Runderneuerung komplementär zum Nutzfahrzeugreifen

Für eine Unternehmen wie die Continental AG gehört die Runderneuerung sicher nicht zum Kerngeschäft, was ja auch erst kürzlich vom Vorstandsvorsitzenden Manfred Wennemer entsprechend formuliert wurde. Es muss aber auch nicht Kerngeschäft sein, denn in Hannover sehen die Verantwortlichen der Unternehmensdivision Nutzfahrzeugreifen vielmehr ihre zentrale Aufgabe darin, ein optimales Produkt- und Serviceportfolio für Flotten verschiedener Größe anzubieten. Dass dazu auch runderneuerte Reifen mit ihrem Einsparpotenzial für Flottenbetreiber gehören, versteht sich. Die Runderneuerung im Hause Continental spielt sich folglich am Rande des eigenen Geschäftsinteresses ab; der deutsche Reifenhersteller operiert auch fast ausnahmslos mit Partnerunternehmen wie Reifen Günther, Reifen Ihle (Günzburg) oder auch Bandag. Dennoch gehören runderneuerte Reifen als integraler Bestandteil zum Geschäft mit Nutzfahrzeugreifen dazu, sagt Eckhard Wilanek, Managing Director Fleet & Retread Business, der Kunde will es so.

Wer heute Nutzfahrzeugreifen gewinnbringend verkaufen will, muss schon mehr im Angebot haben als ein Stück Gummi mit hoher Laufleistung. Die Anforderungen vonseiten der Endverbraucher werden stets höher und lassen sich heute mehr mit den Stichwörtern „Mobilität“ oder „Kosten pro Kilometer“ umschreiben. Während Flottenbetreiber früher dem Eigentum verhaftet waren, wird heute geleast und ausgelagert. Für die Einsatzfähigkeit des Fuhrparks sind heute oftmals andere als die Speditionsbetreiber und deren Mitarbeiter verantwortlich. Beim Thema Reifen haben in den vergangenen Jahren etwa die Neureifenhersteller mit ihren nachgelagerten Organisationen und Strukturen im Reifenhandel einen Teil des Handelsgeschäftes direkt übernommen und bieten hier umfangreiche Produkte und Dienstleistungen an – Konzepte zum Reifenmanagement stehen oben auf der Agenda vieler Hersteller. Und da Reifen heute im Transportgewerbe – runderneuert oder neu – einem Produktionsfaktor gleichkommen, der einerseits grundsätzlich austauschbar ist, dessen Merkmale wie Qualität und Preis andererseits aber ohne Probleme vergleichbar sind, kommt der Feinjustierung des Nutzfahrzeugreifengeschäfts zentrale Bedeutung zu.

Auch bei der Continental AG in Hannover spricht man heute von einer zunehmenden Polarisierung auf dem europäischen Runderneuerungsmarkt. Dies liege nicht nur an dem stark wachsenden Flottengeschäft, das allein aufgrund der fehlenden geografischen Bindung der Dienstleistungen nach großen, internationalen Netzwerken verlangt, die eben oft nur Neureifenhersteller mit ihren Handelsorganisationen bieten können. Dies liege auch an dem anhaltenden Trend hin zu heißerneuerten Reifen, die wirtschaftlich sinnvoller mit einem industriellen Hintergrund gefertigt und vermarktet werden können.

Zentraler Bestandteil des Flottengeschäftes ist das Reifenmanagement und darin wiederum das Produkt selbst. Flottenbetreiber müssen sich entscheiden, welche Option beim Ersatzbedarf abgefahrener Reifen er nutzen möchte: einen Neureifen kaufen, den alten nachschneiden oder runderneuern? Für die erste und die letzte Option bieten Reifenhersteller und Vollsortimenter wie Continental heute ein umfangreiches Produktportfolio. Fuhrparkbetreiber können, wenn sie auf runderneuerte Lkw-Reifen zurückgreifen möchten, grundsätzlich aus zwei verschiedenen Produkten wählen: Contire oder ContiTread, die hauseigene Heiß- bzw. Kalterneuerungsmarke, wobei laut Eckhard Wilanek die Heißrunderneuerungsmarke Contire mehr zur geschäftlichen Aktivität eines Neureifenherstellers passt.

