Geburtstag einer Versuchsstrecke: Das Contidrom wird 40

Das Contidrom ist die Hauptversuchsstrecke von Continental. Eröffnet wurde sie 1967, weshalb in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen gefeiert werden kann. Seit den Anfängen in Form eines Hochgeschwindigkeitsovals mit zwei Messgeraden hat sich das Prüfgelände des Unternehmens nach und nach immer weiterentwickelt. Im Lauf der vergangenen 40 Jahren sind mehr und mehr Strecken dazugekommen.

Die Eröffnung des Contidroms war 1967 eine kleine Sensation: In der ruhigen Lüneburger Heide baute der Reifenhersteller Continental eine eigene Versuchsstrecke. Der Grund: Die bisher im öffentlichen Verkehr, auf Flughäfen sowie abgesperrten Passstrecken gemachten Brems- und Ausweichversuche sollten konzentriert werden, die Straßenbeläge einem anerkannten Versuchsstandard entsprechen und die steigenden Geschwindigkeiten auch im Fahrversuch abgebildet werden. Zwar war das meist verbreitete Fahrzeug der 60er Jahre der VW Käfer, doch die Zahl gerade PS-starker Pkw stieg: Opel Kapitän, Ford 20 m, Mercedes-Benz W 108/109 mit bis zu drei Litern Hubraum machten Reifen nötig, die nicht nur die höheren Fahrzeuggewichte, sondern auch Geschwindigkeiten von bis zu 200 km/h ermöglichten – und damit neue Anforderungen auch an das Fahrverhalten stellten.

„Wir wollten auf Tests im immer stärker fließenden Verkehr verzichten können. Das Oval ist daher als Vorrichtung für seitenkraftfreie Reifentests konzipiert worden, damit Testergebnisse nicht durch Abrieb beim Kurvenfahren verfälscht werden. Dazu kann im Hochgeschwindigkeitsoval eine vorgegebene Geschwindigkeit erreicht und gehalten werden. In den 60er Jahren dominierte zwar der VW Käfer als Standardfahrzeug den Verkehr, doch Pkw wie Mercedes Heckflossen oder Opel Kapitän waren schon deutlich schneller und machten umfangreichere Testaufbauten und Methoden nötig“, erinnert sich Hans Jürgen Meyer, der seit den Anfängen des Contidroms bis 2002 Testingenieur bei dem Reifenhersteller war.

Den Anfang des Neubaus machte das bis heute bestehende Oval: Über 2,8 Kilometer lang, mit einer Kurvenneigung von 58 Grad, ist es bis zu 180 km/h ohne Seitenkräfte befahrbar. In den Steilkurven, die je 900 Meter lang sind, kann der Fahrer daher selbst bei diesem Tempo die Hand vom Lenker nehmen. „Wirklich wichtig für den Reifenversuch sind jedoch die Messstrecken auf den beiden Geraden: Hier können auf Asphalt, Beton, Kopfsteinpflaster sowie auf einer bewässerten Aquaplaninggeraden Fahrversuche zum Bremsen und zum Handling mit hohen Geschwindigkeiten durchgeführt werden“, sagt der Reifenhersteller, der die Höchstgeschwindigkeit in dem Oval mit „über 250 km/h“ angibt. Damit könnten selbst heutige Hightech-Reifen für Sportwagen problemlos unter die Lupe genommen werden, heißt es. Soll es noch schneller gehen, müssten allerdings andere Teststrecken wie die im italienischen Nardò angefahren werden: Dort sind demnach sogar 400 km/h möglich. Nichtsdestotrotz sieht Conti das Contidrom unverändert als „guten und bewährten Teststandort für die heutigen Reifentests“.

Der 1.800 Meter lange heutige „Kleine Handlingkurs“ – eigentlich der Nasshandlingkurs – war der erste Streckenabschnitt, der ausschließlich auf das Bewegen des Wagens im Grenzbereich zugeschnitten war. Im Jahre 1972 fertig gestellt, enthält er mehrere 90-Grad-Kurven, darunter eine so genannte „Hundekurve“, in der die Geschwindigkeit erheblich gedrosselt werden muss. Die gesamte Strecke kann mittels Rieselberegnung gleichmäßig bewässert werden. „Heute wird der Kurs vor allem von den Mitarbeitern des Subjektivfahrversuchs genutzt, denen es um die Lenkansprache und Fahrstabilität auf nasser Fahrbahn geht, doch auch die Versuche der Motorradreifenentwicklung finden hier regelmäßig statt“, so das Unternehmen.

