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“WdK-zertifizierter Reifenfachhandel” – Bald weniger ohne?

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Über sein Know-how insbesondere in Sachen Montage von UHP- bzw. Runflat-Reifen sollte der Reifenfachhandel an andere Marktteilnehmer (Autohäuser, Kfz-Werkstätten, Autofachmärkte, Onlinehandel etc.) verloren gegangenes Terrain zurückerobern können. So lautet zumindest das Konzept, dem der Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseurhandwerk e.V. (BRV) das Wort redet. Aber es gibt durchaus auch einen technischen Hintergrund dafür, in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie e.V. (WdK) das Projekt „WdK-zertifizierter Reifenfachhandel“ voranzutreiben. Die bisherige Resonanz des Handels darauf bezeichnet BRV-Geschäftsführer Hans-Jürgen Drechsler allerdings als „eher verhalten“ und aus Sicht des Branchenverbandes „nicht ausreichend“. Vielleicht läutet aber die Anfang Dezember vom BRV vorgestellte und mit Unterstützung der WdK-Reifenhersteller Bridgestone, Continental, Goodyear/Dunlop, Michelin, Pirelli und Vredestein – Hankook, Kumho, Toyo und Yokohama zeigen sich laut Trends & Facts 6/2010 bislang lediglich interessiert bzw. prüfen eine etwaige Unterstützung noch – für dieses Frühjahr angekündigte PR-Kampagne diesbezüglich ja eine Wende ein bzw. verleiht dem Ganzen neue Impulse.

Die Thematik selbst ist an sich so neu beileibe nicht. Schon 2005 gab es Indizien dafür, dass an UHP- und Runflat-Reifen festgestellte Schäden unter Umständen auf eine unsachgemäße Montage zurückzuführen sein könnten. Dem wollte Michael Immler, anerkannter Reifensachverständiger und Obermeister der bayerischen Vulkaniseurinnung, mit entsprechenden Untersuchungen auf den Grund gehen, in die später dann auch die Materialprüfanstalt der Technischen Hochschule Darmstadt und technische Dienste wie die Dekra mit einbezogen wurden. Letztendlich bestätigte sich der Anfangsverdacht. „Bei unsachgemäßer Montage von UHP- und Runflat-Reifen entstehen kleine Beschädigungen an den Flanken der Reifen, die selbst für erfahrene Reifenmonteure oftmals nicht zu sehen sind“, bringt Michael Immler das Problem auf den Punkt. Nach dem Motto „Gefahr erkannt – Gefahr gebannt“ galt es nun Abhilfe zu schaffen. „Bereits 2006 und 2007 haben wir drei ‚BRV-Round-Table Reifenmontage’ unter Einbeziehung der Automobil-, Reifen- und Montagetechnikhersteller, der technischen Dienste (Dekra/TÜV) und der Materialprüfanstalt Darmstadt durchgeführt, die dann im 2007 gebildeten WdK-Arbeitskreis ‚Reifenmontage’ mündeten. Dieser hat in Rekordzeit von nicht mal ganz zwei Jahren bis zum Herbst 2008 ein in sich geschlossenes und absolut stimmiges Konzept erarbeitet und verabschiedet“, sagt Drechsler.

Das Paket umfasst dabei mehrere Module angefangen bei einer Montage- bzw. Demontageanleitung (in einer Lang- sowie einer Kurzfassung) für die offenbar so „sensiblen“ UHP-/Runflat-Reifen über eine Leitlinie/Prüfrichtlinie zur Prüfung von Werkstattequipment für deren (De-)Montage und ein Fortbildungsmodul für Monteure im Reifenservice bis hin zu einem „Train the Trainer“ genannten Schulungskonzept für Ausbilder bzw. Ausbildungsstätten, die eben solche Kurse für Monteure anbieten wollen. Im Rahmen der Reifenmesse 2008 wurde den ersten Montagemaschinen verschiedener Hersteller das WdK-Prüfsiegel verliehen, mit dem ihnen attestiert wird, dass sie sich gemäß der unter Federführung des WdK und in Zusammenarbeit mit dem BRV sowie unter anderem dem Bundesverband der Hersteller und Importeure von Automobilserviceausrüstungen e.V. (ASA) erarbeiteten Prüfrichtlinie für die (De-)Montage von Runflat- und UHP-Reifen eignen. Nicht allzu lange danach wurden auch erste Monteurschulungen angeboten. Damit – so der BRV-Geschäftsführer – verfüge der Reifenfachhandel seit 2008 über zertifizierte Montagetechnik und könne seine Monteure entsprechend fortbilden bzw. zertifizieren lassen.