Laut dem Managing Director Fleet & Retread Business der Continental-Division Nutzfahrzeugreifen sei die Produktion der heißerneuerten Contire-Reifen zwar weitest gehend ausgelagert; die Vermarktung dieser Wulst-zu-Wulst-Runderneuerten findet aber einzig und allein durch die Vertriebsorganisation der Continental statt. Bei der Herstellung heißrunderneuerter Lkw-Reifen arbeitet Continental derzeit mit drei namhaften Partnern zusammen: Reifen Günther, Reifen Ihle (Günzburg) sowie Bandvulc aus England. Darüber hinaus werden noch einige Contire-Reifen in den eigenen Fabriken in Hannover-Stöcken wie auch im slowakischen Puchov gefertigt. Diese sind gelegentlich sogar Neureifen, die aufgrund eines unzureichenden Finishs nicht als 2A-Neureifen verkauft werden sollen, weist Wilanek auf die Qualitätsansprüche des deutschen Reifenherstellers hin. Das Material für die Runderneuerung wie auch Karkassen und die Formen stellt die Continental bereit.

Die Heißrunderneuerung durch Offtake-Partner erfüllt dabei laut Eckhard Wilanek gleich mehrere Zielsetzungen. Die Produkte können im Rahmen des Flottengeschäfts direkt an die Flotten vermarktet werden, wobei der eingebundene Reifenhandel die Funktion des Service Providers erfüllt. Auf diese Weise ergeben sich für den Reifenhersteller zusätzliche Ertragsmöglichkeiten, vorausgesetzt natürlich, Kostenstrukturen sind optimal aufeinander abgestimmt. Eine weitere Zielsetzung ergibt sich aus der Wettbewerbssituation mit Herstellern wie Michelin, Bridgestone oder Goodyear Dunlop, die ebenfalls auf Flottenebene ein umfangreiches Produkt- und Serviceportfolio anbieten, wozu stets – Ausnahme Bridgestone – auch Heißerneuerte zählen. Außerdem gehört ein heißerneuerter Lkw-Reifen in das Portfolio eines Vollsortimenters, dessen Anspruch über die Marktnische hinausgeht, ist man in Hannover überzeugt.

Bisher habe sich die Continental vorwiegend auf die Kooperation mit Offtake-Partnern verlassen und ist damit entsprechend gut gefahren, so der Managing Director im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG. Dennoch kündigt er eine „Reorganisation der Heißerneuerung“ für die nähere Zukunft an, möchte allerdings zunächst noch keine weiteren Details nennen. Außer so viel: „Die Continental will in diesen Bereich investieren.“ Wann Einzelheiten zu diesem Investment bekannt gegeben werden können, stehe noch nicht fest, so Eckhard Wilanek. Es ist aber wohl nicht davon auszugehen, dass die Continental sich eine eigene Produktionsstätte einrichtet, in der auf industrielle Art und Weise heißrunderneuerte Reifen gefertigt werden können. Die gegenwärtige In-House-Produktion in Hannover-Stöcken und dem slowakischen Puchov dient weniger der industriellen Fertigung von runderneuerten Lkw-Reifen als der sinnvollen Weiterverwendung neuer Lkw-Reifen, die mit unzureichendem Finish aus der Vulkanisationspresse entnommen wurden.

