Mit Michelin Development Arbeitsplätze schaffen

Mit der recht kleinen und personell auf Sparflamme kochenden Konzerngesellschaft Michelin Development mischt sich der Reifenhersteller im Einzugsbereich seiner Werke in das Wirtschaftsgeschehen ein und versucht, der regionalen Wirtschaftsförderung neue bzw. weitere Impulse zu geben. Sinn und Zweck des gesamten Unterfangens ist, in und um die Michelin-Werke herum die Chancen für Betriebsgründer zu verbessern, die sodann auch möglichst viele Arbeitsplätze schaffen.

Die Michelin Development GmbH, folgend nur noch MiDev genannt, bietet Hilfen durch kompetente Betriebsangehörige an. Diese Hilfen bestehen in Form unverbindlicher Ratschläge und guter Diagnosen, die den Firmengründern in technischer und auch betriebswirtschaftlicher Hinsicht an die Hand gegeben werden. Gerade in der schwierigen Gründungsphase sind viele angehende Unternehmer auf Ratschläge angewiesen. Ansprechpartner ist Peter Hauck, Leiter der Wirtschaftsförderung MiDev. Der dynamische und quirlige Manager versucht auch zugleich, Abgrenzungen zu schaffen. So soll MiDev keinesfalls zu einer Konkurrenz für Steuerberater oder sonstige Unternehmensberater werden. In strategischen Bereichen (Planung, Budget, Bilanz) sowie zu juristischen und steuerlichen Fragen nimmt MiDev grundsätzlich nicht Stellung. Hauck erwartet von seinen – potenziellen – Partnern eine klar identifizierte Projektbeschreibung, um schnell reagieren zu können. Danach können sich die in Betracht kommenden Michelin-Angestellten auf ihren Einsatz vorbereiten. Dieser ist begrenzt auf maximal drei Mal pro Jahr bis maximal zu drei Tagen.

Und auch wenn es um Geld geht, bleibt MiDev in einer reinen Vermittlerrolle, denn Kreditgeschäfte unterliegen dem Kreditwesengesetz und wären dem Hersteller nicht erlaubt. So wird mit einer relativ kleinen Bank/Sparkasse („Partnerbank“) die Zusammenarbeit gepflegt, damit die KMUs (so werden intern die kleinen und mittleren Unternehmen bezeichnet) so möglichst zügig zu dem notwendigen Gründungskapital kommen können.

Um die Gründung kleiner und mittlerer Unternehmen zu fördern, stellt Michelin ergänzende Finanzhilfen in Form von Darlehen zur Verfügung. Die wesentliche Förderbedingung für den Unternehmensgründer besteht in der Schaffung von mindestens fünf Arbeitsplätzen im Verlauf von drei Jahren ab Firmengründung. Solchen Firmengründern stellt Michelin zusätzliche Darlehen von 30.000 bis maximal 100.000 Euro zur Verfügung, aber nicht mehr als ein Drittel der Gesamtfinanzierung. Dasselbe gilt für Unternehmer, die ein bestehendes Unternehmen erwerben möchten oder in einem bestehenden Unternehmen expandieren wollen und zu diesem Zweck Geld benötigen. Last but not least werden Hilfen jedoch nur Unternehmen mit maximal 50 Beschäftigten gewährt, die zudem in der Nähe eines Industriestandortes der Michelin-Gruppe liegen.

In den ersten sechs Monaten sind die gewährten Kredite tilgungsfrei. Der Zinssatz wird von der Partnerbank unter der Zugrundelegung bester Bonitätsbedingungen (AAA) gewährt. Michelin gewährt dem Unternehmensgründer einmal im Jahr eine Zinsgutschrift, mit der dafür Sorge getragen wird, dass die Zinsen für dieses Darlehen nicht über 2,5 Prozent liegen. Das zusätzliche Darlehen ist für die kleinen und mittleren Unternehmen deshalb von solch hohem Wert, weil Michelin auf Sicherheiten oder sonstige Garantien im Rahmen des Programms „Unternehmen mit Michelin“ verzichtet. Mit anderen Worten: Sonstige Geld- und Kreditgeber, Banken, treffen auf ein deutlich reduziertes Risiko, weil Michelin ja für das erste Drittel der Gesamtfinanzierung „gerade steht“.

Kein Sozialamt

Mit spöttischem Unterton betrachtet der eine oder andere Beobachter das Vorgehen von Michelin. Die Franzosen haben zwar versucht, in Deutschland auch andere größere Firmen mit ins Boot zu bekommen und das Interesse, so Peter Hauck, sei auch sehr groß gewesen, aber am Ende habe niemand mitgemacht. Spielt Michelin also so etwas wie das Sozialamt für angehende Unternehmer und kann das die Aufgabe eines Weltkonzerns sein? Oder haben die – sagen wir mal – dreifach schlauen Überflieger recht, die auf ein dringendes Interesse der Michelin hinweisen, das man nur noch nicht so recht erkannt habe?