Bislang verhaltene Resonanz

Doch wie ist es in der Praxis bestellt darum? Wie viele Reifenservicebetriebe haben sich bereits zertifizieren lassen und damit nachgewiesen, dass sie einerseits für die (De-)Montage von UHP-/Runflat-Reifen geeignetes Equipment nutzen und andererseits über entsprechend geschultes Personal verfügen? Mit Blick auf den Reifenfachhandel lässt sich diese Frage mit ein wenig Aufwand selbst recherchieren. Denn die vom BRV betriebene Website unter www.reifen-kompetenz.de bietet einerseits eine Datenbank von Fachhandelsbetrieben, die Mitglied in dem Branchenverband sind, und andererseits eine weitere Listung, die solche BRV-Mitgliedsbetriebe aufführt, die bereits WdK-zertifiziert sind. Bei einer bundesweiten Stichprobe jeweils in einem 20-Kilometer-Umkreis (einer Studie zufolge darf die Anfahrt zu ihrer Werkstatt für 46 Prozent der Autofahrer höchstens 15 Minuten und für weitere 43 Prozent maximal eine halbe Stunde betragen) von übers Land verteilt gut 60 nicht zu großen Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern haben sich teils drastische Unterschiede ergeben: Beispielsweise findet man im Umkreis von 20 Kilometern rund um Osnabrück, Heilbronn, Lübeck, Nordhorn oder Siegen zwar zwischen zehn und knapp 20 Reifenfachhandelsbetriebe, doch bis dato (Stand der Erhebung: Anfang Dezember) ist dort kein einziger WdK-zertifiziert. Auf der anderen Seite glänzen dafür die Regionen um Städte wie Würzburg, Flensburg, Lüneburg, Zwickau, Dresden, Frankfurt/Oder oder Regens- und Augsburg mit Zertifizierungsquoten angefangen bei gut 30 bis hin zu 50 Prozent. Im Bundesdurchschnitt hat die Analyse der NEUE REIFENZEITUNG allerdings ergeben, dass sich erst knapp 19 Prozent der BRV-Betriebe in und um die fraglichen Städte haben zertifizieren lassen.

„Wenn man bedenkt, dass wir uns auf Basis der Untersuchungen von Herrn Michael Immler seit Ende 2005/Anfang 2006 mit dem Thema beschäftigen und permanent darüber berichtet haben, so muss man doch feststellen, dass das Interesse des Reifenfachhandels – trotz umfassender Information – bis dato eher verhalten war“, beschreibt Hans-Jürgen Drechsler aus Sicht des BRV die Situation in Bezug auf das Thema WdK-Zertifizierung rund um die (De-)Montage von UHP-/Runflat-Reifen. Dabei weicht die von dem Branchenverband genannte Zertifizierungsquote nicht allzu sehr von obiger Abschätzung ab. „Zum Stand November 2010 sind 550 Reifenservicestationen von BRV-Mitgliedsbetrieben zertifiziert. Das sind zurzeit 16,2 Prozent aller BRV-Outlets (Stationen)“, sagt er. Hinzu zu dieser Bilanz kämen zwar noch einmal über 100 Kfz-Betriebe, aber die wolle man – erklärt Drechsler auf Anfrage dieser Zeitschrift – ebenso wenig promoten wie entsprechende Aktivitäten der Automobilhersteller. „BMW wird zum Beispiel auf Basis des WdK-Systems ab 2011 weltweit alle Niederlassungen und Vertragshändler fortbilden“, weiß der BRV-Geschäftsführer nichtsdestotrotz zu berichten. Sicherlich ein Grund mehr für ihn, warum der Reifenfachhandel seine diesbezügliche Zurückhaltung ablegen sollte. Zumal der Anteil, den UHP- bzw. Runflat-Reifen bei eher steigender Tendenz schon heute bezogen auf den Pkw- bzw. SUV-/4×4-Reifengesamtmarkt für sich reklamieren können, mit rund 25 Prozent beziffert wird.

