Hayes Lemmerz baut Indien-Engagement massiv aus

Die indische Kalyani Lemmerz Limited (Chakan bei Pune/ca. 160 Kilometer von Mumbai entfernt), an der der US-Konzern Hayes Lemmerz International Inc. (Northville/Michigan) einen 85-prozentigen Anteil hält, hat den Ausbau der Fertigungskapazität ihres Werkes für Nutzfahrzeugstahlräder auf mittlerweile 800.000 Einheiten im Jahr nunmehr abgeschlossen. Doch damit soll noch nicht Schluss sein, denn das Unternehmen hat für die kommenden Monate bereits den weiteren Ausbau der Kapazitäten um zusätzliche 200.000 Räder auf eine jährliche Produktionsmenge von dann folglich eine Million Räder angekündigt. Darüber hinaus will Kalyani Lemmerz neben der bestehenden Fabrik für Nutzfahrzeugstahlräder noch ein Werk für Pkw-Stahlräder errichten.

Start der Fertigung soll im Oktober 2008 sein. Die anfängliche Produktionskapazität wird mit zwei Millionen Pkw-Stahlrädern pro Jahr angegeben, wobei dieser Wert später auf bis zu vier Millionen Einheiten jährlich gesteigert werden soll, sobald dafür Kunden akquiriert worden sind und der Fertigungsprozess stabilisiert worden ist. „Die Erweiterung – für Stahlräder für sowohl kommerzielle Nutzfahrzeuge als auch für Pkw – verstärkt unsere Präsenz im schnell wachsenden indischen Markt und versetzt uns außerdem in die Lage, unsere Kunden rund um den Globus zu bedienen“, so Fred Bentley, Chief Operating Officer und Präsident der Global Wheel Group von Hayes Lemmerz, anlässlich der Feierlichkeiten zu gleich drei Anlässen. Ursprünglich hatten die Beteiligten übrigens bereits den letzten Dezember als Zeitpunkt für die Veranstaltung festgelegt, dann aber doch wieder verschoben, weil die Sterne in der zweiten Februar-Hälfte wesentlich günstiger stehen würden, wie die befragten Auguren wussten.

Dreimal Grund zu feiern

Denn neben der Einweihung des Anbaus an das bestehende Nutzfahrzeugstahlräderwerk und der Grundsteinlegung produziert das Jointventure-Unternehmen zwischen dem internationalen Räderhersteller und der indischen Kalyani-Gruppe seit jetzt zehn Jahren, ein Jubiläum also. Wobei man wissen muss, dass die Kalyani-Gruppe ein milliardenschweres Unternehmenskonglomerat ist, das von Baba N. Kalyani (58) geführt wird. Der Kalyani-Chairman ist international bekannt als Mitglied des Weltwirtschaftsforums (Schweiz) und in seinem Heimatland vielfach für seine unternehmerischen Leistungen ausgezeichnet worden. Er steht in dem Ruf, sich auch um das indische Gemeinwohl in hervorragender Weise verdient gemacht zu haben, vor allem im Erziehungswesen für unterprivilegierte Kinder. Zu seinen industriellen Interessen gehören Stahlschmieden (Bharat Forge), nicht nur in Indien, sondern in der ganzen Welt und auch in Deutschland. Kalyani gehört zu den „tausend reichsten Menschen der Welt“ (lt. Forbes). Die Verankerung der Unternehmensgruppe im Stahlbereich führt übrigens dazu, dass sämtlicher Stahl aus indischer Produktion stammt, bis heute – also in den zehn Jahren des Bestehens – hat KLL insgesamt etwa 300.000 Tonnen verbraucht.

Kein Wunder also, dass sich die versammelte indische Presse bei den „Dreifach-Feierlichkeiten“ auf Baba Kalyani stürzt – obwohl doch sein Anteil an der Kalyani Lemmerz Limited (KLL) mit 15 Prozent der wesentlich kleinere ist. Das war nicht immer so: Hervorgegangen aus einer technologischen Kooperation aus dem Jahre 1992 mit der damaligen Firma Lemmerz (Königswinter), gründeten beide Unternehmen in 1996 ein Gemeinschaftsunternehmen, an dem die indische Seite 75, die deutsche 25 Prozent der Anteile hielt. In den Grünanlagen vor dem Verwaltungsgebäude stehen heute zwei stattliche Bäume, die dereinst Horst Kukwa-Lemmerz und Baba Kalyani pflanzten. 1998 jedenfalls veräußerte der indische Vorzeigeunternehmer 60 Prozent der Anteile an seine Partner, die damit zum Mehrheitsgesellschafter avancierten. Dass es damals um sein unternehmerisches Imperium nicht zum Besten stand, verschweigt Kalyani nicht.

