Reifen Müller baut Heißerneuerung in Hammelburg auf

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Unternehmen, die heute als Runderneuerer bestehen wollen, benötigen entweder eine profitable Nische, in der der Wettbewerb gering und die Margen hoch sind, oder eben den unbedingten Willen aktuellen Markttrends zu folgen und die Fähigkeit zu investieren. Insbesondere der zunehmende Bedarf professionell geführter Flotten an hochwertigen Runderneuerten hat den Markt verändert – die Neureifenindustrie leistet dazu ihren Beitrag. Und kleine und mittelständische Betriebe müssen sich bemühen, das Geschäft mit der Runderneuerung auskömmlich zu halten. Ein Unternehmen, das seine Rolle trotz des stattfindenden Strukturwandels offenbar gut lebt, ist Reifen Müller aus Hammelburg. Ein Beispiel aus der Praxis. Das Reifen Müller Runderneuerungswerk – Schwesterunternehmen zum gleichnamigen Großhandel und Filialisten mit 29 Niederlassungen – zählt eigentlich nicht zu den alteingesessenen, traditionellen Runderneuerungsunternehmen. Auch wenn Geschäftsführer Uwe Müller gerne auf das Erreichte zurückblickt, besteht der eigentliche Runderneuerungsbetrieb doch erst seit 18 Jahren. Nachdem Vater Otto Müller (70) 1965 mit dem Reifenhandel begann, dauerte es knapp drei Jahrzehnte, bis bei Müller im Unterfränkischen die Einsicht reifte: Die runderneuerten Reifen, die man zunehmend verkaufte, könnte man eigentlich auch selber herstellen. So einfach werden Geschäftsideen geboren.

Die Kaltrunderneuerung, die dann also ab 1993 eingerichtet wurde, befand sich zunächst in Zeitlofs bei Bad Brückenau. Nur wenige Jahre später bot der gewählte Standort dort allerdings schon nicht mehr genügend Platz, um dem Reifen Müller Runderneuerungswerk die notwendig werdenden Expansionen und Investitionen zu ermöglichen. Das Unternehmen zog auf die grüne Wiese, und zwar nach Hammelburg direkt an die Autobahn A7 zwischen Kassel und Würzburg. Dort nahmen Otto und Uwe Müller dann 2001 – also vor zehn Jahren – die neue Produktionsstätte in Betrieb. In den Jahren danach musste der Betrieb mehrfach erweitert werden. Zunächst kamen eine neue Lager- und eine Karkassenprüfhalle hinzu. Dann entstanden eine Be- und Entladehalle sowie eine weitere Lagerhalle.

Allein dieser kurze historische Abriss zeigt, mit welchem Eiltempo sich das Reifen Müller Runderneuerungswerk in nur 18 Jahren entwickelte. Wie Uwe Müller im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG erläutert, wiesen die Fakten oben zwar auf das rasante Unternehmenswachstum hin. Dennoch sei für ihn Qualität stets wichtiger gewesen als Quantität. Nicht zuletzt vermarktet Reifen Müller seine Runderneuerten unter dem programmatischen Label „RM-Qualitätserneuerng“, wobei „RM“ natürlich die Initialen des Hersteller sind. Natürlich, wer seine Tagesproduktion mit „bis zu 380 Reifen“ angibt, muss auch bei kritischer Beurteilung als einer der größten Runderneuerer Deutschlands gesehen werden und hat es schlichtweg nicht nötig, solche Zahlen in den Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung zu hieven.


