Die Reifenmesse ist auch eine Rädermesse

Die Essener „Reifen“ avanciert immer stärker auch zum Treffpunkt der Anbieter von Pkw- und Nfz-Stahl- und -Aluminiumrädern. Wobei auf der Stahlseite das Portfolio übersichtlich ist, immerhin war der weltgrößte Hersteller Hayes Lemmerz (mit der europäischen/deutschen Dependance in Königswinter) nach zweimaliger Abstinenz wieder mit einem eigenen Stand vertreten, darüber hinaus als altbekannter Gast aus der Türkei der Nutzfahrzeugstahlradhersteller Jantsa Wheel Industry sowie diverse Stahlräder vertreibende Händler. Wenn sich jetzt noch die Mefro-Gruppe, Italiens Gianetti und Alcar/Kfz Stahlrad (Ambrosetti) beteiligen würden, wären alle relevanten Anbieter vertreten.

Viel mehr Anbieter gibt es im Bereich der Leichtmetallräder, die alle zu erreichen ist natürlich unmöglich. Aber immerhin gelingt es den Messeveranstaltern von „Reifen“ zu „Reifen“ immer mehr Aluräderanbieter nach Essen zu locken. Deren traditionelle „Hausmesse“ Automechanika hat als Branchentreff ausgedient. In Frankfurt wird man im Herbst weniger europäische Leichtmetallfelgenhersteller und -anbieter finden als auf den Automechanika-Veranstaltungen der letzten beiden Jahrzehnte. Essen alle zwei Jahre im Frühjahr ist zum Branchentreffpunkt avanciert. Fast alle sind schon da, nur wenige zieren sich noch. Die Reifenmesse ist auch eine (Leichtmetall-)Rädermesse.

Neben diversen Fernostanbietern waren Unternehmen in Essen, die „auch“ Räder im Programm führen (wie Gundlach, Keskin oder Interpneu), darüber hinaus aber auch marktführende Anbieter, deren Auftritt die NEUE REIFENZEITUNG im Folgenden vorstellt.

Drei aus der Uniwheels-Gruppe

Dass die Uniwheels-Gruppe ihre Budgetmarke Anzio nicht im Gepäck hatte, ist verständlich. Wie andere auch, hat Uniwheels für die Billigmarke im hauseigenen Sortiment praktisch kein Marketing- oder Werbebudget vorgesehen. Anzio ist die Ergänzungsmarke, wenn ein Kunde zusätzlich zu den jeweils eigenständig positionierten Marken Rial, Alutec und ATS partout noch etwas Preisgünstiges möchte, wobei er gewiss sein kann, dass auch die Qualitäten eines preislich am unteren Rand des Marktes angesiedelten Produkts untadelig sein können. Im Übrigen hat die Unternehmenszentrale im schweizerischen Hünenberg festgelegt, wie hoch der Anteil sämtlicher Räder am gesamten Produktionsvolumen in den Uniwheels-Werken (die beiden Produktionsstätten in Polen wachsen sukzessive zusammen) sein soll.

Dass Rial (als „Das Rad“ in Essen angetreten) in der Außendarstellung hinter der Marke ATS zurückzustehen scheint, begründet Uniwheels-Marketingleiter Harald Jacksties mit den publikumswirksamen Motorsportaktivitäten, in die ATS bereits involviert ist und die sogar noch ausgebaut werden sollen. Tatsächlich aber ist das Budget für Rial in der gleichen Größenordnung: Schließlich sei diese Marke, die im „Mainstream“ des Marktes schwimmt, das Fundament, auf dem das Unternehmen steht, das „Lastpferd“ (O-Ton Jacksties) und in dem Markenstrauß völlig unverzichtbar. Vielleicht auch darum geht Rial konsequent gegen Nachahmer vor, wie auf der Reifen geschehen.

Die meisten ATS-Räder – wie im Übrigen auch die anderen mit hochentwickelten Technologien hergestellten in der Gruppe – sind „made in Germany“, stammen also aus dem Werk in Werdohl. Dort steht die Bearbeitungslinie für Motorsporträder, dort hat Uniwheels das Flowforming in den Fertigungsprozess integriert. ATS-Design-Schmankerl sind das „Racelight“ oder das „Champion“, auf der „Reifen“ erlebte das neue Premium-Winterrad „Radial“ seine Weltpremiere, das ab 17 Zoll angeboten wird und dokumentiert, dass für Premiumautos auch im Winter räderseitig keine Designwünsche offen bleiben sollten.

