BBS kämpft erneut um Existenz, Standort Herbolzheim begehrt

Die beiden Aluminiumräderhersteller BBS (Schiltach/Deutschland) und Ronal (Härkingen/Schweiz) hatten am 30.12.2010 einen Letter of Intent (LOI) unterzeichnet, um die Fabrik und das Anlagevermögen von BBS in Herbolzheim an Ronal zu verkaufen. Was auf den ersten Blick durchaus Sinn gemacht hätte, denn Ronal ließ im Offtake bereits Räder in Herbolzheim fertigen und ist um Produktionskapazitäten verlegen. Über das Vermögen der BBS International GmbH in Schiltach, vertreten durch Guido Dumarey, war vom Amtsgericht Rottweil ebenfalls am 30.12.2010 im Rahmen eines Insolvenzeröffnungsverfahrens Rechtsanwalt Thomas Oberle (Heidelberg, Mitglied der Partnerschaftsgesellschaft Wellensiek Rechtsanwälte) zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt worden. Zum Jahreswechsel 2010/2011 schien alles klar und in die Wege geleitet. Es ist nichts klar!

Und wann herrscht Klarheit? Wenn Oberle gegenüber der lokalen Presse erklärt, dass „man eine gewisse Sicherheit (habe), denn die Fortführungsvereinbarung mit der Automobilindustrie ist für sechs Monate – also Ende August – zugesagt“, dann kann sich das Pokerspiel noch ein wenig hinziehen. Der Insolvenzverwalter kann jeden Tag eine Lösung aus dem Hut zaubern – aber auch erst in einigen Monaten. Letzteres ist wahrscheinlicher, zumal für den 10. Mai vor dem Amtsgericht Rottweil „ein Berichts- und Prüfungstermin zur Durchführung einer Gläubigerversammlung“ anberaumt ist.

Was ist geschehen? Um die Reorganisation und Restrukturierung von BBS so schnell und so effektiv wie möglich durchführen zu können, hatte BBS dem zuständigen Rottweiler Insolvenzgericht Ende letzten Jahres vorgeschlagen, eine Umstrukturierung in Eigenverwaltung mit „pre-packaged plan“ durchzuführen. Was sich dahinter verbirgt, hatte der damals noch amtierende BBS-Geschäftsführer Norbert Zumblick gegenüber dem Schwarzwälder Boten erläutert: Demnach sollte für das Werk in Schiltach ein neuer Insolvenzplan erstellt werden. Dies sei notwendig geworden, weil es sonst nicht möglich gewesen sei, das Geschäft angesichts des geplanten Verkaufs an Ronal auseinanderzudividieren. Den Antrag auf Eigenverwaltung hat das Amtsgericht am 1. März abgelehnt, Ronal hatte nämlich Tage zuvor die Absichtserklärung zurückgezogen: Der ganze Dumarey/Zumblick-Plan war damit wert- und sinnlos geworden.

Ob eine Ronal-Übernahme von Herbolzheim überhaupt so ohne Weiteres auf dem geplanten Wege machbar gewesen wäre, wurde aluräderbranchenweit sowieso von Anfang an bezweifelt: Denn am Standort Herbolzheim würden auch andere Räderhersteller Interesse haben und ihrerseits Rechtsanwalt Oberle Vorschläge unterbreiten. Am Schiltacher Werk hatten – daran sei an dieser Stelle erinnert – die beteiligten Bieter schon bei der ersten BBS-Insolvenz kein Interesse gehabt und mehr oder weniger durchblicken lassen, „den Laden“ würden sie als erstes schließen, so sie denn den Zuschlag bekämen. Aus industrieller Sicht war Schiltach jedenfalls für diese Unternehmen nicht rettbar.

Das sahen Guido Dumarey und Norbert Zumblick zum Beginn des Jahres 2011 offensichtlich anders: Zumblick wird in den Medien dahingehend zitiert, im Sinne des Insolvenzplans umstrukturieren zu wollen. Ob am Stammsitz und Produktionsstandort Schiltach Mitarbeiter entlassen werden müssten, könne er nicht sagen. Die Vollproduktion von Aluminiumgussrädern (vom Guss bis zur Lackierung) solle jedenfalls in Schiltach beibehalten werden, bestätigte er auch auf Nachfrage dieser Fachzeitschrift. Rohlinge für Schmiederäder (so für die Formel 1) bezieht das Unternehmen weiterhin überwiegend vom früheren japanischen BBS-Minderheitsgesellschafter (16,7 Prozent bei Insolvenz 2007) Washi Beam, darüber hinaus von Alcoa aus den Vereinigten Staaten. BBS solle sich im Markt im Rahmen einer „Stand-alone“-Politik mit eigenen Nägeln kratzen und ohne größeren Partner überlebensfähig gemacht werden.

