Pirelli Truck Day 2009: Signal für Marktoffensive

Der italienische Reifenhersteller Pirelli Tyre hat vor einigen Jahren den sogenannten „Truck Day“ kreiert, um einmal im Jahr mit Nachdruck zu dokumentieren, dass die Marke „nicht nur“ für High- und Ultra-High-Performance-Produkte auf dem Pkw-Sektor sowie Motorradreifen der Spitzenklasse steht, sondern auch im Lkw-Segment ein starker Spieler ist. In einigen Ländern und Regionen wie der Türkei, Nordafrika oder Südamerika ist Pirelli sogar Marktführer oder wenigstens die Nummer 2 wie im Vorderen Orient oder Südeuropa. Beispielsweise in Mitteleuropa und damit auch in Deutschland wird die Lkw-Reifenmarke Pirelli dagegen unterschätzt, ist ihr Marktanteil auch zu gering. Technologisch allerdings sehen sich die Italiener auf Augenhöhe mit den hierzulande dominanten Lkw-Reifenherstellern Michelin, Bridgestone und Goodyear-Dunlop, die sich den Erstausrüstungsmarkt weitgehend unter sich aufteilen, während Pirelli-Reifen gerne homologiert werden, es aber im Allgemeinen nicht zu Lieferungen kommt. Ausnahme: Bei Italiens Iveco weiß man die Pirelli-Qualitäten zu schätzen.

Mit Blick auf die jetzt bei Bologna vor etwa 300 Großverbrauchern, Flottenbetreibern, Fachhandelskunden und Journalisten präsentierten neuen Produkte freilich soll dokumentiert werden, dass Pirelli technologisch sehr wohl in die Liga der genannten Marken gehört. Freilich ist zu fraglich, ob die Fertigungskapazitäten für diese Reifen mit neuesten fortgeschrittenen Technologien im italienischen Werk Settimo ausreichen, um einer Marktoffensive mit genügend Kapazitäten Nachdruck verleihen zu können. Denn Pirelli wird kaum die Märkte, auf denen man stark ist, vernachlässigen wollen.

In der Krise besser geschlagen als der Wettbewerb

Der CEO und Managing Director der überragenden Konzernsparte Pirelli Tyre Francesco Gori (57) sprach auch über die katastrophale Situation im Nutzfahrzeugsegment, die auch sein Unternehmen heimgesucht hat. Nur: In den Märkten, in denen Pirelli stark ist, war der Markteinbruch glimpflicher als in Nordamerika und Nordeuropa bzw. ist gleich ganz ausgeblieben. So konnte der Markt China weiterhin Zuwachsraten verzeichnen und erntet Pirelli jetzt die Früchte, dass man nach dem nicht optimalen Markteintritt im Sommer 2005 das in China vertriebene Sortiment kräftig nachgebessert und im letzten Jahr zu 90 Prozent (!) erneuert und damit auf die Marktbedürfnisse exakt zugeschnitten hat. Und in der Region Südamerika, die vom großen Markt Brasilien beherrscht wird, ist seit jeher Pirelli Marktführer und profitiert jetzt davon, dass die dortige Ökonomie sich erstaunlich stabil in der Krise der Weltwirtschaft erweist.

Aber Gori freut sich nicht nur über stetes Wachstum in den letzten Jahren und selbst im schwachen Jahr 2008 über eine im Wettbewerbsvergleich überdurchschnittlich hohe Marge, die kräftige Investitionen nicht zuletzt in den Lkw-Bereich erst ermöglicht hat, sondern lässt eine Zahl an die Wand werfen, die ihn mit besonderem Stolz erfüllt: Zwar ist das Segment „Industrial Tyres“ zwischen Continental und Pirelli nicht hundertprozentig vergleichbar, aber im ersten Quartal 2009 haben die Italiener ihren deutschen Wettbewerber hinsichtlich Umsatz erstmalig überholt (mit 256 Millionen zu 238 Millionen Euro), sodass man sich zurzeit jedenfalls europaweit als Nummer 3 im Markt sieht.

In einer Hinsicht hat Pirelli frühzeitig die Zeichen der Zeit erkannt: Die Investitionen auch im Reifenbereich waren getragen von der Hinwendung zu einer „Green Economy“ bzw. die Entwicklungsaktivitäten kamen überproportional den „grünen Reifen“ zugute, wobei man freilich auch bei den „konventionellen“ Reifentechnologien nicht locker gelassen hat. Ein Slogan, den Pirelli für den Pkw-Reifen P7 werblich nutzt, gilt jetzt auch für das Nutzfahrzeugsegment: „A green tyre. Available only in black“. Und auf der Seitenwand wird die ökologische Selbstverpflichtung Pirellis, die in Hinsicht auf Leistungskriterien wie Laufleistung, Treibstoffverbrauch und Recyclingfähigkeit ja zugleich eine ökonomische ist, durch das Wort „Ecoimpact“ ausgedrückt.

