Für Genan sind Altreifen ein Rohstoff, kein Abfall

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Die dänische Genan-Gruppe – das weltgrößte Recyclingunternehmen für Altreifen – verfolgt ehrgeizige Ziele: Innerhalb der kommenden zehn Jahre will Genan jeden Zehnten auf der Welt anfallenden Altreifen entsorgen und wird dazu wohl über eine halbe Milliarde Euro investieren. Das globale Quotenziel von zehn Prozent, das Genan erreichen will, hat man indes eigenen Aussagen zufolge in Deutschland längst übererfüllt. Und wenn Ende dieses Jahres auch die dritte Anlage in Deutschland läuft, wird knapp jeder dritte im Land anfallende Altreifen über die Genan-Werke in Oranienburg, Dorsten-Marl und Mindelheim entsorgt. „Altreifen sind ein wertvoller Rohstoff, der nicht deponiert oder verbrannt werden sollte“, beschreibt Geschäftsführer Henning Beck die Motivation des Unternehmens, das auf die schnell ansteigende Nachfrage mit einer neuen und engagierten Wachstumsstrategie reagiert.

In den vergangenen knapp 20 Jahren hat sich Genan vom vermeintlich kleinen Marktführer aus Dänemark mit einem Recyclingwerk für rund 35.000 Tonnen Altreifen in der Stadt Viborg, über das heute 90 Prozent aller in Dänemark anfallenden Altreifen recycelt werden, zum weltweiten Marktführer entwickelt. Neben dem Werk in Viborg betreibt die Genan-Gruppe derzeit zwei Werke in Deutschland. Das Werk in Oranienburg bei Berlin ging 2002 ans Netz, das Werk in Dorsten-Marl bei Gelsenkirchen im vergangenen Jahr. Beide Anlagen haben jeweils eine nominelle Kapazität von 65.000 Tonnen Altreifen pro Jahr und haben jeweils rund 53 Millionen Euro gekostet. Über die Höhe öffentlicher Fördermittel für den Bau der Anlagen möchte Henning Beck im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG nichts sagen, außer dass es natürlich, wie bei jedem Investitionsprojekt in dieser Größenordnung, staatliche Zuschüsse gegeben hat. Das derzeit in der Planung befindliche Werk in Mindelheim bei Ulm, das einem moderneren Zwilling der Dorstener Anlage entspricht, werde jedenfalls ohne öffentliche Fördermittel gebaut, sagt Beck und unterstreicht damit die Tragfähigkeit der Investition. Das neue Werk in Bayern, das komplett Süddeutschland bedienen soll, wird im Laufe des kommenden Jahres den Betrieb aufnehmen. Jedes der drei Werke in Deutschland wird einen Radius von rund 250 Kilometer abdecken, wobei das Dorstener Werk auch Altreifen aus Benelux und Teilen Frankreichs entsorgt.

Da die Investitions- und insbesondere die Betriebskosten (Strom) für die vollautomatischen Granulieranlagen augenscheinlich immens hoch sind, ist eine hohe Auslastung der Anlagen zentrale Voraussetzung der Kalkulation. In Dorsten, so bestätigt Henning Beck, der in der Geschäftsleitung unter anderem für Finanzen und die Fabriken zuständig ist, werden Altreifen rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche in ihre Bestandteile Gummi (67 Prozent), Stahl (18 Prozent) und Textilien (14 Prozent) sowie einem minimalen Anteil an Abfall getrennt. „Unsere Fabrik in Dorsten ist voll ausgelastet“, so der Geschäftsführer. Und das Werk in Oranienburg sei nicht weit davon entfernt, ohne dass Beck in Bezug auf die Auslastung zu konkret werden möchte.

Das Verfahren, nach dem die Anlagen in Oranienburg, Dorsten und Viborg produzieren, ist immer dasselbe und wird sich voraussichtlich auch in Zukunft nicht grundlegend ändern. In einem vollautomatischen Betrieb, für den (in Dorsten) lediglich 28 Mitarbeiter notwendig sind, werden die Altreifen in Gummigranulate und Pulver zerkleinert. Verschmutzungen werden dabei abgetrennt, Stahl- und Textilanteile herausgelöst. Der Stahl, der zu 98 Prozent gummifrei ist und somit eine hohe Qualität aufweist, kann direkt ins Stahlwerk geliefert werden; die Textilien werden als Abfall verbrannt. Die Zerkleinerung sowie die Metall- und Textilabtrennung und die Reinigung findet dabei in mehreren Stufen statt, ohne das Henning Beck Details des hochtechnologischen Verfahrens preisgeben möchte. Die Granulatoren können das Material bis zu einem Durchmesser von 0,5 Millimeter zerkleinern; hier wird von Gummipulver gesprochen.

Die dänische Genan-Gruppe, hinter der als Gesellschafter einerseits Firmengründer Bent A. Nielsen (52 Prozent) sowie eine kapitalstarke Gruppe dänischer Pensionsfonds namens PKA (48 Prozent) steht, setzt dabei aber nicht nur auf die hohe Qualität und Reinheit der Endprodukte, die es zu vermarkten gilt. Wichtiger als dies seien vielmehr die möglichen Anwendungsgebiete, um deren Propagierung sich die Gruppe intensiv bemüht, mit Erfolg, wie Henning Beck betont.

