VDA: Lage auf den Automobilmärkten nicht so schlecht wie befürchtet

Das Jahr 2009 habe die deutsche Automobilindustrie vor die bislang größte Herausforderung seit Jahrzehnten gestellt, so Matthias Wissmann, Präsident des VDA (Verband der Automobilindustrie), auf der Jahrespressekonferenz des Verbandes. Im Zuge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise brachen die automobilen Märkte in einem Ausmaß ein, das in der bisherigen Geschichte dieser Industrie ohne Beispiel ist. Im Frühjahr hatten die Experten noch damit gerechnet, dass der weltweite Absatz von Pkw um 16 Prozent zurückgehen würde. Jetzt, kurz vor Jahresende, hat sich dieser düstere Horizont ein wenig aufgehellt. Der VDA erwartet für das laufende Jahr einen Rückgang auf dem Weltmarkt von nur noch fünf Prozent. Doch für eine „Entwarnung“ sei es noch zu früh, die Märkte nach wie vor in einem nervösen Zustand.

Vor allem die Dynamik, mit der sich der chinesische Automobilmarkt in den letzten Monaten entwickelte, ist von vielen unterschätzt worden. So sind die Pkw-Neuzulassungen in China im bisherigen Jahresverlauf um 40 Prozent gestiegen, allein im Oktober gab es ein Plus von 67 Prozent. Der boomende chinesische Markt rückt damit vom Volumen her immer näher an den US-Markt heran: Mit 771.300 Verkäufen liegt China im Oktober nur noch knapp acht Prozent unter dem nordamerikanischen Marktvolumen. Dieses Delta wird immer enger, da der US-Markt im bisherigen Jahresverlauf erneut um fast ein Viertel eingebrochen ist. In den letzten Monaten zeichnete sich zwar auf dem US-Markt eine Stabilisierung der Verkäufe ab. So lag der Absatz von Light Vehicles im Oktober und November leicht über dem Vorjahresniveau. Doch nach wie vor hat der nordamerikanische Markt ein Volumen, das alles andere als zufriedenstellend ist. Es werde noch einige Zeit dauern, bis die Verkäufe wieder dort seien, wo sie eigentlich hingehören: bei ca. 15 Millionen Light Vehicles. Die langfristigen Wachstumspotenziale – eine im Vergleich zu Westeuropa deutlich jüngere Bevölkerung sowie ein deutlich höheres Bevölkerungswachstum – sind jedenfalls gegeben.

Ein weiterer stabilisierender Faktor ist der indische Pkw-Markt, der allein im Oktober um ein Drittel zulegte. Im bisherigen Jahresverlauf beträgt das Wachstum elf Prozent. Mit rund 1,5 Millionen Pkw hat der indische Markt im bisherigen Jahresverlauf den russischen Markt bei Weitem überflügelt – er ist bereits um mehr als ein Fünftel größer. Ebenfalls erfreulich ist das Bild in Brasilien mit einem Plus von einem Viertel im Oktober – und einem Marktwachstum von sieben Prozent im bisherigen Jahresverlauf. Der japanische Markt, der in den letzten Jahren ständig geschrumpft ist, kommt langsam wieder in die Gänge und hat – unterstützt durch die dortige Abwrackprämie – im Oktober um acht Prozent zugelegt. Allerdings liegt dieser Markt im bisherigen Jahresverlauf noch immer um zwölf Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Alles andere als berauschend ist die Situation in Osteuropa. Der Pkw-Absatz in den neuen EU-Ländern ist im bisherigen Jahresverlauf um 30 Prozent eingebrochen, im Oktober gab es einen Rückgang um 37 Prozent. Noch schlimmer ist die Lage auf dem einst so vielversprechenden russischen Markt: Die Zulassungszahlen haben sich in diesem Jahr – gegenüber dem Vorjahresniveau – mehr als halbiert, im Oktober gab es ein Minus von 52 Prozent.

Wesentlich robuster als erwartet hingegen hat sich der große westeuropäische Markt entwickelt. Mit 1,2 Millionen neu zugelassenen Pkw (plus 16 Prozent) gab es im Oktober die fünfte Absatzsteigerung in Folge. Wachstumsträger waren die großen westeuropäischen Pkw-Märkte, deren Automobilgeschäft weiter durch staatliche Impulse belebt wird. Großbritannien legte um rund ein Drittel zu, Spanien um ein Viertel, Frankreich um ein Fünftel und Italien um 16 Prozent. Diese positive Entwicklung auf wichtigen Märkten – zu der der deutsche Markt einen ganz entscheidenden Beitrag geleistet hat – hat dazu geführt, dass der westeuropäische Markt nur noch drei Prozent unter seinem Vorjahresvolumen liegt. Allerdings müsse man hinzufügen, so Wissmann: Ein Großteil des Wachstums auf dem westeuropäischen Markt in den letzten Monaten wurde durch staatliche Anreize gestützt, von einem selbsttragenden, nachhaltigen Aufschwung sei man noch weit entfernt.

