Sens.it soll Einbau neuer RDKS-Sensoren revolutionieren

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Wenn Reifendruckkontrollsysteme auch in Europa ab November 2012 bei allen neuen Fahrzeugmodellen und zwei Jahre später bei allen neuen Autos verpflichtend sind, wird es im Reifenhandel zu ganz neuen Herausforderungen kommen. Endverbraucher, die sich einen zweiten Satz Reifen samt Felge für den Winter gönnen, brauchen dann auch einen zweiten Satz der RDKS-Sensoren. Wenn heute noch mancher Autofahrer eines Mercedes oder BMW meint, man komme auch ohne funktionierende Druckkontrolle über den Winter, so sollte sich das ab dem kommenden Jahr durch die neue Gesetzeslage schrittweise ändern. Das Problem dann für den Händler: Er benötigt rund 100 verschiedene Sensoren auf Lager, wenn er jeden Kunden sofort bedienen will. Außerdem wird sich die Zeit des „Anlernens“ – also die langen Minuten, die in der Werkstatt damit verbracht werden, das Auto mit den neuen Sensoren zu konnektieren – vervielfachen. Für all diese erwarteten Probleme bietet die Alligator Ventilfabrik jetzt eine einfache und kostengünstige Lösung namens „Sens.it“.

Insbesondere die Erfahrungen in den USA mit der verpflichtenden Einführung von Reifendruckkontrollsystemen für Pkws und LLkws samt der beliebten Pick-up-Trucks ab 2007 habe gezeigt, welche praktischen Probleme auf den Reifenhandel auch in Deutschland zukommen können. Die Sensoren, die die Erstausrüster in den USA nach einer Unfallserie mit Ford-Explorer-Modellen dann einbauen mussten, sorgen beim Reifenhandel für eine ziemliche Kapitalbindung, erläutert Josef Seidl im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG. Nicht nur, dass es aufgrund der unterschiedlichen Spezifikationen der verschiedenen Automobilhersteller und Fahrzeugmodelle rund 100 verschiedene Sensoren gibt, die ein Reifenhändler sich auf Lager legen sollte, will er keinen Spontankunden wieder vom Hof schicken. Neben diesem Problem der Lagerhaltung kommt noch das Problem der Kapitalbindung zum Tragen, denn die OEM-Sensoren, die im Aftermarket für den Ersatzbedarf erhältlich sind, kosten im Einkauf gerne zwischen 30 und 100 US-Dollar – das Stück. Und darüber hinaus kennt jeder Reifenhändler das mitunter sehr langatmige und komplizierte „Anlernen“, also die Verbindung neuer Sensoren mit dem Auto, ohne das keine Reifendruckdaten aus dem Rad ans Fahrzeug zur Auswertung übermittelt werden können.


Mit dem Sens.it-Programmiergerät können die dazugehörigen Sensoren innerhalb weniger Minuten und dank einfachster Arbeitsschritte lernen, mit dem Auto, das neue RDKS-Sensoren erhalten soll, einwandfrei zu reden; das ansonsten übliche „Anlernen“ entfällt

Während es in den USA einige Jahre gedauert hat, bis die Batterien der ersten ab 2007 eingebauten Sensoren am Ende sind, sollte ein entsprechender Ersatzbedarf auf dem „Winterreifenmarkt Deutschland“, so Alligator-Geschäftsführer Seidl weiter, bereits kurz nach dem Einführen der RDKS-Pflicht in Europa Ende 2012 zum Tragen kommen; nämlich dann, wenn die ersten Neuwagen mit RDKS-Systemen zum Umrüsten in die Werkstatt kommen.