So hätte etwa die Nachfrage nach Gummigranulaten aus dem Sportplatzbau in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Spätestens seit dem die FIFA und die UEFA im Jahr 2007 Kunstrasen auch für den Wettkampfbetrieb zugelassen haben, seien die Nachfragesteigerungen deutlich zweistellig. Allein für einen einzigen Fußballplatz werden rund 120 Tonnen Gummigranulat verbaut; dies entspricht rund 180 Tonnen Altreifen. Mit dem Jahresoutput der Dorstener Anlage könnten beispielsweise 360 Sportplätze mit Kunstrasen versehen werden, wenn man selber nachrechnet. Aber auch Fallschutzunterlagen – etwa für Kinderspielplätze oder an Arbeitsplätzen – wie auch thermische und akustische Isolationsmaterialien seien eine überaus sinnvolle und gefragte Folgeverwendung von Altreifen.

Besonders große Stücke setzt die Genan-Gruppe indes auf die zukünftige Vermarktung von Gummigranulaten im Straßenbau und sieht darin eine „vielversprechende Anwendung“. Dabei wird der Bitumen, also das Bindemittel, das gemeinsam mit dem Gestein zu Asphalt wird, unter Verwendung von Genan-Gummipulver und einem speziellen Polymer modifiziert. Das hier zur Anwendung kommende Polymer mit dem Namen Vestenamer ist von Evonik (ehemals Degussa) entwickelt worden. Gemeinsam wird daraus das modifizierte Bindemittel „Road+“, das für Asphaltsorten verwendet werden kann. Es soll gleichzeitig die Spurrillen- und Rissbildung verringern und außerdem die Haltbarkeit des Straßenbelags erhöhen soll, so der Genan-Vertreter. Heute werden Genan zufolge 25 Prozent des gesamten Bitumen im Straßenbau modifiziert. Die hierbei verwendeten Primärrohstoffe könnten durch Road+ ersetzt werden, so Henning Beck, und zwar „ohne zusätzliche Kosten für den Straßenbau“.

Eine der sinnvollsten Möglichkeiten mit Abfällen umzugehen – neben der Vermeidung von vornherein – ist die Wieder- bzw. die Weiterverwertung. Altreifen einfach zu verbrennen stellt für den Geschäftsführer der Genan-Gruppe alles andere als eine ökologisch sinnvolle Nutzung eines Sekundärrohstoffes dar und man hoffe natürlich darauf, dass die Verbrennung von Altreifen irgendwann gesetzlich verboten wird. Von Genan in Auftrag gegebene Studien jedenfalls belegten, so Beck weiter gegenüber der NEUE REIFENZEITUNG, die Vorteile der stofflichen Verwertung von Altreifen – also des Granulierens – im Vergleich zur thermischen Verwertung in den Brennöfen der Zementindustrie. Die Nettoauswirkungen auf die Umwelt, etwa durch den Beitrag zur globalen Erderwärmung über den CO2-Ausstoß, fielen deutlich zugunsten des Altreifens aus. Ob solche Argumente allerdings verfangen, wird sich erst noch zeigen müssen. Aktuell jedenfalls scheint es an der Bedeutung der Verbrennung, die Genan zufolge rund 50 Prozent der Altreifenverwertung in Deutschland ausmachen soll, nur wenig zu ändern.

Dennoch stellt die Genan-Gruppe auch für die Zukunft die Weichen auf Wachstum. Innerhalb der kommenden zehn Jahre will das dänische Unternehmen, dessen operativer Arm die Holdinggesellschaft Genan Gruppen GmbH mit Sitz in Oranienburg ist, insgesamt zehn eigene Recyclinganlagen in Europa und Nordamerika bauen. Vier der geplanten Anlagen sollen in Nordamerika stehen. Aktuell sei man intensiv auf der Suche nach einem geeigneten Standort für die erste Recyclinganlage in den USA. Laut Henning Beck, der auch bei der Genan Inc. in der Geschäftsleitung ist, werde die entsprechende Investitionsentscheidung in den kommenden Wochen fallen. Die verbleibenden fünf Werke sollen demzufolge in Europa stehen, was bedeutet, dass Genan hier weitere zwei Fabriken im nächsten Jahrzehnt bauen wird. Darüber hinaus sei es denkbar, fünf zusätzliche Fabriken gemeinsam mit lokalen Partnern außerhalb Europas und Nordamerikas einzurichten.

Dabei sei insbesondere die Größe der einzelnen Anlage wie auch das darin zur Anwendung kommende Genan-Know-how von entscheidender Bedeutung für die Rentabilität der jeweiligen Fabrik. Man könnte etwa auch kleinere Recyclinganlagen bauen und damit die Nähe zum Markt, den Henning Beck bereits jetzt als „groß“ bezeichnet, weiter erhöhen. Dadurch würden sich zwar die Logistikkosten für den Anlieferer im Durchschnitt verringern, die Baukosten für eine Recyclinganlage würden aber nicht linear mit der Kapazität sinken. Der Größenvorteil kommt also für Genan voll zum Tragen. Und dass das Unternehmen um Firmengründer Bent A. Nielsen, der bereits in den 1980er Jahren das Genan-Recyclingkonzept entwickelte und später auch umsetzte, stark auf erprobte Technologien und eigenes, fachspezifisches Know-how vertrauen kann, hilft dem Unternehmen ganz augenscheinlich, die hohen Qualitätsansprüche an den Prozess und die Endprodukte zu erfüllen.

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