Die offizielle Michelin-Verlautbarung ist durchaus klar. Der Konzern will sich auf der ganzen Welt für die Verbesserung der Mobilität von Menschen einsetzen und das schließt auch nachhaltige Förderungen außerhalb der eigenen Geschäftstätigkeit ein: „Das bedeutet konkret für uns, menschliches Handeln verantwortungsbewusst zu begleiten, zu unterstützen und uns aktiv in unser Umfeld einzubringen.“ Dabei will Michelin Verantwortung auf den Ebenen Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft gleichermaßen übernehmen, unter anderem eben dadurch, dass gesunde kleine und mittlere Unternehmen zur Stärkung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit einer Region beitragen.

Das, was hier etwas theoretisch beschrieben wird, begann im Grunde im Jahr 1990. Zur Erinnerung: Das Jahr der großen Krise des Michelin-Konzerns, der damals zu durchgreifenden Restrukturierungsmaßnahmen gezwungen war, um seine Unabhängigkeit wahren zu können. Doch nach diesem gewaltigen Rundschlag sah in Clermont-Ferrand nichts mehr aus wie zuvor. Das Straßenbild war traurig, die Läden, Cafés und Bistros blieben halbwegs leer. Tausende von Menschen hatten ihren Arbeitsplatz verloren und am Konzernsitz hatten bis zu dieser Zeit vier von fünf Menschen einen Arbeitsplatz bei Michelin inne. In der Zwischenzeit hat sich viel geändert: Einer von acht Arbeitnehmern ist ein Micheliner. Der im Vorjahr auf tragische Weise tödlich verunglückte Konzernchef Édouard Michelin, ließ damals bereits die SIDE gründen (Société d’Industrialisation et de Développement Économique) mit genau den Aufgaben, die MiDev heute in Deutschland wahrnimmt. Inzwischen gibt es solche Entwicklungsgesellschaften in einer Reihe weiterer europäischer Länder. SIDE hat jedenfalls in Frankreich an der Entstehung von nahezu 10.000 neuen Jobs aktiv mitgewirkt.

Und das soziale Engagement hat Édouard Michelin stets groß geschrieben. Er kann getrost als Vater der Michelin-Charta „Leistung und Verantwortung“ gesehen werden, in der die Grundwerte des Konzerns festgelegt sind. Da diese Charta „lebt“, sind auch Befürchtungen, das soziale Engagement könne nach seinem Tode nun heruntergefahren werden, äußerst unwahrscheinlich.

Ein zweites Clermont-Ferrand zeichnet sich nicht ab. Aber es kann nicht übersehen werden, dass mit immer weniger Menschen immer mehr Reifen produziert werden können. Die Belegschaftszahlen werden deshalb bei Michelin in Deutschland mit hoher Wahrscheinlichkeit rückläufig sein, und zwar selbst dann, wenn der Markt ein weiteres Wachstum zulassen sollte. Der Jahr für Jahr gewonnene Produktivitätsfortschritt ist halt nicht für jedermann eine segensreiche Angelegenheit, dennoch ist er nicht aufzuhalten.

Die Bedeutung von Michelin als Arbeitgeber wird also an allen Standorten sukzessive zurückgehen. Doch die Menschen leben in der Region, deren Kinder brauchen auch ein Umfeld, in dem sie sich entwickeln und ein Leben gestalten können. Wenn Michelin als Arbeitgeber schon nicht mehr den Kindern seiner derzeit Beschäftigten einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen kann, so tut das Unternehmen doch einiges, um einer Verödung von Landschaften vorzubeugen. Wie zur internen Beruhigung wird darauf hingewiesen, der Hersteller verschaffe sich so ein gutes Image, während Opponenten meinen, mit dem so verbrauchten Geld für das Unternehmen mehr erreichen zu können. Wer so argumentiert, hat aber weder den Sinn des Wirtschaftens, noch den Sinn der Michelin-Charta begriffen, noch kann er sich etwas darunter vorstellen, dass Eigentum eben auch verpflichtet. Und wenn ein Konzern das unter Beweis stellt, muss nach weiteren Gründen und Begründungen nicht erst gesucht werden.

Hauck und mit ihm sein Chef Jürgen Eitel, der auch für dieses Projekt die Verantwortung trägt, können jedenfalls mit den bisherigen Erfolgen zufrieden sein. So haben sie die in Bretzenheim nahe Bad Kreuznach ansässige Teetronic GmbH, die sich als Innovationspartner Mechatronik bezeichnet, gefördert. Das im Jahr 2004 gegründete Unternehmen bekam bereits ein Jahr später die Auszeichnung „Pioniergeist 2005“ des Landes Rheinland-Pfalz für die beste konzeptionelle Firmengründung im Jahr 2004. Ein Schwerpunkt des Unternehmens liegt in der Entwicklung von höchst unterschiedlichen Schaltern für Automobile. Seit der Gründung erfolgten 15 Patentanmeldungen und das Unternehmen beschäftigt inzwischen bereits 25 überwiegend hoch qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und für Geschäftsführer Thomas Breier steht wohl fest, dass erst ein Anfang gemacht ist und die Expansionsgeschwindigkeit deutlich zunehmen wird. Teetronic konnte eine noch großartigere Erfolgsgeschichte auch für Michelin-Development werden als sie es derzeit ohnehin schon ist.

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