Die Lösung, verspricht Josef Seidl, ist die „neue RDKS-Lösung ‚Alligator Sens.it’“, wobei sich der Markenname Sens.it von „sensor intelligent technology“ ableitet. Die grundlegende Idee dahinter ist nicht unähnlich der einer Universalfernbedienung, wie sie heutzutage in vielen Wohnzimmern für die verschiedensten Unterhaltungselektronikgeräte benutzt werden. Das Sens.it-System besteht dabei aus drei zentralen Bestandteilen: der eigentlichen Sensoreinheit, die laut Seidl zunächst „alles kann, nur nicht reden“, dem dazugehörigen Ventil – etwa als Snap-in-Ausführung, die über eine patentierte Clip-Pin-Technologie ohne Schrauben mit dem Sensor verbunden wird –, und dem Sens.it-Programmiergerät. Der Reifenhändler muss nun nur noch eines machen: Er muss dem Sensor das Reden beibringen, so der Alligator-Geschäftsführer weiter.

Christian Markert, der bei dem Marktführer aus Giengen an der Brenz für das Projekt Sens.it zuständig ist, erklärt, wie dies funktioniert: Der Händler nimmt sich die vier neuen Sensoren, die in ein x-beliebiges Fahrzeug einzubauen sind. Anhand einer kleinen Software, die Alligator kostenlos zum Download – samt regelmäßiger Updates – bereithält, kann den Sensoren jetzt mitgeteilt werden, mit welchem Fahrzeug sie kommunizieren sollen. Dabei werden die neuen Sensoren mithilfe einer umfangreichen Datenbank derart konfiguriert, dass das Auto glaubt: Es sind dieselben alten Sensoren, die da mit mir sprechen. Das Medium, mit dem aus dem neuen Sens.it-Sensor sendeseitig quasi ein Duplikat des alten Sensors gemacht wird, ist das Programmiergerät. Dieses wird vom Ventilhersteller für wenige Euros zur Verfügung gestellt (Seidl: „Wir wollen Ventile verkaufen.“) und kann über einen USB-Anschluss mit jedem Rechner verbunden werden. Den Zeitaufwand für den Programmiervorgang schätzt der Diplomingenieur Markert auf unter fünf Minuten pro Auto. Und die Anwendung sei so programmiert worden, dass sie im Grunde genommen auch von Saisonkräften nach kurzer Einweisung ohne Probleme bedient werden könne. Markert betont außerdem, dass kein „Anlernen“ mehr vonnöten sei – sobald der programmierte Sens.it-Sensor samt Ventil montiert sei, funktioniere das RDKS-System wieder wie gehabt. Die Empfangseinheit am Auto merkt von dem ‚Eingriff’ nichts.

Bauart- und frequenzbedingt seien zwar immer noch zwei Sens.it-Sensoren übrig geblieben, die für eine komplette Marktabdeckung am Lager benötigt werden. Dies sind Sensoren für Snap-in-Ventile aus Gummi und für Schraubventile aus Metall. (Für US-Autos kommen diese Ventile noch einmal mit amerikanischen Frequenzen hinzu.) Dadurch lasse sich eine beträchtliche Verringerung des Kapitalbedarfs im Reifenhandel erzielen, verspricht Josef Seidl. Außerdem falle der bei den OEM-RDKS-Systemen stets notwendige Zeitaufwand des Anlernens weg, was gerade in der Umrüstphase – also dann, wenn später viele neue Sensoren montiert werden müssen – Zeit für andere Arbeiten schaffe. Und zu guter Letzt weist der Geschäftsführer der Alligator Ventilfabrik darauf hin, dass dann in jedem Fall immer auch Kunden spontan bedient werden können – der Händler muss niemanden mehr vom Hof schicken mit dem Hinweis, man habe gerade nicht den passenden RDKS-Sensor vorrätig.

