JK Tyre: Mit Selbstbewusstsein nach Europa

JK Tyre & Industries gehört seit nunmehr 35 Jahren zu den Vorreitern der Radialisierung auf dem indischen Reifenmarkt. Der drittgrößte Reifenhersteller Indiens gehört mit seinen Marken „JK Tyre“, „Vikrant“ und „Tornel“ klar zu den Technologieführern. Während sich die frühen Investitionen in die Entwicklung und den Bau radialer Pkw-Reifen Mitte der 1970er Jahre bezahlt gemacht haben und der indische Markt mittlerweile als zu 97 Prozent radialisiert gelten darf, setzt sich JK Tyre & Industries nun auch wieder an die Spitze der Radialisierung, und zwar der des lokalen Lkw-Reifenmarktes, und investiert dazu beträchtliche Summen. Während diese Investitionen zunächst dem heimischen Markt dienen werden, plant der Hersteller parallel dazu den Ausbau seiner Exporttätigkeit und nimmt den europäischen Markt deutlich in den Fokus, insbesondere was Pkw-Reifen betrifft. Im Exklusivinterview mit der NEUE REIFENZEITUNG erläutert Vice Chairman und Managing Director Dr. Raghupati Singhania die Hintergründe.

Dass die Verantwortlichen bei JK Tyre & Industries das Beschreiten neuer Wege nicht scheuen, haben sie bereits Anfang der 1970er Jahre bewiesen, als sie als erste in Indien in die Fertigung radialer Pkw-Reifen investierten, die dann ab 1977 „verkauft werden mussten“, wobei die Formulierung genau den Anforderungen entsprach, hatte doch der indische Pkw-Reifenmarkt nicht gerade auf eine solche technologische Innovation gewartet. „Viel Überzeugungsarbeit musste geleistet werden, insbesondere bei den skeptischen Meinungsführern“, erinnert sich Dr. Raghupati Singhania. Selbst die Argumente, dass sich die Laufleistung der radialen Pkw-Reifen im Vergleich zu Diagonalreifen verdoppelte, der Benzinverbrauch der Fahrzeuge verringerte und der Reifen dabei lediglich rund ein Viertel mehr kostete, mussten erst in den Köpfen der Kunden verankert werden.

Als JK Tyre & Industries dann 1999 auch radiale Lkw-Reifen einführte und hier beträchtliche Summen investierte, fanden sich die Verantwortlichen beim Hersteller bereits geübt in der Rolle des Marktvorbereiters. Auch damals musste zur Markteinführung viel Basisarbeit geleistet werden, erläutert Dr. Raghupati Singhania, Vice Chairman und Managing Director von JK Tyre & Industries und Direktor der gesamten JK-Organisation. Da man es diesmal durchweg mit professionellen Reifenkunden zu tun hatte, sei die Überzeugungsarbeit, die zu leisten war und immer noch zu leisten ist, sogar noch aufwendiger gewesen.

Heute, ein gutes Jahrzehnt später, kann JK seinen Kunden nicht nur ein gutes Produkt anbieten, so Dr. Singhania, sondern ist darüber hinaus auch mit einem Netzwerk sogenannter „Truck Tyre Repair Center“ in den Metropolregionen Indiens vertreten und hat außerdem ein ergänzendes Runderneuerungsangebot sowie Flottenverträge auf Basis Kosten-pro-Kilometer eingeführt – man kümmere sich eben um „das Reifenleben von der Wiege bis zur Bahre“.

Allein dies zeigt, dass der indische Lkw-Reifenmarkt mittlerweile einen Entwicklungsgrad erreicht hat, von wo aus es lediglich in eine Richtung weitergehen kann: der Markt wird über kurz oder lang komplett radialisiert, von Ausnahmen einmal abgesehen. Ob die Radialisierung des indischen Lkw-Reifenmarktes denn mittlerweile den berühmten „Point-of-no-Return“ erreicht hat, ob die Entwicklung nun zum Selbstgänger wird? „Wir stehen kurz davor“, so der Vice Chairman und Managing Director im Exklusivinterview mit der NEUE REIFENZEITUNG; der „Markt gewinnt jetzt an Eigendynamik“. Dass derzeit bereits 14 Prozent des indischen Lkw-Reifenmarktes als radialisiert gelten und er im übernächsten Jahr bereits 25 Prozent umfassen werde, habe natürlich Begehrlichkeiten auf allen Seiten geweckt. Im Verlauf der kommenden fünf Jahre, ist Singhania überzeugt, werde jeder Reifenhersteller der Top-5 weltweit – also Bridgestone, Michelin, Goodyear, Continental und Pirelli – mit Lkw-Reifen in Indien präsent sein, von den lokalen Wettbewerbern, die ebenfalls in die radiale Lkw-Reifentechnologie investieren, einmal ganz abgesehen.