Im Sommer 1995 begannen die ersten Fahrversuche auf dem großen Trockenhandlingkurs. Auf 3,8 Kilometern Länge sind hier Geschwindigkeiten von über 160 km/h möglich, die Streckenbreite liegt zwischen sieben und zehn Metern. „Fahrzeuge mit deutlich stärkeren Motoren, die mit modernen Fahrwerken im Grenzbereich bewegt werden müssen, brauchten den neuen Kurs. Insgesamt hat die Strecke nun sieben Kurven, die schnell befahren werden können, eine Anbindung erlaubt den Wechsel vom Oval zum Großen Handlingkurs. Seit zwei Jahren gibt es eine Querverbindung zwischen den größten Kurven, um weitere fahrdynamische Möglichkeiten zu bieten“, heißt es vonseiten des Konzerns. Wegen seiner hohen Geschwindigkeiten sei der Kurs nicht nur bei den Versuchsingenieuren beliebt – auch Fachredaktionen, die Reifen- und Fahrzeugtests durchführen, seien häufige Gäste.

Seit dem Jahr 2003 gibt es auf dem Contidrom auch eine Geländestrecke. Ausgestattet mit verschiedenen Steigungen, einer Verschränkungs- und Steilbahn sowie einem Wasserbecken ist sie für Versuche mit SUV (Sport Utility Vehicles), SAV (Sport Activity Vehicles) und MPV (Multi Purpose Vehicles) geeignet. Trotz ihrer relativen Kürze von 600 Metern bietet sie Conti zufolge ausreichend Möglichkeiten, Reifen mit Geländeeignung zu fahren. Weiter führende Tests würden allerdings auf dem Continental-Testgelände im texanischen Uvalde durchgeführt, da dort noch mehr Möglichkeiten und weiträumigere Strecken zur Beurteilung von 4×4-Reifen zur Verfügung stünden.

Zwei Kreisbahnen unterschiedlicher Größe dienen auf dem Contidrom-Testgelände vor allem dem Reifenversuch auf nasser Straße. Während mit dem einen Kreis mit einem Durchmesser von 200 Metern vor allem die Situation des Aquaplanings bei Kurvenfahrt simuliert wird, ist der andere mit unterschiedlichen Fahrbahnbelägen ausgestattet, die bewässert werden können. Beide Situationen sind im realen Verkehr kritisch für jeden Autofahrer und müssen daher Conti zufolge bei der Reifenentwicklung besonders beachtet werden. Dazu werden auf dem großen Kreis Geschwindigkeiten von bis zu 100 km/h gefahren, im kleinen Kreisverkehr reicht dagegen niedrigeres Tempo, um den Reifen beurteilen zu können. Hinzu kommen noch beispielsweise Versuche, wann ein voll beladenes Fahrzeug mit Minderluftdruck in seinen Pneus die Reifen bei einem Ausweichmanöver von der Felge abwirft. Dazu fahren die Testfahrzeuge mit 55 km/h in die Kreisbahn, wobei der Reifendruck bei jeder Runde um ein Zehntel bar verringert wird.

Auf der Schienenbahn des Contidroms, die 1985 in Betrieb ging, lassen sich Brems- und Aquaplaningtests durchführen. Dazu werden die Testfahrzeuge an einer Schiene geführt, um bei den Messfahrten den Einfluss der Reibwertunterschiede der Fahrbahnoberfläche zu reduzieren. Je eine Bremsbahn mit Beton- und Asphaltbelag sowie ein Aquaplaningbecken werden für die Versuche genutzt. Bei den Bremsversuchen werden die Ergebnisse direkt von einer Messeinheit im Wagen erfasst und ausgedruckt. Dabei werden die Werte auf den verschiedenen Untergründen gemessen. Beim Aquaplaningversuch wird festgestellt, wann der Wagen bei einer vorher bestimmten Wassertiefe bei welcher Geschwindigkeit nicht mehr ausreichend Wasser aus der Aufstandsfläche ableiten kann und daher aufschwimmt.