Ob dieses angedachte Geschäftsmodell tragfähig war, darf bezweifelt werden. Mit welcher Vertriebsstruktur und Mannschaft sie hätte realisiert werden können, bleibt als offene Frage. Während Zumblick bereits Ende Februar die Brocken geschmissen hat, will Dumarey weiterkämpfen, wird er in Interviews zitiert. Im Einklang mit neuer Strategie wolle BBS das OEM-Geschäft, das im Jahre 2010 etwa zwei Drittel zum Unternehmensumsatz beigetragen hat, ausgliedern und zu seinem Kerngeschäft – der Herstellung und dem Vertrieb von Rädern im Premiumsegment (übrigens inklusive Spezialräder für die Erstausrüstung), Motorsport und Aftermarket – zurückkehren, ließ BBS wissen, als Ronal noch mit im Boot gewesen war. Die Vereinbarungen mit Ronal hätten es dem Unternehmen erlaubt, diesen Prozess zu beschleunigen und schneller zu seinem Kerngeschäft zurückzukehren.

Mittlerweile ist Dumarey (51) für manch einen zur „Reizfigur“ geworden: „Das Ansehen von Guido Dumarey in der Belegschaft hat erheblich gelitten“, lässt sich der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Freudenstadt Reiner Neumeister zitieren. Einerseits bringen Mitarbeiter des Unternehmens im Überlebenskampf bereits Opfer, andererseits werde Dumarey „ein rüder Umgang mit Mitarbeitern“ nachgesagt, gegenüber einem anderen Gewerkschafter sei er sogar einmal handgreiflich geworden. Gewerkschaftssekretär Uwe Wallbrecher wolle den Belgier wegen dessen „Schlingerkurs“ jedenfalls loswerden, sodass selbst Dumarey sagt: „Zwischen Uwe Wallbrecher und mir besteht in der Tat nicht das beste Verhältnis.“

Zur Beruhigung ein Blick zurück: Die 1970 von Heinrich Baumgartner (bis 2007 Mehrheitsgesellschafter) und Klaus Brand gegründete und später in eine Aktiengesellschaft umgewandelte BBS Kraftfahrzeugtechnik AG (die beiden „B“ stehen für die beiden Gründer, „S“ für Schiltach) hatte bereits am 2. Februar 2007 erstmalig wegen drohender Zahlungsunfähigkeit einen Insolvenzantrag gestellt. Völlig überraschend war Monate später beim Poker um BBS vom damaligen Insolvenzverwalter Dr. Jobst Wellensiek der belgischen Punch International NV (Sint-Martens-Latem) der Zuschlag erteilt worden. Die Übernahme umfasste die Fabriken der BBS Kraftfahrzeugtechnik AG in Schiltach und Herbolzheim, das (als Profit Center geführte) Motorsportdepartment BBS Motorsport & Engineering GmbH, die BBS-Tochtergesellschaft in Nordamerika sowie die Markenrechte. Die BBS-Tochtergesellschaft RIVA in Ruina (Italien) war nicht Gegenstand der Übernahme, das China-Engagement von BBS noch eine Zeit lang Gegenstand von Verhandlungen und verlief schließlich im Sande.

Die diversifizierte Holding „Punch International nv“ (St-Martens-Latem/Belgien) hatte im Frühsommer 2009 schließlich BBS an ihren größten Gesellschafter Creacorp nv wegen Erfolglosigkeit und tiefroter Zahlen weitergeschoben, die Dumarey-Partner waren offenkundig entnervt. Der Punch-CEO Guido Dumarey trat damals mit sofortiger Wirkung von seinem Amt zurück. Die Markenrechte an BBS verblieben bei Punch, die von Dumarey beherrschte Creacorp sollte Lizenzgebühren für die Nutzung des Markennamens BBS zahlen. Dumarey übernahm die Verantwortung, der Einstieg ins Automotive-Geschäft (und damit die Übernahme von BBS) sei in hohem Maße auf seine persönlichen Interessen zurückzuführen gewesen. Als ein führender Anteilseigner der übernehmenden Creacorp wolle er sich auf dessen weitere Entwicklung konzentrieren und trat noch auf der letzten Automechanika – inzwischen alleiniger Inhaber der BBS International GmbH – mit großen Plänen vor die Presse. Der damals versprühte Optimismus wird in der Rückschau in Anbetracht der Ereignisse im Dezember 2010 zum Mirakel.

Dumarey droht sein Lebenwerk zu verlieren. Bei Punch spielt seine Creacorp nicht mehr die große Rolle, bei BBS könnte er jedenfalls viel Geld versenken. Dumarey, dessen unternehmerischer Start als junger Mann übrigens ein Reifenzentrum war, wird von der Badischen Zeitung ein Faible für den Motorsport beigemessen. Innerhalb des BBS-Firmengeflechts galt (neben dem Markennamen) immer das Motorsportdepartment als „Mutter aller Perlen im BBS-Collier“. Da muss es schmerzen, dass seit dem 31.3. auch die „BBS Motorsport & Engineering GmbH“ zu einer Angelegenheit des Insolvenzgerichts Rottweil wurde.

Jeder Ausblick ist an dieser Stelle Spekulation. Der Maschinenpark in Schiltach ist alt, Herbolzheim dagegen modern, die dortige Lackiererei gilt gar als eine der modernsten Europas. Crux: So ganz einfach ist es nicht, beide Standorte auseinanderzudividieren, in Teilen arbeiten sie einander zu, sind aktuell voneinander abhängig. Wer immer das moderne Herbolzheim übernimmt, steht vor kräftigen Investitionen. Wer immer Schiltach übernimmt (oder weiterführt), steht vor einer Herkulesaufgabe – oder schließt diesen Standort. detlef.vogt@reifenpresse.de

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