Hinter Wheels India (Padi/Chennai, ein Unternehmen der TVS-Gruppe) ist KLL mit einem Umsatz von 43 Millionen US-Dollar (in 2006) der zweitgrößte Räderhersteller im Lande, auch weil bislang Pkw-Stahlräder noch nicht zum Produktportfolio zu Kalyani Lemmerz gehören (im Gegensatz zum größeren Wettbewerber). Noch zu nennen die Firma Steel Strips Wheels, die wiederum ausschließlich Pkw-Räder aus Stahl herstellt. Eine Aluminiumräderindustrie ist in Indien noch ganz am Anfang der Entwicklung, etwaiger Bedarf dortiger Montagewerke von Automobilherstellern wird durch Zulieferer dieser Autobauer aus anderen Ländern befriedigt.

Die Herstellung von Stahlrädern ist an sich nicht gerade ein sehr steriler Prozess, um so mehr überrascht beim Besuch des „alten“ Werkes für Nfz-Stahlräder, wie sauber alles ist, sämtliche möglicherweise vorhandenen Vorurteile über einen Werksstandort in Indien werden widerlegt. Eine Jobmaschine in einem Land der billigen Arbeitskräfte ist angesichts des hohen Automatisierungsgrades die Fabrik in Chakan nicht. „Und etwa 60 der 330 im Werk Beschäftigten sind bestens ausgebildete Ingenieure mit Studienabschluss“, erklärt Bentley, dass es hier alles andere als um eine verlängerte und selbstredend „billige“ Werkbank eines Westunternehmens geht. Getoppt wird der Werksrundgang durch die Besichtigung der neuen Anlagen in einer benachbarten Halle, in der die Kapazitätserweiterungen vorgenommen worden sind. Der Fußboden ist weiß, die Maschinen sind es auch – und werden es auch in einigen Jahren noch sein, so Geschäftsführer Prakash Kodlikeri sichtlich zufrieden mit dem, was seine Mannschaft da auf die Beine gestellt hat. Dass der Grad der Sauberkeit sich direkt auf die Qualität der Produkte und hier der Räder auswirkt, sei darüber hinaus erwähnt.

Und John Stephenson, bei Hayes Lemmerz als Vice President für das Stahlradgeschäft verantwortlich, ergänzt, dass beim Equipment die modernsten Maschinen, über die die Gruppe verfügt, zur Anwendung kommen. Flow-Forming ist selbstverständlich, und wenn in den nächsten Jahren die bei Lkw-Stahlrädern erwartete Marktumstellung von Schlauch- auf Schlauchlosreifen erfolgen sollte, müsste KLL gewissermaßen nur den Schalter umlegen und könnte mit den passenden Rädern umgehend reagieren. Stephenson: „Im jeweils jüngsten Werk sind auch die neuesten Technologien. Das hat mit einem eventuell kostengünstigen Produktionsstandort gar nichts zu tun, was in Chakan installiert wurde, hat teilweise Vorbild für andere Werke im Konzernverbund und wird dort erst in Zukunft aufgebaut.“ In 2006 hat KLL den Output im Werk Chakan um 100.000 Einheiten auf 700.000 gesteigert, in 2007 werden weitere 100.000 draufgesattelt, mit dem weiter laufenden Kapazitätsausbau im Bereich Nutzfahrzeugräder können in 2008/2009 eine Million Räder pro Jahr hergestellt werden.

Bislang hat Kalyani Lemmerz (bis einschließlich Februar 2007) etwa 4,3 Millionen Räder ausgeliefert, überwiegend für große Lkw, aber auch für LLkw. Derzeit besteht die Produktionspalette aus 139 verschiedenen Artikeln. Von den 4,3 Millionen Rädern sind allein 2,3 Millionen an den lokalen Lkw- und Bus-Hersteller Tata Motors in die Erstausrüstung gegangen, Tata war im Übrigen auch der erste Kunde, erinnert Kodlikeri. Derzeit rollen etwa 300.000 Lkw und Busse der Marke Tata auf den Straßen Indiens. Auf der illustren Kundenliste ferner: DaimlerChysler, Volvo (in Indien exklusiv), Scania, Iveco, Tata Daewoo (Korea), MAN und aus dem Heimatmarkt Force Motors, Eicher, Swaraj Mazda, Escorts und andere. Darüber hinaus beziehen auch die thailändischen Tochtergesellschaften der beiden weltgrößten Reifenhersteller Bridgestone und Michelin Nutzfahrzeugstahlfelgen von KLL. Was überrascht ist ohnehin die hohe Exportquote von 37 Prozent entsprechend etwa 300.000 Nutzfahrzeugrädern. Auch nach Deutschland werden Räder exportiert und vom Großhändler Hofmeister & Meincke (Bremen) vertrieben, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern: wobei es ganz überwiegend um Schrägschulterräder geht.