„Kaum eine andere Fachhandelsbranche in Deutschland hat meines Erachtens Zukunftschancen wie der Reifenfachhandel: Der Fahrzeugbestand wird stabil bleiben, heute und in Zukunft werden wir eine extreme Vielfalt zulässiger und hoch komplexer Rad-Reifen-Systeme an den Fahrzeugen haben“, so Drechsler. Daraus leitet er einen zunehmend sehr hohen technischen Beratungs- und Montageaufwand ab, der „eigentlich die Domäne des Reifenfachhandels, des professionellen Reifenservice“ sein sollte. Der Handel müsse diese Chancen jedoch auch erkennen, analysieren und entsprechend handeln, also auch in Equipment und Personal investieren. „Nur abzuwarten – und auf bessere Zeiten zu hoffen – wird nicht helfen“, meint der BRV-Geschäftsführer. Trotz der nach Meinung des Branchenverbandes bislang „nicht ausreichende[n] Resonanz des Reifenfachhandels“ auf das Angebot in Bezug auf die Zertifizierung rund um die (De-)Montage von UHP-/Runflat-Reifen ist er aber zuversichtlich, was die weitere Entwicklung an dieser Front betrifft. „Für 2011 rechen wir anhand des derzeitigen Anmeldungsstandes bei den WdK-autorisierten Fortbildungsstätten mindestens mit einer Verdoppelung der zertifizierten Stationen im Reifenfachhandel. Dieser Trend wird sich sicherlich auch 2012 fortsetzen“, glaubt er.

Zunehmendes Interesse – auch beim Wettbewerb

Eine „deutlich gewachsene“ Nachfrage nach entsprechenden Schulungen seitens des Reifenfachhandels wird vom Michelin Center für Training und Information (MCTI) bestätigt. „Das MCTI hat im Jahr 2009 135 Teilnehmer zum Thema Ultra-High-Performance- und Runflat-Montage gemäß der WdK-Richtlinien geschult. 2010 waren es bereits über 200 Teilnehmer“, erklärt Bernd Semmler, Leiter des MCTI. Inzwischen sollen über 350 Teilnehmer entsprechende Kurse beim MCTI durchlaufen haben, das vom WdK auditiert wurde und nach Semmlers Worten über eine große Auswahl an zertifizierten Montagemaschinen für den Praxisbereich verfügt, sodass die Teilnehmer im Regelfall die Zertifizierung meist auf einer ihnen bekannten Maschine durchführen könnten. Nach aktuellem Stand wird das MCTI im aktuellen Jahr 32 Termine für unterschiedliche Gruppen anbieten, von denen noch sechs Seminare frei buchbar sein sollen.

Aber freilich finden sich unter den WdK-zertifizierten Ausbildungsstätten auch solche anderer Reifenhersteller oder von Werkstattausrüstern (eine komplette Übersicht lässt sich über die Webseiten des Wirtschaftsverbandes der deutschen Kautschukindustrie abrufen). So erwartet man auch bei den Goodyear Dunlop Handelssystemen (GDHS) eine „weiterhin rege Beteiligung“ an der zusammen mit Goodyear Dunlop Tires Germany über das konzerneigene Schulungszentrum angebotenen Fortbildung „Montage von UHP- und ‚RunOnFlat’-Reifen mit WdK-Zertifikat“. Allein im vergangenen Jahr haben sich laut Reiner Reiss, Leiter Autoservice und Training bei der Handelsorganisation des Reifenherstellers, 127 GDHS-Betriebe dafür angemeldet und das Zertifikat erhalten. Alles in allem haben demnach bis dato bereits über 300 GDHS-Partner die Schulungen durchlaufen. „Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es sich hierbei um eine zweitägige Schulung handelt und pro Trainer nur vier Teilnehmer geschult werden können, ist dies aus unserer Sicht eine erfreuliche Anzahl“, findet Reiss.

