Marktführer Pirelli setzt in Brasilien auf Novateck-Reifen

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Die Anforderungen an das Lkw-Reifengeschäft werden auch in Brasilien für die Marktteilnehmer immer komplexer. Während weiterhin der Markt größtenteils zweigeteilt ist mit Neureifenherstellern auf der einen und Runderneuerern auf der anderen Seite, setzen sich mehr und mehr Konzepte auf dem zweitgrößten Runderneuerungsmarkt der Welt durch, in der die Vermarkter Neureifen und Runderneuerte nicht mehr als konkurrierende, sondern als komplementäre Produkte ansehen. Das Einzige, was zählt: Mit der Ersatzbeschaffung haben Flottenbetreiber ein Problem, das es zu lösen gilt. Folglich werden entsprechende Dienstleistungen zur Lösung solcher Probleme immer gefragter, wie ein Besuch bei Pirelli Pneus in Brasilien – dem klaren Marktführer in Lateinamerika – zeigt.

Der brasilianische Lkw-Reifenmarkt gehört wohl zu den größten und lukrativsten weltweit. Zusätzlich zu 7,3 Millionen Neureifen, davon fünf Millionen für den Ersatzmarkt, werden dort im Jahr noch einmal 7,9 Millionen Runderneuerte vermarktet, erläutert Flávio Bettiol Junior, Direktor für die Geschäftseinheit Lkw- und Landwirtschaftsreifen bei Pirelli Pneus im brasilianischen Santo André. Während Pirelli den Lkw-Reifenersatzmarkt in Brasilien eigener Aussage zufolge mit wenigstens 25 Prozent anführt, ist die Dominanz des italienischen Herstellers in der lokalen Erstausrüstung mit 35 Prozent Marktanteil sogar noch beeindruckender.

Pirelli ist seit über 80 Jahren bereits präsent in Brasilien und betreibt dort heute fünf seiner sieben südamerikanischen Reifenfabriken, wobei das F&E-Zentrum mit 60 Ingenieuren sowie die Produktion in Santo André bei São Paulo das „industrielle und technologische Herz“ des Unternehmens in Brasilien darstellen. Ein Geschäft, in dem man allerdings erst seit einem Jahrzehnt aktiv ist, ist die Runderneuerung. „Uns fehlte hier früher das Know-how und wir waren auf der Suche nach einem Partner“, erläutert Flávio Bettiol im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG die Anfänge des eigenen Runderneuerungsgeschäftes. Während auch die anderen Neureifenhersteller – etwa Goodyear, Michelin oder Continental – erst langsam auf dem brasilianischen Runderneuerungsmarkt Fuß fassen und dort jeweils kaum mehr als drei bis vier Prozent Marktanteil halten (einzige Ausnahme ist Bridgestone-Firestone, das nach der Bandag-Übernahme heute über rund zehn Prozent des brasilianischen Runderneuerungsmarktes verfügt), ist Pirelli seit einigen Jahren besonders aktiv bei der Etablierung eines eigenen Standbeins auf dem bedeutenden Runderneuerungsmarkt. In den ersten Jahren kooperierte Pirelli noch mit Borrachas Vipal – Marktführer bei runderneuerten Lkw-Reifen in Brasilien mit einem Marktanteil von knapp 40 Prozent. Da Pirelli aber mehr und mehr versuche, sich weltweit mit hohen, einheitlichen Standards und langfristigen Partnern aufzustellen, sei im vergangenen Jahr die Entscheidung gefallen, künftig mit Marangoni bei der Herstellung (und dem Vertrieb) der Novateck-Runderneuerten auch in Brasilien zusammenzuarbeiten, nachdem dies bereits in Europa seit 2003 erfolgreich funktioniere; in Brasilien ist Marangoni seit 2001 mit einer eigenen Produktion vor Ort. Die Zusammenarbeit der beiden italienischen Konzerne werde dabei „als globale Partnerschaft“ gesehen.

