Premiumhersteller in Russland auf dem Vormarsch

Der russische Reifenmarkt gehört mit Sicherheit zu den sich derzeit am stärksten verändernden Reifenmärkten Europas. Nicht nur, dass der Markt mit einem gegenwärtigen Volumen von knapp 38 Millionen Pkw-Reifen (Ersatzmarkt) zu den größten innerhalb Europas zählt und schon bald auch den deutschen Markt hinter sich lassen wird. In Russland werden aber auch unter den Herstellern die Karten derzeit komplett neu gemischt: Etablierte russische Hersteller versuchen sich und ihre Produkte im lukrativen Markensegment zu etablieren, wo sich aber gerade westliche Hersteller wie Nokian und Continental sowie Bridgestone, Michelin und Goodyear mit ihren Premium- und Zweitmarken wie etwa Gislaved (Conti) immer stärker platzieren. Dies gelingt ihnen nicht zuletzt dank des kontrollierten Vertriebs ihrer Produkte, wie das Beispiel Nokian zeigt.

Im Jahr 2007 wurden auf dem russischen Pkw-Reifenersatzmarkt 39,8 Millionen Reifen verkauft; hinzu kommen noch weitere 8,2 Millionen Reifen, die in der Erstausrüstung verbaut wurden, so dass das Volumen des Gesamtmarktes mit rund 48 Millionen Reifen angegeben wird. Während der russische Markt vor seiner Öffnung in Richtung Westen kaum Reifenimporte zuließ und westliche Hersteller vor Ort schon mal gar nicht fertigten, hat sich das Bild in den vergangenen 15 Jahren doch sehr stark geändert. Zusammen mit den sich ändernden Lebensumständen in Russland – heute verfügt etwa jeder fünfte Russe über ein eigenes Auto, das immer seltener ein Lada, etc. ist – ändert sich auch die Nachfrage auf dem Reifenmarkt. Dies wirkt sich nicht nur auf die Gesamtnachfrage aus, sondern eben auch darauf, welche Fabrikate nachgefragt werden. So wird beispielsweise für das 2009 erstmals erwartet, dass in Russland weniger heimische No-Name-Fabrikate aus dem sogenannten C- bzw. Budget-Segment vermarktet werden, als aus den beiden oberen Segmenten (A- und B-Segment). Dabei waren die Rückgänge des C-Segmentes in der jüngsten Vergangenheit noch eher moderat und lagen bei drei Prozent und weniger pro Jahr. Hier scheint sich allerdings derzeit eine deutliche Verschnellerung der Marktanpassungen abzuzeichnen, nach der die Rückgänge in den kommenden Jahren immer dramatischer werden und ab 2010 bereits jährliche Rückgänge der absoluten Zahlen im zweistelligen Prozentbereich auftreten werden, wie jedenfalls Nokian Tyres vorrechnet.

Während also das C-Segment des russischen Pkw-Reifenmarktes immer weiter in Bedrängnis gerät und sich in den kommenden Jahren eine Spaltung des Marktes zwischen diesem Segment und den beiden Segmenten der Markenreifen ergibt (B- und A- bzw. Premiumsegment), werden es gerade die letztgenannten sein, die von der Volumensteigerung des Gesamtmarktes profitieren werden: Jährliche Absatzsteigerungen zwischen 20 und 40 Prozent werden den Herstellern entsprechender Fabrikate auf dem russischen Ersatzmarkt durchaus zugetraut. Mit den zunehmenden Verlusten im C-Segment wird auch der Marktanteil des Premiumsegmentes deutlich steigen und einer Nokian-Studie zufolge bereits 2011 den Stückzahlen zufolge größtes Segment sein. Den Umsätzen zufolge ist das entsprechende Verhältnis natürlich schon längst erreicht: Während in 2007 auf dem russischen Ersatzmarkt mit Premiumreifen ein Umsatz in Höhe von 537 Millionen Euro erzielt wurde, waren dies mit Budgetreifen (obwohl davon drei Mal mehr verkauft wurden) nur 479 Millionen Euro.

