Großhandel sollte Absatzstruktur auf den Prüfstand stellen

Der Reifenfachhandel, der Einzelhandel, hat Marktanteile in den letzten Jahren im Verdrängungsmarkt der Absatzkanäle verloren. Dass Internetbörsen, die vor etwa einem Jahrzehnt „von Null“ gekommen sind, sich einen Anteil davon erobert haben, ist offensichtlich. Aber dass das stereotype „Feindbild“ mancher Reifeneinzelhändler schlicht falsch ist, hat eine Reifenhandelsstudie des Bundesverbandes Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk auch ergeben: Das Autohaus hat in den letzten Jahren keine Marktanteile gewonnen, sondern auch – nicht so stark wie der Reifenhandel (lt. Studie minus 4,2 Prozent von 2004 bis 2009) – Einbußen erlitten: nämlich 1,7 Prozent.

Das hätte man eigentlich bei genauerem Hinsehen (auch dieser Fachzeitschrift) früher erkennen können. Denn in den letzten Jahren hat der Kfz-Branchenverband ZDK (Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe) immer wieder mit Kampagnen auf sich aufmerksam gemacht wie „Reifenhandel zurück ins Autohaus holen“ oder „Reifengeschäft im Autohaus stärken“ usw. – So agiert keiner, der sich gerade auf der Überholspur befindet. Tatsache ist: Trotz intensiver Schulungsanstrengungen in Bezug auf Reifen und Räder treten die Automobilhersteller in diesem (für sie) Teilsegment auf der Stelle. Viele Autohäuser tun sich äußerst schwer mit Ultra-High-Performance- oder Runflat-Reifen, weil diese aus technischen Gründen nun einmal schwerer zu (de)montieren sind. Viele Autohäuser tun sich äußerst schwer mit dem Handling von Reifendruckkontrollsystemen (RDKS). Kritikaster des Reifenservice in Autohäusern reiben sich schon mal genüsslich die Hände und spötteln: Die können’s nicht!

Abgesehen davon, dass es gerade die Autohäuser vor allem von Premiummarken (genannt wird gerne BMW) sehr wohl können und das Servicepersonal hinsichtlich Reifen und RDKS bestens geschult ist und sich eher Volumenmarken schwer tun, wenn besondere Anforderungen an das Reifen-und-Räder-Geschäft gestellt werden, ist das Hochmut, der bekanntlich vor dem Fall kommt. Fakt aber ist: Neben dem Internethandel muss es einen zweiten Gewinner geben, der jedenfalls das Autohaus nicht ist.

Die genannte Studie, deren Ergebnisse auf der letzten Mitgliederversammlung des BRV in Frankfurt vorgestellt wurden, weist für den Reifenvermarktungskanal „freie Kfz-Werkstätten“ einen Marktanteilszuwachs von 9,7 auf 13,9 Prozent für die Zeitspanne 2004 bis 2009 aus: 4,2 Prozent plus! Genau genommen, hätte man auch das wenigstens erahnen können, haben sich doch die Werkstattsystemzentralen von AC AutoCheck, Autofit, Hans Hess Autoteile, PV Automotive oder selbst Bosch (wo das Reifengeschäft nun wirklich nicht im Vordergrund steht) und anderer durchaus um das Reifengeschäft gekümmert und ihre Systempartner qualifiziert: durch intensive und hochprofessionelle Schulungen, durch Zurverfügungstellung von sinnvollem Equipment, durch Übernahme der Verhandlungen mit den zuliefernden Industrieunternehmen. Da haben einige Systeme schlicht einen guten Job gemacht, auch wenn bezweifelt werden darf, dass sie alle überleben, so ist AutoCrew längst bei Bosch, Automeister bei point S.

Regionale Reifengroßhändler beliefern Kfz-Werkstätten „rund um ihren Kirchturm“ – womit durchschnittlich so etwa hundert Kilometer Umkreis gemeint sein mögen – natürlich schon längst mit ihren Auslieferungsfahrzeugen à la Sprinter. Sie hängen das nicht an die große Glocke, denn sie verbrämen ihre Funktion gerne vor allem als echte Reifenhändler und gerieren sich dem Reifeneinzelhandel unverbrüchlich verbunden. Aber letzten Endes ist das nur überflüssige Augenwischerei. Ihre Großhandelslieferungen an Kfz-Werkstätten sind nichts anderes als das Wiederverkäufergeschäft des lokalen Reifeneinzelhandels, nur auf anderer Ebene. Vereinzelt kann es sogar zu einer echten Konkurrenzsituation zwischen der Großhandelsfunktion des Einzelhandels (lokales Wiederverkäufergeschäft) und des regionalen Reifengroßhandels kommen, der die Kfz-Werkstätten ebensogut direkt beliefern kann und nicht einsehen mag, dass mit dem lokalen Reifenhändler noch ein Glied mehr in der Kette partizipiert und ein Stück vom ohnehin kargen Kuchen abbekommt.

Dennoch dürften die vom BRV präsentierten Zahlen Auswirkungen haben, und zwar vor allem auf die großen überregionalen deutschen Grossisten und – so sie sich denn mit dieser Entwicklung befassen – die in Deutschland aktiven Grossisten besonderes aus Benelux: Das schon ein wenig in Vergessenheit geratene alte Stützpunkthändlersystem könnte wieder Aufschwung erfahren. Statt mit der Gießkanne den deutschen Markt abzudecken, kann es durchaus reizvoll sein, laudauf, landab mit – sagen wir – fünf, sechs leistungsfähigen regionalen Grossisten zusammenzuarbeiten, die die Verteilfunktion in ihrem abgegrenzten Markt übernehmen und zum verlängerten Arm von Meyer Lissendorf und Reifen Gundlach oder Inter-Sprint und Deldo werden. detlef.vogt@reifenpresse.de

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