Alle Jahre wieder: Round Table Reifentechnik

Im Terminkalender der für die Reifenbranche wichtigen Veranstaltungstermine hat sich Stahlgrubers Round Table Reifentechnik mittlerweile seinen festen Platz im Frühjahr erobert. So sind auch diesmal wieder gut 100 Teilnehmer zum alljährlichen Gedankenaustausch bzw. zur Diskussion aktueller Branchenthemen in die Unternehmenszentrale nach Poing bei München gekommen, wobei die Marktlage sowie insbesondere vor allem die (De-)Montage von UHP- und Runflat-Reifen breiten Raum einnahmen.

Vor der Vertiefung in diese Thematik gab Hans-Jürgen Drechsler, Geschäftsführer des Bundesverbandes Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk e.V. (BRV), jedoch wie von den Vorveranstaltungen gewohnt einen kurzen Rückblick auf die Marktentwicklung 2007 im deutschen Reifenersatzgeschäft. Sofern man die Absatzzahlen im Pkw-Reifengeschäft und hier insbesondere diejenigen für Winterreifen außen vorlasse, hätte der Reifenfachhandel mit dem zurückliegenden Jahr eigentlich zufrieden sein können. Denn auf der Haben-Seite stehen unterm Strich Zuwächse gegenüber 2006 bei EM-Reifen ebenso wie bei Landwirtschaftsreifen, Offroad-, Llkw- und Lkw-Reifen wie bei Motorradreifen. Doch bekanntermaßen war bei den Verkaufszahlen von Pkw-Reifen – wie Drechsler es formulierte – „erstmalig ein dramatischer Mengeneinbruch auf das Niveau vor 1997“ zu beobachten: Die BRV-Statistik weist ein Minus von 11,5 Prozent im Vergleich zu 2006 aus – bei den Sommerreifen war der Rückgang dabei mit 6,4 Prozent vergleichsweise klein, wenn man auf den 17,3-prozentgen Rückgang bei den Winterreifen schaut.

„Ich würde die Unwahrheit sagen, wenn ich behauptete, die Gründe dafür im Detail zu kennen“, sagt Drechsler. Allerdings erwähnte der BRV-Geschäftsführer – neben der vergleichsweise milden Witterung zum Ende des vergangenen Jahres – einige Einflussfaktoren, die durchaus ihr Scherflein beigetragen haben dürften. In diesem Zusammenhang erwähnte Drechsler unter anderem beispielsweise den „Abbruch des StVO-Hypes“, den allgemeinen Rückgang der Pkw-Fahrleistungen um 8,5 Prozent oder die steigenden Kosten rund um Pkw-Einsatz. „Angesichts dessen ist der Verbraucher geneigt, seine Reifen länger zu fahren. Wurde früher bei drei Millimetern Restprofiltiefe gewechselt, werden die Reifen heute immer öfter auch bis hinunter auf zwei Millimeter abgefahren, was bezogen auf eine Ausgangsprofiltiefe von acht bis 8,5 Millimetern immerhin einem Laufleistungsplus von rund zwölf bis 13 Prozent entspricht“, wie Drechsler vorrechnet.

Seiner Meinung nach werde sich die Branche mittelfristig auf solch geringe Absatzvolumina wie im Jahr 2007 einstellen müssen, auch wenn der BRV prognostiziert, dass es bezüglich der Verkaufszahlen von Pkw-Reifen in Deutschland 2008 wieder leicht bergauf gehen wird. „Die Talsohle bei Winterreifen ist durchschritten. Schlimmer kann es nicht mehr kommen“, ist Drechsler überzeugt. Nichtsdestoweniger werde das Winterreifengeschäft in diesem Jahr „ein sehr kompliziertes“, da angesichts voller Läger – geschätzte sieben Millionen Winterreifen liegen im deutschen Handel auf Halde, weitere zwei bis drei Millionen sollen bei, so Drechsler, „unseren Freuden in Benelux“ hauptsächlich für den deutschen Markt bereitliegen – rund die Hälfte des erwarteten Bedarfes 2008 gedeckt werden könnte, ohne dass ein einziger dieser Reifen erst noch produziert werden müsste. Insofern wird in der Branche im Allgemeinen ein heißer Preiskampf bei Winterreifen in diesem Jahr erwartet.

