Kfz-Gewerbe wird Überholspur bald verlassen

Nach einer „Tempo-Phase in den Umweltprämien-Monaten März und April“ verlässt die automobile Sonderkonjunktur im Kfz-Gewerbe langsam die Überholspur. Das von 18,4 Prozent per Ende April auf 22,8 Prozent gestiegene Plus Ende Mai bei den Pkw-Neuzulassungen resultiere aus der „Hoch-Zeit der Prämie“. Der nur noch einstellige Zuwachs im Auftragseingang indes sei ein Vorbote der im weiteren Jahresverlauf erwarteten „Rückkehr zur Normalität des Automarktes“. Robert Rademacher, Präsident des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes, sagte aus Anlass der Mitgliederversammlung des Kfz-Zentralverbandes vor Journalisten in Erfurt, die Gesamtbilanz der staatlich gewährten Umweltprämie sei sehr positiv. Zwar dürfe man Nebenwirkungen für Teilbereiche des Service und des Gebrauchtwagengeschäftes nicht übersehen. So würden dem Servicesegment vier rund 1,3 Millionen Altwagen fehlen. Davon jedoch wäre ein hoher Prozentsatz in Händen des Konkurrenten „Schwarzarbeit“ gewesen. Indes habe die Branche durch die Umweltprämie, wie eine aktuelle Umfrage bestätigte, über 400.000 Neukunden gewonnen.

Die positiven Marktimpulse sowohl durch die Umweltprämie als auch durch die Planbarkeit der neuen Kfz-Steuer prägten die Zwischenbilanz für die rund 39.100 Unternehmen des Kraftfahrzeuggewerbes. Der stabile Auftragsbestand mit einem Plus von rund 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr werde die Neuzulassungen der kommenden Monate stützen. Dabei gelte für den Automobilhandel, dass „die Zahlen aus Flensburg die Vergangenheit, die Auftragseingänge in den Autohäusern die Zukunft“ darstellen.

Rademacher relativierte die zweistelligen Zuwächse bei den Neuzulassungen mit dem Hinweis auf die Pluszahlen in den unteren Modellsegmenten. Hingegen bleibe der Diesel auf niedrigem Niveau mit 27 Prozent, ebenso die oberen Modellsegmente. Das seit März anhaltende zweistellige Umsatzplus um 15 Prozent im Handel spiegele die gegenläufige Entwicklung in den Zulassungsbilanzen wider.

Das Gebrauchtwagengeschäft im Automobilhandel „steht deutlich im Schatten des Prämien-Booms bei Neuwagen“. Das kumulative Minus von neun Prozent und die längere Standzeit von durchschnittlich 104 Tagen zeige, dass „das deutsche Frühjahrsmärchen auch einige dunkle Wolken“ habe. Auf der Habenseite stehe für den Fachhandel die Preisstabilität bei kleinen, jungen Gebrauchten, auf der Sollseite der Zwischenbilanz sehe man den im Jahresvergleich höheren Wertverlust in der Mittel- und Oberklasse.

Für 2009 geht der Präsident des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes davon aus, dass der Gesamtumsatz aus dem Verkauf neuer und gebrauchter Fahrzeuge sowie dem Service um etwa zwei Milliarden Euro unter dem Vorjahresergebnis von 129,5 Milliarden Euro liegen werde. Ursache für den Rückgang des Gesamtumsatzes sei vor allem das schwierige Nutzfahrzeuggeschäft.

Die Umweltprämie bleibe, trotz der abflachenden konjunkturellen Bedeutung, eines der beherrschenden Themen in der Automobilwirtschaft. Erstmals könne man mit einer in Auftrag gegebenen repräsentativen Befragung die in der jüngsten Vergangenheit auch kontrovers diskutierten Effekte der Umweltprämie quantifizieren. Rund 44 Prozent der Antragsteller, dies seien auf Basis der aktuell rund 1,5 Millionen Anträge beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) 660.000 Autofahrer, hätten zum ersten Mal einen Neuwagen gekauft.

Rund 420.000 Neukunden für neue und junge Pkw habe das Kfz-Gewerbe durch die Prämie gewonnen. Das Volumen der Vorzieheffekte könne man im Vergleich der Kaufabsichten aus den Jahren 2008 und 2009 allerdings „nur mit einer erheblichen Toleranz“ ermitteln. Rund zwei Prozent der Kaufabsichten würden offensichtlich in diesem Jahr bereits vorgezogen, sodass man von einem Volumen zwischen 450.000 und 550.000 Fahrzeugen ausgehen könne.

Die Kaufabsichten für das zweite Halbjahr 2009 und für 2010 seien mit vier beziehungsweise fünf Prozent auf einem niedrigen Niveau. Diese Quote habe, ebenfalls auf der Basis einer repräsentativen Forsa-Umfrage aus dem Vorjahr, bei sieben Prozent gelegen. 45 Prozent der befragten Autofahrer hatten auf die in der vergangenen Woche gestellte Frage „Haben Sie den geplanten Neuwagenkauf für 2010 durch die Prämie in das Jahr 2009 vorgezogen?“ mit Ja geantwortet.

Der weitere Einfluss der Umweltprämie zeige sich vor allem in den hohen zweistelligen Zuwächsen in den kleinen Pkw-Klassen. Die Branche beklage parallel zweistellige Rückgänge in den oberen Modellsegmenten und beim Diesel. Allein in der Kompaktklasse habe es in den ersten vier Monaten des Autojahres einen Rückgang der Dieselzulassungen um 35.000 auf knapp 87.000 Einheiten gegeben. Rademacher: „Dies ist eine Kehrseite der Prämien-Medaille“. Insgesamt habe der Diesel in diesem Jahr eine deutliche Talfahrt auf 27,1 Prozent Anteil an den Gesamtzulassungen per Ende Mai hinter sich.