Alutec schließlich besetzt als Uniwheels-Marke das Segment der Trendsetter, junger oder junggebliebener Automobilenthusiasten. Mit dieser Marke wird auch mal was ausprobiert, wird mittels bunter Ringe Farbe ins silberne (und seit einigen Jahren zunehmend schwarze) Felgengeschäft gebracht. Mit den schrillen Motorsportaktivitäten (GRW = German Race Wars und IDS = International Drift Series) wird auch mal polarisiert, sogar provoziert.

Gewe hat ASA-Rechte in Europa

Es war der Gewe Reifengroßhandel (Kaiserslautern) bzw. dessen am Rädergeschäft so interessierter Geschäftsführer Achim Becker, der die zur Hankook-Gruppe gehörende Leichtmetallrädermarke ASA in Europa erfolgreich eingeführt hatte. Längst gehört ASA nicht mehr zum Verbund des größten koreanischen Reifenherstellers, die koreanischen Felgenwerke sind in der Hand von Investoren. Beckers Intention, die Fertigung in andere Länder zu verlegen, hat sich erledigt. Gewe hat die Markenrechte an ASA für Europa, Tire Rack für Nordamerika.

Zeit also, um nochmals durchzustarten, nachdem das Hickhack um die Produktion ebenso beendet ist wie das neue und effiziente Lager endlich steht, das erforderlich wurde, weil im Herbst 2008 ein Großfeuer das Gewe-Lager zerstört hatte und sogar kurzfristig die Existenz des Unternehmens in Frage gestanden haben mag. Auf 16.000 Quadratmetern ist ein nach modernsten logistischen Ansprüchen und vor allem auf den Paketdienst zugeschnittenes neues Lager entstanden, das mit einem Anteil von etwa 40 Prozent zwar optisch immer noch durch die Gewe-Domäne Schwerreifen beherrscht wird, aber in dem auch mehr als 20.000 ASA-Räder untergebracht sind.

Überwiegend Tuningräder, denn das ist die Zielrichtung von Beckers Marke, der darum auch auf Tuningmessen ausstellt, allerdings bedauert, dass er in Halle 7 einen Platz zugewiesen bekam, auf dem er vielleicht mit eben den genannten Schwerreifen passabel aufgehoben wäre, aber kaum mit schicken Leichtmetallfelgen.

Oxigin/Carmani ins Abseits gedrängt

Dieses Schicksal teilte Becker mit Arif Oliver Bekat bzw. der AD Vimotion GmbH (Unterensingen) und seinen beiden Marken Oxigin und Carmani, von denen wenigstens erstere in ähnlichen Sphären wie ASA angesiedelt ist und sicherlich überall besser untergebracht gewesen wäre als ausgerechnet im hintersten Eckchen von Halle 7.

Zwar wird außer bei bekanntlich Brock in Bosnien-Herzegowina ein Teil der Räder auch im fernen China hergestellt, aber das sieht Bekat mit lachendem und weinendem Auge: Sorge bereiten die hohen Strafzölle, mit denen die Räder bei Import belegt werden, aber auch der sprunghaft gestiegene Erstausrüstungsanteil, der seinen Lieferanten Wanfeng aktuell zu überrollen droht und für Verfügbarkeitsprobleme sorgt, Freude dagegen die Gewissheit, mit einem solchen in der Erstausrüstung verankerten Lieferanten geradezu eine Qualitätsgarantie zu haben.

Oxigin, aber auch Carmani sind also qualitativ hochwertige Produkte, die vor allem bei Kooperationen und Handelsketten gut etabliert sind und es wie ASA verdient gehabt hätten, an prominenterer Stelle gezeigt zu werden und solch einer Messe schließlich auch einen Glanz verleihen, der von Reifenpflastern, Vollgummireifen und Montagegeräten nicht unbedingt ausgeht. Hier wäre ein wenig mehr Fingerspitzengefühl bei der Verteilung der Standflächen vielleicht wünschenswert gewesen. Weder Becker noch Bekat waren sich jedenfalls irgendeines Versäumnisses bewusst in Form beispielsweise verstrichener Anmeldefristen, das dafür herangezogen werden könnte.

