Continental und der selbstherrliche Herr Wennemer

In Rage geraten und gewillt Klartext zu reden, war Manfred Wennemer der Schrecken seiner PR-Berater, von denen er sich erst recht nicht stoppen ließ. Er verglich Billiglöhner weltweit mit der deutschen Stammbelegschaft, sagte das Sterben aller Reifenfabriken auf deutschem Boden voraus, verlangte von den Arbeitern immer mehr und wollte ihnen weniger bezahlen. Wegen eines einstelligen Millionenbetrags an Einsparpotenzial wollte er die ohnehin schon beschlossene Schließung des Pkw-Reifenwerks in Stöcken vorziehen, während der Konzern ein Rekordergebnis jenseits der Milliardenschwelle feiern konnte. Im „Wennemer-Kapitalismus“ seien – das sagten und sagen ihm gar nicht wenige Führungskräfte nach – Mitarbeiter zu „Kostenstellen mit zwei Ohren“ mutiert.

Seinem Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Hubertus von Grünberg warf Wennemer den Bettel beleidigt vor die Füße. Das Vertrauensverhältnis war zerstört, Einvernehmen nicht mehr zu erwarten, was einer Regelung der Millionenfrage nicht im Wege stand. Für sein „einvernehmliches Ausscheiden“ wurde die Restlaufzeit seines Vertrages mit mehr als sieben Millionen Euro ausgezahlt. Danach ist Wennemer pensionsberechtigt; es geht um circa eine Million Euro! Jährlich. Frustriert musste sich Wennemer die Grenzen durch seinen AR-Vorsitzenden von Grünberg vorzeichnen lassen und die zukünftige Beschneidung seiner Machtfülle durch die Schaeffler-Gruppe gefiel ihm auch nicht. Ganz so, als sei das Berufsleben ein „Wünsch dir was“, machte Manfred Wennemer die Biege und ließ einen sanierungsreifen Konzern hinter sich. Die auf seine Entscheidungen zurückgehenden Milliardenschulden von rund zehn Milliarden Euro sollen andere abtragen. So weit so gut. Oder auch so schlecht.

Mitte August meldete er sich über ein Spiegel-Interview zurück mit dem alten Vorwurf der selbstherrlichen, egoistischen und verantwortungslosen Schaefflers mitsamt ihrer Truppen. „Die Schaefflers“ müssten endlich einsehen, alles, Vermögen und Reputation, verloren zu haben. „Die Banken“ säßen am längeren Hebel, aber sie müssten ihn nun endlich auch bewegen. Indem Wennemer seiner Hoffnung Ausdruck gibt, dass „diese renommierten Vertreter der deutschen Wirtschaft“ – also Aufsichtsräte – „sich nicht von Schaeffler vereinnahmen bzw. zu Stimmgebern der Familie Schaeffler degradieren lassen“, dürfte er selbiges als bereits geschehen unterstellen. „Wir“ brauchen einen „Unternehmer“ an der Conti-Spitze (er meinte Dr. Neumann) und keinen „Bürokraten“ (er meinte Dr. Degenhart). Zu diesem wolle er sich nicht äußern, „weil ich sonst im Detail darauf eingehen müsste, warum wir ihn damals gebeten haben, unser Unternehmen zu verlassen“, sagt Wennemer. Das ist unterhalb der Gürtellinie und damit ein infames Beispiel vorgeblicher Rücksichtnahme, selbstherrlich und rücksichtslos. „Wir“ brauchen eine neue Governance und „wir“ brauchen einen „kompetenten, unabhängigen und allseits geachteten Aufsichtsratsvorsitzenden, der dieser Aufgabe gewachsen ist“.