Negativ in der Prämien-Bilanz schlügen sich auch Teilbereiche des Service und des Gebrauchtwagengeschäftes nieder. Die Ergebnisse der Umfrage zeigten, dass das Servicesegment vier – Fahrzeuge ab elf Jahren – besonders betroffen sei. Rund 1,28 Millionen Prämien-Autos seien zwölf Jahre und älter gewesen. Mit lediglich zwei Prozent hätten die neunjährigen Pkw den geringsten Anteil.

Als eine große Herausforderung sieht der Präsident des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes noch in diesem Jahr die Bindung der preissensiblen Prämien-Kunden sowie das Verständnis und die Aufklärung „über die realistischen Preise auf dem deutschen Pkw-Markt“. Wörtlich: „Die Umweltprämie und die durch die Hersteller zusätzlich gewährten Verkaufsprämien haben das Preisgefühl verzerrt.“

Den Ergebnissen der vom Deutschen Kraftfahrzeuggewerbe in Auftrag gegeben Forsa-Umfrage zufolge kauften 44 Prozent der Prämien-Kunden erstmals einen Neuwagen, knapp 30 Prozent sind Neukunden in einem Autohaus. Die sich hieraus mittelfristig ergebenden Chancen in einer Phase ungünstiger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen stimmten zuversichtlich.

Im Bereich der Oberklasse habe die Umweltprämie lediglich marginale Auswirkungen gehabt. Im Verkauf von Jahreswagen indes sei das Käuferinteresse bis in die obere Mittelklasse gegangen, allerdings ohne die Volumina aus den unteren Modellbereichen annähernd erreichen zu können.

Vorläufige Zahlen lassen nach Darstellung Rademachers einen deutlich niedrigeren Durchschnittspreis für den Neuwagen erwarten. Derzeit liege man rund 20 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres mit seinerzeit 25.990 Euro. Der Verband erwarte im Jahresverlauf einen durchschnittlichen Pkw-Preis von etwa 21.000 Euro.

Der Service zeige sich in der Zwischenbilanz einmal mehr als eine „stabile Säule“ mit allenfalls kleinen Kratzern. Die Werkstattauslastung bewege sich mit durchschnittlich 82 Prozent auf einem hohen Niveau. Dies sei im Jahresvergleich zu 2008 ein Plus von 1,3 Prozent. Beim Umsatz indes habe es einen „deutlichen Fehlstart“ ins Autojahr gegeben. Das Umsatzminus im Januar habe rund 14 Prozent betragen. Kumulativ könne man derzeit davon ausgehen, dass nach einer spürbaren Erholung bis Ende Mai ein um zwei bis drei Prozent geringerer Serviceumsatz erreicht sei.

Der „Arbeitsmarkt Kfz-Gewerbe“ sei trotz der staatlichen Umweltprämie instabil geblieben. Damit bestätige sich ein jahrelanger Trend, nachdem es auch durch Fusionen und Kooperationen von Kfz-Betrieben zu Arbeitsplatzverlusten komme. Offiziellen Statistiken zufolge seien im ersten Quartal rund drei Prozent der am Jahresstart registrierten 468.000 Arbeitsplätze verloren gegangen.

Trotz der durch die Umweltprämie ausgelösten Sonderkonjunktur sei die Zahl der eröffneten Insolvenzverfahren – betroffen waren 380 Betriebe mit rund 2.400 Beschäftigten – auf hohem Niveau konstant geblieben. Tendenziell müsse sich die Branche darauf einstellen, dass sowohl im zweiten Halbjahr 2009 als auch im Jahr 2010 mit „ungünstigen gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen“ zu rechnen sei.

Dass man auch im 20. Jahr der Einheit Deutschlands von einem einheitlichen Automarkt in Ost und West noch entfernt sei, zeige allein der Vergleich bei den Neuzulassungen. Um nahezu neun Prozentpunkte höher seien im Osten die Modellsegmente Minis, Kleinwagen und Kompaktklasse. In den alten Bundesländern liege dieser Anteil bei 60 Prozent. Exakt umgekehrt sei der Anteil deutscher und internationaler Hersteller mit 57,5 zu 42,5 Prozent. Unterschiede zeigten sich auch im Durchschnittspreis für neue und gebrauchte Pkw. Im Osten habe der Neuwagenkunde in 2008 rund 21.310 Euro ausgegeben, im Westen 26.750 Euro.

Die Mitgliederversammlung des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes werde neben den aktuellen konjunkturellen Fragen auch zwei weitreichende Verbandsprojekte diskutieren. Mit dem Projekt „autoglasPlus“ wolle das Kfz-Gewerbe eine neue Marke im Servicegeschäft etablieren, um die Wettbewerbsfähigkeit der Kfz-Betriebe im Glasmarkt zu verbessern. Unter dem Begriff „neues Geschäftsmodell“ werde erörtert, wie in der vertraglichen Partnerschaft mit den Automobilherstellern eine gerechtere Risiko- und Lastenverteilung erreicht werden könne.

Der nunmehr auf Mitte bis Ende Juli verschobene Bericht der EU-Kommission zur Zukunft der für die europäische Automobilwirtschaft so wichtigen Gruppenfreistellungsverordnung verkürze die für alle Beteiligten verbleibende Zeit bis zum Auslauf der derzeitigen Regelung am 31. Mai 2010 erneut. Rademacher sagte abschließend, die Branche fordere auch vor dieser Entwicklung eine Verlängerung der jetzigen europäischen Regelung für Vertrieb und Service um mindestens fünf Jahre.

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