Brock: „Made in Europe“

Wie einige Wettbewerber auch, konnte sich hingegen die Firma Brock Alloy Wheels Deutschland in der Haupthalle 3 über einen zentralen Ausstellungsstand freuen. Strahlend weist Geschäftsführerin Claudia Brock auf das aktuelle Motto „Only Love Is Stronger“ hin und dokumentiert einmal mehr, mit welchem Enthusiasmus sie ihr Geschäft betreibt.

Dabei stehen für sie die an dieser Stelle bereits vorgestellten Neudesigns B24, B25 und B26 im Vordergrund, nicht unerwähnt bleiben soll aber auch die Zweitmarke RC Design (RC steht für Rad Center) mit den aktuellen Neuerungen RC17, RC18 und RC19. Dass sie längst auch ein Profi in Sachen Fertigungstechnologien ist, mag daran abgelesen werden, dass sie sich bereits kurz nach der Messe auf den Weg machte, um sich zum Verkauf stehendes Produktionsequipment anzusehen und gegebenfalls für das eigene Räderwerk zu erwerben.

Andere werben mit der Aussage „Made in Germany“, Brock mit „Made in Europe“, das jährliche Fertigungsvolumen dürfte nahe an einer dreiviertelmillion Einheiten sein und ist gekennzeichnet von einem langsamen, aber steten Wachstum. Dabei fallen die Produktionsschritte Gießen und teilweise Bearbeiten bei der Jajce Alloy Wheels in Bosnien-Herzegowina an, die Endbearbeitung und die von vielen Marktteilnehmern so hochgelobte Oberflächenbehandlung ist allerdings mit der Metec GmbH in Schlüchtern echt „Made in Germany“.

Borbet: „Made in Germany“

Borbet-Verkaufsleiterin Birgit Grebe-Frese hat seit dem letzten Jahr dafür gesorgt, dass das „Made in Germany“ unübersehbar auf den Messeständen des Räderherstellers prangt – und gibt sich mit ECE-Rädern für Automodelle aus dem Volkswagen-Konzern doch ganz europäisch. Denn das Kürzel steht für „Economic Commission for Europe“ und bedeutet, dass solch ein Design nach der Richtlinie 124 geprüft und damit europaweit ohne TÜV-Eintragung einsetzbar ist. So ganz trauen einige Kunden dieser eindeutigen Vereinfachung nicht, wie ihre Reaktionen verraten und die für den Export Verantwortliche Jutta Berkenkopf beklagt – und das obwohl Borbet in jeden Räderkarton einen eindeutigen Info-Zettel packt, auf dem sämtliche Fahrzeugtypen aufgeführt sind, bei denen das jeweilige Design montiert werden kann.

Angefangen hat Borbet mit dem bekannten Design XB in 16 und 17 Zoll, zum kommenden Winter wird das Design TL in den Größen 5×14, 6×15 und 7×16 Zoll folgen. Wie das XB, so wird auch das TL deutlich erkennbar im Felgenhorn das ECE-Zeichen sowie die ECE-Genehmigungsnummer tragen und damit ausreichend gekennzeichnet sein, um analog zum Serienrad auf das Mitführen von Unterlagen, das ansonsten Pflicht ist, verzichten zu können. Keine Extra-Dokumente, keine Zentrierringe, statt dessen Verwendung der Serienbefestigungsteile und der Reifen in der Seriengröße: Einfacher geht’s wirklich nicht.

Einfacher soll es auch für Räder der Marke Borbet überhaupt im nächsten Winter sein, auf Spielereien mit geringen Losgrößen habe man bewusst verzichtet und setze, weil auch die Produktionsanlagen so ausgelegt sind, hauptsächlich auf Volumenräder.

Personalie als Messe-News bei Autec

Andernorts ging es auf der Reifen um Produkte, bei der Autec GmbH & Co. KG (Schifferstadt) eher um eine Personalie, nämlich um eine weichenstellende. Also präsentierte Autec-Geschäftsführer Bernhard Ellerböck auch gleich seinen neuen Mitarbeiter: Zum 1. April hat Dr. Hans-Uwe Berger (32) die Leitung der Technikabteilung des Aluminiumräderanbieters übernommen und ist zukünftig für die Bereiche Raddesign, Entwicklung und Konstruktion verantwortlich. Berger studierte Mechanik an der Technischen Universität in Darmstadt und promovierte an der University of Canterbury (Neuseeland). Nach seiner Tätigkeit als Lehrbeauftragter für Dynamik an der Universität in Canterbury war er bei der Firma EnginSoft für Consulting und Vertrieb von Optimierungssoftware zuständig.