Auch für 2011 sind wieder 16 Schulungen vorgesehen, verteilt auf acht Trainingsorte – eine erste Runde ist für Januar/Februar geplant, eine zweite für August/September. „Wir waren von Anfang an über den BRV und den WdK in dieses Thema involviert und haben daher die Wichtigkeit einer solchen Schulung auf unseren diversen Fachforen wie den Regionaltagungen, dem bundesweiten Meistertreffen und über unser GDHS-Trainingskonzept deutlich gemacht. Daher ist das Interesse unserer Handelspartner erfreulicherweise sehr groß“, sagt Reiss. Norbert Allgäuer, Leiter des Pirelli Tyre Campus, konstatiert ebenfalls ein wachsendes Interesse des Reifenfachhandels an Schulungen in Sachen (De-)Montage von UHP-/Runflat-Reifen gemäß der WdK-Montagerichtlinie. Insofern seien entsprechende Kurse – um die 15 Termine sind für 2011 in Planung, wobei weitere Details dazu noch für diesen Monat angekündigt sind – als fester Bestandteil des Schulungskonzeptes des Unternehmens zu sehen. Das steigende Interesse an den Zertifizierungen wertet Pirelli als Indiz dafür, dass der Reifenfachhandel die Wichtigkeit von Standards „scheinbar verstanden“ hat.

Aber auch Reifenvermarkter aus anderen Vertriebskanälen hätten die Wichtigkeit der Zertifizierung erkannt, wobei im Zusammenhang beispielsweise mit dem Autohaus noch von einem gewissen Druck seitens Automobilherstellern berichtet wird, standardisierte Montagebedingungen einzuführen. Mit seinen Schulungen bedient der Pirelli Tyre Campus nach Aussagen von Allgäuer jedenfalls auch andere Betriebstypen wie etwa eben Autohäuser, Kfz-Werkstätten oder Ähnliches, zumal dies seinen Worten zufolge „sehr stark“ gefordert werde. Besteht vor diesem Hintergrund und angesichts des Umstandes, dass nach BRV-Informationen beispielsweise BMW-Niederlassungen bzw. -Vertragshändler flächendeckend auf Basis des WdK-Systems geschult werden sollen, hier also gar die Gefahr, dass der Reifenfachhandel von seinem Hauptwettbewerber „rechts überholt“ wird?

„Die Angebote zur WdK-Zertifizierung werden sowohl vom Reifenfachhandel als auch von Autohäusern wahrgenommen. Sehr stark vertreten sind besonders Fachbetriebe, die auf ein qualitativ hohes Serviceniveau Wert legen. Diese schicken häufig mehrere Monteure pro Filiale zu den Schulungen“, kann Bernd Semmler vom MCTI augenscheinlich jedoch keine wesentlichen betriebstypischen Unterschiede in Bezug auf die Resonanz rund um die Thematik feststellen. Im Vergleich zu seinen anderen Trainingsangeboten beschreibt auch Continental das Interesse an der vom „ContiTrainingsCenter“ angebotenen Fortbildungsmaßnahme in Sachen (De-)Montage von UHP-/Runflat-Reifen (mit Prüfung bzw. WdK-Zertifikat) mit „durchschnittlich bis hoch“ und kann dabei im Vergleich zwischen dem Reifenhandel und Vermarktern aus anderen Vertriebskanälen ebenso keine Unterschiede feststellen.

