Ohne den Großhandel geht es nicht

In der letzten Winterreifensaison haben einige wenige Großhändler dem Ruf ihrer Zunft Schaden zugefügt: Sie haben angesichts von Warenknappheit „teilweise exorbitante Preiserhöhungen“ (O-Ton BRV-Chef Peter Hülzer) durchgeführt, sodass an ihrer Seriosität Zweifel aufkommen mussten. Den allermeisten Grossisten allerdings wird Unrecht getan, wenn pauschalisiert Schelte ausgeteilt wird. Sie mussten sich durch die auf einzelne Händler gemünzte und dort auch durchaus berechtigte Kritik nicht angesprochen fühlen. Zu bedenken ist jedenfalls allemal, dass Industrie, Groß- und Einzelhandel wissen, doch irgendwie in einem gemeinsamen Boot sitzen, auch wenn es manchmal den Anschein hat, nicht jeder würde in die gleiche Richtung rudern. Fest steht: Ohne einen leistungsfähigen Reifengroßhandel würde der Markt gar nicht funktionieren!

Was war geschehen? Die schwere allgemeine Wirtschafts- und Finanzkrise, die durch die Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 ausgelöst worden war und die gesamte wirtschaftende Welt in den folgenden Monaten erschüttern sollte, war im Jahre 2010 viel schneller überwunden worden als selbst die kühnsten Optimisten zu hoffen gewagt hatten. Staatliche Abwrackprämien in diversen Ländern – so auch in Deutschland – sorgten für eine Branchenkonjunktur. Die Welt in vielen Teilmärkten erblühte wieder, in der der Automobilwirtschaft erst recht. Schattenseite: Fabriken waren in den ganz miesen Monaten geschlossen worden, Kapazitäten gekappt. Beim so schnellen Wiederanziehen der Konjunktur kamen Automobilhersteller und erst recht ihre Zulieferer gar nicht so schnell hinterher. Und das galt auch für Reifen.

Nach Jahren des Überangebotes waren Reifen ein rares Gut geworden. Ein Zustand, den man in den Reifenmärkten – vor allem des Ersatzgeschäftes, aber auch in der Erstausrüstung bei manchen Fahrzeugsegmenten – fast vergessen zu haben schien. Die Schwerpunkte in den Verhandlungen der deutschen Reifenanbieter mit ihren Kunden – vor allem den Grossisten – hatten sich verschoben und drehten sich plötzlich weniger um den bisherigen Dauerbrenner Preise, sondern um Lieferkontingente, um Stückzahlen.

Der Vorwurf des Handels an die Großen unter den Reifenherstellern lautete: Ihr bevorzugt die Fahrzeugindustrie, dorthin gehen die Reifen, die uns fehlen. Sachlich mag man für diese Entwicklung Verständnis haben, schließlich sind die Fahrzeughersteller Großkunden und bestehen Lieferverpflichtungen. Vor etwaigen Konventionalstrafen wegen (teilweise) ausbleibender Reifenlieferungen an die Produktionsbänder in den Fahrzeugfabriken dürften die Hersteller dabei weniger in Sorge gewesen sein als vielmehr vor einer nachhaltigen Beschädigung des Verhältnisses zwischen Zulieferer und Fahrzeughersteller. Wer dieses Risiko eingeht, öffnet ein Tor für Wettbewerber – gegebenenfalls sogar für bisherige Underdogs aus fernen Ländern –, das galt es zu vermeiden.

In Deutschland lief der Inlandsabsatz an Neufahrzeugen – auch wegen des Abarbeitens der genannten Abwrackprämie – besser als gedacht, und der Automobilexport erreichte nie zu hoffen gewagte Rekordzahlen. Reifenwerke, aber im Übrigen auch Fabriken der Zulieferer von Synthesekautschuken, allerlei Chemikalien usw. erreichten ihre Kapazitätsgrenzen. Es gab Engpässe, Preiserhöhungen folgten in nie zuvor durchgesetzten und immer kürzer werdenden Taktzeiten.

Jahrelang war auf allen Ebenen ein Lamento zu hören, die Preise seien völlig unauskömmlich. Hersteller jammerten, ihre Zulieferer jammerten, Groß- wie Einzelhändler jammerten, alle jammerten – und verdienten doch oftmals gar nicht so schlecht. Aber jetzt glaubten einige, die Chance für den großen Reibach sei gekommen. Das waren weniger die Reifenhersteller, denen es einigermaßen gelang, die Anfragen der Fahrzeughersteller zufriedenzustellen, die manches Mal den freien Reifengroß- und -einzelhandel bei den Belieferungen bevorzugten – trotz Einschränkung der Kontingente war das wohl so – und die eigene Handelskette im Regen stehen ließen, weil die sich ja nicht wehren konnte (ein Umstand, der im freien deutschen Reifenfachhandel traditionell ausgeblendet und manchmal auch schlicht geleugnet wird). Das waren auch weniger die Einzelhändler, die schlicht ehrlich waren und ihre Endkunden nicht über den Löffel barbieren wollten. Insofern hat sich die Branche sogar als eher seriös in Zeiten der Warenknappheit gezeigt.