Die deutschen Hersteller haben auf wichtigen Märkten im bisherigen Jahresverlauf Marktanteile gewonnen. So zählt heute fast jeder zweite Neuwagen in Westeuropa zu deutschen Konzernmarken, in den USA haben die deutschen Hersteller fast einen Prozentpunkt zugelegt (auf 7,3 Prozent), im Mercosur konnte der Marktanteil ebenfalls um einen Prozentpunkt auf gut 23 Prozent gesteigert werden und in Russland sogar um eineinhalb Prozentpunkte. Doch es bleibt dabei: Die deutsche Automobilindustrie wurde von der weltweiten Entwicklung schwer gebeutelt.

Im Jahr 2009 musste die Branche in Deutschlandeinen sehr schmerzhaften Exporteinbruch verkraften: Wurden 2008 noch 4,13 Millionen Pkw ausgeführt, so werden es in diesem Jahr nur 3,36 Millionen Einheiten sein – ein Minus von rund 19 Prozent. Damit wird deutlich, wie stark diese exportorientierte Schlüsselbranche von der Entwicklung der Weltmärkte betroffen ist. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass im Jahr 2009 auf den Märkten ein starker Lagerabbau stattgefunden hat, der die Exportmöglichkeiten im laufenden Jahr limitierte. 2010 werde man andererseits vom gegenläufigen Lagerzyklus profitieren: Die Höfe sind weitgehend leergeräumt. Wenn jetzt die Nachfrage anzieht, wirkt sich das direkt auf Export und Produktion positiv aus.

Ohne die ausgleichende Wirkung der gestiegenen Inlandsnachfrage hätte es 2009 bei der Pkw-Produktion in Deutschland wohl einen ähnlich großen Einbruch wie beim Export gegeben. Unter dem Strich wird aber lediglich ein Rückgang der Inlandsproduktion um elf Prozent auf 4,9 Millionen Einheiten zu verzeichnen sein. Bei der Auslandsproduktion zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab.

Die Exportmöglichkeiten werden nicht nur von der konjunkturellen Entwicklung beeinflusst, sondern natürlich auch von den Marktzugangsbedingungen in den einzelnen Absatzländern: So bestehen in vielen wichtigen Wachstumsmärkten hohe Einfuhrzölle, die die Absatzchancen schmälern. Zudem gibt es viele so genannte nicht-tarifäre Einfuhrhemmnisse wie besondere technische Vorschriften oder Abgaben, die speziell auf Importe zielen. Der VDA setzt sich konsequent für den Abbau dieser Hemmnisse ein.

In sehr schwierigem Fahrwasser bewegen sich auch die Zulieferunternehmen. Sie sind das Rückgrat der deutschen Automobilindustrie. Auf sie entfallen drei Viertel der automobilen Wertschöpfung. Für die Mobilität der Zukunft sind starke Zulieferer unerlässlich. Die Zulieferer benötigen allerdings auch die notwendige Unterstützung des Kreditgewerbes. Nach einer VDA-Umfrage ist in diesem Jahr die Kreditvergabe für zwei von drei Zulieferunternehmen restriktiver geworden. Es wäre auch volkswirtschaftlich alles andere als sinnvoll, wenn im Kern gesunde Unternehmen mit großem Zukunftspotenzial aufgrund einer zu eng ausgelegten Kreditvergabe in Finanzierungsschwierigkeiten geraten würden.

In einem gemeinsamen Kraftakt ist es Industrie und Politik gelungen, die Stammbelegschaften in den Unternehmen so weit wie möglich zu halten. Alle Beteiligten haben sich hier konstruktiv verhalten, so Wissmann: Die Politik hat die Kurzarbeit mehrmals verlängert, die Mitarbeiter waren bereit, ihren Beitrag zur Kostensenkung zu leisten – mit dem vorübergehenden Verzicht auf Boni-Zahlungen, mit einer bis dato kaum vorstellbaren Absenkung der Arbeitszeitkonten –, die Unternehmensleitungen setzten einen konsequenten Sparkurs um und konnten so, zumindest teilweise, der „Fixkostenfalle“ entgehen, die bei Absatzrückgängen unweigerlich droht.