„Andere Vertriebskanäle, wie zum Beispiel das Autohaus, reagieren derzeit noch zurückhaltend. Dies liegt zum Teil darin begründet, dass hier das Serviceangebot der Reifenmontage gemessen am gesamten Serviceprogramm einen relativ kleinen Anteil hat. Wir werden unsere Schulungsprogramme zukünftig jedoch auch in diesem Kanal verstärkt anbieten“, sagt Goodyear-Dunlop-Sprecherin Gabriele Velte unter Verweis darauf, dass die Partner aufseiten des Reifenfachhandels die vom Unternehmen angebotenen Kurse „nach anfänglicher Zurückhaltung“ nun immer besser annehmen. Dennoch sehe man diesbezüglich „auch weiterhin Nachholbedarf“, ergänzt sie. Bei qualitätsorientierten Betrieben habe sich inzwischen jedoch der Standpunkt durchgesetzt, dass die Schulungen eine sinnvolle und auch notwendige Investition darstellen, beschreibt der bei der Bridgestone Deutschland GmbH für diesen Bereich verantwortliche Uwe Detering die Resonanz des Reifenhandels auf die von dem Reifenhersteller angebotene Fortbildung gemäß der WdK-Montagerichtlinie. Dabei wird seinen Worten zufolge mit den von Bridgestone angebotenen Schulungen ohnehin hauptsächlich der Reifenfachhandel adressiert. „Im Bereich des Betriebstyps Autohaus werden viele markengebundene Betriebe durch interne Maßnahmen nach WdK geschult“, weiß Detering zu berichten.

Ursachenforschung und Argumente

„Bridgestone hatte bereits vor der Einführung des WdK-Zertifikates mehr als 1.000 Personen für die RFT-Montage aktiv geschult. Nach den WdK-Anforderungen sind es jetzt noch mal ca. 60“, ergänzt er und sagt, dass entsprechende Termine für die achte/neunte bzw. die 27./28. und die 35./36. Kalenderwoche dieses Jahres angesetzt sind, aber darüber hinaus auch individuell vereinbart werden können. Dabei handelt es sich nun wohlgemerkt um Kurse gemäß des hinter der Zertifizierung stehenden WdK-Konzeptes. Denn der BRV sieht die aus Sicht des Branchenverbandes bis dato nicht ausreichende Resonanz des Reifenfachhandels darauf zum Teil auch darin begründet, dass dieser in der Vergangenheit zwar von unterschiedlichster Seite – unter anderem werden von Drechsler in diesem Zusammenhang Reifen- und Montagetechnikhersteller genannt – angebotene Fortbildungskurse zur Montage-/Demontage von UHP- und Runflat-Reifen auf dem Stand der damalig aktuellen Technik in Anspruch genommen hat, diese aber eben gerade nicht auf dem WdK-System basierten. „Das konnten sie zu dem Zeitpunkt ja auch noch nicht und sind deshalb mit dem ‚WdK-Zertifikat’ nicht vergleichbar. Die betreffenden Betriebe aber meinten und meinen zum Teil auch heute noch, bereits über ein solches zu verfügen“, verdeutlicht der BRV-Geschäftsführer. Insofern könnte die PR-Kampagne der Branchenvertretung nicht nur beim Endverbraucher, sondern vielleicht auch bei dem einen oder anderen Händler für einen entsprechenden Aha-Effekt sorgen.

Es ist aber noch ein weiterer Grund denkbar, warum derzeit nur etwa ein knappes Fünftel des deutschen Reifenfachhandels WdK-zertifiziert ist: die damit einhergehenden Kosten. In diesem Zusammenhang dürften allerdings weniger die rund 500 Euro für die auf zwei Tage verteilte und zwölf Stunden umfassende Monteursschulung eine maßgebliche Rolle spielen als vielmehr die ungleich höher zu veranschlagenden Aufwendungen für die unter Umständen nötige Anschaffung von WdK-zertifizierter Montagetechnik. Denn deren Vorhandensein im Betrieb ist neben entsprechend geschultem Personal Voraussetzung für die Zertifizierung eines Reifenservicebetriebes. Eine aktuelle Liste freigegebener Montagemaschinen bzw. Zusatzkits für bestehendes Equipment lässt sich auf den Webseiten des WdK (unter www.wdk.de/de/Publikationen.html?d=592328) einsehen. „Die Anschaffungskosten für eine neue zertifizierte Maschine liegen, je nach Anbieter und Ausführung, zwischen 5.000 und 15.000 Euro, die für ein Zusatzkit zwischen 600 und 2.000 Euro“, erklärt Hans-Jürgen Drechsler auf Nachfrage der NEUE REIFENZEITUNG.

