Etablierte OE-Lieferanten halten Maxxis die Tür nach Europa auf

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Dass auch das europäische Erstausrüstungsgeschäft anspruchsvoll und – zumeist – wenig bis gar nicht lukrativ ist, ist eine Binsenweisheit. Kurzfristige Veränderungen an den Vertragsbeziehungen sind nur schwer zu realisieren. Aber auch langfristig hat es in den vergangenen Jahren nur ganz wenige Veränderungen in der Gruppe derer gegeben, die sich einer Geschäftsbeziehung zu den europäischen Automobilherstellern rühmen können. Der letzte Neuankömmling, der hier für Aufsehen gesorgt hat und weitestgehend zu den Premiummarken aufschließen konnte, ist sicherlich Hankook. Nun macht sich auch der taiwanesische Hersteller Cheng Shin mit seiner Marke „Maxxis“ bereit für den großen Markteinstieg in Europa, und könnte dabei von einer grundsätzlichen Neuausrichtung der etablierten OE-Lieferanten profitieren.

Ab dem kommenden Jahr soll nun der aktuelle Peugeot 206+ (seit 2009 am Markt) auf Maxxis-Reifen der Größe 175/65 R14 auf den europäischen Markt kommen. Wie nun die Deutsche Bank in einem Report schreibt, gingen die etablierten Reifenhersteller gerade bei Lieferungen kleiner und zumeist unprofitabler Erstausrüstungsreifen zunehmend auf Distanz zu ihren Kunden in der Automobilindustrie. Insbesondere das „billige Einstiegssegment“ wird von den etablierten Lieferanten nicht mehr wie früher im Sinne eines Vollsortimenters wie selbstverständlich mitbedient, worin sich ein neues Kostenbewusstsein der Reifenhersteller widerzuspiegeln scheint. Ein Grund könnte sein: Gerade kleindimensionierte Reifen sind überaus stark von Schwankungen bei den Rohstoffkosten abhängig, werden durch sie doch zum Teil drei Viertel des Sell-out-Preises bestimmt. Und gerade mit Blick auf die unter Volllast fertigenden Reifenfabriken in Europa und anderswo scheint ein ‚Rosinenpicken’, das wir derzeit auf den Ersatzmärkten erleben, auch in der Erstausrüstung machbar zu sein, so die Überzeugung einiger.

Wenn dem so sei und die Budgetmarke Maxxis also für die etablierten OE-Lieferanten in die Bresche springt, so müsse in jedem Fall ein die reibungslose Versorgung des Erstausrüstungskunden sicherstellendes Lager in der Nähe der Fabriken des Kunden aufgebaut werden. Per Container aus Übersee ans Band in Europa zu liefern scheint ein zu großes Wagnis. Während etablierte Hersteller dabei keine Probleme haben, müsste Maxxis sich um eine Lösung dieses Problems erst noch bemühen. Auf der Hand liegt natürlich die logistische Einbindung von Maxxis International, dem – vom Hersteller allerdings unabhängigen – Vertriebspartner in und für Deutschland mit Sitz in Dägeling (Schleswig-Holstein).

Wie die Deutsche Bank aber weiter spekuliert, könnte die aktuelle Ankündigung sogar der Beginn eines komplett neuen Marktzugangs für Cheng Shin bedeuten, in dessen Mittelpunkt auch die Errichtung einer eigenen Pkw-Reifenfabrik in Europa und die flächendeckende Versorgung der Ersatzmärkte durch eigene Vertriebsorganisationen stehen könnte. Dies wird für den Moment Spekulation bleiben, auch wenn der Hersteller im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 1,9 Milliarden Euro über 522 Millionen Euro unterm Strich verdient hatte, was das Unternehmen mit Abstand zum profitabelsten Reifenhersteller der Welt machte – und das im ‚Krisenjahr 2009’.

Maxxis könnte durch den Start in der europäischen Erstausrüstung nicht nur einen beträchtlichen Imagegewinn davontragen, sondern könnte auch technologisch mehr als deutlich profitieren: Entwicklung wird zur absoluten Notwendigkeit, die sich auch auf die Qualität der Produkte auf dem Ersatzmarkt niederschlagen wird.

Während Cheng Shin also durchaus von den Entscheidungen etablierter Reifenlieferanten beim Einstieg in die europäische Erstausrüstung und die Ersatzmärkte in ihrer ganzen Breite profitieren könnte, birgt die Zurückhaltung der namhaften OE-Lieferanten für diese selbst doch gewisse Risiken. Nicht nur, dass die Premiumanbieter durch ihr Verhalten den Wettbewerbern aus Fernost auch noch die Tür aufhalten bei deren Versuchen, sich auf dem europäischen Markt zu etablieren. Heute sind es Reifen in 14 Zoll, die ans Band geliefert werden, morgen dann 15 und 16 Zoll, und übermorgen? Die Premiumanbieter riskieren außerdem auch das von vielen gerne beschworene – wenn auch von etlichen in seiner Bedeutung angezweifelte – sogenannte Nachlaufgeschäft auf dem Ersatzmarkt. arno.borchers@reifenpresse.de

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