“Verfügbarkeitsprobleme setzen dem ECR-System Grenzen”

Der Continental-Konzern gehört zu den Wegbereitern einer automatisierten Nachschubsteuerung für Reifenhändler. Anders als beim Wettbewerber aus Hanau bezeichnet der Hannoveraner Reifenhersteller dieses Instrument allerdings als „Efficient Consumer Response“ (ECR) und deckt damit auch begrifflich ein noch weiteres Feld ab als lediglich den von Herstellerseite geführten Lagerbestand. Aktuell setzt man beim Conti-Handelskanal Vergölst allerdings eher auf eine optimierte Bevorratung der Filialen und Franchisepartner und wirft damit ein besonderes Schlaglicht auf eine der zentralen Erfolgsfaktoren der automatisierten Nachschubsteuerung: „Strukturelle Verfügbarkeitsprobleme setzen diesen Systemen Grenzen“, so Vergölst-Geschäftsführer Jürgen Marth im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG.
„ECR und wohl auch VMI können Instrumente sein, die Warenverteilung zu optimieren. Sind Reifen nicht verfügbar, da die Bedarfe das Angebot übersteigen, können auch solche Systeme diese Versorgungslücke nicht schließen“, ist Jürgen Marth überzeugt. Zentraler Erfolgsfaktor ist demnach eine ausreichende Verfügbarkeit von Reifen, die ECR-typisch auch kurzfristig vom Zentrallager des Herstellers abgerufen werden können. Gibt es Engpässe in der Produktion, da – wie in den Zeiten der jüngsten Krise geschehen – allerorten Produktionskapazitäten gekürzt, Lagerbestände zwecks Kostenoptimierung verringert und dann auch noch zwei besonders gute Wintersaisons die verbleibenden Herstellerkapazitäten voll auslasteten, dann kann auch das beste Instrument der automatisierten Nachschubsteuerung seinen Nutzen nicht voll entfalten.
Folglich setze der Continental-Konzern beim Bestandsmanagement neben einer automatisierten Nachschubsteuerung unter dem Dach des ECR-Instrumentes, das für Filialen Pflicht und für Franchisebetriebe ein freiwilliges Tool ist, aktuell vor allem „im Bestellprozess auf eine frühe, möglichst genaue Order sowohl für die Fachbetriebe wie auch für die Franchisepartner“. Entscheidungen zum Lagerbestand in den Filialen und Partnerbetrieben werden demnach weniger häufig ad hoc, also kurzfristig anhand von festgelegten Minimum- und Maximumparametern, sondern längerfristig im Voraus geplant. „In Zeiten knapper Ware hat die Bevorratung eine größere Bedeutung. Hier bieten wir mit unserem Bevorratungstool klare Vorteile, weil auf Basis vergangenheitsorientierter Verkaufszahlen, zukünftiger Markttrends und geplanter Aktionen in der Werbung und Verkaufsförderung sowie der aktuellen Bestände ein individueller Bestellvorschlag erarbeitet wird, der von unseren Fachbetrieben und Partnern geprüft, abgeändert und übertragen werden kann“, so der Vergölst-Geschäftsführer weiter. Der hieraus entstehende Bestellvorschlag werde „nach Bestätigung“, betont Marth, elektronisch in die Systeme der Continental Reifen Deutschland GmbH übertragen. Das ermögliche auf der Seite des Herstellers eine frühe Einschätzung der Bedarfe und genauere Produktionsplanung.
In dem Hinweis auf die vom Vergölst-Betrieb erst „nach Bestätigung“ ausgelöste Bestellung findet sich auch ein zentraler Faktor der automatisierten Nachschubsteuerung unter dem Dach des ECR-Instrumentes. „Im Tagesgeschäft wird bei Unterschreiten eines Minimalbestands automatisch ein Bestellvorschlag generiert, der vom Nutzer kontrolliert, korrigiert und freigegeben werden kann.“ Also auch hier entscheidet letztlich der Betrieb, ob Reifen ins Lager ‚nachgeschoben‘ werden oder eben nicht. Folglich sei es auch fraglich, ob Franchisepartner einen (weiteren) Teil ihrer unternehmerischen Freiheit einbüßen, wie mitunter unter Hinweis auf Instrumente wie ECR behauptet wird. „Diese Bedenken teilen wir für den ECR-Ansatz nicht, weil der Nutzer vor und nach Übertragung der Bestellung Herr über den Auftrag ist und bleibt“, stellt der Vergölst-Geschäftsführer klar.
Wenn genügend Reifen vorhanden sind, also der Markt nicht mit strukturellen Engpässen zu kämpfen hat, dann sei ein „Fachbetrieb und Franchisepartner besser gegen Verfügbarkeitsengpässe abgesichert“ und habe „weniger Aufwand in der Warenbeschaffung“. Marth weiter: „Theoretisch reduzieren sich die Warenbestände mit positiven Effekten auf das gebundene Kapital. Fachbetriebe und Franchisepartner können wertvollen Platz in ihren Filialen für wertschöpfendere Services nutzen.“ Dabei muss auch hier eine weitere Bedingung erfüllt sein (neben der grundsätzlichen Verfügbarkeit von Reifen): „Allerdings gilt das insbesondere nur für A- und B-Artikel mit einer hohen Umschlagshäufigkeit. Diese Artikel sind auch in kleineren Geschäftsgrößen ohne große Abweichungen verlässlicher planbar.“ C-Artikel mit geringem Lagerumschlag seien hingegen durch diese Systeme nicht abdeckbar und verlangten nach manueller Warensteuerung zwischen Fachbetrieb, Partner und der Industrie. arno.borchers@reifenpresse.de

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