Und auch unter den Grossisten überzogen die allermeisten nicht: Bei knapper Ware steigt in allen Branchen der Preis, das ist ein simples Gesetz des Wirtschaftens. Seriöse und langfristig denkende Grossisten wollen es sich einerseits mit ihren Lieferanten, so es denn die großen Reifenhersteller direkt sind, nicht verderben, die einen Imageschaden weder beim Reifeneinzelhandel noch beim Endverbraucher wegen überteuerter Ware akzeptieren würden. Seriöse und langfristig denkende Grossisten wollen es sich andererseits auch nicht mit ihren Kunden beim Reifenhandel, in den Autohäusern und Kfz-Werkstätten verderben, weil sich der Wind auch wieder drehen wird und diese Klientel auch wieder in Zeiten des Warenüberflusses als treuer Abnehmer zur Verfügung stehen sollte. Die „guten“ Grossisten haben es genauso gemacht wie ihre Lieferanten: Sie haben ihre Lieferpartien gekappt, haben nicht mehr paletten-, sondern stückweise geliefert – hier einmal vier Reifen, dort vielleicht zwölf. Sie haben sich selbst im Tagesgeschäft das Leben schwer gemacht im Interesse einer guten langfristigen Kundenbeziehung.

Einige wenige im Markt aber haben überzogen, haben unverschämt an der Preisschraube gedreht, wollten die schnelle Mark machen. Das sind wahrscheinlich die gleichen, die jetzt vor der eigentlichen Wintersaison wieder oberschlau sein wollten und ihre traditionelle Bestellmenge um vielleicht 50 Prozent gesteigert haben. Man stelle sich nur vor, die Hersteller könnten liefern: Die Schadenfreude wäre groß, blieben sie auf den Reifen sitzen. Oder erfolgte der plötzliche Bestellboom für Winterreifen in den letzten Monaten, weil die Händler weitere deftige Preiserhöhungen erwarteten und sich vorher noch schnell Ware zum alten Preis sichern wollten?

Knappheit an bestimmten Reifengrößen haben wir noch in jedem Winter gehabt und hatte nichts damit zu tun, ob genügend Reifen in absoluter Anzahl zur Verfügung standen oder nicht. das war einfach eine Überforderung der Industrie, bedarfsgerecht zu produzieren. Diese Knappheit wird es auch im Winter 2011/2012 wieder geben und mag man beklagen oder nicht, zu ändern ist sie jedenfalls wohl nicht. Die Meinungen gehen allerdings auseinander in der Frage, ob es eine absolute Knappheit an Winterreifen geben wird. Einerseits berichten Reifenhersteller, sie hätten produziert „auf Teufel komm heraus“ und auch in die Läger vor allem des Groß-, aber auch wieder verstärkt des Einzelhandels geliefert (ein wenig mehr Lagerhaltung als uns in den letzten Jahren vorgebetet worden ist, kann ja vielleicht doch nicht schaden). Andererseits glauben andere, dass der Zyklus (2006 war ein Boomjahr) im letzten Jahr weitgehend abgebaut worden ist und es sich bei der vermeintlichen Warenknappheit 2011/2012 nur um eine „Blase“ handelt.

Nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung wird das kommende Wintergeschäft nicht so berauschend wie das vorherige, weil eine solch günstige Konstellation hinsichtlich Gesetzgebung (die sogenannte Winterreifenpflicht), Wetter, Zyklus des Ersatzbedarfs oder erforderliches Umrüsten von Neufahrzeugen einfach nicht zu erhoffen ist. Die vielen Winterreifen, die in den letzten Jahren verkauft worden sind und die Umrüstquote auf mehr als 80 Prozent katapultiert haben, sind nun mal im Markt und viele davon noch mit passablen Profiltiefen, es sei denn, die Verbraucher hätten sie sommers abgefahren. Aber die Winterreifenpflicht, die ja genau genommen keine ist, gilt auch in 2011/2012; es wird auch wieder schneien, selbst wenn man den kommenden Winter im Nachhinein als „grün“ bezeichnen sollte: Nach einem strengen Winter folgte noch immer ein gutes Winterreifengeschäft in der nächsten Saison. Die Chancen stehen also insgesamt gesehen eher gut für sämtliche Marktteilnehmer.

Das Ende des Booms hin zu Low- und Low-low-budget-Reifen und die Wiederentdeckung der Premiummarken sowie Zweitmarken zu einem vernünftigen Preis-Leistungs-Verhältnis sei als letzter Aspekt genannt, der insgesamt optimistisch stimmt. Der Verbraucher wünscht gute Qualitäten, beim Produkt wie beim Service. Die leidige „Geiz-ist-geil-Mentalität“ hat sich gelegt und ist einer vernunftorientierten Konsumbereitschaft gewichen. Es darf wieder ein wenig mehr sein, auch beim Produkt Reifen. detlef.vogt@reifenpresse.de

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