Allein in diesem Jahr hat Reifen Müller 1,2 Millionen Euro in die Erweiterung des Betriebes investiert – im Bild: die neue 14.000 m² große Be-/Entladehalle

Aber der Runderneuerer aus Hammelburg hat sich ganz gezielt auf das Segment der Qualitätserneuerung eingelassen und fühlt sich dort heute mehr denn je zuhause, so Uwe Müller. Das Reifen Müller Runderneuerungswerk zählt etwa zu den Marangoni-Partnern in Deutschland, die hochwertige Ringlaufstreifen nach dem patentierten Ringtread-Verfahren verarbeiten. „Dies ist unser Premiumprodukt“, sagt der Geschäftsführer bei einem Rundgang durch die Produktionsstätte und weist auf den neuen „Ringbuilder 3000“ von Marangoni hin, der erst seit Kurzem in Hammelburg in Betrieb ist. Darüber hinaus ist Reifen Müller noch Partner bzw. Lizenznehmer von gleich drei namhaften Neureifenherstellern. Müller produziert neben den Marken „NextTread“ (Goodyear Dunlop) und Novateck (Pirelli) auch „Bridgestone Retreads“, die zuletzt noch unter dem Namen „Qualitread“ vermarktet wurden. Rund 20 Prozent der runderneuerten Reifen gehören zu diesen kalterneuerten Lizenzprodukten, so der Geschäftsführer.

In diesem Zusammenhang ist es Uwe Müller wichtig zu erwähnen, dass man kein Franchisenehmer bei Bridgestone-Bandag sei. Auch habe man sich nie veranlasst gefühlt, die Nähe zu einem der anderen großen Systemanbieter zu suchen, etwa zu Michelin mit seinem Recamic-Netzwerk. „Wir sind immer frei gewesen“, so der Geschäftsführer weiter: „Freiheit ist uns mehr Wert als die Bindung zu einer starken Industrie.“ Er sieht in dieser Unabhängigkeit auch einen wesentlichen Erfolgsfaktor. Denn auf diese Art und Weise könne Reifen Müller „schnell auf den Markt reagieren“.

Das hat das Unternehmen jetzt beispielsweise gerade beeindruckend getan. Seit März 2010 ist Reifen Müller eben nicht mehr ‚nur‘ der „klassische Kaltrunderneuerer“, als den Uwe Müller den Betrieb mit Blick auf die vergangenen 18 Jahren beschreibt. Seither betreibt man in Hammelburg erstmals auch eine Vulkanisationspresse samt Belegemaschine für die Heißrunderneuerung. Erst in diesem August hat Reifen Müller zwei weitere Pressen von Cima Impianti aus Italien gemeinsam mit einem Dampfgenerator in Betrieb genommen (die erste Presse funktioniert elektrisch). Entsprechende Investitionen sind sicher nicht über Nacht beschlossen und ausgeführt worden. Dennoch zeigt dieses Investment die Reaktionsfähigkeit des Unternehmens auf Veränderungen am Markt. Hätte man sich nun vertraglich an einen der Systemgeber aus der Kaltrunderneuerung gebunden, hätte Reifen Müller die – kurzfristige – Freiheit gefehlt, sich unternehmerisch in neue Gefilde aufzumachen.

Warum ist dieser Aufbruch überhaupt notwendig geworden? Uwe Müller fällt dazu zu allererst ein zentraler Grund ein: die Neureifenindustrie. Die hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend um die industrielle Reifenrunderneuerung und den Vertrieb dieser Reifen auf dem Markt bemüht. Sie hat hier – auch – ein Qualitätsempfinden unter den Flottenbetreibern und Fuhrparkunternehmern befördert, das kleine und mittelständische Runderneuerer mit einer klassischen Kaltrunderneuerung nur schwer zu erreichen wissen. In den vergangenen Jahren hätten sich die Qualitätsunterschiede zwischen Kalt- und Heißerneuerten – generell gesprochen – schon vergrößert. Da ist es auch zweitrangig, wie streng die Qualitätskontrollen, wie gut der Produktionsprozess und wie hochwertig das verwendete Material in der Kaltrunderneuerung ist. Die Optik eines Heißrunderneuerten sei natürlich nicht zu schlagen, und als Trailerreifen biete er außerdem auch technische Vorteile, so Uwe Müller weiter. Vollformheißrunderneuerte seien wesentlich näher dran am Neureifen als Kaltrunderneuerte, sie seien zuverlässiger und böten eine bessere Laufleistung.