Ob ihn diese sich deutlich ändernde Wettbewerbslage nervös mache? Ganz im Gegenteil, so der Chef des drittgrößten Reifenherstellers in Indien weiter. „Es gibt einen Platz für jedermann“, zeigt er sich zuversichtlich, und betont, dass jetzt und in Zukunft, wenn sich das Produkt zur völligen Marktreife weiterentwickelt haben wird, eben nicht nur das Produkt „verkauft werden muss“ bzw. verkauft werden kann. „Das Unterscheidungsmerkmal im Markt ist und bleibt der Service“, so Singhania weiter. Gerade daher sei man bei JK Tyre & Industries „voller Zuversicht, dass wir auch in Zukunft zu den Marktführern zählen werden“, selbst wenn man dazu eben noch „schneller als bisher laufen“ müsse.

Dieses Grundvertrauen in die eigenen Fähigkeiten spiegelt sich auch in der Summe der Investitionen wider, die JK Tyre & Industries in die Erweiterung der Produktionsstätten steckt. Allein in den aktuellen Jahren hat der Hersteller dafür hunderte Millionen Euro vorgesehen. Zentrale Projekte dabei sind die Errichtung einer neuen Lkw- und Pkw-Reifenfabrik in der Nähe von Chennai (Bundesstaat Tamil Nadu) und der Ausbau der Stammfabrik in Mysore (Karnataka).

Wie Dr. Singhania erklärt, sollen am neuen Standort in Chennai allein 15 Milliarden Rupien (245 Millionen Euro) investiert werden. Nachdem erst am 5. September die feierliche Grundsteinlegung am neuen Standort stattfand, hofft der Hersteller bereits Ende des kommenden Jahres mit der Herstellung der ersten Reifen dort; abgeschlossen sein sollen die Bauarbeiten dann im Juni 2012. Hatte man in der Unternehmenszentrale in Neu-Delhi bisher mit einer Kapazität von 200.000 Lkw-Reifen geplant, kündigt der Vice Chairman und Managing Director im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG an, dass die Produktionskapazität für Lkw-Reifen sogar doppelt so hoch als bisher geplant und kommuniziert, also 400.000 Stück sein werde, soviel Vertrauen habe man in die Entwicklung des Marktes. Gleichzeitig soll die Kapazität der Fabrik in Mysore ebenfalls um 200.000 radiale Lkw-Reifen aufgestockt werden. Außerdem werde JK am neuen Standort in Chennai 2,5 Millionen Pkw-Reifen jährlich bauen können. Singhania betont allerdings, dass das Selbstvertrauen, mit dem der Hersteller am Markt auftritt, nicht ausschließlich auf solche Investitionen basiere.

Bedeutung des Marktes in Europa

Da der indische Lkw-Reifenmarkt als Wachstumsmarkt schlechthin gelten kann und der europäische Markt hingegen einem starken Wettbewerb unterliegt, werden solche Investitionen natürlich zuallererst den Kunden in Indien zugute kommen; nicht zuletzt auch wegen der attraktiveren Margen dort. Dennoch: „Wir haben die Bedeutung des europäischen Marktes mittlerweile erkannt“, so Singhania weiter, insbesondere was Pkw-Reifen betrifft. Auch wenn bereits jetzt radiale Lkw-Reifen von JK aus Indien – und aus China durch Offtake-Partner – in die Welt verschifft werden, wenn auch nicht mit einem Fokus auf Europa, so schlägt der Chef des drittgrößten indischen Reifenherstellers heute doch klare Töne an: „Wir wollen eine Präsenz in Europa haben, einen Halt im Markt.“ Man denkt sogar laut über eine eigene Pkw-Reifenfabrik in Europa nach, wobei Singhania klarmacht, dass damit keine neue Fabrik auf der grünen Wiese, sondern im Zweifel die Übernahme einer bestehenden Fabrik in Europa gemeint ist. Es gebe indes noch keine konkreten Pläne für den Einstieg in Europa mit eigenen Kapazitäten, auch wenn solche Überlegungen angestellt würden. Auf die Frage nach dem Namen eines möglichen Übernahmekandidaten in Europa wollte Singhania sich nicht äußern. So oder so, der Beginn eines weitreichenden Exports von Pkw-Reifen nach Europa ist offenbar beschlossene Sache. arno.borchers@reifenpresse.de

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