Die Offensive startet jetzt

Pirelli Tyre engagiert sich verstärkt im Bereich Schwerfahrzeuge und präsentierte in Bologna die völlig neue Serie R:01 für den europäischen Markt. Dieser Reifen für Nutzfahrzeuge im Regional-Segment wurde von Pirelli entwickelt, um den Ansprüchen der Kunden gerecht zu werden, was die Laufleistung, sparsamen Verbrauch, Runderneuerung und Umweltfreundlichkeit anbelangt. Pirelli Tyre präsentierte der internationalen Presse darüber hinaus mit der Serie H88 Amaranto und der Serie G88, die beide speziell für den Langstreckentransport bzw. für Baustellenfahrzeuge entwickelt wurden, ein „Upgrading“ der bekannten Produktpalette und kündigte die neue Serie ST:01 für Anhänger schon mal an: vier verschiedene Produkte, die alle ein hohes Maß an Wirtschaftlichkeit bieten und eine Erweiterung der Pirelli-Produktpalette für Transportprofis darstellen. Damit werden 80 Prozent des europäischen Marktes in den Segmenten mit den stärksten Zuwachsraten abgedeckt. Wobei Pirelli den Lkw-Reifenmarkt in sechs Segmente aufgeteilt hat, drei für den Onroad- und drei für den gemischten und den Offroadeinsatz. Das erste große Segment trägt auch bei Pirelli den Buchstaben „R“, was für Regionalverkehr steht und einen der großen Blöcke des europäischen Marktes ausmacht. „H“ steht für Highway und damit für den klassischen Fernverkehrseinsatz und repräsentiert das zweite große Kuchenstück des Marktes. Die kleineren übrigen vier Segmente nach Pirelli-Definition lauten onroad „C“ (typischerweise Busverkehr mit vielen Stopps und Starts), „G“ (wie „Gravel“ für den Off- und Onroadeinsatz von Baumaschinen), „Q“ für den reinen Offroadeinsatz beispielsweise auf Großbaustellen oder in Steinbrüchen) sowie „F“ (auch bekannt als Multi Purpose Tyres/MPT, so Militäreinsatz).

Serviceangebote

Der italienische Konzern stellte in Bologna auch eine Reihe neuer Serviceleistungen zur Unterstützung des Lkw-Geschäftes vor. Da sei natürlich das auch vom italienischen Reifenhersteller primär hervorgehobene „Pirelli Retreading System“ genannt, aber auch der Mobilitätsservice „CQ24 International“ und „Credit Tyre“, ein Finanzierungssystem, das für Fahrzeugflotten und Wiederverkäufer gedacht ist und jedenfalls vorerst nur in Italien praktiziert wird. Die zunehmende Hinwendung des italienischen Konzerns auf den Transportbereich findet auch im Schulungsbereich mit der Zeitschrift „Truck“, einem neuen kostenlosen Kundenmagazin, ihren Niederschlag, das ein zusätzliches Angebot neben den ständig angebotenen Aus- und Weiterbildungskursen für die Unternehmen darstellt.

Das „Pirelli Retreading System“ beruht auf drei Grundelementen: erstens ein qualitativ untadeliger Reifen, bei dem die Runderneuerbarkeit der Karkasse optimiert wurde; zweitens ein Netzwerk an Runderneuerern, die von Pirelli zertifiziert wurden, um die Qualität der Reifen auch im zweiten und dritten Leben zu gewährleisten – zehn Runderneuerungspartner hat Pirelli bereits in Italien und acht in der Türkei akquiriert, in den Märkten Spanien und Deutschland ist man derzeit in der Auswahlphase; drittens sei die modernisierte Palette an Novateck-Laufstreifen genannt mit den originalen Neureifenlaufflächendesigns: Pirelli arbeitet auf diesem Gebiet eng mit dem italienischen Runderneuerungsspezialisten Marangoni zusammen. Last, but not least ist „CQ24 International“ der Mobilitätsservice von Pirelli, der nicht nur Vorteile während der Fahrt, sondern auch vor Ort bzw. im Bereich des Flottenmanagements bietet. Wobei dieser Baustein getragen ist von dem Gedanken, dass etwaige Standzeiten aufgrund von technischen Problemen möglichst gering ausfallen und sich dank der einfachen Abwicklung die Kosten für diesen Service leicht planen lassen.