So hat sich die Zahl der Kurzarbeiter in der deutschen Automobilindustrie, die im Februar mit 273.000 Beschäftigten auf einem Höchststand war, seither kontinuierlich verringert. Derzeit sind ca. 100.000 Beschäftigte in Kurzarbeit. Damit hat sich die Zahl der Kurzarbeiter in der Branche innerhalb eines halben Jahres mehr als halbiert. Auch die Strategie der Unternehmen, ihre Stammbelegschaften so weit wie möglich zu halten, ist bisher aufgegangen. In den ersten neun Monaten 2009 lag die durchschnittliche Beschäftigung mit 726.000 Mitarbeitern nur um drei Prozent unter dem Vorjahresvergleichswert. Wenn die internationalen Märkte im kommenden Jahr wieder anziehen, kann sich dies stabilisierend auch auf die Beschäftigung auswirken. Klar ist aber auch, dass das Jahr 2010 besondere Herausforderungen für die Beschäftigung in der deutschen Automobilindustrie bereit halten wird.

Einen besonders harten Anpassungsprozess müssen die Nutzfahrzeughersteller durchlaufen, wobei die Hersteller von Anhängern und Aufbauten besonders gefordert sind: Der Nfz-Inlandsmarkt geht 2009 um 28 Prozent zurück, im Bereich der schweren Lkw (über 6 t) sogar um nahezu 40 Prozent. Noch stärker bricht 2009 der Export ein (minus 58 Prozent), sodass die Nfz-Produktion sich in etwa halbiert. Im Bereich über 6 t liegt sie nur noch bei einem Drittel des Volumens von 2008. Allerdings war diesem Einbruch auch eine sechsjährige Boomphase vorgeschaltet, in der die Produktion von Rekordzahl zu Rekordzahl stieg.

Das Jahr 2010 wird für die gesamte Automobilindustrie erneut enorme Belastungsproben bereithalten. Man könne nicht davon ausgehen, dass 2010 auf den Weltmärkten wieder ähnlich hohe Verkaufszahlen erreicht werden wie 2008, erklärt der VDA-Präsident. Aber zumindest ein leichtes Plus gegenüber 2009 dürfte drin sein. Es stimmt zuversichtlich, dass die Konjunkturforscher wieder etwas optimistischer nach vorn schauen.

Sicher ist auf wesentlichen Pkw-Märkten eine Stabilisierung erkennbar. China ist weiter auf Rekordkurs, selbst in Russland ist eine langsame Bodenbildung zu erwarten. Für den US-Markt – auf dem die Lagerbestände deutlich reduziert wurden – erwartet der VDA in 2010 erstmals wieder ein Wachstum von zehn Prozent auf 11,3 Millionen Einheiten (2009: 10,3 Millionen). Der chinesische Markt, der im Jahr 2009 voraussichtlich um 44 Prozent zulegen wird, dürfte im kommenden Jahr um zwölf Prozent auf über neun Millionen Pkw wachsen. Die deutschen Marken, die dort auf einen Marktanteil von fast 18 Prozent kommen, werden an dieser Entwicklung kräftig teilhaben. Auch für den russischen Markt sei man vorsichtig optimistisch. Nach dem Einbruch im Jahr 2009 ist mit einem moderaten Anstieg zu rechnen. Auf dem westeuropäischen Markt werden allerdings im kommenden Jahr die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Denn die derzeit noch in vielen Ländern vorhandenen Incentiveprogramme laufen zum größten Teil aus. 2009 wird mit 13,4 Millionen Pkw noch nahezu das vorjährige Marktvolumen erreicht werden. Dies wird 2010 nicht mehr realisierbar sein.

Insgesamt wird der Weltautomobilmarkt im Jahr 2009 also um fünf Prozent zurückgehen. Bemerkenswert ist dabei, dass in den letzten Monaten eine zunehmende Stabilisierung zu beobachten ist, die sich im kommenden Jahr fortsetzen dürfte. Der VDA geht davon aus, dass im Jahr 2010 der Automobilabsatz weltweit um ein bis drei Prozent zunehmen wird. Trotz dieser ersten Aufhellungen hat der VDA die Exportprognose für den Weltmarkt bewusst konservativ gewählt und erwartet einen Zuwachs von etwa drei Prozent. Sollten sich die Märkte günstiger entwickeln, dann könnte der Zuwachs auch ein Schnäppchen höher ausfallen. Der Inlandsmarkt befindet sich 2010 – nach Ende der Prämie – auf Normalisierungskurs. Das Neuzulassungsvolumen wird deutlich unter dem des laufenden Jahres liegen.

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