Darüber hinaus ging Drechsler noch auf den anhaltenden Strukturwandel im Reifenfachhandel ein. Der manifestiert sich schon seit Jahren darin, dass die Zahl der Betriebe, die in irgendeiner Form mehr oder weniger stark an die Reifenindustrie gebunden sind, weiter beständig zunimmt. Laut BRV sind derzeit nur noch 61 Prozent der Unternehmen freie Händler. „Damit hat sich die Marktstruktur im Vergleich zum Vorjahr erneut leicht in Richtung herstellergebundener Vertriebsformen verschoben“, resümiert Drechsler. Erweitere man die Betrachtung auf die Gesamtzahl der Betriebsstätten, sei die Bindungsquote an die Hersteller sogar noch etwas höher. Das Verhältnis freier zu industriegebundenen Outlets liege dann bei etwa 57 zu 43 Prozent. Auch im freien Reifenfachhandel agieren demnach immer weniger Unternehmer als „Einzelkämpfer“ – mehr und mehr Händler haben sich in den vergangenen Jahren einer der Verbundgruppen der Branche angeschlossen.

Des Weiteren ging Drechsler auf die bislang gescheiterten Gerichtsverfahren in Sachen Durchsetzung des „Meisterzwanges“ für Reifenservicebetriebe (die NEUE REIFENZEITUNG berichtete) ein. Diese Angelegenheit wolle man in jedem Falle durch Ausschöpfen sämtlicher Rechtsmittel ausfechten, wofür sich der Branchenverband auch des Rückhalts seiner Mitglieder im Rahmen seiner Jahreshauptversammlung im Umfeld der REIFEN in Essen versichert hat. Der eingehenden Prüfung der Urteile der Gerichte in Hof und Itzehoe, in denen die Montage von Felgen und Reifen sowie deren Auswuchten als „technisch einfache Vorgänge“ bezeichnet wurden, die „in relativ kurzer Zeit erlernt werden können und nicht das durchaus komplexe Berufsbild etwa eines Vulkaniseurmeisters wesentlich prägen“, soll nun ein Gang vor das Oberlandesgericht folgen. Wird hier die Klage abgewiesen, plant der BRV, vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen. Verhandelt das Oberlandesgericht und kommt es dabei zu dem gleichen Schluss wie zuvor auch schon die Landgerichte in Itzehoe und Hof, will der BRV den Bundesgerichtshof anrufen.

Das Thema Qualifikation spielte auch im weiteren Verlauf des Round Table Reifentechnik eine wichtige Rolle. Denn in Poing wurden auch die Ergebnisse des Arbeitskreises (De-)Montage von Runflat-/UHP-Reifen vorgestellt. Unter der Federführung des Wirtschaftsverbandes der deutschen Kautschukindustrie e.V. (WdK) hat dieser sich nämlich mit dem Problem beschäftigt, dass es beim Montieren bzw. Demontieren von Notlaufreifen mit verstärkten Seitenwänden sowie von Ultra-High-Performance-Reifen mit ihren niedrigen Querschnittsverhältnissen unter Umständen zu Beschädigungen des Reifens kommen kann. Damit es erst gar nicht so weit kommt, hat der Arbeitskreis im ersten Schritt eine detaillierte (De-)Montageanleitung erarbeitet, die dem Monteur Hilfestellung beim Umgang mit diesen beiden Reifengattungen geben soll.

Doch diese (De-)Montageanleitung, die sich unter der Internetadresse www.wdk.de/publikationen.aspx aus dem World Wide Web herunterladen lässt, ist nur eine Komponente des dahinter stehenden Ansatzes zur Vermeidung möglicher Schäden beim Montieren bzw. Demontieren von UHP- und Runflat-Reifen. Eine weitere Komponente stellt die WdK-Prüfleitlinie für Montagemaschinen dar. Darin wird festgeschrieben, was eine Montagemaschine leisten können bzw. wie sie ausgestattet sein muss, damit es – im Zusammenspiel mit der (De-)Montage gemäß Anleitung – nicht zu Schädigungen der Pneus kommt. Entsprechenden Maschinen wird nach einer Prüfung mittels eines speziellen Labels die Eignung in Sachen (De-)Montage von Runflats und UHP-Reifen sowie die Konformität mit der erarbeiteten (De-)Montageanleitung attestiert. Erste Maschinen mit dem Prüfsiegel waren kurze Zeit danach bereits auf der REIFEN zu sehen. Mehr dazu können Interessierte übrigens in der Juli-Ausgabe der NEUE REIFENZEITUNG lesen, wo die fraglichen Maschinen im Detail vorgestellt werden sollen.