Der Trend ist also deutlich: Der russische Ersatzmarkt verlangt immer öfter nach Markenprodukten und lässt die in Russland immer noch zuhauf gefertigten Budgetprodukte zunehmend alt aussehen. Diese Entwicklung findet parallel zu der sich derzeit dramatisch ändernden Nachfrage auf dem russischen Automobilmarkt statt. In 2007, so eine Studie von Morgan Stanley, sind in Russland rund 2,7 Millionen Autos verkauft worden, während darunter nur noch knapp 700.000 russische Modelle waren – Russen kaufen ihre Autos immer mehr von amerikanischen, japanischen, europäischen und auch koreanischen Herstellern. Während der Anteil russischer Modelle an den Autoverkäufen im Jahr 2000 noch bei rund drei Viertel lag, wird er bis zum Jahr 2010 auf unter 15 Prozent sinken, so die Studie weiter. Die Folgen für die heimischen Reifen- und Automobilhersteller liegen auf der Hand. Nicht nur in der Automobilindustrie – siehe Renault und Lada-Hersteller Avtovaz – ist das Bedürfnis nach Allianzen mit westlichen Herstellern groß. Amtel hat es mit der Übernahme Vredesteins vorgemacht und Sibur-Russian Tyres lässt auch keine Gelegenheit aus, den Wunsch nach einem westlichen Partner zu unterstreichen, wobei stets das Wort „Partner“ betont wird und nicht von einer etwaigen Übernahme die Rede ist.

So sehr russische Reifenhersteller auch versuchen, aus eigener Kraft in das A-Segment des heimischen Marktes vorzudringen, so bleibt er doch zu allererst und per Definition die Domäne der großen, international operierenden Konzerne, wobei Nokian als regional operierendes Unternehmen die willkommene Abwechslung bietet. Zahlen von Nokian Tyres zufolge wird das A-Segment des russischen Ersatzmarktes ganz klar durch den finnischen Hersteller dominiert, der sich seit der Inbetriebnahme des eigenen Werkes in Russland im September 2005 einen Marktanteil von immerhin 27,4 Prozent (2006) erarbeiten konnte, wobei dieser ganz klar durch die heiß begehrten Nokian-Winterreifen entsteht (Marktanteil: über 30 Prozent). Im Vorjahr lag Nokians Marktanteil – wie gesagt: Aussagen Nokians zufolge – noch bei rund 21 Prozent. Der finnische Hersteller Nokian hatte bereits 1964 angefangen Reifen ins Nachbarland zu exportieren.

Die weiteren wichtigen ausländischen Marktteilnehmer auf dem russischen Reifenmarkt sind noch Continental, Bridgestone, Michelin und Goodyear sowie Yokohama und auch Pirelli. Dabei ist zu erwähnen, dass Nokian Tyres heute schon etwa ein Drittel seines Umsatzes in Russland und den GUS-Staaten erzielt (Finnland: 21 Prozent), folglich also durchaus als „russisches“ Unternehmen gelten kann. Neben Nokian Tyres produziert auch Michelin eigene Pkw- und Llkw-Reifen in Russland, und zwar in Davydovo in der Nähe von Moskau (Inbetriebnahme: Sommer 2004). Andere westliche Hersteller haben den Schritt nach Russland bisher nicht gewagt. Dabei war die Continental AG mit einem Gemeinschaftsunternehmen mit der Moscow Tyre Plant für einige Zeit in Russland aktiv und ist nun – über Matador – Teilhaber einer Jointventure-Reifenfabrik im sibirischen Omsk (Matador-Omskshina). Das einzige russische Unternehmen, dass auf dem heimischen Premiumreifenmarkt wohl einen nennenswerten Marktanteil für sich reklamieren kann, ist Amtel-Vredestein. Der russisch-holländische Hersteller hatte im Sommer 2006 damit begonnen, in Russland auch Reifen der Marken Vredestein und Maloya zu vermarkten. Natürlich gehört dazu auch das Sortiment an Vredestein-Winterreifen. Amtel-Vredesteins Marktanteil im Premium- bzw. A-Segment dürfte im unteren einstelligen Bereich liegen; in einer Veröffentlichung aus 2006 traute man sich einen Marktanteil von einem Prozent in dem oberen Pkw-Reifensegment zu.

