Aluminiumfelgenaufbereitung ist eine Frage des Vertrauens

Felgensanatorien, Felgenklinken, Felgenaufbereiter, Felgendoktoren – Namen für diesen Nischenservice gibt es mehr als genug. Dieses Dienstleistungsangebot, das vor allem in den 90-er Jahren aufblühte gewissermaßen als natürliche Reaktion auf den Aluräderboom im deutschen Markt, wird von seriösen Unternehmen vorangetrieben, die sich allerdings schwer tun, sich von den schwarzen Schafen abzugrenzen.

TÜV-Zertifikate, das Zeichen für geprüfte Sicherheit „GS“ und Transparenz bei der Bearbeitung der rundlichen Patienten sind Indizien, dass handwerklich alles zum Besten steht. Auch eine großzügige Liste der Felgenschäden, die eben eine Instandsetzung verbieten, kann wohl als Signal gewertet werden, dass dem Anbieter bewusst es, dass es sich beim Fahrzeugrad um ein sicherheitsrelevantes Teil handelt, bei dem Kompromisse nicht eingegangen werden dürfen. Suspekt sollte aber allemal sein, wenn es ein Anbieter an der Transparenz beim Richten des Rades fehlen lässt, er gar von „Geheimverfahren“ spricht. Die Produktion des Aluminiumgussrades ist keine Geheimwissenschaft, jedes Jahr rollen 170 Millionen Stück und mehr weltweit aus den Räderfabriken. Wie sollte da die Reparatur dieses alltäglich gewordenen Produktes mit geheimnisumwitterten Verfahren und Rezepten aus den Küchen von Alchimisten möglich sein? Je mehr Gewese um solche Zaubereien gemacht und von Betriebsgeheimnissen fabuliert wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um nichts anderes handelt als Humbug. Möglicherweise ein höchst gefährlicher Humbug.

Ja, der Verbraucher ist zu verstehen, wenn er einen Betrieb mit dem Anspruch aufsucht, dass ramponierten Aluminiumrädern wieder untadelige Schönheit und die perfekte Rundung eingehaucht werde. Es ist auch nur schwer zu akzeptieren, wenn aufgrund beispielsweise eines kurzen Produktzyklus (Aluminiumräder sind nun mal modischen Wandlungen unterworfen) oder weil ein Anbieter abhanden gekommen ist – wegen beispielsweise Insolvenz oder weil sich ein Fernostanbieter aus welchem Grund auch immer schon wieder verabschiedet hat – ein Ersatzbedarf nicht mehr befriedigt werden kann. Dann die eine malträtierte und die drei tadellosen Räder so einfach entsorgen und sich mit dem materiellen Verlust abfinden?

Der Konsument hat für viel Geld Aluminiumräder des Ersatzmarktes gekauft, deren er sich erfreuen wollte, denen aber Bordsteine, Streusalz, Steinschlag und Co. jede Menge hässliche Gebrauchsspuren verpasst haben. Oberflächliche Abschürfungen und periphere Kratzer im Lack sind reparabel und lassen sich aufhübschen, bis sie wie neu sind. Solch eine „kosmetische Behandlung“ ist vertretbar, erfreut den Endverbraucher und zeugt von der Seriosität des Aufbereiters, wenn er sorgsam abgewogen hat, ob etwa die Grenze zur Risikoreparatur erreicht ist.

Tiefe Kerben – womit bereits solche ab etwa ein bis zwei Millimeter gemeint sind –, Deformationen am Felgenhorn – weil der Bordstein nicht angekratzt, sondern ruppig angebumst wurde –, angerissene oder verformte Bolzenlochsitze – da hat auch schon mal der ein oder andere Reifenmonteur zuviel Kraft walten lassen – sind Alarmsignale! Und wenn es einem Felgendoktor gelungen sein sollte, bei solch einem Patienten den schönen Schein wieder herzustellen, so besagt das gar nichts. Solch ein „Lifting“ verschleiert möglicherweise, was nicht verschleiert werden darf.

Die Verschiedenartigkeit und Schwere der Schäden ist enorm. Ferndiagnosen oder Telefonberatung gehen gar nicht. Das Richten oder die Wiederherstellung des Rundlaufes sind allemal so sensibel, dass vor Schnellschüssen gewarnt sei. Je schwerer der Schaden am Rad, desto teurer auch die Reparatur – so sie denn überhaupt vertretbar sein mag. Angesichts des Preisverfalls bei Aluminiumrädern in den letzten Jahren ist vielleicht ein neuer Satz günstiger oder liegt in etwa auf dem gleichen Niveau wie die Reparatur bzw. aufwändiges Richten oder der Versuch, den Rundlauf wieder herzustellen. Wie sicher ist es denn, dass sich an der deformierten Stelle nicht doch ein Haarriss befindet, der bei Weiterverwendung nach erfolgter Behandlung einer tickenden Zeitbombe gleicht?

Ist die Gitterstruktur – die Materialwissenschaftler sprechen von der Ruhelage der Atome, die beim Neurad erreicht ist – zum Beispiel aufgrund Anfahrens beeinträchtigt, dann gibt es keinen Umkehrprozess. Wer das von sich behauptet und noch dazu um seinen Reparaturprozess Geheimniskrämerei betreibt, ist höchst verdächtig.

Nicht verdächtig ist das Geschick, mit dem erfahrene Spezialisten Oberflächenkosmetik betreiben, diese befinden sich zwar in einem Grenzbereich zwischen Felgenreparatur und Felgenveredelung, die von ihnen angewandten Prozesse sind aber weniger mechanischer Natur wie Pressen oder Schweißen, sondern ähneln eher der Gesichtschirurgie. Da wird sorgsam geschliffen und poliert – wie in der Erstausrüstung –, werden Schutzlacke und transparente Beschichtungen aufgebracht und versiegeln die Schönheit. Auch besonders hochglänzende Räder, die die Automobilhersteller an ihren Top-End-Fahrzeugen montieren, werden durch ein Schleifkörpergemisch auf Hochglanz gebracht, das aus Keramik oder Kunststoff bestehen kann, aber auch aus Edelstahlkugeln. Spezialisten erkennen, wann letztere verwendet wurden, geben diese doch der polierten Felge einen gewissen „Hammerschlageffekt“. Spezialisten wissen aber auch, dass sich nicht jedes Raddesign so ohne Weiteres veredeln lässt – aber das ist dann schon wieder ein anderes Thema. detlef.vogt@reifenpresse.de

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