In Europa und Deutschland vermarktet werden soll Sens.it, woran das Unternehmen seit anderthalb Jahren intensiv arbeitet, ab dem kommenden Sommer, also rechtzeitig zur Einführung der neuen Regelungen die RDKS-Systeme betreffend. Aktuell sei man damit beschäftigt, die notwendige Datenbank für alle in Europa verfügbaren Fahrzeugmodelle aufzubauen. Dass man nie jedes Autos erfassen kann, zeigt das Beispiel USA, wo man Sens.it bereits seit einiger Zeit mit zwei namhaften Vertriebspartnern vermarktet. Dort umfasse die Datenbank aktuell rund 85 Prozent aller verfügbaren Pkw- und LLkw-Modelle. Bis zum kommenden Sommer, so ist man sich in Giengen an der Brenz sicher, kann auch eine ähnlich hohe Abdeckung für den europäischen Fahrzeugmarkt erzielt werden.

Mit welchen Vertriebspartnern Alligator hierzulande und in den anderen europäischen Ländern zusammenarbeiten werde, sei noch nicht entschieden, so Geschäftsführer Seidl. Nachdem das Unternehmen Sens.it im Mai in Bologna auf der Autopromotec vorgestellt hat, beginnen jetzt die Gespräche mit möglichen Partnern. Dass es sich dabei um Partner handeln wird, die – wie in den USA mit Myers Tire Supply und Haltec – eine große Marktabdeckung garantieren können, steht außer Frage. Es könne aufgrund nationaler Gegebenheiten in dem einen oder anderen Land in Europa mitunter „Einzellösungen“ für den Vertrieb geben, eine Exklusivpartnerschaft für bestimmte Märkte strebe Alligator indes nicht an. Was der Hersteller benötige, seien „ausgewählte, gute Partner aus dem Teilegroßhandel“.

Für ein Unternehmen wie die Alligator Ventilfabrik GmbH mit einem Jahresumsatz in Höhe von rund 50 Millionen Euro seien die Investitionen, die für die Entwicklung von Sens.it notwendig gewesen seien, nicht unerheblich; Geschäftsführer Seidl spricht sogar von einer „Großinvestition“. Neben dem Projektteam um Christian Markert, zu dem heute fünf Mitarbeiter in Deutschland und drei weitere in den USA gehören, von den Mitarbeitern der Entwicklungspartner ganz zu schweigen (die Elektronik stammt aus Frankreich, die Software aus Irland), benötigte Alligator für den Standort Giengen an der Brenz etliche Werkzeuge, Prüfgeräte etc., um die am Standort gefertigten Ventile und Gehäuse und die zugelieferten Elektronikbauteile fertig zu montieren und – natürlich – die 100-prozentige Kontrolle der verschiedenen Sens.it-Bauteile zu gewährleisten.

Berechnungen zufolge erhalten 70 Prozent aller Fahrzeuge im Laufe ihres Lebens einen neuen Satz RDKS-Sensoren, verweist Josef Seidl auf Erfahrungen aus den USA. Spätestens wenn die Batterien entleert sind, muss ein neuer Sensor eingebaut werden, da die Batterien nicht getauscht werden können. „Das ist unser Marktpotenzial“, auch wenigstens in Europa, ist man sich bei Alligator sicher. Da es indes in vielen europäischen Ländern, darunter auch in Deutschland, ein starkes Umrüstgeschäft gibt, könnte sich das Marktpotenzial dort sogar noch einmal deutlich erhöhen.

Die Alligator Ventilfabrik – trotz eines OEM-Anteils am Umsatz in Höhe von rund 40 Prozent – liefert keine kompletten RDKS-Systeme samt Empfangseinheit, das ist das Geschäft von Schrader, Beru, TRW, Continental und Co., sondern Alligator tritt ‚lediglich’ als Zulieferer für die dort integrierten Ventile auf. Sens.it jedenfalls sei kein Produkt für den Erstausrüstungsmarkt, findet Josef Seidl. Vielmehr wolle man die Vermarktung auf den Aftermarket beschränken. Und da der Preiskampf um die Kunden in der Erstausrüstung in der Regel hart ist, scheint diese bewusste Ersatzmarktstrategie mit Sens.it durchaus sinnvoll zu sein. arno.borchers@reifenpresse.de

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