„Das ist zweifellos nicht wenig, doch wenn es gelingt, dank der hierdurch erworbenen – und im Rahmen unserer PR-Kampagne ja in Kürze bundesweit promoteten – Fachkompetenz die zahlungskräftige Klientel der Fahrer von UHP- und Runflat-bereiften Pkw an das Unternehmen zu binden, werden sich die benötigten Investitionen mit Sicherheit schnell amortisieren“, ist der BRV-Geschäftsführer überzeugt. Wer sich in Sachen UHP- und Runflat-Reifenmontage nicht fit macht, werde dieses Segment ohne hohes finanzielles Risiko nicht mehr bedienen können. „Michael Immler hat es erst kürzlich ganz klar formuliert: Ohne das spezielle Know-how und Equipment lassen sich die hoch sensiblen UHP- und Runflat-Reifen mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit nicht schadensfrei montieren! Und wenn dann in voller Fahrt ein Reifen platzt und als Ursache dafür wird fehlerhafte Montage festgestellt, können die Haftungsansprüche des Kunden das Investitionsvolumen einer WdK-Zertifizierung schnell um ein Mehrfaches übersteigen – ganz zu schweigen von dem Imageschaden, der dem Unternehmen daraus entsteht“, argumentiert Drechsler.

„Die positiven Veränderungen bezogen auf unsere WdK-Kampagne, welche ja mit durch unsere Innung entwickelt wurde, beginnt einen Umdenkprozess in Gang zu setzen, bei dem unsere Dienstleistungen einen wesentlich höheren Stellenwert bekommen. Dies gibt uns die Chance wegzukommen von dem Image ‚montieren kann jeder, das macht auch unser Lehrling im ersten Lehrjahr’ und hin zu einer spezialisierten Leistung“, meint der Obermeister der Landesinnung des bayrischen Vulkaniseur- und Reifenmechanikerhandwerks Michael Immler. „Sie sollten die Gelegenheit nutzen, Ihren Betrieb als ‚den Spezialisten’ darzustellen“, lautet deswegen sein an den Reifenfachhandel gerichteter Aufruf. „Die Endverbraucher sollen wissen, dass nicht jeder Reifenhändler die nötige Ausbildung und die zertifizierten Maschinen für eine solch anspruchsvolle Montage vorweisen kann. Sie sollen genau auswählen, bei wem sie ihre Reifen montieren lassen“, verspricht sich auch Reiner Reiss einen positiven Effekt des Ganzen. Die Goodyear Dunlop Handelssysteme wollen nach Aussagen ihres Leiters Autoservice und Training jedenfalls ihre Partner daher auch in der Kommunikation zum Endverbraucher mit Anzeigen und eigener Pressearbeit unterstützen sowie darauf achten, dass sich noch weitere Partner aus den eigenen Reihen bei den Schulungen anmelden.

Erwartungshorizonte

„Jeder Betrieb, der noch keine Qualifikation für UHP- und ‚RunOnFlat’-Reifen hat, muss einen deutlichen Rückgang in diesem Geschäftsbereich befürchten“, denkt Reiss. Er hofft, dass durch die WdK-/BRV-Kampagne das Sicherheitsbewusstsein der Autofahrer in Bezug auf die Montage von UHP- und Runflat-Reifen weiter steigt. „Die Montage von UHP- und Runflat-Reifen verlangt spezielle Fachkenntnisse, die durch die WdK-Zertifizierung erworben werden können. Über die geplante Kampagne sollen auch Verbraucher für dieses Thema sensibilisiert und natürlich auch motiviert werden, die Montage ihrer Reifen bei einem WdK-zertifizierten Händler vornehmen zu lassen. Kunden sind bei der Wahl eines WdK-zertifizierten Handelspartners besonders gut beraten“, bringt Gabriele Velte die Sichtweise des Goodyear-Dunlop-Konzerns auf den Punkt. Sie erwartet von der gemeinsamen Öffentlichkeitskampagne des Kautschuk- und des Reifenhandelsverbandes einen positiven Effekt bzw. sieht sie als „wichtigen Beitrag zur Endverbraucheraufklärung“ – so wie im Übrigen auch andere von dieser Fachzeitschrift befragte Vertreter der Reifenindustrie und des Handels. Doch wie sieht es diesbezüglich mit den Werkstattausrüstern als quasi „dritter Kraft“ in dieser Angelegenheit aus?

