Schön oder schöngerechnet? BB-gelabelte Winterreifen aus China

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Es ist im Markt bekannt, dass das EU-Reifenlabel zum Thema Winterreifen nicht allzu viele Informationen bietet. Genauer gesagt: Man darf das Label durchaus als reines Sommerreifenlabel bezeichnen, was natürlich viele Fragen zum Einführungstermin im Herbst und zur Zweckmäßigkeit des Labels aufwirft. Dennoch müssen Winterreifen genauso gelabelt werden wie Sommerreifen. Trotz oder gerade wegen des Fehlens von Informationen zu wichtigen Wintereigenschaften auf dem Label stellt sich die Frage, welche Bedeutung die Labelklassifizierungen von Winterreifen in der kommenden Saison haben werden. Gerade besonders gut gelabelte Winterreifen aus Fernost, die von jedem Beobachter als Budgetreifen eingestuft werden und für die Angebote die Runde im Markt machen, werfen weitere Fragen nach der Ehrlichkeit der Angaben und nach möglichen Kontrollen auf.

Als die Redaktion der NEUE REIFENZEITUNG erstmals eine E-Mail von einem bekannten Grossisten aus Benelux weitergeleitet bekam, mit der zum Kauf verschiedener aktueller Winterprofile aus Fernost aufgefordert wurde, schwankten die ersten Reaktionen zwischen Staunen und Empören. Können Hersteller aus China wirklich BB-gelabelte Winterreifen fertigen, insbesondere dann, wenn dies nicht einmal etablierten europäischen Weltmarktführern gelingt?

Nun ist es ja bekannt, dass die verschiedenen Effizienz- und Nasshaftungsklassen, die mit Buchstaben von A bis G auf dem EU-Reifenlabel angegeben werden, stets eine gewisse Bandbreite an Leistungswerten abdecken und somit vielleicht den Eindruck erwecken, eine gewisse Flexibilität in der Interpretation der Werte zu ermöglichen. Insbesondere, da die Testprocedere – trotz aller Harmonisierungsbemühungen – ihrerseits gewisse Streuungen in Abhängigkeit zu den äußeren Rahmenbedingungen wie Temperaturen, Fahrbahnbeschaffenheit etc. ermöglichen. Die EU-Reifenkennzeichnungsverordnung wird von einige geradezu als Aufforderung verstanden, mögliche Spielräume großzügig auszulegen. Doch selbst unter Berücksichtigung dieser ‚Variablen’ scheinen BB-gelabelte Winterreifen einem technischen Wunder gleichzukommen.

Da Wunder selten sind, ist die Annahme eher, dass hier entweder absichtlich falsch gelabelt wurde oder dass Reifen das Labelingverfahren durchlaufen haben, die mit handelsüblichen Winterreifen nur noch wenig gemein haben. Führende europäische Reifenentwickler haben im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG ihren Verdacht geäußert, dass hier „Lug und Betrug“ stattfinde. Einen BB-gelabelten Sommerreifen zu entwickeln und zu produzieren sei schon „eine überaus stramme Anforderung an das Entwicklungsteam“, heißt es dazu. Aber bei Winterreifen? Vielleicht seien die Reifen entsprechend „einer einseitigen Produktauslegung“ entwickelt worden, fragt der Entwicklungschef eines namhaften Premiumherstellers. Mit anderen Worten: Ausschließlich die Labelwerte waren dabei von Bedeutung. Aber was macht den Reifen dann noch zu einem Winterreifen, wenn der Reifen lediglich in seinen vom Label abgedeckten (Sommer-)Eigenschaften optimiert wurde? Und was ist mit anderen Eigenschaften wie etwa dem Abrieb, also der Laufleistung? Jeder Winterreifen sollte – parallel zu seinen Labelklassifizierungen – auch „noch fahrbar sein, einen akzeptablen Reifenabrieb haben und als Winterreifen auf Schnee und Eis einigermaßen funktionieren“, so ein führender deutscher Entwicklungschef.

Vielleicht seien auch entsprechend ‚optimierte’ Reifen, also nicht die der Serienproduktion, ins Labelingverfahren genommen worden. Mit anderen Worten: Es könnte an der Profiltiefe, also an der Masse des Reifens gedreht worden sein, so dass sich dadurch der Rollwiderstand deutlich verbessert. Nur wie sich dadurch der Nassgriff und das Verhalten auf Schnee und Eis verändert, weiß jeder in der Branche. Von der Laufleistung des Reifen einmal ganz zu schweigen.

Ein Reifenlabel, dass auf diese Art und Weise genutzt wird, um sich einen etwaigen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, ist nicht viel wert! Das Label soll der schnellen Information von Endverbrauchern über zentrale Eigenschaften eines Reifens dienen, es soll eine Hilfe bei der Kaufentscheidung sein. Was jetzt offenbar in Teilen des Marktes passiert, festigt den Eindruck vieler am Markt, dass das Label das Papier nicht wert ist, auf das es gedruckt wird. Der Ruf nach durchgreifenden Kontrollen wird lauter – und man darf sich wohl sicher sein, dass diese in den kommenden Monaten auch die eine oder andere Marke diskreditieren werden, wenn sie auch dadurch nicht zu Fall kommen. Nur somit kann mittelfristig sichergestellt werden, dass mögliche schwarze Schafe in der Branche vor etwaigen Betrügereien abgeschreckt werden und Wettbewerb zumindest ohne unlautere Wettbewerbsvorteile stattfindet.

Man könne sicher sein, dass der chinesische Hersteller der oben genannten BB-gelabelten Winterreifen den Nachweis über ein ordnungsgemäßes Labelingverfahren erbringen kann, irgendwie. Folglich müsse man vorsichtig mit etwaigen öffentlichen Bloßstellungen sein, wird der NEUE REIFENZEITUNG geraten, denn sofort werde die Beweislast umgekehrt. Eine Organisation, die vor entsprechenden Folgen einer Unterlassungsklage nicht zurückschrecken muss, ist sicherlich der europäische Verband der Reifen- und Gummiartikelhersteller ETRMA. Bereits bei den PAK-Weichmacherölen hat sich der Verband als Anwalt der hiesigen Reifenindustrie positioniert. Man darf davon ausgehen, dass dies auch beim Reifenlabel wieder so sein wird. Auch das in Gründung sich befindende „EU Tyre Labelling Administrative Enforcement Cooperation Committee“, das auf europäischer Ebene die Marktüberwachung koordinieren und den Informationsfluss zwischen den beteiligten Organisationen garantieren soll, wird vom Herstellerverband ETRMA unterstützt und sollte Reifenherstellern eine Warnung sein, die absichtlich falsche oder ungenaue Labelwerte angeben. Was bleibt ist die Hoffnung, dass auch in Zukunft der Wettbewerb in Europa nicht durch ein Reifenlabel unterminiert wird, das sich jeder Hersteller nach den eigenen Bedürfnissen schönrechnet. arno.borchers@reifenpresse.de

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