H.-U. Berger half bereits als Jugendlicher im elterlichen Betrieb BCW Kraftfahrzeugtechnik GmbH (Idstein) sowie bei der SRF Südrad Roues France S.A. aus und nahm an Messen sowie Lieferantenbesuchen teil, jetzt auch erstmalig an der „Reifen“. Vater und Autec-Eigner Dr. Heinz Berger hatte sich im Vorfeld der Messe bereits hocherfreut geäußert, scheint nun doch die Weiterführung des Unternehmens in Familienhand eingeleitet.

Auf die Personen kommt es an

So völlig hat sich Manfred Brüning noch nicht aus dem Tagesgeschäft der ProLine Wheels GmbH mit der Marke PLW zurückgezogen, überlässt aber immer mehr der nächsten Generation („Andrea und Michael sind im operativen Bereich die Agierenden“, gemeint sind die Mitgeschäftsführer Andrea Märdian und Michael Brüning), gleichwohl verlangt er sich und seiner Mannschaft viel ab: „Wir sind das engagierteste und arbeitssamste Team im Felgenersatzmarkt und müssen das auch sein, weil wir im Gegensatz zu anderen keine eigene Produktion im Rücken haben“, lautet Brünings Credo.

Dass er nie einseitig auf den Fertigungsstandort China gesetzt hat, erweist sich hinsichtlich der Fremdfertigung jedenfalls als richtig. Statt dessen hat er Kokillen auch in der Türkei bei einem Produzenten stehen, der Investitionen in die Lackierung angekündigt hat, eine weitere Adresse ist bereits gebucht. PLW ist für den Handel eine berechenbare Marke, die letzte Preiserhöhung war eher durch den höheren Rohstoffpreis als durch Dumpingzölle begründet. Das Unternehmen mit dem so breiten Programm ist bei Reifenhandelsketten und -kooperationen zwar gut vertreten, 28 Prozent der verkauften Räder gehen in den Export, aber Brüning würde sich selber untreu, wenn er nicht hinzufügen würde: „Nach oben sehe ich noch Luft.“

Auf den Standort kommt es auch an

Rolf Benes „Wheelworld“ ist erst im Frühjahr des letzten Jahres von Winnenden im Südwesten der Republik nach Blankenburg im Ostharz umgezogen. Eine absolut richtige Entscheidung sei das gewesen, sagt er im Nachhinein und freut sich, dass es Kommunen gibt, die geplanten Investitionen positiv gegenüberstehen und sie fördern. Obwohl er nach wie vor am Geschäftsmodell der Containerbelieferungen direkt ab Hersteller festhält, hat er doch mit seinen beiden Marken – Axxion sieht Bene als „Fashionmarke“ – das derzeitige Lager auf an die 20.000 Einheiten hochgefahren und sieht sich damit fürs anstehende Wintergeschäft gut aufgestellt.

Auch mit dem Zuspruch auf seinem Messestand zeigte er sich während der Veranstaltung in Essen sehr zufrieden, im Nachhinein sogar begeistert („es war eine tolle Messe“). Rolf Bene ist investitionsfreudig und kann sich das nach seinen Aussagen aufgrund des guten Frühjahrsgeschäftes auch erlauben. Sein Team besteht aus zehn Mitarbeitern. Etwa drei Viertel des Volumens setzt das Unternehmen in Deutschland ab, als wesentliche Exportmärkte werden Österreich, die Schweiz, Belgien, die Niederlande und Finnland genannt. Produzenten sind Jinfei und Baoding Lizhong für Wheelworld, Baoding für Axxion. Was natürlich die Frage nach Benes Reaktion auf die Dumpingzölle aufwirft. Die sehe er nach so vielen Jahren und Erfahrungen in der Leichtmetallräderbranche viel gelassener als er das früher vielleicht getan hätte; bei kleiner dimensionierten Rädern habe er die Preise um bis zu zwanzig Prozent erhöht und damit den von der EU verhängten Strafzoll in Höhe von 20,6 Prozent praktisch 1 zu 1 weitergegeben, bei größeren Rädern habe er weniger aufgeschlagen, die Kunden hätten insgesamt Verständnis gezeigt und die Notwendigkeit der Maßnahmen akzeptiert. detlef.vogt@reifenpresse.de

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