Dabei weiß man, dass überlange Transportwege geradezu „Gift“ sind für Stahlfelgen, sie verteuern sich dermaßen, dass näher an einem Fahrzeugwerk angesiedelte Mitbewerber schnell einen Preisvorteil bekommen. Insofern wird es KLL kaum gelingen, dem Marktführer Wheels India in größerem Maße Kunden abspenstig zu machen, die der im Nordosten des riesigen Landes Indien hat. Andersherum wird aber auch ein Schuh draus. In der Region um Pune, in der Kalyani Lemmerz angesiedelt ist, wird auch kaum ein Wettbewerber Fuß fassen, so er denn nicht in Fertigung vor Ort investiert. Was die Investitionspläne von KLL anheizt: Gerade die Region um Mumbai und Pune boomt, Fahrzeughersteller weiten ihre Produktionsstätten aus oder bauen neue – und das gilt auch für das Pkw-Segment.

Baba Kalyanis Schätzungen stimmen mit dem überein, was auch hierzulande in der Wirtschaftspresse prognostiziert wird. Der indische Fahrzeugmarkt wird in den nächsten Jahren durchschnittliche Zuwachsraten von zwanzig bis dreißig Prozent aufweisen. Dabei wird sich nicht nur der Nutzfahrzeugmarkt stark entwickeln, sondern auch der für Personenkraftwagen. In 2005 bestand ein Erstausrüstungsbedarf in Indien für etwa 1,5 Millionen Pkw, in 2010 benötigen 3,2 Millionen Pkw jeweils fünf Stahlräder. Insofern fußt der Optimismus, nach einer Anfangskapazität von zwei Millionen Pkw-Rädern jährlich diese dann – sobald Kundenanfragen vorliegen und der Fertigungsprozess stabil ist – schnell auf vier Millionen steigern zu können, durchaus auf harten Fakten. Der indische Konzernchef und der Hayes-Lemmerz-Spitzenmanager Bentley sind sich einig, dass das Tor auch für Spitzentechnologie – und das ist in diesem Falle das Strukturrad – ganz weit offen steht. Hayes Lemmerz hat vom „Strukturrad“ im letzten Jahr 1,5 Millionen Einheiten hergestellt, in 2007 sollen es bereits vier Millionen sein, die aus dem spanischen Werk Manresa und dem deutschen Werk Königswinter stammen.

Das Produkt „Strukturrad“ (stählern, aber in der Optik dicht beim Aluminiumrad) soll eines Tages auch Indien erobern. Wenn die quantitativen Ansprüche dort steigen, werden auch die qualitativen Begehrlichkeiten zunehmen. Etwa 15 Millionen Dollar lassen sich die beiden KLL-Partner die Investition in das neue Pkw-Räderwerk kosten, kurz nachdem zehn Millionen im Nfz-Stahlräderbereich für die Kapazitätserweiterungen ausgegeben worden sind. Fred Bentley: „Der indische Markt für die automobile Zulieferindustrie wächst überproportional, und wir profitieren heute davon, rechtzeitig da gewesen zu sein. Und wir haben alle Chancen, von künftigem Wachstum zu profitieren.“ Ergänzt sei, dass es weitgehend auch die Kunden sind, die Hayes Lemmerz in Europa, Nordamerika und anderswo beliefert, die in Indien investieren und dabei natürlich im Kreise ihrer Zulieferer bevorzugt auf die zugehen, von denen sie wissen, dass sie bereits vor Ort sind. In Chakan sind die Fertigungsanlagen auf 13 bis 19 Zoll ausgelegt, womit die Ansprüche von General Motors (mit 26 Prozent im Pkw-Segment größter Kunde von Kalyani Lemmerz), Volkswagen (als Gruppe 19 Prozent), Renault oder anderen in der näheren indischen Region voll abgedeckt sein werden.

