Es dürfte eher besser werden

Die Vorfreude war vor Jahresfrist groß: Überall schien sich eine geradezu euphorische Grundstimmung breit zu machen. Die geänderte Straßenverkehrsordnung – herrschte Einigkeit – sollte dem schon in den Jahren zuvor recht beachtlich gewachsenen Winterreifensegment einen Push geben. Die Reifenhersteller produzierten was die Fabriken hergaben, Fernostanbieter schlossen ihre Orderbücher fürs Containergeschäft Wochen früher als sonst, die Großhändler deckten sich bis unter ihre Hallendächer ein und auch mancher Einzelhändler ließ sich infizieren und fiel zurück in Bevorratungsmechanismen, die er eigentlich schon hinter sich gelassen hatte.

Dann erlebten wir den wärmsten Winter, seitdem Wetteraufzeichnungen einigermaßen zuverlässig erfolgen. Ohne die geänderte StVO wäre das Winterreifengeschäft möglicherweise katastrophal ausgefallen. Und die sommerlichen Temperaturen im Herbst 2006 sorgten umgehend für einen kräftigen Tritt auf die Euphoriebremse. Dennoch: Die Umrüstquote stieg nochmals – der BRV und die Initiative PRO Winterreifen bezifferten sie auf 57,3 Prozent. Das reichte immerhin, um das schwache Sommerreifenergebnis des Jahres 2006 halbwegs zu kompensieren.
Eigentlich hat sich – StVO-Änderung hin oder her – so dramatisch viel am Sachverhalt nicht geändert. Es hängt weitgehend vom Wetter ab, ob das M+S-Geschäft in Deutschland gut verläuft. Das Winterreifengeschäft ist im hohen Maße spekulativ, von „Prinzip Hoffnung“ im Vorfeld bestimmt – daran wird sich auch in absehbarer Zeit nichts ändern. Und dass sich des Verbrauchers gewohntes „Last-Minute-Verhalten“ wandelt, darf ebenfalls bezweifelt werden: Er rüstet dann um bzw. kauft Winterreifen, wenn die Fahrbahnen schneebedeckt sind.

Mit Blick auf die Diskussionen um den Klimawandel machen miesepetrige Marktauguren schon wieder auf Pessimismus. Meteorologen allerdings wissen: Trotz des Klimawandels wird es auch weiterhin bitterkalte Winter geben, wenn auch nicht mehr so häufig. Bei Prognosen, ob der Winter 2007/2008 wiederum so grün wird wie im Vorjahr oder richtig „weiß“, ist Zurückhaltung geboten. Gemäß „Wahrscheinlichkeitsrechnung“ besteht in aller Vorsicht formuliert allerdings eher Grund zur Zuversicht.

Eine Erwartung an den letzten Winter wurde übrigens obendrein „enttäuscht“. Hätten wir richtig winterliche Verhältnisse gehabt und hätten sich dann die Verbraucher versucht durchzumogeln, dann wären viele Autofahrer belangt worden, es hätte aber auch vermutlich eine Flut von Rechtsstreitigkeiten gegeben, bei denen die Automobilisten nicht eingesehen hätten, im Unrecht gewesen zu sein. Es fehlen Präzedenzurteile! Reichen Ganzjahresreifen – ein Gewinner des letzten Jahres – als winterliche Bereifung? Muss das Schneeflockensymbol zusätzlich zur M+S-Kennzeichnung auf dem Reifen sein? Genügen 3,5 Millimeter Profiltiefe bei Schneematsch? Tragen alle entsprechend gekennzeichneten Reifen die winterlichen Insignien zurecht? Usw. usw. – Die Anzahl der vorstellbaren Konflikte ist groß.

Etwa 3,5 Millionen Winterreifen – so wird eher grob geschätzt – sind in der letzten Saison liegen geblieben und verstopfen in diesem Herbst den Absatzkanal. Wie zahlreiche Marktteilnehmer auf Handelsseite berichten, haben umfangreiche Valutierungen den Schmerz über die Lagerware gemindert. Es wäre kaum auszudenken, was passieren würde, sollte sich ein grüner Winter wie vor einem Jahr wiederholen. Gemäß Europool hat sich die Zahl von der Industrie an den Handel gelieferter Pkw-Winterreifen in den ersten sieben Monaten dieses Jahres von knapp acht auf 7,8 Millionen Einheiten verringert. Man darf getrost davon ausgehen, dass die Lücke von Unternehmen geschlossen wird, die nicht an Europool berichten; vor allem fernöstliche Hersteller (China, Taiwan, Korea) seien hier genannt. Die wurden zwar teilweise von testenden Zeitschriften übel, wenn auch sicherlich berechtigterweise abgestraft, aber einerseits sind sie mit dem Preisargument im Budgetsegment zu einer nicht wegzudiskutierenden Alternative geworden, andererseits gibt es „solche und solche“. Was so viel heißt: Nicht jeder in China gefertigte Winterreifen muss derart p(l)atzen wie in den genannten Tests geschehen. Schließlich stellen auch renommierte Reifenhersteller Produkte in China her und sind unter den Fernostanbietern auch einige dabei, die bewiesen haben, dass sie zumindest dicht an Conti, Michelin und den anderen dran sind.

Unter den 30 im letzten Jahr meistverkauften Pkw-Winterreifendimensionen (siehe Tabelle) ist lediglich eine (!), bei der der Trend für das Wintergeschäft 2007/2008 nach unten weist. Dass sich Verbraucher mit abgefahrener, falscher bzw. nicht „geeigneter Bereifung“ erneut durch den Winter lavieren können, wird offenkundig bezweifelt. Großhändler bestätigen auf Nachfrage, dass sie „mutig“ disponiert haben. Die Erwartung ist nicht unberechtigt, dass in den nächsten Monaten das erneut schwache Sommerreifengeschäft – auch weil einige Verbraucher meinten, auf Winterreifen durch die warme Jahreszeit fahren zu müssen – nicht nur kompensiert, sondern sogar überkompensiert wird.

Darüber hinaus hat die Winterreifendiskussion längst auch das Nutzfahrzeugsegment erreicht. Viele Fuhrparkbetreiber rüsten zwar schon traditionell im Herbst auf Traktionsreifen mit M+S-Kennung um und nutzen die Reifen im wärmeren Halbjahr wie Sommerreifen, aber der Speditionsbranche sollte bewusst sein, dass die Neufassung des Paragrafen 2 Absatz 3a der Straßenverkehrsordnung auch für ihre Fahrzeuge gilt. Die Reifenexperten wissen, dass herkömmliche „Ganzjahresreifen“ für Nutzfahrzeuge im Winter ganz schnell an ihre Grenzen stoßen können. Bei beispielsweise Continental ist das Schneeflockensymbol inzwischen auch auf den Seitenwänden von Lkw-Reifen angelangt, um hier für Klarheit zu sorgen. Aber: Auch für dieses Reifensegment werden wohl erst die Präzedenzurteile, die unweigerlich kommen werden, in feste Regeln münden.

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