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Erwartungen an Wintergeschäft 2011/2012 müssen wohl zurückgeschraubt werden

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Klar ist, dass nichts klar ist. Gemeint damit ist, wie die diesjährige Umrüstsaison letztendlich wohl verlaufen wird. Doch es gibt erste Anzeichen dafür, dass zwischen der Zahl der von Verbrauchern tatsächlich gekauften Winterreifen und den vom Handel in Erwartung einer im Vergleich zu 2010 mindestens ebenso hohen Nachfrage und einer noch angespannteren Liefersituation georderten Volumina durchaus eine gewisse Diskrepanz besteht.

Dabei schien noch vor Monaten alles rosarot: Selbst der für seine eher konservativen bzw. vorsichtigen Prognosen bekannte Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseurhandwerk e.V. (BRV) ging unter gewissen Umständen von einem Winterreifenabsatz 2011 in etwa auf Höhe des vergangenen Jahres aus, von den teils überschwänglichen Vorhersagen der Industrie ganz zu schweigen. Nach den wieder einmal schlechten Erfahrungen des Handels mit der Warenverfügbarkeit im Winter 2010/2011 hat all dies – wie erwartet und von nahezu allen Branchenexperten auch empfohlen – zu einer frühen und möglichst hohen Bevorratung der Reifenvermarkter hierzulande geführt. Folge dessen war eine weiter verschärfte Liefersituation, mit einer anscheinend noch höheren Knappheit an Winterreifen als 2010, obwohl alle Hersteller nach eigenen Worten doch schon produziert haben, was die Vulkanisationspressen hergeben. Insofern hat die Lage etwas von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Alle erwarten eine angespannte Liefersituation und ordern vorsorglich mal ein wenig mehr, weil man ja eh nicht 100 Prozent geliefert bekommt – was wiederum dazu führt, dass die Industrie ab einem gewissen Punkt tatsächlich nicht mehr alle Anfragen erfüllen kann und der „Leidensdruck“ bei den Vermarktern nochmals größer wird.

Fakt oder Fiktion?

Die eigentlich spannende Frage ist nun allerdings ob die knappe Ware „nur gefühlt“ ist oder ob den vermeintlich zu wenig gelieferten Reifen auf der anderen Seite tatsächlich eine wie erwartet hohe Nachfrage der Verbraucher gegenübersteht. Beantworten lassen wird sich dies – wie sollte es anders auch sein – freilich erst nach dem Ende des Winters. Obgleich bis vor Kurzem noch in den Medien immer wieder der Teufel an die Wand gemalt wurde, wer sich bis dato immer nicht um die Winterbereifung seines Fahrzeuges gekümmert habe, der werde bald keine der schwarzen Rundlinge für die kalten Monate des Jahres mehr bekommen, so gibt es doch auch Indizien dafür, dass die Verbraucher scheinbar gar nicht so sehr emsig neue Winterreifen kaufen wie erwartet und erhofft. Denn irgendwie wollen die Klagen so manchen Händlers über von der Industrie nicht in der georderten Menge, ergo in nicht ausreichendem Umfang gelieferten Winterreifen auf der einen nicht zu dem auf der anderen Seite vom BRV schon Ende Oktober diesbezüglich gemeldeten und mit einem Plus von 19 Prozent gegenüber demselben Zeitpunkt 2010 nicht gerade unerheblichen Lagerbestandsaufbau im Handel passen. Prompt hat sich die Branchenvertretung dafür natürlich entsprechende Kritik eingehandelt.

Vor dem Hintergrund der mitunter recht emotional geführten Diskussion rund um die Warenverfügbarkeit, von der zudem so mancher Beitrag im Onlineforum der NEUE REIFENZEITUNG unter www.reifenpresse.de zeugt, empfiehlt sich zunächst einmal ein Blick auf die Fakten. Hier muss man konstatieren, dass zusätzliche Impulse, welche die Geschäftsentwicklung in Sachen Winterreifen im Vergleich zur Umrüstsaison 2010/2011 hätten beflügeln können, bis in den November hinein ausgeblieben sind. Zwar hat es ab etwa Mitte des vergangenen Monats die eine oder frostige Nacht gegeben, nennenswerte Schneefälle blieben allerdings aus. Dabei ist für in Bezug auf die Umrüstung wankelmütige Autofahrer gerade Letzteres – so falsch diese Einstellung bekanntermaßen ist – der meist ausschlaggebende Faktor, nun vielleicht doch die Werkstatt anzusteuern, um auf Winterbereifung zu wechseln bzw. neue M+S-Reifen anzuschaffen. Aber sicherheitsbewusste Autofahrer haben zu diesem Zeitpunkt normalerweise ohnehin bereits längst die „Besohlung“ ihres Fahrzeuges den jahreszeitlichen Gegebenheiten angepasst.

