Vorankündigung des Reifenherstellers.

Wie sehr das Material auf den Wertungsprüfungen rund um das Rallye-Zentrum in Trier gefordert wird, zeigt ein Blick auf die Bilanz der letztjährigen Rallye: Mehr als 130 gebrochene Räder, die in 22 Fällen sogar zu einer Beschädigung des Reifens führten, sprechen da eine deutliche Sprache. „Denn Fahrfehler werden bei der Rallye Deutschland direkt geahndet.“

Michelin hat auf diese extremen Anforderungen reagiert und für die Saison 2012 eine neue Generation von Asphaltspezialisten entwickelt: den „Pilot Sport“ in den Laufflächenmischungen H1 (härter) und S1 (weicher). Beide bestanden auf der Rallye Deutschland ihre Generalprobe gut bestanden. Dabei weisen beide 18-Zöller das gleiche Profildesign auf, decken aber unterschiedliche Einsatzgebiete ab: Während der H1 vor allem für trockene Bedingungen konzipiert wurde, ist die S1-Variante bei Regen und gemischten Verhältnissen die richtige Wahl. Zugleich zeichnen sie sich durch nochmals widerstandsfähiger konstruierte Seitenwände aus. Selbst bei völligem Luftverlust bieten diese Reifen immer noch die Chance, die Wertungsprüfung sicher zu beenden. Im Gegenzug nehmen es diese Reifen auch nicht übel, wenn sie auf der sogenannten „Power Stage“ im Herzen von Trier erbarmungslos über Randsteine geprügelt werden. Übrigens: Frei verkäuflich sind diese außergewöhnlichen Technologieträger nicht. Jeder einzelne Pneu geht nach Gebrauch an die Spezialisten von Michelin zurück und wird intensiv analysiert.

„Der neu entwickelte Michelin Pilot Sport entspricht den extremen Bedingungen, die gerade die Rallye Deutschland an Reifen stellt“, erläutert Jacques Morelli, Leiter des Rallye-Engagements von Michelin. „Wir wollten seine Robustheit stärken, ohne seine Leistungsfähigkeit einzuschränken. Hierfür haben unsere Spezialisten eine neue Konstruktion mit gezielt verstärkten Flanken konzipiert. Mit ihr können unsere Fahrer auch dann noch das Ziel der Wertungsprüfung erreichen, wenn der Reifen alle Luft verloren hat. Dieser Pneu war bereits zur Rallye Monte Carlo einsatzbereit, unsere Partnerteams konnten ihn jedoch zuvor nicht testen. Deswegen feiert er jetzt sein Debüt in Deutschland. Unsere Techniker werden seine Wettbewerbsfähigkeit genau beobachten, auf die Rückmeldungen durch die Fahrer sind wir sehr gespannt.“

Als zusätzlicher Antrieb für die Michelin-Reifenentwickler dienen dabei auch Änderungen im WRC-Reglement. Pro World Rally Car dürfen im Laufe der Rallye inklusive Qualifying nur noch 40 Reifen eingesetzt werden, also jeweils fünf pro Service. In den kommenden Jahren soll die Anzahl der eingesetzten Reifen noch weiter verringert werden. Zugleich sind bis zu zwei Reserveräder erlaubt, die aber – ebenso wie die Rollbereifung – jeweils mit neuen Pneus bestückt sein müssen. Daraus resultiert, dass die Zuverlässigkeit und Ausdauer der WRC-Reifen noch wichtiger wird. Diese Änderung geht auf eine Anregung von Michelin zurück. „Auf diese Weise rücken die Ausdauerfähigkeiten der Pneus und ihre Vielseitigkeit wieder stärker in den Vordergrund; Anforderungen, die auch jeder Serienreifen im täglichen Straßenverkehr bewältigen muss und die den Technologietransfer zwischen Rallye- und Kundenpneus weiter beflügeln werden“, so der Hersteller dazu. Für den deutschen Lauf kam die französische Marke zum Beispiel mit rund 2.000 Decken für die Partnerteams aus, die in der WM eingeschrieben sind. Sie werden von elf Ingenieuren und Technikern betreut, die wertvolle Tipps für das Reifenmanagement geben. arno.borchers@reifenpresse.de

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