Eine der wesentlichen Voraussetzungen, die Reifenhersteller heute offenbar erfüllen müssen, um auf dem russischen Ersatzmarkt erfolgreich zu sein, ist die Einrichtungen eines Netzwerkes an Distributionspunkten, die mehr oder weniger stark kontrolliert werden können. So verfügt Nokian Tyres in Russland derzeit über rund 130 Outlets seiner Reifenhandelskette Vianor, wobei nur zwei Betriebe Nokian direkt gehören. Der finnische Hersteller setzt mit seinem Vertriebsmodell anders als in den skandinavischen Märkten folglich auf ein Franchise- bzw. Partnersystem, das insbesondere im dicht besiedelten Westen des Landes diesseits des Uralgebirges präsent ist. Noch bis Ende 2009, so plant Nokian, sollen insgesamt rund 300 solcher Outlets entstehen, die die Marktposition sichern sollen. Parallel zum Ausbau des Franchise-Netzwerkes in Russland wird Nokian übrigens noch weitere 195 Millionen Euro in den Ausbau der Fabrik in Vsevolozhsk bei St. Petersburg investieren, die dann bis 2011 von einer Kapazität von derzeit vier auf dann gut zehn Millionen Reifen hochgefahren werden soll. Die ersten zusätzlichen Produktionslinien sollen zwischen Februar und August 2008 installiert werden.

Es ist Nokian zwar offenbar gelungen, das eigene Vianor-Netzwerk in Russland zu etablieren. Inwiefern der finnische Hersteller allerdings in der Lage ist, damit auch Geld zu verdienen, bleibt unklar. In der jüngsten Vergangenheit jedenfalls stellt das Handelsgeschäft stets den einzigen Makel in Nokians ansonsten lupenreinen Jahres- und Zwischenberichten dar. Die Vianor-Umsätze steigen zwar ständig, doch konnte sich der Geschäftsbereich in den beiden vergangenen Jahren kaum von der schwarzen Null trennen und ähnlich profitabel werden wie der Rest des Unternehmens.

Nokian ist allerdings offenbar nicht das einzige Unternehmen, dem die Etablierung eines profitablen Vertriebs- und Absatzssystems in Russland schwerfällt. Auch der russisch-holländische Reifenhersteller Amtel-Vredestein war bei der Etablierung seines Vertriebsmodells offenbar nicht wirklich glücklich, dabei hatten die Unternehmensstrategen sich eigentlich vorgestellt, den russischen Reifenhandel mit ihrer Retail-Kette „AV-TO“ zu konsolidieren und am Ende nicht selber konsolidiert zu werden. Neuesten Meldungen aus Russland zufolge wolle Amtel-Vredestein die Handelstochter, über die der Hersteller rund 20 Prozent seiner Reifen verkauft, wieder abstoßen. Ursprünglichen Plänen zufolge wollte man „den Markt dominieren“ mit bis zu 500 übernommenen oder neu gebauten Niederlassungen (ursprünglich bis 2008 in Planung) und mit der landesweiten Handelskette 30 Prozent aller Pkw-Reifen und sogar 40 Prozent der Premiumreifen im Land vermarkten.

Gegenwärtig betreibt das Unternehmen noch 92 AV-TO-Outlets in Russland (November 2007). Im Februar dieses Jahres waren dies einer Amtel-Veröffentlichung zufolge sogar 115 Outlets. Analysten der Deutschen Bank sprechen angesichts der Verluste im Einzelhandelsgeschäft von „unangenehmen Überraschungen“, zumal der hohe Schuldenstand des Konzerns ein Problem bleibe. Wie es im November allerdings noch hieß, wolle Amtel-Vredestein doch nicht das komplette Handelsgeschäft verkaufen, um nicht die eigenen Reifenabsätze zu gefährden. Berichten zufolge ist jeder dritte Reifen, der in den AV-TO-Filialen verkauft wird, ein Konzernreifen. Im ersten Halbjahr 2007 hatte Amtel-Vredestein einen Umsatz in Höhe von 113,7 Millionen Dollar für seine Handelstochter gemeldet.

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