Den Angriff auf ihn und andere „renommierte Vertreter der deutschen Wirtschaft“ kann Multi-Aufsichtsrat Hans-Olaf Henkel nicht einfach erdulden. Folglich gibt ein Alphatierchen dem anderen Saures. Über Faz.Net wird abgerechnet. Wennemer vermisse wohl die Schlagzeilen oder lasse sich instrumentalisieren, wolle von hausgemachten Problemen der Conti ablenken, für die er verantwortlich sei, so die viel zu teure Übernahme durch VDO. Absolut unentschuldbar sei Wennemers menschlich verachtenswerte Äußerung über die Familie Schaeffler. „Diese Verunglimpfung“ – so Henkel – sei nur „als Ausdruck gekränkter Eitelkeit“ zu erklären, „als Versuch der Ablenkung vom eigenen Unvermögen oder mit einer sexistischen Haltung gegenüber Frau Schaeffler“. Hätte es nicht schon gereicht, Wennemers Interview-Aussagen als niveaulos, erbärmlich, kleinlich und peinlich zu klassifizieren? Das beharrliche Schweigen der Schaefflers auf seine Attacken muss Manfred Wennemer hingegen als schallende Ohrfeigen empfinden.

Henkel leitet zum nächsten wichtigen Punkt über. Die Ursache aller derzeitigen Conti-Probleme sei nicht Schaeffler, sondern die überteuerte VDO-Übernahme. Wennemer habe es „an der nötigen Sorgfalt mangeln“ lassen. Er und der langjährige Aufsichtsratschef Hubertus von Grünberg trügen zudem „Verantwortung für die Langzeitschäden“, die durch die systematische Verunglimpfung der Schaefflers entstanden seien. Das sei doch absurd: „Von Grünberg hat erst selbst hinter dem Rücken von Wennemer und dem Conti-Aufsichtsrat die Übernahme angeregt, und als er gemerkt hat, dass sich in der Autoindustrie der Wind dreht, hat er sich auch gedreht, und beide haben vehement Position gegen die Schaefflers bezogen, selbst als sie schon die Aktienmehrheit hatten. Und jetzt macht man die Schaefflers für alle Probleme der Conti verantwortlich.“

Gut gebrüllt Hans-Olaf H. Wenn das alles so ist, dann haben wir doch, unter Juristen gesprochen, einen neuen Fall. Dann müssen doch Pensionen gekürzt werden. Das neue Gesetz zur Angemessenheit der Vorstandsvergütung (VorstAG) nimmt nicht allein gegenwärtige, sondern auch ehemalige Vorstände bis zu drei Jahre nach ihrem Ausscheiden in die Haftung. Wenn nämlich durch eine verschlechterte Lage des Unternehmens die Weitergewährung der Bezüge unbillig wäre, kann, soll und muss sogar eine Kürzung geprüft werden. Man kann ohnehin bereits relativ sicher sein, dass dies aus dem Aktionärskreis im Verlauf der nächsten Conti-JHV diskutiert und zur Abstimmung gestellt werden wird. „Gerichtsfest“ ist noch nichts. Auch geht es nicht um persönliche Schuld, sondern um eine hinreichende Verschlechterung. Dass der kerngesunde Conti-Konzern sich durch die VDO-Übernahme zu einem Sanierungsfall machte, ist schwer zu bestreiten, denn mehr als eine Milliarde Euro musste zum Jahresende 2008 wegen VDO abgeschrieben werden.

Die Einschläge kommen näher. Wolfgang Ziebart, einst stellvertretender VV hinter Wennemer, erntet gerade zweifelhaften Ruhm. Als erster ehemaliger VV eines DAX-Konzerns (Infineon) sieht er sich mit drohenden Pensionskürzungen konfrontiert. Da könnten sich die beiden Ex-Continentäler doch schon mal austauschen.

Nicht einmal zwei Wochen nach dem Spiegel-Interview berichtet das Handelsblatt über „Schaefflers Befreiungsschlag“, da dem Herzogenauracher Konzern eine langfristige Umschuldung ohne Staatsbürgschaften gelungen ist. Ironisch könnte angemerkt werden, dass die Fakten zwar gegen Wennemer sind, ihm aber die Illusionen verbleiben. „Die Banken“ haben ein paar Hebel bewegt und „den Schaefflers“ damit Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Stehvermögen und ein hohes Maß an Verantwortung bescheinigt. So definiert sich Reputation.