R:01 – Alle Innovationen in einem Reifenkonzept

Die neue Nahverkehrsreifenserie R:01 von Pirelli wurde einerseits entwickelt, um dem Wunsch der Transportunternehmen nach einer verstärkten betrieblichen Effizienz nachzukommen, und andererseits wollte man den neuen europäischen Normen im Bereich der Schadstoffbeschränkung Rechnung tragen. Nachgefragt werden auf dem Markt Produkte, die Wirtschaftlichkeit und Zuverlässigkeit bieten, ohne dass dabei der Sicherheitsaspekt und der Fahrkomfort zu kurz kommen. In naher Zukunft werden die europäischen Normen die Verwendung von Reifen ohne hocharomatische Öle, Runderneuerbarkeit, einen geringen Geräuschpegel und einen geringen Rollwiderstand vorschreiben, um den Kohlendioxidausstoß möglichst gering zu halten. Dank des SATT-Systems (Spiral Advanced Technology for Trucks) von Pirelli verfügen die Reifen der Serie R:01 über eine völlig neue Struktur sowie darüber hinaus über ein komplett neues Profilbild, eine neue Gummimischung und haben – heißt es in den Presseunterlagen – in jeder Hinsicht eine verbesserte Leistung zu bieten, was Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und Fahrkomfort anbelangt.

Die Serie R:01 ermögliche eine hohe Laufleistung, die um 30 Prozent über dem Wert des Vorgängermodells (FR25/TR26) liege, so der Anbieter. Darüber hinaus führe die neue Struktur des Gürtels in Kombination mit der Null-Grad-Spiral-Stahlgürtel-Technologie zu einer Verbesserung der Laufleistung im ersten „Lebensabschnitt“ des Reifens, erhöhe die gesamte Lebensdauer und komme anschließend einer mehrmaligen Runderneuerung zugute. Dazu kommt – dank des niedrigen Rollwiderstands – ein geringerer Treibstoffverbrauch. Die Kostenersparnis beläuft sich nach Herstellerschätzungen auf drei Prozent, aber dabei handelt es sich zugleich um eine Verringerung der Umweltbelastung, denn ein verringerter Treibstoffverbrauch bewirkt auch einen geringeren Schadstoffausstoß. Neben der von Pirelli hervorgehobenen „ausgezeichneten Runderneuerbarkeit“ verweist das Unternehmen auf eine längere Lebensdauer als beim Vorgängermodell, was – umgelegt auf den gesamten Lebenszyklus des Reifens – einer 20-prozentigen Rohstoffersparnis entspricht und 22 Prozent weniger Energieverbrauch bei der Reifenproduktion bedeutet.

Die Serie R:01 genügt überdies schon jetzt den künftig geplanten europäischen Normen im Bereich der Gummimischungen und der Geräuschentwicklung. Die Mischungen der neuen Pirelli-Reifen enthalten keine hocharomatischen Öle – in Vorwegnahme der europäischen Normen, die 2010 in Kraft treten. Der Geräuschpegel wurde von 76 auf 73 Dezibel gesenkt (EU-Norm, die ab 2012 gelten wird), was einer 50-prozentigen Verringerung des wahrgenommenen Lärms gleichkommt (so als gäbe es auf einer vierspurigen Autobahn auf zwei Spuren absolut keine Lärmentwicklung, verbildlicht der Reifenhersteller). In der neuen Reifenserie R:01 führt Pirelli gleich vier Innovationen zusammen:

– 3SB (Three Sandwich Belts) steht dabei für drei übereinander angeordnete Gürtel, die für eine Verlängerung der Lebensdauer des Reifens sowie Leistungskonstanz, Runderneuerbarkeit und eine Verbesserung des Handlings sorgen.

– DLTC (Dual Layer Tread Compound) ist eine zweischichtige Laufflächenmischung: Während die äußere Schicht für eine höhere Kilometerleistung, eine verbesserte Bodenhaftung und eine Verkürzung des Bremswegs sorgt, ist die innere Schicht vor allem für die Senkung des Rollwiderstands zuständig.

– HBW (HEXABead Wire) ist ein Ring, der eine hohe Flexibilität bei der Montage bietet, die Runderneuerbarkeit fördert und für Stabilität und Haltbarkeit sorgt.

– Mit FRC (Fully Rubberized Cord for belt) schließlich ist ein vollständig mit Gummi ummantelter Draht gemeint, der die Widerstandsfähigkeit des Reifens verstärkt.

Die Serie R:01 ist Ausdruck einer etwa vierzigjährigen Tradition von Pirelli bei der Entwicklung innovativer Lkw-Radialreifenkonstruktionen. Bereits im Jahr 1970 ließ das Unternehmen die Verwendung der Technologie des Null-Grad-Stahlgürtels für Reifen für Nutzfahrzeuge patentieren. Die ständig fortschreitende technologische Entwicklung führte zum Entstehen neuer Gürtelsysteme, und zwar von den Null-Grad-Metallbändern über die SATT-Technologie mit spiralförmigem Metallgürtel, der bei der Produktlinie Amaranto eingesetzt wird, bis hin zum SATT-NEXT-Aufbau, der bei der neuen Linie FR:01 bzw. TR:01 verwendet wird.

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