Ein Unternehmen im Wandel

Viele Sorgen sind geblieben, nachdem Hayes Lemmerz in den Vereinigten Staaten durch das tiefe Tal eines Insolvenzverfahrens musste (Chapter 11), so kommt das Unternehmen nicht mit dem Schuldenabbau im gewünschten Tempo voran – was die Aktionäre (abzulesen am Aktienkurs) zwar nicht abstrafen, aber auch davon abhält, in Begeisterung zu verfallen. Aber seit „Chapter Eleven“ hat sich das Unternehmen grundlegend gewandelt, vor allem in zweierlei Hinsicht: Ehemalige Diversifikationsträume sind ausgeträumt, und aus dem US-Konzern ist ein weltweit agierendes Unternehmen geworden:

Es sind im Wesentlichen noch zwei Faktoren, die Hayes Lemmerz an den Großraum Detroit binden: die Nähe der Firmenzentrale zu großen OE-Kunden und anderen Zulieferern sowie die Tatsache, dass die Shareholder ganz überwiegend aus den Vereinigten Staaten kommen (Hayes Lemmerz ist an der NASDAQ gelistet und wird in 2006 etwa 2,3 Milliarden US-Dollar umgesetzt haben). In 2006 hatte der Umsatz des Räderbereiches noch bei 78 Prozent gelegen, in 2007 wird dieser Anteil am Konzernumsatz sogar in Sphären von etwa 85 Prozent liegen, vielleicht sogar noch höher. Stück für Stück hat sich der Konzern von Unternehmensteilen getrennt, die nichts mit dem Rädergeschäft zu tun und nie die Synergien gebracht haben, von denen eine andere Managergeneration einst beseelt war. Auch der noch verbliebene Komponentenanteil (dabei geht es um Bremsenteile) bringt, wie die Manager des Unternehmens auch recht unumwunden einräumen, bestenfalls marginale Synergien mit dem Rädergeschäft. Verkaufsdruck, um auch diese Restbestände abzustoßen, herrscht allerdings nicht: Die Sparte macht einen bescheidenen Gewinn. Wenn also mal jemand Interesse haben sollte … Wobei natürlich als erstes der Name einfällt, unter dem das Unternehmen heute noch in den USA große Bekanntheit hat. „Hayes Wheels“ (das Unternehmen, das mit Lemmerz fusionierte) kennt in den USA kaum einer, wohl aber „Kelsey Hayes“. Nur ist Kelsey schon vor der Übernahme (was den „Zusammenschluss besser trifft) von Lemmerz abgespalten worden und im Bremsenbereich von TRW Automotive aufgegangen.

Die Rädersparte von Hayes Lemmerz steht für etwa 1,8 Milliarden US-Dollar Umsatz, etwa 20 Prozent trägt dazu das amerikanische Geschäft mit Pkw-Stahl- und Aluminiumrädern bei. Das US-Geschäft mit Stahlrädern für Nutzfahrzeuge partizipiert mit sechs Prozent am Räderumsatz des Konzerns. Und wie „der Rest der Welt“ künftig mit Lkw-Aluminiumfelgen (allerdings made in Bahrain im Offtake) versorgt werden soll, wurden auch Lkw-Aluminiumfelgen (in eigener Produktionsstätte) ins Programm genommen, die genau auf den US-Bedarf bzw. die dort üblichen Fahrzeugtypen zugeschnitten sind. Zum Umsatz allerdings tragen Lkw-Aluminiumräder – in welchem Teil der Welt auch immer – bislang noch so gut wie nicht bei.

Hayes Lemmerz ist also viel internationaler geworden, in 2007 werden auf das US-Geschäft nur noch 25 bis 30 Prozent des Konzernumsatzes entfallen, im Jahre 2002 waren dies noch 60,4 Prozent. Natürlich wird nicht im Traum daran gedacht, die Nordamerika-Basis aufzugeben, vielmehr wird investiert.

Im Jahre 2008 kann Hayes Lemmerz den hundertsten Firmengeburtstag feiern. Etwa jedes vierte Fahrzeugrad, das weltweit montiert wird, stammt aus einer Fabrik von Hayes Lemmerz. Angefangen hatte alles mit einem Hayes-Rad mit Holzspeichen für das legendäre Ford-Modell „T“. Wenn im nächsten Jahr modernste Räder verbaut werden aus dem Hause Hayes Lemmerz, dann sind die auch „made in India“. In Indien sollen die modernsten Produktionsanlagen stehen und die technologisch anspruchvollsten Räder weltweit bei KLL gefertigt werden, blickt Baba Kalyani in die Zukunft. Und Fred Bentley weiß auch schon, welcher Radtyp dies dereinst sein wird: „unser Strukturrad“. Die Sterne stehen günstig für Kalyani Lemmerz.

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