Ein wenig mehr Absatzvolumen hätte ungeachtet dessen trotzdem noch die ursprünglich für Ende dieses Jahres angekündigte Überarbeitung der Straßenverkehrsordnung (StVO) mit Blick auf die „situative Winterreifenpflicht“ bzw. die Diskussion um eine etwaige Anhebung der Mindestprofiltiefe von 1,6 auf vier Millimeter generieren können. Doch die ist nach Informationen der Pilot:Projekt GmbH „mit hoher Wahrscheinlichkeit auf 2012 vertagt“. Wie die in Hannover beheimatete Unternehmensberatung für Kommunikation darüber hinaus sagt, wolle das Bundesverkehrsministerium diesbezüglich angeblich „nichts übers Knie brechen“, hülle sich offiziell aber weiter in Schweigen. „Ramsauer kündigt viel an, realisiert aber wenig“, soll angesichts dessen Sören Bartol, Mitglied des Bundestages und Sprecher der AG Verkehr, Bau und Stadtentwicklung der SPD-Bundestagsfraktion, beklagt haben. „Am Ende stehen wieder viele Autos auf verschneiten Autobahnen quer, und der Minister hat es in einem Jahr nicht geschafft, Klarheit zu schaffen“, übt er Kritik am Bundesverkehrsminister. Selbst wenn also von Anfang an vorgesehen war, die erst vor gut einem Jahr vom Bundesrat beschlossene „situative Winterreifenpflicht“ in diesem Jahr einer Prüfung zu unterziehen und gegebenenfalls zu konkretisieren/nachzubessern, wird daraus – so Pilot:Projekt – angesichts der vorgerückten Zeit und entsprechend zu wahrender Fristen kurzfristig wohl nichts werden.

Absatzentwicklung/-prognosen

Nicht weiter verwunderlich ist vor diesem Hintergrund also, dass der BRV Anfang/Mitte November Zahlen des Wirtschaftsverbandes der deutschen Kautschukindustrie e.V. (WdK) zum Sell-out (Reifenabsatz Handel an Verbraucher) publik machte, wonach sich die Winterreifenverkaufszahlen zum Stand Ende Oktober um immerhin 6,7 Prozent rückläufig gegenüber demselben Zeitpunkt 2010 entwickelt haben. Unter Zuhilfenahme der parallel dazu natürlich ebenso zur Verfügung stehenden Zahlen zum Sell-in (Reifenabsatz Industrie an Handel) errechnete der BRV aus dem diesbezüglichen Plus von 9,4 Prozent per Ende Oktober einen aktualisierten Wert für den Lagerbestandsaufbau bei Winterreifen, der nach diesem letzten Stand mit „plus 16,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr“ beziffert wird. An dem der NEUE REIFENZEITUNG vorliegenden Zahlenwerk lässt sich überdies ablesen, dass die Verbraucher in diesem Jahr viel früher Winterreifen gekauft haben als 2010. Deutliche Absatzzuwächse in den Monaten vor dem Oktober, der ja zusammen mit dem November eigentlich der Monat ist, in dem die Verbraucher geballt Reifenvermarktungsbetriebe „stürmen“, zeugen von einem zunehmenden „Winterreifenbewusstsein“ der Autofahrer.

Wermutstropfen der Entwicklung ist allerdings das laut WdK-Sell-out-Panel beobachtete Minus im Oktober selbst: Im Vergleich zum Vorjahresmonat sollen 2,6 Prozent weniger Winterreifen an die Frau bzw. den Mann gebracht worden sein. Aktuelleres lag beim Schreiben dieser Zeilen zwar noch nicht vor, aber die vergleichsweise milde Witterung im November und das wohl ausbleibende Anpacken der StVO-Thematik seitens der Politik lassen nichts Gutes erwarten. Inzwischen spricht daher auch der BRV davon, dass sich die eigene – wie man selbst wiederholt gesagt hat – „sehr optimistische“ Prognose für den Winterreifenansatz Handel an Verbraucher in diesem Jahr eher wohl nicht mehr Realität werden wird. „Deutlich realistischer erscheint mittlerweile die WdK-Prognose für das Winterreifengeschäft 2011, die einen Rückgang von 4,8 Prozent unterstellt. Folgt man dem in der Branche sogenannten Vierjahresrhythmus, liegt die Prognose zu 2011 sogar bei minus 19,3 Prozent zum Vorjahr“, so Peter Hülzer, geschäftsführender Vorsitzender des Bundesverbandes Reifenhandel und Vulkaniseurhandwerk.