„Wir wollen dieses Geschäft mehr und mehr integrieren“, sagt Bettiol, sodass heute alle 85 Pirelli Truck Tyre Center in Brasilien auch Novateck-Runderneuerte im Sortiment führen, die von den brasilianischen Runderneuerungspartnern Marangonis gefertigt werden; davon gibt es insgesamt 60. Es sei hier erwähnt, dass die hier genannten Reifenhändler keine Pirelli-Töchter sind, sie aber mehr oder weniger exklusiv an Pirelli-Marken gebunden sind. Solche engmaschigen Partnerschaften, die einen unabhängigen Händler fest an einen Hersteller binden, sind in Brasilien bei Lkw- wie auch bei Pkw-Reifen die Regel. Zusätzlich zu den Pirelli-Händlern bieten auch die Marangoni-Runderneuerungspartner Novateck-Reifen über ihre eigenen Shops an.

Es sei zwar heute in Brasilien noch zu früh, den Flottenbetreibern flächendeckend ein komplettes Reifenmanagement anzutragen, da kaum einer „die Kontrolle über seine Reifen“ – immerhin der zweitgrößte Kostenfaktor mit einem Anteil von acht bis 15 Prozent an den Gesamtkosten – aus der Hand geben möchte. Dennoch setze sich unter den großen Flotten, die im Jahr einen Lkw-Reifenersatzbedarf im fünfstelligen Bereich haben, heute mehr und mehr die Erkenntnis fest, ein Dienstleister wie etwa Pirelli könne hier die Kosten pro Kilometer minimieren. Es gibt demnach einige Großkunden in Brasilien, die von Pirelli direkt mit Lkw-Reifen beliefert werden. Den Service liefert sogar Pirelli selbst und betreibt dazu eine Flotte eigener Service-Trucks, sodass Reifen beim Kunden vor Ort montiert werden können.

Dies, so sieht es der für die Geschäftseinheit Lkw- und Landwirtschaftsreifen zuständige Pirelli-Direktor in Brasilien, sei der Beginn einen neuen Service-Mentalität und einer neuen Philosophie. „Service ist die Zukunft“, konzediert Flávio Bettiol. Es gehe immer öfter beim Kunden darum, Mobilität und Leistung der Reifen zu garantieren. Dass solche Servicedienstleistungen auch im brasilianischen Reifenhandel immer populärer werden, obwohl ein nicht unerheblicher Anteil der Reifenhändler Reifen nur verkauft und nicht montiert (!), war beim Besuch eines „Pirelli Truck Tyre Centers“ in São Paulo zu erfahren. Thiago Frezolone von Valetão Pneus, einem treuen Pirelli-Händler mit sieben Outlets, davon zwei spezialisiert auf Lkw-Reifen, erläutert, man mache „wesentlich höhere Margen mit dem Service als mit dem Produkt“. Folglich habe sich das Unternehmen in den vergangenen Jahren auch auf die Dienstleistungen der Branche eingestellt und betreibt einen eigenen Service-Truck. Ein nicht unerheblicher Teil der Kundschaft nehme diese Dienstleistungen mittlerweile in Anspruch, so Frezolone, man habe dort ein „Alleinstellungsmerkmal“, auch wenn „unser Kerngeschäft der Reifen ist“.

Dass zu der neuen Service-Mentalität in Brasilien auch runderneuerte Reifen gehören, ist für die Verantwortlichen des Pirelli Truck Tyre Centers eine Selbstverständlichkeit. Die Novateck-Reifen werden dabei auf Kundenkarkassen von einem Marangoni-Partner in der Nähe produziert. Auch wenn das Geschäft mit runderneuerten Reifen ein Wachstumsmarkt für Valetão Pneus ist, betrachte man sich doch zunächst als Neureifenhändler. Da aber die wachsende Gruppe der größeren Flotten ein nicht unerhebliches Interesse an runderneuerten Reifen hat, werde in die Bedeutung der verschiedenen Produkte zunehmend Bewegung kommen.

Eine solche Entwicklung sei auch dem Neureifenhersteller Recht, erläutert Flávio Bettiol, selbst wenn Pirelli natürlich auch zunächst seine Neureifen verkaufen möchte. „Die Runderneuerung ist für das hiesige Lkw-Reifengeschäft natürlich überaus wichtig“, so der Direktor von Pirelli Pneus, dem Marktführer bei Neureifen in Brasilien. Bei einem Marktanteil von drei Prozent werden in Brasilien schließlich auch bereits knapp eine Viertelmillion Novateck-Reifen pro Jahr gefertigt und vermarktet – allesamt auf Pirelli-Karkassen. Man müsse dem Flottenkunden das Produkt bieten, das ihm den größten Nutzen bringe und nicht nur dem Hersteller nutze.

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