Um Mobilität möglichst umweltfreundlich zu gestalten, müssen Reifen nicht nur einen niedrigen Rollwiderstand haben, sondern auch leise abrollen. Diese Eigenschaft wird auf zwei Messstrecken untersucht, die etwas abseits von den übrigen Versuchsstrecken angeordnet sind und auf denen das Reifen- und Fahrbahngeräusch ermittelt wird. Auf genormten Fahrbahnen werden hier Außen- und Innenmessungen durchgeführt. Dazu sind Motoren, Getriebe und Antriebe der Fahrzeuge so gekapselt, dass nur das Abrollgeräusch gemessen wird. Auf den Bahnen können sowohl Reifen für Pkw wie auch für Lkw und Busse in ihrem Geräuschverhalten beurteilt werden.

„Das Contidrom ist seit seiner Gründung unverzichtbarer Teil der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Continental“, ist vonseiten des Automobilzulieferers zu hören, nach dessen Angaben seit 1967 rund eine Million Pkw- und hunderttausend Lkw-Reifen auf dem Prüfgelände in der Lüneburger Heide getestet wurden. Dabei seien die Anforderungen und das Testaufkommen immer umfangreicher geworden. „Anfangs waren wir acht Beschäftigte auf dem Contidrom. Die Dauer der einzelnen Testzyklen war jedoch deutlich länger, da viele heute Computer simulierte Tests noch auf der Strecke gefahren werden mussten. Seit den späten 80er Jahren liegt die Zahl der Mitarbeiter konstant bei rund 60 Personen. Zwar hat die Zahl der Tests erheblich zugenommen, es sind deutlich mehr Fahrzeughersteller bei uns, doch Vieles lässt sich durch Computersimulationen und effizientere Testmethoden und -abläufe verkürzen und einfacher gestalten“, so Meyer.

Die Prüflisten für neue Reifenlinien und für die Freigabeverfahren seien zwar unterschiedlich umfangreich und würden sich beispielsweise zwischen den einzelnen Fahrzeugherstellern deutlich unterscheiden. Alles in allem ist seinen Worten zufolge jedoch der Testaufwand insgesamt gesehen umfangreicher geworden. „Viele Tests waren damals noch nicht möglich. Durch die heute deutlich komplizierteren Fahrzeuge sind die Tests auch umfangreicher geworden“, erklärt Meyer. Dies war für den Reifenhersteller Grund genug, Ausweichlösungen für das Contidrom zu haben, um beispielsweise auch während der kalten Jahreszeit Tests fahren können: Im texanischen Uvalde – dem Testgelände der 1989 übernommenen Konzerntochter General Tire – wurde dazu der Kleine Handlingkurs, der große und der kleine Kreis sowie die Schienenbahnen des Contidroms nachgebaut, um die Testergebnisse übertragbar zu machen und den Testingenieuren gleiche Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Für Winterreifentests muss der Hersteller ohnehin auf andere Möglichkeiten zurückgreifen, da solche aus klimatischen Gründen in Jeversen nicht möglich sind. Mittlerweile testet der Konzern seine Reifen auf einer ganzen Reihe von Prüfgeländen: Von Arvidsjaur in Nordschweden über Idiada in Spanien bis nach Wanaka in Neuseeland sowie in den USA, Japan und auf anderen Teststrecken rund um den Globus sind die Versuchsingenieure der Continental AG unterwegs, um ihre Produkte an die Anforderungen der Endverbraucher und Fahrzeughersteller anzupassen. „Bei den Tests neuer Reifenlinien steht natürlich die Sicherheit für die Autofahrer im Vordergrund. Das bedeutet nicht nur kurze Bremswege und gutes Fahrverhalten auch auf nasser Straße, sondern auch harmonisches Lenkverhalten, gute Beherrschbarkeit in Grenzsituationen sowie komfortable Fahreigenschaften“, erläutert Meyer.

Allerdings wird das Contidrom jedoch auch für Veranstaltungen genutzt. Zwar gehören die Motorradtreffen seit Mitte der 80er Jahre der Vergangenheit an, doch Sicherheitsforen und Tage der Offenen Tür stehen Unternehmensangaben zufolge des Öfteren auf dem Kalender. Auch Fahrsicherheitstrainings mit Redakteuren und Lesern der Zeitschrift auto motor und sport sowie die „ContiTuningTage“ von AutoBild sportscars finden regelmäßig auf dem Testgelände in der Heide statt. „Das Contidrom ist mit seinen vielfältigen Möglichkeiten so weit mehr als eine bloße Versuchsstrecke, sondern eines der technologischen Aushängeschilder des Continental-Konzerns“, ist man daher bei dem Reifenhersteller überzeugt.

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