Neben der Zusammenarbeit mit Offtake-Partnern bei der Heißrunderneuerung ist das Engagement der Continental AG in diesem Marktsegment noch durch ein weiteres branchenübliches Merkmal charakterisiert. Die Produkte werden für die Continental gefertigt und beinahe ausnahmslos vom Reifenhersteller und durch dessen Organisationen vermarktet. Das bedeutet in der Außenwirkung, dass der heißrunderneuerte Lkw-Reifen als fertiges Produkt eines Neureifenherstellers wahrgenommen wird und nicht nur wie ein Halbfabrikat wie in der Laufstreifenfertigung. Auf diese Weise kann der Neureifenhersteller Continental sein Produktportfolio um ein weiteres Produkt ergänzen, dessen qualitativen Merkmale Herstellerangaben zufolge hauptsächliche in einem Punkt von Neureifen abweichen: dem Anschaffungspreis. Contire-Reifen werden von den Offtake-Partner von Wulst zu Wulst erneuert; selbstverständlich nur auf Continental-Karkassen.

Das Stichwort Karkassen spielt in diesem Zusammenhang eine herausragende Rolle. Die Kostenvorteile einer qualitativ hochwertigen Heißrunderneuerung können nur dann optimiert werden, wenn es dem Hersteller und dessen Offtake-Partner gelingt, den Rückfluss an Karkassen zu steuern, denn auf dem freien Markt 1A-Karkassen zurückzukaufen, ist entweder aussichtslos oder überaus unrentabel für die Produktion. Continental liefert Contire-Kunden unter den Flottenbetreibern einen neuen heißrunderneuerten Contire-Reifen binnen drei Tagen, das werde garantiert, so Wilanek weiter. Dass es sich dabei nicht um die Kundenkarkasse selbst handeln kann, versteht sich, wäre dies doch ein logistischer Albtraum einer halbwegs industriellen Heißrunderneuerung und außerdem mit den garantierten Lieferzeiten nicht zu vereinbaren. Dem Contire-Kunden wird allerdings die Qualität der verarbeiteten Karkasse garantiert und gegebenenfalls dokumentiert. Wenn der Kunde einen Heißrunderneuerten aus dem Hause beziehen möchte, so nehmen die Service Provider aus dem Reifenhandel den alten, abgefahrenen Conti-Reifen zurück und leiten diesen an den Hersteller zur weiteren Runderneuerung bzw. Zerstörung als Altreifen weiter. Auf diese Weise gelingt es dem Neureifenhersteller, seine begehrten Premiumkarkassen zurückzuholen und überhaupt wirtschaftlich in der Heißrunderneuerung aktiv zu sein. Im Augenblick, so erläutert Eckhard Wilanek, kommen weniger als zehn Prozent der jährlich rund zwei Millionen in Europa vermarkteten neuen Lkw-Reifen zum Hersteller zurück. Das Erreichen einer zweistelligen Marke stellt hier somit das nächste Etappenziel dar.

Bei der Kaltrunderneuerung, zu der man sich bei der Continental ebenfalls ausdrücklich bekennt, verfolgt der Hersteller hingegen eine andere Herangehensweise, denn Produktion und Vermarktung eines kalterneuerten Lkw-Reifens passe besser zu den regionalen Strukturen des Reifenhandels und der lokalen Runderneuerer. Folglich hatte die Continental vor über fünf Jahren einen Vertrag mit Bandag über die Herstellung und (teilweise) Vermarktung der Kaltrunderneuerungsmarke „ContiTread“ durch die Bandag-Lizenznehmer in Europa und dem Mittleren Osten abgeschlossen. Die Laufstreifen für die Fertigung stammen heute aus der Bandag-Produktionsstätte im belgischen Lanklaar, wurden früher aber auch direkt bei der Continental hergestellt. Es sei nicht vorgesehen, künftig Laufstreifen wieder selber herzustellen. Im Rahmen des Abkommens haben Bandag-Lizenznehmer die Möglichkeit, ContiTread-Kaltrunderneuerte zusätzlich zu den eigenen Bandag-Profilen zu fertigen und zu vermarkten. Neben der möglichen Vermarktung durch die knapp 200 Bandag-Partner in Europa werden ContiTread-Reifen auch durch Verkaufsorganisationen der Continental selbst in den Markt gebracht, abhängig davon, was der Kunde wünscht, erläutert Eckhard Wilanek das allgemeine Procedere. Letzten Endes sei die Aufteilung zwischen Fertigung und Vermarktung von runderneuerten Lkw-Reifen allerdings keine „prinzipielle“ sondern eine „wirtschaftliche“ Frage, dessen Antwort grundsätzlich auch anders ausfallen könne.