Mit der Investition in die Heißrunderneuerung folgt Reifen Müller demnach den Bedürfnissen des Reifenmarktes, die – derzeit jedenfalls – der Heißrunderneuerung ein größeres Wachstum beschert. Allein das Engagement von Reifenherstellern wie Continental oder Goodyear zeigt, dass auch andere auf dieses Marktsegment setzen. Da die erste Heizpresse erst vor knapp anderthalb Jahren in Hammelburg in Betrieb genommen wurde, macht die Heißrunderneuerung aktuell bei Reifen Müller nur einen geringen Anteil an der Gesamtproduktion aus. Doch dies solle sich mit den beiden weiteren Presse ab September ändern. Innerhalb der kommenden zwei bis drei Jahre soll der Anteil auf „20 bis 25 Prozent steigen“.

Dass dies nicht über einen Rückgang der absoluten Zahlen aus der Kaltrunderneuerung erreicht werde, zeigen auch die Investitionen in dieses Geschäftsfeld. So hat Reifen Müller erst in diesem Jahr ebenfalls zwei weitere neue Autoklaven in Betriebe genommen, sodass jetzt insgesamt fünf moderne Scholz-Autoklaven für die Kaltrunderneuerung zur Verfügung stehen.

Beim Wachstum des Geschäftsfeldes Runderneuerung kann das Unternehmen sehr auf die Niederlassungen des Schwesterunternehmens vertrauen. Jeder zweite in Hammelburg runderneuerte Reifen wird über eine der aktuell 29 Reifen-Müller-Niederlassungen (werden von Bruder Klaus Müller geführt) vermarktet; die zweite Hälfte der Produktion wird über den Reifenfachhandel in einem Umkreis von 100 bis 150 Kilometer vermarktet.

Dabei kann das Reifen Müller Runderneuerungswerk auf die eigene Lkw-Flotte bauen. Gerade bei der Beschaffung von Karkassen aus dem Reifenfachhandel sei dies ein großer Vorteil, so Müller weiter. Die geschulten eigenen Fahrer könnten direkt beim Händler vor Ort entscheiden, welche Karkasse den Weg nach Hammelburg schafft und welche nicht. Außerdem sei man auf diese Art und Weise stets „nah“ am Handelspartner dran – ein erstzunehmender Erfolgsfaktor bei der Beschaffung von Karkassen. Zu guter Letzt ist Reifen Müller natürlich bei den Karkassen nicht fabrikatsgebunden, was beim Händler gewisse Vorteile gegenüber den Industriesystemen biete. Und das die Niederlassungen des Schwesterunternehmens bei der Versorgung mit runderneuerungsfähigen Karkassen natürlich „sehr, sehr wichtig“ seien, so der Müller-Geschäftsführer weiter, muss nicht betont werden – hier kann man sich ganz ohne Wettbewerb die besten Karkassen aussuchen. Dennoch müssen nicht unerhebliche Mengen an Karkassen auf dem freien Markt hinzugekauft werden.

Dass Reifen Müller also bereit ist, aktuellen Markttrends zu folgen, und in der Lage ist, entsprechend zu investieren, zeigt sich deutlich. Allein für die beiden neuen Pressen, die neue 14.000 m² große Be-/Entladehalle sowie die neue 12.000 m² große Lagerhalle hat das Runderneuerungswerk allein in diesem Jahr rund 1,2 Millionen Euro investiert. Erst vor zwei Jahren war eine neue Shearographie angeschafft worden, mit der 100 Prozent aller Karkassen auf mögliche unsichtbare Vorschäden hin kontrolliert werden. Und das es damit nicht genug ist, muss man Uwe Müller abnehmen, auch wenn die Antwort auf die Frage nach den weiteren Investitionsplänen lapidar klingt: „Wir wollen die Heißrunderneuerung weiter ausbauen und auf dem Stand der Technik bleiben.“ arno.borchers@reifenpresse.de

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