„Unabhängige Runderneuerer müssen noch härter kämpfen“

(Akron/Tire Review) Irgendwann musste es ja passieren. Es war nur eine Frage der Zeit, sagen Kenner der Branche. – Diese und andere Aussagen sind in den USA derzeit oft zu hören, nachdem Bridgestone Americas Holding (BAH) im Dezember die Übernahme der Bandag, Inc. angekündigt hat. Schließlich haben Bridgestone und der amerikanische Runderneuerungskonzern bereits über Jahrzehnte kooperiert, schreibt die Fachzeitschrift Tire Review, US-amerikanisches Partnermedium der NEUE REIFENZEITUNG. So verkaufen Bandags „Tire Distribution Systems“ natürlich Bridgestone-Reifen, und die zum Bridgestone-Retail-Netz gehörenden „GCR Tire Centres“ sind oftmals Bandag-Händler. Nach den langjährig sich entwickelnden Beziehungen zwischen beiden Unternehmen stellt der 5. Dezember – der Tag, an dem die Öffentlichkeit über die geplante Übernahme informiert wurde – das letzte Teil eines Puzzles dar, das die amerikanischen Runderneuerungsbranche in einem neuen Licht zeigt.

Durch die Bandag-Übernahme, für die Bridgestone rund eine Milliarde US-Dollar zahlen wird, sobald die zu erwartenden behördlichen Zustimmungen eintreffen, gehen die am weitesten entwickelten Runderneuerungskapazitäten Nordamerikas ein für alle Mal in die Hände der so genannten „Big 3“ über. Goodyear verfügt durch die eigenen Wingfoot-Einrichtungen sowie das dazu gehörige Händlernetz bereits über umfangreiche Anteile am Runderneuerungsgeschäft während Michelin North America sein System „Michelin Retread Technologies“ ebenfalls in Nordamerika gut installiert hat. Durch die Bandag-Übernahme wird Bridgestone endgültig in Nordamerika wie auch weltweit zu dieser „Triade der Runderneuerungskonzerne“ aufschließen.
Für unabhängige Runderneuerer warden die Veränderungen in Nordamerika entweder ein Segen oder ein Fluch sein, je nachdem, wie es um die eigenen Fähigkeit steht, sich mit der neuen Marktsituation anzufreunden, in der es mehr denn je um das so genannte „Total Lifecycle Management“ eines Reifens geht. Andere sprechen in diesem Zusammenhang auch von einer Reifendienstleistung „von der Wiege bis zur Bahre“, also vom Neureifen bis hin zum Altreifen, die es Dienstleistern in dieser Wertschöpfungskette überaus schwer macht, zu überleben, wenn eben nur die spezielle handwerkliche Dienstleistung der Runderneuerung angeboten wird. Umfassende, Alles-aus-einer-Hand-Lösungen bestimmen heute aber die Märkte – nicht nur in Nordamerika.

Für Goodyear und Michelin kam der jüngste Coup sicherlich nicht überraschend, stellt er doch die „natürliche Folge“ eine seit längerem stattfindenden Marktentwicklung dar. „Die Bridgestone-Akquisition unterstreicht die Tatsache, dass Anbieter allumfassender Lösungen diejenigen sein werden, denen eine erfolgreiche Zukunft bevor steht“, so Mike Parnell, General Manager für Retread Systems bei Goodyear in Nordamerika. Es werde jetzt zu einer „neuerlichen Hinwendung der Reifenhersteller kommen, die Unabhängigen unter ihre Fittiche zu bekommen“, kommentiert Harvey Brodsky, Geschäftsführer des Tire Retread Information Bureau (TRIB). So untersuche Goodyear etwa gegenwärtig weitere Expansionspläne in Nordamerika. Auch bei Michelin mache man sich ernsthafte Gedanken zum Thema „Runderneuerungsfabriken“, so Marc Laferrière, Vice President Marketing bei Michelin Americas Truck Tires. Es gebe „eine sehr natürliche Evolution“, fügt er an und verweist auf die hohe Akzeptanz der Alles-aus-einer-Hand-Lösungen durch die nordamerikanischen Flottenbetreiber.

„Unabhängige Runderneuerer werden noch härter kämpfen müssen“, so der TRIB-Geschäftsführer Harvey Brodsky: „Die Flotten verlangen dies.“ Wenn eine Marktbereinigung stattfinden wird, werde es nicht zuerst die Runderneuerungsindustrie treffen, soviel scheint sicher. Der Trend der vergangenen Jahre hat bereits gezeigt, dass mehr und mehr unabhängigen Runderneuerer anlehnungsbedürftig sind und sich Partner aus der Industrie suchen. Ein Beispiel dafür, wie diese Entwicklung befördert wird, ist etwa die aufkommende Shearografie, die mehr und mehr zum technischen Standard in der Runderneuerungsbranche geworden ist, leider aber mit hohen Investitionen verbunden ist.

Dennoch ist es heute nicht mehr die Technologie oder die technischen Standards, die das Geschäft bestimmen, sondern eben die oben erwähnten Alles-aus-einer-Hand-Lösungen. „Runderneuerung ist ein Dienstleistungsgeschäft“, so Laferrière weiter, bescheinigt aber gleichzeitig den unabhängigen Runderneuerern eine hervorragende Ausgangsposition, um sich erfolgreich auch unter den neuen Marktbedingungen zu behaupten. Dies sieht auch Mike Parnell von Goodyear so: „Sie stellen einen wichtigen Knotenpunkt in der Dienstleistungskette dar. Es geht aber darum, umfangreiche Dienstleistungen anzubieten – in diese Richtung müssen sie gehen.“

Aber auch außerhalb der Anziehungskraft der „Big 3“ gibt es Optionen für unabhängige Runderneuerer. So bieten Materiallieferanten wie etwa Marangoni Tread North America innovative Produkte, die sich im Wettbewerb mit den Neureifenherstellern und den zu ihnen gehörenden Runderneuerern nicht zu verstecken brauchen. Marangoni bietet in Nordamerika durch seine Tochtergesellschaft das patentierte Ringtread-Verfahren an, „das den Endverbrauchern einen einmaligen Nutzen gibt“, so Bill Sweatman, CEO des Unternehmens. Außerdem behielten Runderneuerer ihre unternehmerische Unabhängigkeit. Allerdings geben auch die Partner der großen Reifenhersteller nicht automatisch und formell ihre Unabhängigkeit auf, gerade dann nicht, wenn die Verbindung im Rahmen eines Franchisevertrages zustande kommt.

Charles Darwin hat einmal gesagt, dass es eben weder die stärkste Art ist, die überlebt, noch die intelligenteste, sondern diejenige, die sich am besten auf Veränderungen einstellen kann. Die unabhängigen nordamerikanischen Runderneuerer jedenfalls hoffen auf ihre Anpassungsfähigkeit.

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