Während ein Contire-Kunde also stets der Endkunde ist, also der Flottenbetreiber, ist der ContiTread-Kunde in der Regel der Runderneuerer bzw. der Runderneuerer, der gleichzeitig auch Reifenhändler ist. Viele der Bandag-Lizenznehmer gehören zu den größten Lkw-Reifenhändlern Europas. Der Endverbraucher wiederum kauft den ContiTread-Reifen also in der Regel direkt ab Handel, nicht ab Hersteller. Folglich bezeichnet Wilanek die Marke ContiTread auch eher als „Handelsreifen“ denn als Produkt der Neureifenindustrie. Dass sich durch die Präsenz mit Kaltrunderneuerten bei diesen großen Lkw-Reifenhändlern und den Bandag-Lizenznehmern der Absatz an eigenen Neureifen nennenswert steigern lassen kann, wird vom Managing Director Fleet & Retread Business der Division Nutzfahrzeugreifen bei der Continental AG nicht bestätigt. Als schädlich wird diese Verbindung zu den Reifenhändlern freilich nicht angesehen. Zwar nicht schädlich, wohl aber unerwünscht ist die Karkassensituation im Rahmen der ContiTread-Kaltrunderneuerung. In der Regel kommen die Karkassen nicht zurück zum Hersteller, stehen dort also nicht für eine etwaige Heißrunderneuerung zur Verfügung. Vielmehr werden die Reifen entweder gleich vom Kaltrunderneuerer erneuert (Kundenkarkasse) und an dessen Kunden zurückgegeben. Oder die Karkassen werden anderweitig auf dem stets knappen Karkassenmarkt verkauft; Abnehmer für Premiumkarkassen gibt es stets genug.

Nun hat kürzlich mit Bridgestone einer der größten internationalen Wettbewerber die amerikanische Bandag, Inc. inklusive aller Tochtergesellschaften übernommen, darunter auch die in der Schweiz angesiedelte Bandag AG, Vertragspartner der Continental. Inwiefern sich dies auf das Vertragsverhältnis des Herstellers aus Hannover mit Bandag auswirkt, „kann ich nicht beurteilen“, so die offizielle Antwort Wilaneks auf entsprechende Fragen. Die Continental jedenfalls plane derzeit nicht, die unbefristete Zusammenarbeit mit der Bandag AG bei der Kaltrunderneuerung ContiTread aufzukündigen. Von den neuen Eigentümern des weltweiten Marktführers bei der Kaltrunderneuerung habe es noch keine offizielle Reaktion gegeben; die Kontakte zu Bandag jedenfalls lassen im Moment nicht darauf schließen, dass die Zusammenarbeit nach vollzogener Übernahme der Bandag, Inc. durch Bridgestone (man rechnet damit im zweiten Quartal 2007) beendet werde. Freilich wissen könne man dies nie. Gegenwärtig sind sogar zwei Reifenhändler und Runderneuerer mehrheitliche Continental-Tochtergesellschaften (etwa Pneu Egger in der Schweiz), die gleichzeitig auch Bandag-Lizenznehmer sind. Letzten Endes ist Bandag für den deutschen Reifenhersteller aber nur ein Produktionspartner, wenn auch ein überaus potenter mit intensiven Marktbeziehungen; ein entsprechender Partner kann also grundsätzlich auch ersetzt werden, sollte die Continental einmal mit dieser Situation konfrontiert werden. Im Laufe der kommenden Monate wird es an dieser Front sicherlich einige Neuigkeiten zu berichten geben…

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