Einhundert Jahre „Synthesekautschuk-Prüfstelle“

Was wäre Synthesekautschuk ohne versierte Anwendungstechniker? Der Startschuss der Entwicklung von der neuen Polymerfamilie zum ausgereiften Werkstoff fiel Mitte 1911, also vor hundert Jahren: Damals wurde am Geburtsort der modernen Hochleistungskautschuke, den Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co. in Wuppertal-Elberfeld, das erste Synthesekautschuk-Prüflabor eingerichtet.

Es wurde später nach Leverkusen verlagert und ist seitdem zu einem modernen Dienstleistungsbetrieb gereift, in dem Elastomer-Fachleute Top-Kautschukmischungen für alle Bereiche der Gummibranche entwickeln – für Kunden weltweit. Erst kürzlich wurde die Institution mit ihrem Gegenstück in Qingdao (China) vernetzt, damit die Synthesekautschukexperten des Spezialchemiekonzerns Lanxess ihren Partnern in der Gummibranche zu einer noch schnelleren „Time To Market“ verhelfen können.

Damit hat das Labor einen wichtigen Schritt in die Zukunft getan: „Wir haben uns mit unserem zweiten Prüftechnikum in Qingdao und mit unseren technischen Zentren in allen Weltregionen vernetzt“, sagt Prof. Dr. Claus Wrana, seit 2008 Leiter Polymer Testing bei Lanxess. „So liegen uns und unseren Anwendungstechnikern sämtliche Mess- und Analyseergebnisse praktisch im Moment des Entstehens vor.“ Das bedeutet: Kunden erfahren jetzt noch schneller, ob ihre Mischungsidee die gewünschten Früchte trägt oder nicht. „Früher musste man das Endergebnis abwarten – jetzt kann man unter Umständen schon an der Temperatur des Kneters sehen, ob die Mischung funktioniert oder nicht und natürlich entsprechend schnell eingreifen und umdisponieren. Damit können Entwicklungszeiten erheblich verkürzt werden.“

Die Gründung der ersten „Kautschuk-Prüfstelle“ in Elberfeld ist eng verbunden mit dem Namen eines Mannes, der Mitte 1911 in die damals noch junge Kautschukabteilung der Farbenfabriken eintrat: Dr. Kurt Gottlob. Der 1881 geborene Chemiker hatte bereits ein Verfahren ersonnen, den später wichtigen Synthesekautschukgrundstoff Isopren aus natürlichen Quellen wie zum Beispiel Terpentinöl zu gewinnen – und sogar versucht, künstliche Kautschuke herzustellen. Bei der Lösung dieses Problems war ihm zwar Fritz Hofmann zuvorgekommen – aber seine Arbeiten machten Gottlob zu einem wertvollen Mitarbeiter des Synthesekautschukerfinders.

Unmittelbar nach seinem Eintreten in die Firma richtete Gottlob eine Kautschuk-Prüfstelle ein, in der er die von Fritz Hofmann und seinen Kollegen hergestellten Materialproben auf ihre Vulkanisationseigenschaften untersuchte. Er stellte unter anderem fest, dass Hofmanns Methylkautschuk weniger Schwefel aufnahm als Naturkautschuk und in Gegenwart von organischen Basen besser vulkanisierte – damit gilt er als Erfinder des ersten Vulkanisationsbeschleunigers.

Ab 1916 verlagerten sich Gottlobs Arbeiten dann allmählich weg von der Gummigrundlagenforschung hin zur Anwendungstechnik, wie wir sie heute kennen: Gottlob befasste sich in diesen Jahren mit der Ausarbeitung von Vorschriften und Mischungsrezepten, mit denen sich aus dem neuen Methylkautschuk brauchbare technische Gummiwaren herstellen ließen, zum Beispiel Ballonstoffe, Vollgummireifen und Hartgummi für die Gummiindustrie.

Kurt Gottlob starb im Jahr 1925 im Alter von 44 Jahren. Sein Werk aber lebt bis heute weiter: In den Prüflaboratorien im Erdgeschoss des berühmten „Kautschuk-Hauses“ K10 im Leverkusener Chemiepark arbeiteten zuweilen über 400 Personen an der Untersuchung neuartiger Kautschuktypen, die die Reaktoren des großen deutschen Synthesekautschukherstellers lieferten.

Über die Jahrzehnte konnten sie dabei ein immenses Know-how ansammeln: „Wir können heute auf rund 100.000 Kautschukrezepturen für eine vielleicht beispiellose Vielfalt an Anwendungen zurückgreifen“, sagt Wrana. „Jeden Monat stellen wir im Schnitt 800 Kautschukmischungen her und ermitteln daran eine Fülle von Daten.“ Rund 400 verschiedene Tests bieten Wrana und seine Mitarbeiter an. Dabei können sie auf einen hochmodernen Maschinenpark zurückgreifen: von Knetern bis hin zu komplexen Prüfaggregaten, mit denen man Endeigenschaften wie z. B. den Rollwiderstand einer Reifenlauffläche vorhersagen kann. dv

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