Schon die BRV-Gespräche mit Vertretern der Reifenindustrie, die im September stattfanden, hatten erste Indizien dafür geliefert, dass dieses Jahr wohl nichts aus einer schwarzen Null geschweige denn einem Wachstum in Sachen Winterreifenabsatz Handel an Verbraucher werden wird. Dem der NEUE REIFENZEITUNG vorliegenden Gesprächsprotokoll ist zu entnehmen, dass beispielsweise Bridgestone Deutschland für das Gesamtjahr diesbezüglich ein Minus gegenüber 2010 in Höhe von vier Prozent erwartet. Nach den 27,4 Millionen Winterreifen, die Verbraucher laut dem BRV im vergangenen Jahr erworben haben, entspräche dies einem Volumen von rund 26,3 Millionen Einheiten im deutschen Ersatzmarkt. Das Management der Goodyear Dunlop Tires Germany GmbH ging im September demnach von einem Rückgang des Winterreifenabsatzes hierzulande um 3,9 Prozent aus, präsentierte bei den BRV-Industriegesprächen aber eine auf anderen Ausgangszahlen basierende Rechnung, sodass für 2011 letztendlich 25,9 Millionen an die Frau oder den Mann gebrachten Pkw-Winterreifen ausgegangen wird. Ein Wert, der übrigens auch im kommenden Jahr wieder erreicht werden soll. Bei Pirelli geht man demgegenüber davon aus, das die Absatzzahlen an M+S-Reifen in diesem Jahr auf dem gleichen Niveau liegen werden wie 2010, während Conti und Michelin keine konkreten Aussagen zu ihren diesjährigen Absatzerwartungen bei Pkw-Winterreifen bei den Industriegesprächen machten.

Noch mehr Zahlenspiele

All dies spiegelt sich so auch bei den Lesern dieser Fachzeitschrift wider. Denn einerseits hat eine von Ende September bis etwa Mitte November auf www.reifenpresse.de gelaufene Onlineumfrage gezeigt, dass der Handel mehrheitlich ganz offenbar nicht besonders zufrieden mit der Lieferfähigkeit der Industrie in Sachen Winterreifen war/ist. Auf die Frage, ob es für den eigenen Betrieb so gewesen sei, dass Reifenhersteller Ad-hoc-Bestellungen fast gar nicht bearbeiteten, gaben 55 Prozent der Umfrageteilnehmer, im besagten Zeitraum diesbezüglich „solche Erfahrungen mit der Industrie gemacht“ zu haben. Und anhand entsprechender Kommentare der Antwortenden meint man, die angespannte Liefersituation beinahe mit den Händen greifen zu können. Andererseits hat eine sich an diese Erhebung anschließende weitere Umfrage ab etwa Mitte November ergeben, dass „nur“ rund 37 Prozent von einem bis dato besseren Winterreifengeschäft mit dem Endverbraucher berichten können, während das Umrüstgeschäft bei knapp 19 Prozent der Umfrageteilnehmer bisher „in etwa genauso“ wie im Herbst 2010 gelaufen ist gut 44 Prozent sogar von schlechteren Geschäften berichten. Nachdem September und Oktober vergleichsweise gut gelaufen seien, hat der November dafür offenbar eher enttäuscht, ist aus dem Handel zu hören. „Es fehlt jetzt Schnee“, kommentierte ein Umfragteilnehmer Ende vergangenen Monats seine Stimmabgabe.