Dritter und letzter Baustein, den der WdK-Arbeitskreis erarbeitet hat, ist die Fortbildung der Monteure auf Basis der erarbeiteten Montageanleitung und unter Zuhilfenahme zertifizierter Maschinen. Unter dem Motto „Qualität im Reifenservice“ stellte Wolfgang Mick, Produkt- und Anwendungstechnik Pkw-/Llkw-/4×4-Reifen bei Michelin in Karlsruhe, das geplante Weiterbildungsangebot rund um die Montage von UHP- und Runflat-Reifen vor. Voraussetzung zum Zugang zu dieser Fortbildung ist demnach entweder die abgeschlossene Ausbildung in einem fahrzeugtechnischen Beruf oder aber der Nachweis einer Aus-/Fortbildung in Sachen Reifenmontage bei einem Reifenhersteller, der Stahlgruber-Stiftung bzw. einer WdK-autorisierten Organisation zusammen mit einer mindestens dreijährigen Praxiserfahrung im Tätigkeitsfeld Reifen/Räder. Nur wer diese Voraussetzung erfüllt, soll bei dem WdK angehörenden Reifenherstellern und darüber hinaus wiederum bei der Stahlgruber-Stiftung sowie bei einer vom – wie es heißt – „WdK autorisierten Organisation mit räumlichen und materiellen Voraussetzungen“ auf entsprechende Weiterbildungsangebote zurückgreifen dürfen.

Entsprechende Angebote werden Mick zufolge derzeit erarbeitet und alsbald verfügbar sein. In den vorgesehenen Kursen will man dann in Gruppen von maximal vier bis fünf Teilnehmern je Trainer den angehenden zertifizierten Runflat-/UHP-Monteuren unter anderem Produktwissen oder die speziellen Anforderungen der Montagemethode vermitteln. Das Thema Kundenberatung rund um die beiden Reifengattungen steht ebenso auf dem Lehrplan wie die Vermittlung von Informationen, wie man die zu verwendenden Montagemittel prüfen kann. All dies unter der Maßgabe, dass derart geschultes Personal in die Lage versetzt werden soll, selbst bei den in Bezug auf die Montage bzw. Demontage offenbar höhere Anforderungen stellenden UHP- und Runflat-Reifen „Verantwortung für die Servicequalität zu übernehmen“. Summa summarum werden für die Vermittlung der Fortbildungsinhalte und eine abschließende theoretische und praktische Prüfung des Lehrstoffes mindestens 720 Minuten bzw. zwölf Stunden veranschlagt.

Monteuren, welche diese Weiterbildung durchlaufen haben, soll im Abschluss ein Zertifikat ausgestellt werden, das bescheinigt, dass entsprechende Kursteilnehmer ihre Sachkunde in Bezug auf die (De-)Montage von Runflat-/UHP-Reifen in Theorie und Praxis durch eine Prüfung nachgewiesen haben. Denn laut Mick ist die Qualifikation des Servicepersonals neben der Werkstattausstattung und dem Umfeld eine von insgesamt drei Säulen, auf den für ihn die Servicequalität von Reifenservicebetrieben ruht bzw. die Voraussetzung für eine Top-Servicequalität solcher Betriebe sind. Insofern ist in der Branche deutlicher denn je ein Bemühen erkennbar, sich mittels der Fokussierung auf die Qualifizierung der Mitarbeiter im Reifenservice – sei es nun durch solche Fortbildungsmaßnahmen oder auch die Durchsetzung der Meisterpflicht als Gewerbezulassungsvoraussetzung für entsprechende Betriebe – sowie etwa das Etablieren eines WdK-Gütesiegels für Runflat-/UHP-Montagemaschinen positiv von sogenannten „Hinterhofbetrieben“ bzw. „Schrauberbuden“ abzuheben. Ganz im Sinne des Slogans „Lass den Meister an Reifen“.

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