Bleibt zu hoffen, dass bei Conti/Schaeffler langsam Vernunft, gegenseitige Achtung und Respekt einkehren. Auch Conti braucht eine langfristige Umschuldung, wenn die Zerschlagung vermieden werden soll. Eine zeitlich gestreckte Umschuldung scheitert nicht mehr wegen Schaeffler, vielmehr ist sie bei sorgfältiger Betrachtungsweise nur mit Schaeffler noch möglich.

Sie haben beide die gleichen Fehler gemacht, müssen mit den gleichen Konsequenzen leben und dürften beide bereuen, den großen Schlag gewagt zu haben. Vor allem aber haben sie ein Zeichen dafür gesetzt, dass nicht jede Akquisition vernünftig und Größe nichtssagend ist. Der Schaeffler-Versuch, Continental übernehmen zu wollen, war so unnötig wie ein Kropf und erklärt sich zum großen Teil daraus, dass Banken nahezu grenzenlos zur Kreditvergabe bereit waren. Dazu noch zu günstigsten Zinsen. Nun steht ein Milliardenvermögen auf dem Papier und die fantastisch arbeitende und so hochprofitable Schaeffler-Gruppe auf wackligen Füßen, aber mit einer guten Chance, sich irgendwie, wenn auch über die Jahre hinweg, noch aus diesem Morast befreien zu können.

Und Continental? Der Konzern war, wie man so schön sagt, „gut aufgestellt. Reifen/Technische Gummiartikel und Bremsen. Hohe Ertragskraft. 40 Prozent des Umsatzes sollten stets aus dem Nicht-OE Bereich erwirtschaftet werden. Wie konnte dann überhaupt an eine Akquisition von VDO gedacht werden?
Wer – wie Wennemer – mit einem Finger auf andere zeigt, zeigt gleich mit dreien auf sich selbst. Inwieweit steht Wennemers Weg mit dem „Grundgesetz der Continental“, den so bezeichneten Basics des Konzerns, in Einklang, die da lauten:

1.        Die Steigerung des Unternehmenswerts ist eine zentrale Managementaufgabe.

2.        Im Interesse des gesamten Unternehmens und unserer Stakeholder werden wir jede Möglichkeit nutzen, um Wert zu schaffen.

3.        Ein hoher Unternehmenswert ermöglicht es uns, alle unsere Stakeholder angemessen zu beteiligen und unserer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gerecht zu werden.

4.        Wir verpflichten uns, nachhaltigen finanziellen Erfolg durch profitables Wachstum zu erzielen.

5.        Das Vertrauen unserer Anteilseigner werden wir mit einer hohen Rendite auf ihr eingesetztes Kapital rechtfertigen.

6.        Eine gute Unternehmensbewertung (Rating) senkt unsere Kapitalkosten und erweitert unseren Spielraum für Investitionen. Wir werden daher alles unternehmen, um Continental zu einer auf den internationalen Kapitalmärkten begehrten Aktie zu machen.

7.        Die Leistung unserer Mitarbeiter werden wir angemessen honorieren.

8.        Um die Nutzung unserer eigenen Ressourcen zu optimieren, werden wir die Beziehungen zu externen Partnern ausbauen.

9.        Wertsteigerung ist der Maßstab für das Handeln aller Ebenen. Jeder Mitarbeiter ist sich bewusst, welchen Mehrwert er im Rahmen seiner täglichen Arbeit schafft. Wir erwarten daher von allen Mitarbeitern unternehmerisches Denken und Handeln.

10.     Wir werden uns auf unsere Stärken konzentrieren. Insbesondere werden wir in die Geschäftsfelder investieren, die den höchsten Wertzuwachs versprechen.

Um es freundlich zu formulieren: Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander.

Und die viel beschriebene Nachhaltigkeit des Wirtschaftens zeigt sich als Farce. Der Spruch „Wir sagen was wir tun und wir tun was wir sagen“ ist nicht mal als Sprechblase mehr brauchbar. Dabei wäre die „Gefahrenabwehr“ für einen feindlichen Übernahmeversuch der Continental AG relativ einfach gewesen: Leben nach den Basics. Mehr Geld für die Aktionäre, mehr für die Mitarbeiter, mehr Geld für Forschung und Entwicklung und schon kann sich niemand mehr an der Kasse vergreifen. klaus.haddenbrock@reifenpresse.de

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