Angesichts dessen ist die „Winterreifenknappheit“ mit Blick auf die bis Redaktionsschluss ausgebliebenen weißen Flocken daher vielleicht doch nicht ganz so hoch wie zunächst allseits befürchtet. Von einer „Mangelwirtschaft à la DDR“ will der BRV jedenfalls nichts wissen und das offensichtlich zu recht, wie eine von der NEUE REIFENZEITUNG selbst durchgeführte Recherche ergeben hat. In den drei im November liegenden Kalenderwochen 44, 46 und 48 wurden dazu bei jeweils sechs für Endverbraucher gedachten bekannten Onlinereifenplattformen die Preise bzw. Verfügbarkeiten von sechs dem Premiumsegment zuzurechnenden Reifenmodellen – Bridgestone „Blizzak LM-32“, Continental „WinterContact TS830“, Dunlop „Winter Sport 4D“, Goodyear „Ultra Grip 8“, Michelin „Alpin A4“ sowie Pirelli „Snowcontrol Serie 3“ – in den beiden laut BRV hierzulande meistverkauften Winterreifendimensionen 195/65 R15 T sowie 205/55 R16 H ermittelt. Unter der Annahme funktionierender Marktmechanismen hätte man bei knapper Ware eigentlich einen Anstieg der Endverbraucherpreise erwartet, doch eher das Gegenteil ist der Fall. Im Mittel über die 35 Preise je Dimension (einer der abgefragten Onlineshops führt generell keine Goodyear-Reifen) ergab sich mit Fortschreiten des Monats November vielmehr eine Verringerung der Verkaufspreise: um rund sieben Prozent bei der kleinen Größe und immerhin noch um drei Prozent bei der anderen Dimension.

Mit Ausnahme der ersten Abfragewoche, wo der Pirelli-Reifen in der 205er-Größe auf keiner der Plattformen zu finden war, oder dem Ende des Monats nur noch bei drei der exemplarisch ausgewählten Onlinehändler verfügbaren Bridgestone-Modell in 195/65 R15 T hätten wir keine größeren Schwierigkeiten gehabt, einen der fraglichen Reifen online zu erwerben. Insbesondere der „WinterContact TS830“ und der „Winter Sport 4D“ waren jederzeit in beiden Größen ohne Probleme erhältlich. Ingesamt haben unsere Recherchen ergeben, dass Verbraucher im November bei ganz grober Daumenpeilung in etwa neun von zehn Fällen – Ausnahmen bildeten lediglich die beiden besagten Pirelli- und Bridgestone-Modelle in 205/55 R16 H respektive 195/65 R15 zu Beginn bzw. am Ende des Monats – ohne Wenn und Aber ihren Wunschreifen online hätten erstehen können. Das mag zweifelsohne bei manchem „Reifenhändler um die Ecke“ punktuell anders ausgesehen haben. Aber so, dass ein Autofahrer ganz ohne neue Wintergummis vom Hof hätte geschickt werden müssen, ist es aber ganz sicher wohl trotzdem nicht.

Fazit

„Damit ist der Handel dieses Jahr bestandsseitig gut gerüstet für das laufende Winterreifengeschäft und unter der Voraussetzung der Einhaltung der Zusage der Reifenhersteller, dass weiter Winterreifen produziert und wie in den vergangenen Jahren auch in den Monaten November bis Dezember noch an den Handel geliefert werden, kann relativ sicher angenommen werden, dass in diesem Winterreifengeschäft dem Handel weiterhin mehr Ware als im Vorjahr zur Verfügung steht“, schlussfolgerte Mitte November auch der BRV aus den ihm zur Verfügung stehenden Marktzahlen des Wdk bzw. der ERMC (European Rubber Manufacturers’ Conference). Insofern könne für den Gesamtmarkt (über alle Distributionsstufen und -kanäle) keine generelle Liefer-/Warenverfügbarkeitsproblematik bei Winterreifen nachvollzogen werden, ergänzte der BRV unter Verweis allerdings auf „gegebenenfalls existente Steuerungsprobleme“ auf der logistischen Seite als mögliche Ursache für so manche gefühlte oder tatsächliche Warenknappheit.

Kehrseite der Medaille eines in Summe offensichtlich eher höheren als niedrigeren Warenbestandes als im Vergleich zum selben Zeitpunkt 2010 ist aber wohl ein in diesem Jahr hinter den – möglicherweise vielfach zu optimistischen – Erwartungen zurückbleibendes Umrüstgeschäft. Insofern ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass sich das von mehr oder weniger allen Marktteilnehmern erwartete heftige Winterreifengeschäft letztendlich vielleicht doch als viel laueres Lüftchen erweist bzw. wie eine Seifenblase zerplatzt. Führt man sich die daraus unter Umständen resultierenden Folgen für das kommende Jahr – etwa angesichts der dann vergleichsweise vollen Läger in der Saison 2012/2013 wieder unter Druck geratende Winterreifenpreise – vor Augen, bleibt nur zu hoffen, dass sich derlei Schwarzmalerei nicht bewahrheitet. Problemjahre hatte der Reifenhandel in der jüngeren Vergangenheit vor dem „Superjahr 2010“ schließlich schon in genügender Zahl zu bewältigen. christian.marx@reifenpresse.de

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