Positive Erwartungen knüpft man bei der Snap-on Equipment GmbH (Marken: Hofmann, John Bean, Cartec, Blackhawk) an die WdK-/BRV-Kampagne, die nach Überzeugung des Unternehmens für eine noch stärkere Wahrnehmung der Notwendigkeit einer WdK-Zertifizierung sorgen wird, um Beschädigungen von Reifen und Felgen zu vermeiden. „In Deutschland kann man fast keine Reifenmontiermaschine mehr ohne WdK-Zertifizierung anbieten. Die meisten OEMs schreiben sogar die WdK-Zertifizierung zwingend vor. Auch im Ausland gewinnt die WdK-Zertifizierung zunehmend an Bedeutung bei einer Kaufentscheidung“, erklärt Judith Huppert, die bei dem Konzern für Marketing und Kommunikation innerhalb Europas verantwortlich zeichnet. Daher biete Snap-on inzwischen fast ausschließlich WdK-zertifizierte Reifenmontiermaschinen, wobei der Kunde unter mittlerweile fast 60 Modellen wählen könne. „Kfz-Hersteller wie VW/Audi, Daimler und BMW geben keine Reifenmontiermaschinen mehr frei ohne WdK-Zertifizierung. BMW geht sogar noch einen Schritt weiter und lehnt herkömmliche Tellermaschinen ab. Neue Tellermaschinen erhalten keine Freigaben mehr von BMW. Hier geht es noch nicht einmal so sehr um die RFT-Reifen, sondern vielmehr um die UHP-Reifen“, bestätigt Rolf Lapp, Key-Account- und Marketingmanager der Hunter Deutschland GmbH.

„In Deutschland spielt die Zertifizierung eine entscheidende Rolle. Ohne das Zertifikat sind Reifenmontiergeräte hierzulande nur noch als Zweitgeräte verkaufbar, und das ist gut so. Angesichts der Tatsache, dass viele Marktteilnehmer den Vorstoß des WdK-Arbeitskreises anfangs belächelt haben, kann man durchaus von einem Durchbruch sprechen“, so Oliver Werner, Produktmanager Capital Equipment bei der Rema Tip Top GmbH. Wie er weiter ausführt, spiegelt sich dies dementsprechend auch in den Verkaufszahlen WdK-zertifizierter Montagemaschinen wider, die selbstredend zum Portfolio des Anbieters zählen. „Einziger Wermutstropfen ist die manchmal wenig transparente Situation für die Kunden in Bezug auf die Lieferumfänge. Hier hat der WdK aber Abhilfe versprochen durch Veröffentlichung aller freigegebenen Lieferumfänge im Internet“, ergänzt er. Für ihn ist die WdK-Zertifizierung jedenfalls einer der Hauptschlüssel für den künftigen Erfolg des Reifenfachhandels. „Laut einer Branchenumfrage vergleichen Endkunden die Preise keiner Dienstleistung um ihren Pkw so genau wie den für den Reifenservice. In einem so preissensiblen Segment muss der zertifizierte Fachbetrieb qualitative Unterschiede besonders deutlich machen, wenn er nicht in Schönheit untergehen will“, argumentiert Werner. Langfristig müsse der Kunde bereit sein, für die Montage von Runflat- und UHP-Reifen mehr zu bezahlen, weil dafür besonders geschultes Personal und das richtige Gerät benötigt werde, fügt er hinzu.

Bei Haweka hat man in Bezug auf die WdK-Zertifizierung indes bis dato weder positive noch negative Auswirkungen auf die Verkaufszahlen von Reifenmontagemaschinen registriert. „Für die meisten unserer Kunden ist die Zertifizierung ‚nice to have’, spielt bei der letztendlichen Kaufentscheidung jedoch nicht die ausschlaggebende Rolle. Im Vordergrund steht nach wie vor das Preis-Leistungs-Verhältnis und selbstverständlich das Einsatzgebiet der Maschine. Der Kunde will beste Qualität zum fairen Preis“, sagt Christian Kollmeyer, Verkaufsleiter Deutschland bei dem im niedersächsischen Burgwedel beheimateten Werkstattausrüster. Nichtsdestoweniger finde sich seinen Worten nach eine Vielzahl WdK-zertifizierter Maschinen im Haweka-Programm. Konkrete Erwartungen knüpft er an die WdK-/BRV-Kampagne allerdings nicht, gleichwohl wolle man sich „mal überraschen“ lassen.

Noch ein wenig anders stellt sich die Situation bei der ATH-Heinl GmbH & Co. KG dar. Das Unternehmen bietet zwar Reifenmontiermaschinen an, die zur (De-)Montage von Runflat- und UHP-Reifen eingesetzt werden und nach eignen Aussagen WdK-fähig wären. „Eine Zertifizierung wurde bisher nicht angestrebt, da unsere Maschinen sehr hochwertig in Qualität und Funktion sind, allerdings in einem mittleren Preissegment liegen. Da wir deshalb sehr kostenbewusst mit Zertifizierungen umgehen und keine erhöhten Verkaufszahlen durch eine WdK-Zertifizierung erwarten, wird eine Zertifizierung erst in Betracht gezogen, wenn sich ein deutlicher Mehrwert für unsere Kunden dadurch ergeben sollte“, erklärt Anja Heinl. „Bisher spielt die Zertifizierung bei unseren Zielgruppen keine besondere Rolle. In den meisten Werkstätten richtet sich die Kaufentscheidung nach Funktion, Qualität und Preis der Reifenmontiermaschine“, sagt sie und verspricht darüber hinaus beispielsweise für das derzeit neu im Markt eingeführte Modell „ATH 1980“ bzw. die Hilfsmontagearme „ATH 320“ und „ATH 310“ eine einfache (De-)Montage von UHP- und Runflat-Reifen. Falls sich ein erkennbarer Mehrwert für die ATH-Kunden und Vertriebspartner durch die Zertifizierung ergeben sollte, werde man aber selbstverständlich eine Zertifizierung in Betracht ziehen. „Derzeit hätte die Zertifizierung nur eine Preissteigerung zur Folge, ohne eine besondere Verbesserung der Maschine selbst“, so Heinl.

Fazit

Abwarten und Tee trinken – das scheint bislang die Devise eines Großteils des Reifenfachhandels in Bezug auf die WdK-Zertifizierung in Sachen (De-)Montage von Runflat- bzw. UHP-Reifen zu sein. Mit mangelnden Informationen kann die bisherige Zurückhaltung jedenfalls nicht erklärt werden, haben WdK und BRV das Thema doch immer wieder aufgegriffen und auf die aus ihrer Sicht notwendige Zertifizierung hingewiesen. Auch damit sich der Fachhandel als qualifizierter Reifenvermarkter präsentieren und beispielsweise von sogenannten Hinterhofschraubern abheben kann. Breite Akzeptanz hat diese Argumentation im Handel bis dato offenbar nicht hervorgerufen, möglicherweise auch deshalb, weil verschiedentlich eine technische Notwendigkeit des Ganzen trotz der vorliegenden umfangreichen Untersuchungen noch in Zweifel gezogen wird. Was die vom Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseurhandwerk gemeinsam mit dem Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie e.V. auf den Weg gebrachte PR-Kampagne an dieser Situation wird ändern können, muss man abwarten. BRV-Geschäftsführer Hans-Jürgen Drechsler ist jedoch überzeugt, dass das Netz an WdK-zertifizierten Reifenfachhändlern weiter wachsen wird. Dabei werden die Anforderungen an die Betriebe nicht gelockert, verspricht er. „Im Gegenteil: Mit der Initiative ‚WdK-zertifizierter Reifenfachhandelsbetrieb’ wollen wir ja gerade höchstmögliche Sicherheit für die Kunden unseres Gewerbes garantieren. Und das geht nur, wenn Qualität auf höchstem Niveau verlangt wird“, sagt Drechsler. christian.marx@reifenpresse.de

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